Zwei Tanzende und der Tango
 


Eine Triangulität mit Spannung

Text: Karsten Waniorek


Der argentinische Tango ist neben dem Vergnügen schon lange zum Geschäft geworden. Ein Wettbewerb aus Profilierung und Abgrenzung gegenüber den Konkurrenten, deren Tanzstilen und Musiken hat sich herausgebildet, sogar regelrechte Feindschaften entstehen. Die Milongas machen in ihren unterschiedlichen lokalen und regionalen Entwicklungs- und Konkurrenzphasen nicht selten den Eindruck von Übungsstätten, in denen die Paare Sequenzen für die Choreographie der nächsten Show einüben, die sie noch nicht beherrschen. Die Profilierung scheint im Vordergrund zu stehen, das Tanzen, die Musik und das soziale Ereignis, nämlich der mit anderen geteilte Raum, wird darüber häufig vergessenen. Wird das den Tänzern schon im Unterricht vermittelt oder liegt es am gegenwärtigen Festival-Trend, nach dem argentinische Tanzpaare gerade für die Vermittlung von Showelementen Anerkennung und neue Aufträge finden?

Trotz aller professionellen choreographischen Darbietung, der Konkurrenz von Stilen und der manchmal zwanghaften Nachahmung, bleibt der Tango Argentino in seinen Wurzeln dennoch ein improvisierter Tanz. Aus diesen Wurzeln schöpft er seine Entwicklungskraft. Tango ist Improvisation auf der Basis von Schritt- und Bewegungskombinationen zur Musik. Ein System von Bewegungen im Paar, ein System mit der inhärenten Möglichkeit der Erweiterung. 

Das in ihm liegende Potential von Improvisation und der Entwicklung neuer Ideen macht für mich - noch nach etwa 20 Jahren als Tangotänzer und -lehrer - den Tango nach wie vor spannend. In meinen Auftritten habe ich neben einstudierten Choreographien immer auch improvisiert. Seit einigen Jahren beobachte ich jedoch mit Bedauern, dass die Maxime: höher, schneller, komplizierter und vor allem moderner als die anderen, auch im Tango Einzug gehalten hat.
Foto: Michael Grasmann

Zwanghafte Profilierung auf der einen und Improvisation auf der anderen Seite sind jedoch Ansprüche, die meiner Beobachtung nach nicht in Übereinstimmung gebracht werden können. Denn wenn mich nur der Gedanke an die richtige Abfolge meiner Schritte und die Präsentation nach außen leitet, bin ich davon ganz und gar besetzt und habe keinen Platz mehr übrig für Musik, Partner/in und Raum - von Spontaneität ganz zu schweigen. Die Improvisation zweier körperlich miteinander verbundener Tänzer hingegen birgt immer ein Moment des nicht Geplanten, der Überraschung, der Spontaneität des Augenblickes. Der Partner, die Partnerin und die Musik geben mir oder ihr eine neue Idee. Manchmal werden so auch Bewegungsideen von Erfahrungen außerhalb des Tanzes unbewusst in den Tango hineingebracht.

Wenn die Improvisation gelingen soll, ist sie ein Geben und Nehmen im Paar. In der Rolle des Mannes führe ich, gebe Impulse mit meiner Interpretation der Musik an meine Partnerin. (Das alles gilt selbstverständlich auch, wenn Männer sich führen lassen oder Frauen führen.) Wenn die Partnerin für diese Impulse aufmerksam ist, nimmt sie sie auf und setzt sie um. Sie interpretiert meine Impulse in der eigenen Bewegung allerdings auf ihre Weise - sie formt sie so, dass wir als Paar im Bewegungsfluss bleiben, oder aber sie setzt einen Gegenimpuls, der sich auf mich als Partner oder auf die Musik bezieht. Wird die Beziehung zur/m Partner/in und/oder der Musik verlassen, empfinde ich persönlich es als Störung. Im anderen Fall gibt sie mir Anreize, neue Ideen für weitere Improvisationen - und stärkt dadurch meine Position.

Wenn ich führe, brauche ich ein Gefühl für meine Balance, für mein Zentrum, das ich nicht verlasse, auch wenn ich mich auf sie beziehe, brauche die Energie die ich aus dem Boden hole und auch wieder dorthin abgeben kann. Ich vermittle meine Klarheit, gebe aber, wenn ich diese nicht habe, auch meine Unklarheit an meine Partnerin weiter - und schwäche somit im umgekehrten Fall dadurch ihre Position. Ich muss wahrnehmen, wie sie auf meine Impulse reagiert, wie sie sie umsetzt. In meinem Unterricht habe ich einmal gesagt: die Männer sollen spüren, was sie bei ihrer Partnerin verursachen. Gelächter und einige ironische Kommentare, besonders von den Frauen, waren die Reaktion.

Ich muss also, wenn die Triangulität aus Musik, Führendem und Geführter gelingen soll, entspannt und konzentriert bei mir und gleichzeitig bei ihr sein. Ich muss geben, mich dabei aber nicht aufgeben, das ist sicherlich ein Kunststück aus Sicht des Führenden. "Im Tango ist sie es, die leuchtet, aber ich habe sie geführt und ich führe sie so, dass sie leuchten kann", hat einmal einer der alten Tangomeister in Buenos Aires zu mir gesagt.

Gelingt ihr wiederum das Kunststück, auf Basis ihrer Balance bei sich und gleichzeitig bei mir zu sein und stärkt dadurch meine Position, macht sie mich sicher für neue, aus der Situation entstehende Einfälle. Der eben als Kunststück beschriebene Akt erzeugt im Ergebnis ein Spannungsfeld zwischen den Tanzenden. Dieses Spannungsfeld wiederum wird im tänzerischen Umfeld zusätzlich noch von Geschlechter- und anderen sozialen Rollen mit ihren individuellen Auslegungen beeinflusst. Improvisation und Spannungserzeugung hängen also eng zusammen.

Dann ist da noch die Dritte im Bunde, die Musik mit ihren unterschiedlichen Tempi und ihren musikalischen Linien, sie gibt dem Paar den tänzerischen Boden, auf dem es sich bewegt, sie ist die Plattform ihrer tänzerischen Begegnung. Die Musik gibt neben Takt, Rhythmus und Melodie auch eine Stimmung vor - für ihre Interpretation. Ich erlebe in diesen musikalischen Stimmungen Grundgefühle menschlicher und zwischenmenschlicher Existenz. Die, wenn ich sie zulassen kann, eine weitere Nahrung für die positive Spannung im Tanz bedeuten. Der Zugang zu musikalisch vermittelten Gefühlen scheint, mir meiner Beobachtung nach, allerdings häufiger auf den Milongas nicht gegeben. Irgendwie verhindert. Nicht selten aber drängt sich mir die Frage auf, ob er von einigen Tänzern überhaupt gewollt ist?

Die Musik fügt das Paar zu einer Einheit - man könnte somit von einer Triangulität aus zwei Tänzern und der Musik sprechen. Sie verwandelt die Bewegung in den getanzten Tango. Ohne den engen Bezug zur Musik, so meine Behauptung, sind Bewegungen, die als Tango ausgegeben werden, inhaltsleer oder werden schnell zum mechanischen Sport, in dem der/die andere bestenfalls das Turngerät ist.
Aerobic zu Tango-Musik? Als Tänzer kann ich kann metronomisch genau den Takt treffen, trotzdem wird mein Tanz flach, ohne Ausdruck bleiben, wenn ich keinen Zugang zur Musik habe. Ohne diesen wird mir der Transfer von musikalisch-emotionalem Inhalt in Tanzbewegung nicht möglich. Dann helfen auch immer neue Anreize nicht, immer neue Schrittkombinationen, an denen ich übe und übe...

Die Abwertung der alten Tangos als nicht modern und anderes mehr, wie auch die ständige Suche nach irgendeiner neuen Musik (bei einigen soll sie auch noch cool sein), werden meinen Tanz auf Dauer nicht unbedingt inhalts- und lustvoller für mich machen. Gelingt die oben beschriebene Triangulität aus Tänzern und Musik, so bringt diese neben lustvoller Spannung auch neue Bewegungen im Tanz hervor, darüber hinaus wird mein Tanz - quasi als Nebenprodukt - auch ansehnlicher und ausdrucksstärker für die, die mir zusehen...

Und - ich habe als Führender noch die Möglichkeit, den Raum wahrzunehmen, der mir für meinen Tanz zur Verfügung steht, während ich gleichzeitig den Raum des/r anderen respektiere. Eine Milonga, die von dieser gelungener Einheit zu dritt geprägt ist, wird nicht zum Autoscooter-Tango verkommen. Sie erhöht mein Vergnügen am Tanz und gibt mir zusätzlich tänzerische Anregungen.


Foto: Swetoslaw Beltschew
Karsten Waniorek ist promovierter Soziologe und Tangolehrer in Berlin. Mehr Informationen zu seiner Tätigkeit als Tänzer und Tanzlehrer findet man hier.

 

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Ausgabe November 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)