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Reisetagebuch
für Swantje-Britt Koerner V
konzert im teatro colon: das philharmonische orchester
buenos aires spielt. trotz zeitiger karten-recherche waren plätze in
parkett oder unteren rang im nu ausverkauft, die galerie soll denen aber
wegen der hervorragenden akustik in nichts nachstehen. es gibt drei eingänge
zu dem prachtbau von 1908, den haupteingang zur schönen placa lavalle
und zwei in den anliegenden seitenstraßen. vorne fahren taxis vor, ein
livrierter doorman öffnet den fahr- und konzertgästen die tür und
hilft beim entladen aus den kleinen wagen (sind nicht die aus london),
besonders die älteren damen nehmen dankbar
die hingehaltene hand an. die gesellschaft im feinen zwirn wird
immer zahlreicher, ein junges paar, der mann hat sich den säugling vor
die brust geschnallt, wirkt verirrt. zeit für mich und den
seiteneingang. dort eine lange schlange, anstellen und die dreispurig
vorbeibrausenden busse im ohr (gute akustik auch hier), deren
abgaswolken applizieren autochthones eau de colon.
die lange schlange wartet für den aufzug, meine beine
tragen mich leicht auf der treppe in den siebenten stock. der innenraum
riesig, roter samt, quasipräraffaelitisches deckengemälde, in der
mitte mit enormem lampenbauwerk in form einer weiblichen brust (das
pendant zum obelisk auf dem platz der republik?), alles sehr imposant. auftritt orchester: leger mit aufgeknöpftem hemd, das
manchem aus der hose heraushängt; die besucher der logen sind indes
angehalten, im dunklen anzug/abendkleid zu erscheinen. debussys
rhapsodie für klarinette und orchester, der solist fabelhaft mit
leichtem vibratoton nach französischer art, das orchester bleibt etwas
farblos. die zuhörer nehmen das ende des stücks zur kenntnis. dann
mozart, klarinettenkonzert. vom ersten takt an ungeahnte freude über
das geburtstagskind, die musiker hörbar belebter. mit der akustik ist
es tatsächlich fabelhaft, gar das umblättern der noten ist manchmal zu
hören. auftritt des jungen paars mit säugling: der besänftigende
einfluss von mozarts musik auf sehr junge gemüter erweist sich als mär,
die familie verlässt das auditorium. auftritt der ältere herr mit laut
läutendem mobiltelefon: der klingelton tritt in arge dissonanz zum
klarinettenkonzert, ungeachtet seiner an ihm zupfenden gattin fängt er
zu telefonieren an. wer hat den einfluss von mozarts musik auf ältere
herren untersucht? der erste satz zu ende, ich erwarte brausenden
applaus - der bleibt aus, unvermittelt setzen zweiter satz und
anhaltende rückenschauer ein, dann werden augen, wangen feucht. das
publikum nicht zu hören, zeit bleibt stehen. nach dem dritten satz
euphorisches klatschen und viel bravo, der solist gibt, alleine, eine
zugabe. nach der pause schostakowitsch fünfte sinfonie, das orchester spielt
groß auf, im finalsatz werden die cellisten müde. großes bravo,
auftritt der dirigent: er imitiert die spielbewegungen der musiker, die
aufstehen sollen, alles scheint sorgsam choreografiert, schließlich hüpft
er rückwärts vom podest richtung orchester und verbeugt sich wie nach
einer übung am reck, er wiederholt das einige male. VI
die schuluniformen der kinder sehen aus wie arztkittel,
sind oft zu groß und man denkt, dass sie gerade vom studientag im
hospital kommen, das gewand als geschenk behalten durften. wie sie so
nach schulschluss in großen trauben die bürgersteige und straßen bevölkern
ist ausgesprochen süß, die teenager unter ihnen werden das anders
sehen. begegnung mit o., sie ist vor drei jahren nach buenos aires
gekommen, des tango wegen. hat sich verliebt, ist schwanger geworden,
der argentinische freund hat ein haus gekauft, direkt von mamá ins
familienglück. o. ist in mütterliche dienste auch gleich für ihn
getreten: er kommt nach hause, schmeißt seine sachen durch die gegend,
sie räumt auf. tango wird nur noch mit ihm getanzt, das geht nicht gut.
nun gibt es ein kind mehr mit getrennt lebenden eltern. sie warnt: sie
sind alle so, die zuerst schmeichelnden und schmiegenden argentinier. unterwegs auf der corrientes, plötzlich ruft jemand meinen
namen: i. aus m. habe ich jahre nicht gesehen, nun treffe ich sie in der
stadtmitte von bsas, wir verabreden uns im club del vino zum essen. hier
finden oft konzerte bekannter tango-, folklore- oder jazzmusiker statt. heute abend ist spielfrei. vor der tür ein wachmann,
kleine empfangshalle mit regalen voller weinflaschen bester provenienz,
mein freund t. aus f. wäre vorerst nicht ansprechbar. ein traumhaftes gebäude mit großem patio, um den
ausladenen brunnen mit reichlich putten und weinranken gruppieren sich
tische und stühle - hier würde meine liebe k. (frau von t.) andächtig.
der vollmond beleuchtet wie bestellt die extra-putte auf dem dachfirst.
das (wie vieles in bsas erstaunlich laute) plätschern des wassers macht
die kommunikation mühsam, wir sollen staunen. der kellner legt die
stoffservietten mit der silberzange auf die teller. für die vorspeise
gibt es kein vorlegebesteck, ich nehme mein zweites essbesteck und gebe
es dann zum abräumen. unwirsch bekomme ich es wieder hingelegt, hier
wollen wir nicht übertreiben. nach passablem mahl hebt uns der
dessertwein schließlich zur putte auf den first. in die subte kommt ein mädchen, ca. acht jahre alt, im
harlekinskostüm. nach kurzer ansage beginnt sie zu jonglieren, vier bälle
fliegen auf immer neuen bahnen durch die luft, über ihren kopf. mit
konzentriertem blick und die ruckelbewegung der bahn ausgleichend
zaubert sie virtuos erstaunen und lächeln auf die gesichter der fahrgäste.
nach beendeter vorstellung klatscht sie selber in die hände, das
publikum folgt. mit unbewegter miene sammelt sie viele münzen ein, hat
dieses gesicht jemals gelächelt? sitze auf der bühne des ateneo, ein großes
belle-epoque-theater, zur buchhandlung umgebaut. dabei wurde lediglich
die bestuhlung entfernt, auf der bühne ein café platziert. viel raum
zum lesen, nachdenken, sein. die musik wechselt zwischen bach matthäuspassion,
rod stewart, beethoven, tango und mirelle matthieu. VII
la recoleta, totenstadt am rande von downtown. wie draußen
ist die nekropole schachrettartig angelegt und es gibt auch hier vier
diagonalen von einem zentralen platz aus. die prachtvollen mausoleen,
einträchtig nebeneinander im stilmix aus klassizismus, barock oder
jugendstil erscheinen als phantasmagorie der idealen stadt: kein
architektonischer fremdkörper, keine lücke beleidigt das auge.
die markthalle von san telmo versorgt die quartierbewohner
mit dem alltäglichen, sie ist unter der woche nur zur hälfte
beschickt. am wochenende kommen antiquitätenhändler und
kunsthandwerker, irgendwie passen die aber nicht hier rein. in den
beiden metzgereien, seite an seite, stehen viele männer und schneiden,
parieren, tranchieren, schlafwandlerisch lassen sie ihre messer durch
das fleisch gleiten. ihre feinen gesichtszüge mit dem melancholischen
antlitz lassen eher dichter oder oboenspieler als beruf vermuten, bei längerem
hinschauen will man ihre sensiblen bewegungen deuten: hier, ein haiku,
dort ein sonett; ah, eine kadenz. kleine unrepräsentative oscar-verleihung: das beste gegrillte rinderfilet (und wunderbare marinierte
bohnen): im ,desnivel', defensa 855 die besten media lunas, mit
crema pastilera gefüllt: il forno, bolivar 933 das beste eis: volta, santa fé y callao der netteste kellner in originellster umgebung: la giralda,
corrientes 1453 das lauteste lokal: desnivel das leiseste lokal: gibt es nicht die schönste buslinie: 65, hat eine große rote rose auf
den seiten die schönste neue figur beim tango: nebbich, die ,media
luna' der abschied fällt schwer, ein nächster besuch kommt bestimmt. allein an die weihnachtsdekoration im hochsommer kann ich mich nicht gewöhnen.
* vor der bar dorrego fährt ein alter peugeot 404 vor: jean
gabin steigt aus. etwas schlanker als sonst, dafür in farbe. *Der
Autor bezieht sich mit dem Titel seines Reisetagebuchs auf eine
Komposition von Astor Piazzolla, der in seinem Zyklus 'estaciones
porteñas' die vier Jahreszeiten in Buenos Aires thematisiert hat. 'Verano'
ist der Sommer, ,porteños' nennen sich die Einwohner von Buenos
Aires (,puerto' = Hafen)
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Email: willkommen@tangokultur.info Im Internet: www.tangokultur.info Herausgeber: Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.) |