Charming Tango in der Passionskirche
 

 

Das Duo "El Tropezón" und Gäste in concert

Text: Jörg Buntenbach
Fotos: Astrid Weiske

Die Konzertdirektion Arton, die dafür bekannt ist, besondere Musiker in Berlin auftreten zu lassen (u.a. Juan-José Mosalini, Dino Saluzzi oder Uña Ramos), hat im März mit El Tropezón zwei junge argentinische Musiker auf die Bühne der Passionskirche geholt, die zuvor nur in der Tangoszene Aufmerksamkeit erregten.

Die Kirche war sehr gut besucht an diesem Abend. Sogar auf der Empore saßen Menschen, die einen großen Tangoabend erwarteten. Das lag wohl mit daran, dass auch das Showtanzpaar Gaia Pisauro & Leandro Furlan angekündigt war. Tänzer ziehen bei einem Konzert zusätzlich, weil das Publikum davon ausgeht, dass noch mehr fürs Auge geboten wird. Crosselling ist auch hier angesagt.

Auffällig war die Präsenz einiger Szenegrößen, die sich vom Können der Künstler überzeugen wollten: Stefan Wiesner von Stravaganza, der Sänger Fernando Miceli samt Management, die Sängerin Anja Stöhr, Brigitta Winkler, Angelika Fischer, der Bandoneónist Christian Gerber und einige andere. Die ,gemeine' Szene hingegen hielt sich, wie gewohnt, vornehm zurück.

Wie für die Passionskirche üblich, begann das Konzert pünktlich. Die zurückhaltende Stimmung war dem Ort angepasst, was manch einem im Publikum aber zu steif vorkam. Die Musiker, der Gitarrist César Nigro (Jahrgang 1971) und der Pianist Pablo Woizinski (Jahrgang 1977), traten vor den Altar und eröffneten das Programm mit einem eigenwilligen Arrangement der Milonga "Nocturna". Darauf folgte der Tango "A Don Agustin Bardi", den die beiden musikalisch souverän darboten. Ihre Ansagen dagegen holperten, wirkten unsicher.

Für das dritte Stück, den Tango "A Orlando Goni", kam das Showtanzpaar Gaia Pisauro (Jahrgang 1974) und Leandro Furlan (Jahrgang 1977) an diesem Abend zum ersten Mal dazu, in chicer Kleidung, bühnentauglich. Ihren ersten Tango tanzten sie ohne großartige technische Raffinessen, softig, zurückgenommen - für den Anfang durchaus sehenswert.

Beim vierten Titel waren El Tropezón auf der gefliesten Bühne wieder auf sich allein gestellt. "Pa´Que Bailen Los Muchachos" präsentierten sie in einem dramaturgisch perfekt abgestimmten Arrangement: zunächst vorsichtig, fast verhalten -schließlich mit einem Anflug von Power. Bei einigen Passagen allerdings schien mir das Stück zu gitarrenlastig.
Bei der darauffolgenden Candombe "Escualo" überzeugte die Gitarre zu hundert Prozent. Das Duo brillierte in technischer Hinsicht auch hier, aber wieder fehlte die Coolness, die für einen Bühnenauftritt nötig ist, der mitreißende Ausdruck, durch den Kontakt zum Publikum aufgebaut werden kann.

Weiter ging es mit dem Vals "Romance De Barrio", zu dem erneut das Tanzpaar dazukam. Jetzt erst wurde klar, dass die Tänzer wirklich nur als ,add-on' für das Auge im Programm aufgenommen worden waren. Sie tanzten ihre Standards mit sich wiederholenden Elementen, unspektakulär, aber in der Beinarbeit sauber. Musik und Tanz wirkten jedoch nicht als harmonische Einheit, eher hatte man das Gefühl einer Firewall sowohl zwischen Musikern und Tänzern als auch den Künstlern und dem Publikum.

Anschließend verschwanden die Tänzer wieder hinter der Bühne, während das Duo die Chacarera "La Humilde" vortrug, ohne Überraschungsmomente. Und wieder war es offenkundig, dass den beiden Musikern eine gewisse Leichtigkeit und Inbrunst fehlt. Obwohl die beiden ,very charming' sind, konnten sie nicht auf Tuchfühlung mit dem Publikum gehen.

Titel Numero 8, die Milonga "Taquito Militar", spielten El Tropezón sauber im bekannten Arrangement, bevor sich beim anschließenden Tango "Danzarin" der Geiger Lucas Aisemberg zu ihnen auf die Bühne gesellte - und sich auch die Tänzer wieder einfanden. Lucas Eisemberg's Bratsche überzeugte mit akzentuiertem Spiel. Ein Höhepunkt des Abends! Die Tänzer hingegen wurden immer blasser, die Körperhaltung von Leandro Furlan immer schlaksiger. Dem Tänzerpaar fehlte ein Schuss Übermut, der auf der Bühne manchmal Wunder wirken kann. Tänzerische Dramaturgie war nicht erkennbar.

Dann war Pause und Zeit für ein Glas Rotwein und eine Plauderei mit den üblichen Verdächtigen der Szene. Die Meinungen zum Konzert gingen auseinander. Die einen empfanden die Musiker als zu angespannt, andere hingegen äußerten sich wohlwollender und bescheinigten dem Duo als auch den Tänzern gewisse Qualität. Von Begeisterung keine Rede. In einem Punkt waren sich viele aber einig: in einem kleineren Rahmen wären El Tropezón besser aufgehoben gewesen, denn es sind gute Musiker. Zweifelsohne! Für größere Konzerte müssen sich die beiden erst weiter entwickeln.

In der zweiten Hälfte des Programms ging es im selben Strickmuster weiter, bis Julia Zenko (Foto oben), die z. Zt. an der Komischen Oper in der Tango-Operita "María de Buenos Aires" die Titelfigur gibt, das Programm ergänzte und zwei Stücke sang: "Yo Soy Maria" und "Nada". Und plötzlich war alles da, was eine Show braucht (sofern sie schon als solche angekündigt wird): Zenko präsentierte sich professionell. Sie hat eine großartige Stimme, sie kann sich bewegen, sie zeigt Leidenschaft, hat Ausstrahlung, Freude, eine mitreißende Power - und sie ist dabei auch noch sympathisch. Plötzlich war er da, der Kontakt zum Publikum. Zenko nahm man alles ab! Das absolute Highlight an diesem Abend! Großartig!

Und auf einmal kam auch Leichtigkeit ins Spiel der beiden jungen Musikern von El Tropezón. Es schien, als hätte Julia Zenko das Duo quasi an die Hand genommen und ihm gezeigt, wohin die Reise gehen kann. Und so kam der Abend dann nach einigen weiteren Tangos mit zwei Zugaben an ein gutes Ende.

Fazit: El Tropezón sind gute Musiker. Die können was! Sie haben jedoch unter ihren Möglichkeiten gespielt. Ihnen fehlt, wie gesagt, die nötige Prise Abgeklärtheit und Professionalität. Sie treten noch zu bescheiden auf, statt sich hinzustellen und zu ihrem Können zu stehen. Nichtsdestotrotz ein Abend, bei dem man sich nicht ärgern musste, dabei gewesen zu sein.

In der März-Ausgabe von tangokultur.info ist folgender Artikel erschienen: "Na klar, alles, was du auf der Bühne machst, ist lügen". Ein Gespräch mit der Tangotänzerin Gaia Pisauro. Von Sonja Walkiewicz: jetzt lesen...

Zur Homepage der Fotografin Astrid Weiske geht es hier: Link...

Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info 

Ausgabe April 2006

 


Email:
willkommen@tangokultur.info

Im Internet:
www.tangokultur.info

Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)