verano porteño 2006 *(teil zwei)
 

 

Reisetagebuch für Swantje-Britt Koerner

Text & Fotos: Frank Lubnow

V

konzert im teatro colon: das philharmonische orchester buenos aires spielt. trotz zeitiger karten-recherche waren plätze in parkett oder unteren rang im nu ausverkauft, die galerie soll denen aber wegen der hervorragenden akustik in nichts nachstehen. es gibt drei eingänge zu dem prachtbau von 1908, den haupteingang zur schönen placa lavalle und zwei in den anliegenden seitenstraßen. vorne fahren taxis vor, ein livrierter doorman öffnet den fahr- und konzertgästen die tür und hilft beim entladen aus den kleinen wagen (sind nicht die aus london), besonders die älteren damen nehmen dankbar die hingehaltene hand an. die gesellschaft im feinen zwirn wird immer zahlreicher, ein junges paar, der mann hat sich den säugling vor die brust geschnallt, wirkt verirrt. zeit für mich und den seiteneingang. dort eine lange schlange, anstellen und die dreispurig vorbeibrausenden busse im ohr (gute akustik auch hier), deren abgaswolken applizieren autochthones eau de colon.


süße wahl im las violetas

die lange schlange wartet für den aufzug, meine beine tragen mich leicht auf der treppe in den siebenten stock. der innenraum riesig, roter samt, quasipräraffaelitisches deckengemälde, in der mitte mit enormem lampenbauwerk in form einer weiblichen brust (das pendant zum obelisk auf dem platz der republik?), alles sehr imposant.

auftritt orchester: leger mit aufgeknöpftem hemd, das manchem aus der hose heraushängt; die besucher der logen sind indes angehalten, im dunklen anzug/abendkleid zu erscheinen. debussys rhapsodie für klarinette und orchester, der solist fabelhaft mit leichtem vibratoton nach französischer art, das orchester bleibt etwas farblos. die zuhörer nehmen das ende des stücks zur kenntnis. dann mozart, klarinettenkonzert. vom ersten takt an ungeahnte freude über das geburtstagskind, die musiker hörbar belebter. mit der akustik ist es tatsächlich fabelhaft, gar das umblättern der noten ist manchmal zu hören. auftritt des jungen paars mit säugling: der besänftigende einfluss von mozarts musik auf sehr junge gemüter erweist sich als mär, die familie verlässt das auditorium. auftritt der ältere herr mit laut läutendem mobiltelefon: der klingelton tritt in arge dissonanz zum klarinettenkonzert, ungeachtet seiner an ihm zupfenden gattin fängt er zu telefonieren an. wer hat den einfluss von mozarts musik auf ältere herren untersucht? der erste satz zu ende, ich erwarte brausenden applaus - der bleibt aus, unvermittelt setzen zweiter satz und anhaltende rückenschauer ein, dann werden augen, wangen feucht. das publikum nicht zu hören, zeit bleibt stehen. nach dem dritten satz euphorisches klatschen und viel bravo, der solist gibt, alleine, eine zugabe. nach der pause schostakowitsch fünfte sinfonie, das orchester spielt groß auf, im finalsatz werden die cellisten müde. großes bravo, auftritt der dirigent: er imitiert die spielbewegungen der musiker, die aufstehen sollen, alles scheint sorgsam choreografiert, schließlich hüpft er rückwärts vom podest richtung orchester und verbeugt sich wie nach einer übung am reck, er wiederholt das einige male.

VI

nicht nur im teatro colon, fast überall und jederzeit trifft man eltern mit ihren kleinen und allerkleinsten kindern, sie gehören zum leben.


bänckchen in der
pasaje de la defensa

die schuluniformen der kinder sehen aus wie arztkittel, sind oft zu groß und man denkt, dass sie gerade vom studientag im hospital kommen, das gewand als geschenk behalten durften. wie sie so nach schulschluss in großen trauben die bürgersteige und straßen bevölkern ist ausgesprochen süß, die teenager unter ihnen werden das anders sehen.

begegnung mit o., sie ist vor drei jahren nach buenos aires gekommen, des tango wegen. hat sich verliebt, ist schwanger geworden, der argentinische freund hat ein haus gekauft, direkt von mamá ins familienglück. o. ist in mütterliche dienste auch gleich für ihn getreten: er kommt nach hause, schmeißt seine sachen durch die gegend, sie räumt auf. tango wird nur noch mit ihm getanzt, das geht nicht gut. nun gibt es ein kind mehr mit getrennt lebenden eltern. sie warnt: sie sind alle so, die zuerst schmeichelnden und schmiegenden argentinier.

unterwegs auf der corrientes, plötzlich ruft jemand meinen namen: i. aus m. habe ich jahre nicht gesehen, nun treffe ich sie in der stadtmitte von bsas, wir verabreden uns im club del vino zum essen. hier finden oft konzerte bekannter tango-, folklore- oder jazzmusiker statt.

heute abend ist spielfrei. vor der tür ein wachmann, kleine empfangshalle mit regalen voller weinflaschen bester provenienz, mein freund t. aus f. wäre vorerst nicht ansprechbar.

ein traumhaftes gebäude mit großem patio, um den ausladenen brunnen mit reichlich putten und weinranken gruppieren sich tische und stühle - hier würde meine liebe k. (frau von t.) andächtig. der vollmond beleuchtet wie bestellt die extra-putte auf dem dachfirst. das (wie vieles in bsas erstaunlich laute) plätschern des wassers macht die kommunikation mühsam, wir sollen staunen. der kellner legt die stoffservietten mit der silberzange auf die teller. für die vorspeise gibt es kein vorlegebesteck, ich nehme mein zweites essbesteck und gebe es dann zum abräumen. unwirsch bekomme ich es wieder hingelegt, hier wollen wir nicht übertreiben. nach passablem mahl hebt uns der dessertwein schließlich zur putte auf den first.

in die subte kommt ein mädchen, ca. acht jahre alt, im harlekinskostüm. nach kurzer ansage beginnt sie zu jonglieren, vier bälle fliegen auf immer neuen bahnen durch die luft, über ihren kopf. mit konzentriertem blick und die ruckelbewegung der bahn ausgleichend zaubert sie virtuos erstaunen und lächeln auf die gesichter der fahrgäste. nach beendeter vorstellung klatscht sie selber in die hände, das publikum folgt. mit unbewegter miene sammelt sie viele münzen ein, hat dieses gesicht jemals gelächelt?

sitze auf der bühne des ateneo, ein großes belle-epoque-theater, zur buchhandlung umgebaut. dabei wurde lediglich die bestuhlung entfernt, auf der bühne ein café platziert. viel raum zum lesen, nachdenken, sein. die musik wechselt zwischen bach matthäuspassion, rod stewart, beethoven, tango und mirelle matthieu.

VII

la recoleta, totenstadt am rande von downtown. wie draußen ist die nekropole schachrettartig angelegt und es gibt auch hier vier diagonalen von einem zentralen platz aus. die prachtvollen mausoleen, einträchtig nebeneinander im stilmix aus klassizismus, barock oder jugendstil erscheinen als phantasmagorie der idealen stadt: kein architektonischer fremdkörper, keine lücke beleidigt das auge.


haben sie jean gabin gesehen?
durch die fenster der häuser blickt man auf die särge, zuweilen mehrere übereinander im etagenbett, mittags werden manche herausgefahren, ein bisschen luft schnappen. lautlos streunen ein paar dürre katzen herum, auch sonst ist es still, vollkommen ungewohnt.

die markthalle von san telmo versorgt die quartierbewohner mit dem alltäglichen, sie ist unter der woche nur zur hälfte beschickt. am wochenende kommen antiquitätenhändler und kunsthandwerker, irgendwie passen die aber nicht hier rein. in den beiden metzgereien, seite an seite, stehen viele männer und schneiden, parieren, tranchieren, schlafwandlerisch lassen sie ihre messer durch das fleisch gleiten. ihre feinen gesichtszüge mit dem melancholischen antlitz lassen eher dichter oder oboenspieler als beruf vermuten, bei längerem hinschauen will man ihre sensiblen bewegungen deuten: hier, ein haiku, dort ein sonett; ah, eine kadenz.

kleine unrepräsentative oscar-verleihung:

das beste gegrillte rinderfilet (und wunderbare marinierte bohnen): im ,desnivel', defensa 855

die besten media lunas, mit crema pastilera gefüllt: il forno, bolivar 933

das beste eis: volta, santa fé y callao

der netteste kellner in originellster umgebung: la giralda, corrientes 1453

das lauteste lokal: desnivel

das leiseste lokal: gibt es nicht

die schönste buslinie: 65, hat eine große rote rose auf den seiten

die schönste neue figur beim tango: nebbich, die ,media luna'

der abschied fällt schwer, ein nächster besuch kommt bestimmt. allein an die weihnachtsdekoration im hochsommer kann ich mich nicht gewöhnen. 

                                      *

vor der bar dorrego fährt ein alter peugeot 404 vor: jean gabin steigt aus. etwas schlanker als sonst, dafür in farbe.  

*Der Autor bezieht sich mit dem Titel seines Reisetagebuchs auf eine Komposition von Astor Piazzolla, der in seinem Zyklus 'estaciones porteñas' die vier Jahreszeiten in Buenos Aires thematisiert hat. 'Verano' ist der Sommer, ,porteños' nennen sich die Einwohner von Buenos Aires (,puerto' = Hafen) .


Wer mehr von Buenos Aires 2006 sehen möchte, dem sei das Foto-Tagebuch von Guido Gayk empfohlen. Gayk arbeitete mit tangokultur.info bereits für den Artikel über den Wuppertaler Tangoball und auch die letztjährige Show von Nicole Nau und Luis Pereyra zusammen. Zum Foto-Blog...



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Ausgabe April 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)