Totentanz - Tango im Palast der Republik
 


Text: Elke Koepping
Fotos: Torsten Moebis

 

 

Mit blinden Scheiben, rostbraungolden im Abendrot der untergehenden Herbstsonne kauert eines der letzten Baudenkmäler der DDR-Geschichte - allen bisherigen Abgesängen zum Trotz - nach wie vor im Herzen Berlins, sterbend, aber als entkernte Ruine seit vier Jahren nach wie vor real existierend: der Palast der Republik. Das riesige Emblem des untergegangenen Traumes vom lebbaren Sozialismus über dem einstigen Haupteingang ist jetzt verhüllt durch ein rosafarbenes Leichentuch, adrett in ordentliche Falten gelegt, ähnlich dem Stoff im Inneren eines Sarges, denn Ende September eröffnete hier die Kunstausstellung "Fraktale IV" mit zeitgenössischen Arbeiten zum Thema "Tod", die noch bis zum 19. November verlängert wurde. Ist die Ausstellung vorbei, stirbt auch der Raum, in dem sie stattfindet: im Januar 2006 beginnt nach diversen rechtlichen Querelen, die ihn hinausgezögert haben, nun definitiv sein Abriss.

Einst verdrängte das "Haus des Volkes", seit den 70ern Sitz des DDR-Parlaments und der Volkskammer, das Berliner Stadtschloss, das im Jahre 1950 qua Beschluss der DDR-Führung gesprengt worden war, nun blüht ihm - Ironie der Geschichte - das gleiche Schicksal in umgekehrter Reihenfolge: der Wiederaufbau des Schlosses an gleicher Stelle ist beschlossene Sache. Nach seiner Schließung im Jahr 1990 folgte von 1998-2001 die vollständige Entkernung des Palastes im Rahmen der Asbestsanierung, 2003 wurde im Bundestag der endgültige Abriss beschlossen. Die Diskussionen um Erhalt und Nichterhalt der geschichtsträchtigen Ruine sind wohl den meisten noch geläufig. Seit dem Sommer des Jahres 2004 diente der Palast kreativen Veranstaltungsköpfen als Ort für Kunstausstellungen, Clubnächte, Theaterperformances (unvergessen auch das Konzert der "Einstürzenden Neubauten" - nomen est omen...) mit morbidem Charme in ungewöhnlichem Ambiente.

Bewusst suchten sich auch die Fraktale-Macher ungewöhnliche Orte für ihre Ausstellungen, Orte in Zwischenzuständen wie die Parochialkirche (2000) oder der Rohbau des Bahnhofs Reichstag (2002). Das Thema "Tod" für die diesjährige Werkschau scheint gut gewählt, denn im Gegensatz zu den vergangenen Ausstellungsorten befindet sich der Palast auf dem Weg ins Nichts: seiner physischen und symbolischen Vernichtung. Sein langsames Sterben scheint den Besucher aus jeder einzelnen Betonpore förmlich anzuschreien.

Auf Initiative des Haus-der-Sinne-Mitbegründers Roland Sardison, der im HdS üblicherweise mittwochs auflegt, durfte im Palast an ausgewählten Montagen im Oktober und November dieses Jahres auch Tango getanzt werden, und zwar im Ausstellungscafé der Fraktale IV, auf neudeutsch "Fraktale-Lounge". Provisorische Bautreppen und Absperrzäune weisen den Weg in die Fraktale-Lounge im ersten Geschoss des Gebäude-Monsters. Tango-Sound dringt ungefiltert durch eine roh gezimmerte Sperrholztür, aber wen stört das schon am Schlossplatz, der nächstgelegene Nachbar dürfte der Domküster sein. Die Tür schließt nicht von selbst und hält nur notdürftig die schon kühle Herbstluft aus dem Raum heraus. Ohnehin wäre dies vergebliche Liebesmüh, denn die Quatrillionen unbeheizter Palast-Quadratmeter senden ihren gruftartigen Gruß unmittelbar neben der Tanzfläche durch provisorische Absperrgitter, die den Fall der Besucher durch Schächte aus dem ersten Stock in die Tiefe verhindern sollen. Eine riesige Leiter lehnt am Zaun, der die Lounge vom Rest des Gebäudes abtrennt, dahinter: Dunkelheit, Staub, Dreck, meterweise Kabel und Modergeruch in den Ecken. Der Lounge-Raum als solcher hat durchaus morbiden Charme, eine Mischung aus Berlin-Mitte-Schick mit Plexiglas-Leuchtflächen, schlicht-modernem Bar-Tresen, großzügigen Bett- und Kissenlandschaften und roten Rokoko-Sofas nebst Kristallüster an der Decke. Kontrastiert zum kahlen Betonfußboden, den düsteren Stahlträgern des Deckenbereiches und den Baugittern geht diese Raumgestaltung mit der Musik und den Tanzenden eine eigentümliche Mischung aus monumentaler Erdenschwere und leichtfüßiger Stimmung ein. Wie geschaffen für den Tango.

Trotz des provisorisch ausgerollten Tanzteppichs, der leider unfachmännisch behandelt wurde und daher unangenehme Stolper-Wellen aufweist, färben sich die Schuhe, Hosen, Kleider der Tanzenden schnell betongrau, denn der Staub ist überall. Als wollte der Palast jegliches Leben aus der Farbigkeit der Kleidung heraussaugen. Die gut 50 Besucher der ersten Tango-Veranstaltung am 10. Oktober hüllen sich zudem ob der kriechenden Kühle wenig frivol aber dafür weise in Norweger-Pullis oder gleich dick vermummt in ihre Mäntel. Denn die Kälte geht durch Mark und Bein, hält man sich für längere Zeit sitzend im Raum auf. Da hilft nur eines: tanzen bis der Schweiß rinnt und am besten keine Pausen machen, sonst holt man sich den Tod. Ein gutes Stichwort.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Sterben, dem Nicht-Mehr-Wiederkehren in der Ausstellung scheint auf den ersten Blick recht wenig mit dem Tango gemein zu haben, verkörpert dieser für die Tänzer doch eher die pure Lust am Leben, die Sucht nach der Nähe zum Anderen, nach der Umarmung und die Freude an der Bewegung. Doch gerade in Publikationen zum Tango wird der Tod immer wieder zur Metapher für den Verlust der Liebe, für das Vergangen-Sein eines einstmals besseren Lebens, für den Schmerz der Erinnerung. Die dem argentinischen Tango apostrophierte Melancholie wird gar als Umgang mit der Endlichkeit des menschlichen Daseins stilisiert. Nicht selten steht das Sterben in der politisch-historischen Auseinandersetzung mit der argentinischen Militär-Vergangenheit synonym für das Vergessen und der Tango als ein Symbol der Erinnerung, sogar der Erneuerung, stellt man einen Zusammenhang zwischen dem Aussterben der alten Tango-Generationen und der Wiedergeburt des Tango in der jungen Generation her.

Fasst man den Tod als "intimsten Moment des Lebens", wie Ingolf Keiner, einer der Ausstellungsmacher es im Katalog zur Fraktale IV formuliert, macht auch für uns in Europa die Verbindung des Todes mit dem Tango durchaus Sinn (wer setzt sich schließlich beim Tanzen schon immer intellektuell mit der Geschichte Argentiniens auseinander, da muss ein emotionaler Bezug her). Sein Partner Jonas Burgert fügt hinzu: "D
ie Sanduhr des Lebens läuft, und deshalb will der Mensch in seiner Lebenszeit etwas bewegen. Er will etwas schaffen, er will im Beruf etwas erreichen, er will etwas erleben, er will Liebe, er will guten Sex haben, er will gut essen, er will an guten Orten gewesen sein, er will die Welt erlebt haben..." ...und er will Nächte durchgetanzt haben. Ist es nicht gar so, dass wir im Tangorausch die Welt vergessen, ja ausschließen wollen und so immer auch gegen den Tod (und die Langeweile des Alltäglichen) antanzen?

Tango in der Fraktale-Lounge am Montag, dem 07.11.2005
Beginn 20.00 Uhr, Eintritt frei.
Es empfiehlt sich, warme Kleidung und robustes Schuhwerk zu tragen. Die Milonga lässt sich übrigens perfekt mit einem Ausstellungsbesuch verbinden, da diese bis 20.00 Uhr geöffnet ist.

Fraktale IV - TOD, Ausstellung noch bis zum 19. November 2005,
Öffnungszeiten: Mo-So 10-20.00 Uhr

Eintritt: 5,00 Euro

Palast der Republik, Schlossplatz, Berlin-Mitte

Weitere Informationen...

Weitere Informationen zum Abriss des Palastes und zum Wiederaufbau des Schlosses findet man hier...



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Ausgabe November 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)