Tango unterm Weihnachtsbaum
 


Eine besinnliche Betrachtung zur Weihnachtsmilonga

Text: Jochen Hille
Karikatur: Gunter Scholtz



Es gibt Feste, bei denen das Tanzen irgendwie dazu gehört: Der Silvesterball und der Tangoball sind artverwandt. Es bietet sich förmlich an, mit einem Walzer ins neue Jahr zu starten. Und es liegt nah, beim Karneval einen Tango-Maskenball zu veranstalten. Auch erster Mai und Mitsommernacht sind grundsätzlich tanzfreudige Veranstaltungen, obwohl wir keine Feuer in der Mitte des Parketts entfachen dürfen.

Dann gibt es da noch die Feste, die irgendwie nicht zum Tanzen passen wollen oder zumindest tanzneutral sind. Oder wäre jemals jemand auf die Idee gekommen, eine Reformationstagsmilonga, einen nationalen Wiedervereinigungsball oder einen Buß- und Betttagsschwof zu erfinden?

Dann gibt es natürlich Anlässe – wie den Karfreitag –, wo das Tanzen ein Sakrileg darstellt. Wer am Todestag von Jesus tanzt, der hat sich entweder schon sehr weit von dieser Religion gelöst oder begeht in pubertärer Weise einen bewussten Regelverstoß.
Am Geburtstag von Jesus wiederum sieht die Sache nicht so klar aus. Schließlich frohlockten schon die Engel und Hirten auf dem Felde über die Frohe Botschaft von der Geburt des Heilands. Dann auch noch zu tanzen, ist nur konsequent.

Die Hirten verzichteten darauf wohl nur deshalb, weil sie keine ordentlichen Tanzschuhe hatten, der Feldboden zu stumpf war und ihre Schafe keine scha(r)fen Tanzpartnerinnen waren. Von daher ist es einleuchtend, dass es immer mehr Weihnachtsmilongas gibt. Dass es trotzdem für viele komisch erscheint, Weihnachten tanzen zu gehen, liegt an der in den letzten Jahrhunderten entstandenen Verbindung von Weihnachten als Fest der Besinnung und vor allem als Fest der Familie.

Weihnachtsmilongas können daher sehr unterschiedlich interpretiert werden.
Sie könnten eine Flucht vor dem üblichen Weihnachtsrummel in den Familien darstellen. Aber oft werden sie nicht als Ersatzprogramm, sondern als Zusatzprogramm genutzt. Es wird zuerst in traditioneller Form das übliche Programm wie Kirchgang, Essen, Bescherung usw. durchgespielt. Erst dann, wenn die Eltern schlafen gegangen sind oder noch ein bisschen vorm Fernseher abhängen, wird tanzen gegangen.

Oft ist die Weihnachtsmilonga aber auch eine alternative Möglichkeit das Fest zu feiern. Dabei finden dann sehr übliche Weihnachtsrituale statt: Ein Tannenbaum wird aufgebaut und entsprechend geschmückt. Es wird Weihnachtsgebäck gegessen und es werden Geschenke im Jul Klub ausgetauscht. Das Weihnachtsfest in der Kirchengemeinde und in den Familien wird also auf die Tangogemeinde übertragen.

Das geht auch deshalb so gut, weil die eher ruhige und getragene Atmosphäre beim Tango, mit all den Kerzen und roten Tischdecken, auch so schon den bekannten Weihnachtsinstallationen ähnelt. Klingglöckchen-klingelingeling ist in einem Tangolokal jedenfalls wesentlich passender als auf einem Death-Metal-Konzert, wo es allenfalls ordentlich in den Ohren klingelt.

Am Heiligen Abend zu tanzen, ist also eine neue Form des Weihnachtsfestes. Mit dem preußischen Lebkuchengeneral St. Klaus von und zur Witz gesprochen, ist Tango somit die Fortsetzung des Festes mit anderen Mitteln unter verminderter Kalorienzufuhr.

Man soll die Feste halt nehmen, wenn sie fallen!

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Ausgabe Dezember 2006

 


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Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)