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Ein Gespräch mit der Tangotänzerin Gaia Pisauro anlässlich des Konzerts von El Tropezón Fragen: Sonja Walkiewicz
Gaia, was können die Besucher dieser Veranstaltung erwarten? GAIA PISAURO: Die Musik wird im Vordergrund stehen. Wir tanzen nur zu sieben von etwa 20 Stücken. Die Musik von El Tropezón ist sehr schön. Obwohl es nur zwei Musiker sind, hat man das Gefühl, einem Orchester zuzuhören. Der Stil ist vom Jazz beeinflusst, die Rhythmen sind schnell und wechselhaft, so dass es gerade aufgrund dieser Modernität nicht ganz einfach ist, dazu Tango zu tanzen. Aber mein Partner Leandro hat einen dynamischen Stil. Wir werden sehen, wie wir zurechtkommen. An welches Publikum wendet sich El Tropezón? An ein breites, nicht nur tangospezifisches Publikum. Deshalb werden Leandro und ich auch die klassische Idee vom Tango bedienen, zum Beispiel oft das Kostüm wechseln. Du trittst nicht nur
in Tangoshows auf wie mit der Kompanie Tangomujer
aus Berlin und New York, sondern arbeitest auch als Tangolehrerin,
Choreographin und DJ. Wie bist du zum Tango gekommen? GAIA PISAURO: Als Kind wollte ich unbedingt Ballett-Tänzerin werden! Ich war total fasziniert von all den romantischen Posen der Tänzerinnen ... An der Staatlichen Ballettakademie habe ich dann die andere Seite des klassischen Tanzes kennen gelernt: Anorexie, Kopfschmerzen, Frustration. Der Gedanke der technischen Perfektion war sehr wichtig, und ich für meinen Teil habe dadurch meine Seele verloren - das, was ich eigentlich durch den Tanz vermitteln wollte. Der zeitgenössische Tanz, zu dem ich später durch eine sehr gute Lehrerin gefunden habe, passt viel besser zu meinem Charakter und zu meinem Körper. Er setzt eine starke Verbindung zum Boden voraus. Zum Tango kam ich dann eher zufällig. In meiner Modern Dance Kompanie wurde für ein bestimmtes Stück eine kleine Tangotänzerin gesucht. Tango hat mir sofort gefallen. Und trotzdem fühle ich mich nicht als DIE Tangotänzerin. Wieso nicht? Kannst
du das erklären? GAIA PISAURO: Tango ist schön, weil er Kommunikation zwischen den Menschen bedeutet. Und trotzdem empfinde ich ihn oft als zu begrenzt in Hinblick auf seine Ausdrucksformen. Im zeitgenössischen Tanz kannst du den ganzen Körper benutzen. Schon der Kopf und das Handgelenk können verschiedene Bewegungen machen. Du kannst auf dem Boden tanzen, aufstehen, zu viert, zu siebt - allein tanzen. Auch bin ich relativ unabhängig von diesem ,Tangogefühl'. Immer diese Passion, dieses Drama zwischen Mann und Frau! Die Menschen haben mehr Farben als nur die Leidenschaft. In den meisten Tangoshows ist der Tango Mittel und Ziel zugleich: Meistens siehst du Paare, die auf einer Milonga tanzen. Ich betrachte den Tango jedoch eher als technische Form, die unterschiedlichste Sichten auf die Welt ausdrücken kann. Andererseits gefällt mir am Tango, dass du als Tänzer nicht andauernd das Opfer eines Choreographen bist, sondern deine Choreographie selbst gestalten kannst. Du bist nicht mehr die unwichtigste Person im ganzen Schaffensprozess. Bist jetzt haben wir
vom Bühnentango gesprochen. In meinen Gesprächen mit Salontänzern -
echten Milongueros! - habe ich oft die Auffassung gehört, Tango sei
nichts für die Bühne. Sie argumentieren, dass Tango für Tänzer und
Zuschauer am Schönsten sei, wenn sich jeder der beiden Tänzer
ausschließlich auf seinen Partner konzentriere - auf seine Impulse,
seine Reaktionen... - und
sich dabei nicht von der Sorge ablenken lasse, nach außen hin das perfekte Bild eines Tangopaares abzugeben. Bei Bühnenshows
fehle jedoch dieses unmittelbare, improvisierte Element. Wie denkst du
darüber? GAIA PISAURO: Na klar, alles, was du auf der Bühne machst, ist lügen. Ich meine, Hallo! Das ist die Bühne! Niemand kann wahr sein, wenn gefragt ist, um 20 Uhr dieses und jenes aufzuführen. Aber es gibt unterschiedliche Schauspielstile. Im ,klassischen' Theater übertreibst du in deiner Ausdrucksweise ... "Oh, Romeo, Romeo!" So spricht kein Mensch auf der Straße. Und es gibt ein Theater, das versucht, realistisch zu scheinen, äh, zu sein. Es gibt viele Schauspieltheorien, die sich damit beschäftigen, wie man auf der Bühne wahrhaftig sein kann. Laut Stanislawski zum Beispiel soll der Schauspieler auf der Bühne versuchen, sich an Situationen aus seinem Leben zu erinnern, um auf diese Weise wahre Gefühle auszudrücken. Auf den Tango bezogen gefällt mir dieser realistische, psychologische Stil besser. Dennoch finde ich gut, dass es beide Möglichkeiten gibt. Erica Freyer und Fernando Zapato aus Berlin zum Beispiel, die Tango mit Akrobatik kombinieren, arbeiten mit stark übertreibenden und stereotypen Gesten, und trotzdem mag ich ihre Arbeit. Sie gehen ganz tief in die Bewegung hinein. Sie sind mehr Bühnenprofis als Salontänzer. Aber ich bin auch immer sehr fasziniert, wenn Tangotänzer sehr schöne Musik, Tanztechnik und Gefühl kombinieren - ohne große Gesten. Hm. Ich denke
manchmal, dass auch beim Salontanz das nach außen hin Scheinen keine
unwesentliche Rolle spielt. Schließlich trifft sich niemand zu Hause im
Wohnzimmer, um Tango zu tanzen oder nur äußerst selten. Und auch, um
als Frau aufgefordert zu werden, oder um als Mann keinen Korb zu
bekommen, sind meiner Erfahrung nach die körperliche Attraktivität und
das Tanzniveau nicht ganz unwichtig ... GAIA PISAURO: Das stimmt. Das Interessante am Tango ist ja, dass er eine Mischform aus Bühnen- und Gesellschaftstanz ist. Im Italienischen unterscheiden wir ,danza' von ,ballo'. Meiner Beobachtung nach entwickelt sich auch der Salontango heute mehr in Richtung Bühnentanz, Modern Dance, Kunst ... Das äußert sich schon daran, dass tendenziell offener getanzt wird als früher. Es hat nicht zuletzt etwas mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts konnten die Frauen nur lange Kleider anziehen. Das führt zu kleinen Schritten. In den siebziger Jahren hat sich dann die Pädagogik stark entwickelt. Die Tänzer haben angefangen, besser zu verstehen, was sie machen, und die Lehrer konnten es besser erklären. Genauso wie in der technologischen Entwicklung verbreiten sich die Informationen beim Tango heute schneller als früher. Mit mehr technischer Präzision und größeren Schritten gibt es mehr Möglichkeiten, aber es braucht auch mehr Vorarbeit. Vielleicht verliert der Tango dabei ein wenig seine ,speciality', seinen sozialen Aspekt, und wird anonymer... Es ist wie mit dem Elektrotango: Der Sound ist sauber und rhythmisch präzise, aber bis heute haben sie noch nichts entdeckt, dass nicht nach einer Weile langweilig wird. Die alten Tangos sind zwar ,schmutzig', doch jeder Song hat seine Eigenart, jedes Orchester ist anders. Und wenn ich ältere Milongueros tanzen sehe, dann sind ihre Bewegungen zwar weniger präzise und kreativ als die der jungen Tänzer, aber ihre Musikalität ist viel reicher. Und wie entwickelt sich der Tango deiner Meinung nach in seiner Eigenschaft als Gesellschaftstanz? GAIA PISAURO: Der erste soziale Kontakt ist natürlich immer noch der mit dem Partner. Aber du musst auch ein Gefühl für die Gruppe haben: Wer tanzt vor dir, wer ist hinter dir? Und schließlich gibt es auch noch das: dass wir ALLE jeden Abend zusammen sind. Es wäre schön, wenn die Leute beim Tango mehr interagieren würden, wenn sie eine kleine Gemeinschaft bildeten, und dabei nicht in ihrer kleinen Welt eingeschlossen blieben. Wenn neue Leute ankommen, ist es immer schön, sie herzlich willkommen zu heißen - wie ein Gast, der zu dir nach Hause kommt. Zugleich beobachte ich oft, dass die Leute im Tango ein Substitut für viele andere Dinge suchen. Manchmal wollen wir vielleicht ein bisschen zu viel von diesem Tango. Aber er kann nur ein Spiegel unserer Gesellschaft sein. Es ist so wie auf jeder anderen Party: wer wird zum Trinken und Sprechen aufgefordert, wen gucken die Männer an? Die Frauen, die selbstsicher sind oder das schönste Kleid anhaben ... Klar! Es wäre SUPERSCHÖN, wenn wir alle mit allen tanzten, auch mit denen, die es noch nicht können. Aber leider passiert das nie, im Tango genauso wenig wie in der übrigen Welt. ... Als Lehrerin ist es auch nicht immer leicht. Manchmal hast du das Gefühl, dass die Leute nur mit dir sprechen, um zu zeigen, dass sie zu den ,wichtigen' Leuten gehören. Manchmal gefällt dir das vielleicht auch, denn du spürst, dass du existierst. Vielleicht ist es okay, wenn wir manchmal egoistisch sind und manchmal nicht. Manchmal möchte ich nur mit einem guten Tänzer tanzen, manchmal nur mit einem netten, und wieder ein anderes Mal nur mit einem Schüler, weil ich verliebt bin ... Vielen Dank für das
Gespräch! Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel
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Email: willkommen@tangokultur.info Im Internet: www.tangokultur.info Herausgeber: Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.) |