USA-Italien 1:1
 


Ein Workshop zur Manndeckung mit Homer Ladas

Text und Fotos: Torsten Moebis,
im Auftrag der FITA (Federal International Tango Association ...)


Sweetheart: Gaia führt Homer


Im Nou Berlin konnte man sich am 17. Juni auf das abendliche WM-Spiel durch einen Workshop mit Homer Ladas (San Francisco) und Gaia Pisauro (Rom) vorbereiten. Im Rahmen von Homer Ladas Weltmeisterschaftsbeitrag wurden dort über drei Tage verteilt diverse Workshops zu den Themen "Manndeckung", "Verwirrungstaktiken" und "Torschuss" angeboten. Nach der Vorrunde am Donnerstag und Freitag konnten am Samstag im Achtelfinale Techniken der Colgadas, Soltadas und Volcadas sowie der Kicks und Linien-Boleos erlernt und verfeinert werden.

Ging es abends für die Fußballspieler der USA und Italiens um den Sieg, so stand in den Workshops natürlich das Miteinander beim Tango-Spiel im Vordergrund. Alle Mitspielerinnen und Mitspieler verzichteten auf den bedingungslosen harten Körpereinsatz, waren fair und ließen lieber Gefühl und Timing, und nicht ihre Ellenbogen sprechen. Niemand wurde von der Tanzfläche gestellt oder musste verletzt ausscheiden, auch wenn Linien-Boleos und Kicks bei unsachgemäßer (Aus-) Führung gewisse Verletzungsgefahren in sich bergen. Das Tango-Spiel war so fair und das Vertrauen so groß, dass einige sogar auf ihre Schuhe und Socken verzichteten.

Bei den Verwirrungstaktiken der Colgada-, Soltada- und Volcada-Übungen war allerdings manchmal nicht klar, wer jetzt wen verwirrt. So wurde ein ums andere Mal die Figur vertändelt oder das Timing verstolpert, das Gleichgewicht konnten aber alle Tango-Spieler halten, so dass niemand den Tanzrasen näher betrachten musste. Ebenso gab es amüsante Verrenkungen und Verstrickungen bei der nicht so üblichen Auflösung der gewohnten Tanzhaltung und dem Einleiten des sogenannten "Sweetheart"[1] (allen Rumba-Tänzern hinlänglich bekannt).

Homers Vergleich des weiblichen Oberschenkels mit dem "Goalpost" (Torpfosten) kann ich allerdings weder als Tanguero noch als ehemaliger "Aktiver" nachvollziehen. Sollte man beim Tango seinen Gancho doch bitte nicht an den Oberschenkel der Dame mit Wucht "zimmern", so ist es beim Fußball, soweit ich mich als Stürmer erinnere, auch nicht das vorrangige Ziel den Pfosten zu treffen. Und überhaupt ist ein Torpfosten meist kalt, unförmig, unbeweglich und treibt einem beim Schuss dagegen die Verzweifelung ins Gesicht. So ein Damenschenkel ist doch ganz anders beschaffen: meist weich, wohlgeformt, warm und beweglich, ... doch ich schweife ab, zurück zum Thema!

Im "Torschuss-Workshop" wurde für die Kicks und Boleos, wie zuvor, zwar ohne Ball, jedoch in fester Ausgangsposition im 2er-System geübt, da im Mittelfeld wenig Platz für Experimente war. Teilweise wurde bei den Kicks auch die Bande getroffen. Reporter und Kameraleute blieben jedoch von Tritten verschont. 


Am Spielfeldrand sorgten Thomas Rieser und der Betreuerstab für ausreichend Wasser (mit Zitrone und Gurke - sehr erfrischend!), um den starken Flüssigkeitsverlust aller Tango-Spieler bei den hohen Temperaturen auszugleichen. Eine vorgetäuschte Zerrung, um eine entsprechende Massage von der ärztlichen Betreuerin zu erhalten, konnte ich mir gerade so verkneifen.

Homers und Gaias ruhige Art, Techniken und Bewegungsabläufe zu erklären, macht sie aus meiner Sicht sehr sympathisch. Während manch andere Trainer sich in den Vordergrund stellen, dirigierten die beiden eher unauffällig aber effizient das Star-Ensemble auf der Spielfläche. Dass Gaia und Homer etwas müde wirkten, lag wohl eher daran, dass für sie bereits an jenem Samstag das Finale stattfand und sie auch schon einige nächtliche Verlängerungen inklusive Elfmeterschießen hinter sich gebracht hatten. Bei dem Mammutprogramm also Hut ab vor dieser Leistung; beiden gehört damit der Tango-World-Cup zuerkannt.

Nach jeder Workshop-Einheit wurden die erlernten Figuren und Kombinationsmöglichkeiten von Gaia und Homer noch einmal zum Mitfilmen vorgeführt: Damit alle Tango-Spielerinnen und -spieler daheim ihre Videoaufzeichnungen zum Studium für den nächsten Gegner, pardon Tanzpartner, rekapitulieren konnten. Ob dies unter Umständen spiel- bzw. tanzentscheidend ist, möge jeder selbst beim nächsten Einsatz beurteilen. Nett ist dieser Service auf jeden Fall.

Und bitte meine Herren, immer schön daran denken, dass bei den Vorwärts-Kicks für die Folgenden, zwischen die eigenen Beine, der Schwung bei der Führung herausgenommen werden sollte, sonst gibt es ein "Golden Goal", das zwar beim Fußball (leider) schon wieder abgeschafft wurde, beim Tango aber zum sicheren Ausscheiden führen würde.

Als Resumée ist festzuhalten, dass die Workshops verschiedene Körperwahrnehmungen zum Thema Gleichgewicht sowie Impulsaufnahme und -abgabe behandelten und es insgesamt eine "runde" Sache war. Der direkte Zusammenhang zwischen Fußball und Tango war also nicht so ernst gemeint und eher ein Werbetrick, der im Nachhinein Thomas Rieser in gewisse Erklärungsnot brachte, da plötzlich einige Sportjournalisten auf der Matte standen und wissen wollten, ob Argentiniens Fußballer nun auch Tango tanzen und womöglich deshalb besser Fußballspielen könnten. Diese Frage wurde dann aber doch zugunsten der deutschen Mannschaft am Freitag im Berliner Olympiastadion und nicht auf der Tanzfläche entschieden...

Sweetheart: Der Führende hebt seine linke Hand, um ein Tor zu bilden und zieht seine Partnerin gefühlvoll aber bestimmt zu sich. Sie geht unter das Tor und dreht sich um 180 Grad entgegen dem Uhrzeigersinn, so dass sie sich zu ihm dreht, an seiner rechten Seite oder vor ihm zum Stehen kommt und in dieselbe Richtung wie er blickt. Er senkt seine Hand wieder, um das Element zu vollenden. Die Geführte ist am Ende in den Armen des Führenden eingeschlossen bzw. einwärts gedreht. In dieser Haltung kann man sich vorwärts, rückwärts oder im Kreis (er vorwärts, sie rückwärts) bewegen. Wenn man sich vorwärts bewegt, kann er einen Schritt eher aufhören und sie in einem Kreis auf seine andere Seite führen.


Gaia Pisauro unterrichtet in Berlin u. a. im Tango-Loft, Homer Ladas ist regelmässig auf Europa-Tour, so schon beinahe traditionell jährlich auch im Nou Berlin (für 2007 ist sein Gastspiel im September geplant). Beide unterrichten aber nicht nur Fußball-Techniken. Homer z. B. ist USA-weit als einer der innovativsten Lehrer in der Neotango-Szene bekannt. Wer mehr über Homer Ladas, Gaia Pisauro oder den Internationalen Ausrichter der Workshops erfahren möchte, informiere sich bitte unter Organictangosf , Egotango oder im Nou Berlin.

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Ausgabe Juli 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)