Verstörend
 


Yann Tiersen auf Europa-Tournee

Text: Elke Koepping
Fotos: Torsten Moebis

 


Wem klingeln sie nicht einmal wöchentlich im Ohr, die Glöckchen- und Akkordeon-Ohrwürmer vom Amélie-Soundtrack? Kaum eine Milonga in Europa, Nord- oder Südamerika kommt mehr ohne die Walzer aus, die dem bis dahin eher wenig beachteten französischen Komponisten und Musiker Yann Tiersen zu Weltruhm verhalfen. Die deutschen Termine seiner diesjährigen Europa-Tournee, die ihn bisher durch München, Köln, Hamburg führte, beendete vorläufig ein Konzert in Berlin Ende Oktober, ein weiterer Termin steht im Dezember noch für Potsdam an.

Da die neue CD, "Les Retrouvailles", die in diesem Jahr veröffentlicht und auf der Tournee vorgestellt wurde, wieder eine Reihe sehr schöner und tanzbarer Stücke enthält, waren wir uns bei tangokultur.info einig: über Konzert und CD sollte berichtet werden, denn für Tangotänzer, die gelegentlich über den Tellerrand gucken, ist dieses Album hörenswert (Rezension in der nächsten Ausgabe). Eine geradezu verstörende Erfahrung stellte jedoch im Gegensatz dazu das Konzert im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei für all jene dar, die zartes Glöckchenklingeln, ätherische Glasharfen- und Akkordeon-Klänge erwarteten: am ehesten lässt sich das Ergebnis als Mischung aus Punk/Hardcore und musikalischem Experiment beschreiben. Nicht von ungefähr stand in der Pressemitteilung zur Tournee zu lesen, dass zu Tiersens musikalischen Vorbildern die Stooges und Joy Division zählen, wer diesen Hinweis geflissentlich überlas, hatte am Ende das Nachsehen. Keine Empfehlung für Tangotänzer, das sei hier ausdrücklich angemerkt, können wir also für den Besuch der Konzerte aussprechen.

Etwa 1.000 Zuschauer, überwiegend im Alter zwischen 20 und 30 Jahren hatten sich am 30. Oktober im ausverkauften Kesselhaus der Kulturbrauerei eingefunden. Damit war das Konzert das bestbesuchte der Deutschland-Tournee, was ein entsprechend sardinenartiges Gefühl im Zuschauerraum hervorrief. Freier Blick auf die Bühne war hinter den ersten 10 Zuschauerreihen nicht mehr möglich, man stand enggedrängt von Wand zu Wand, der Saal schien vollkommen durch Menschen ausgefüllt - was der Ausbruch einer Massenpanik bewirkt hätte, wage ich nicht auszumalen. Ein entsprechend klaustrophobisches Gefühl in der Nähe zum Amoklauf füllte somit schon vor Beginn Geist und Seele aus, was sich durch die von der Musik hervorgerufenen psychischen Beklemmungen stetig steigerte und schließlich in Atembeschwerden, Schwindelgefühl, Herzrhythmusstörungen, Taubheit und vollkommen verstörtem Entsetzen mit Fluchtimpulsen gegen Ende hin kulminierte. Kein Konzert für Selbstmordgefährdete, ein Sturz von der Balkonbrüstung schien an diesem Abend der einzige Ausweg aus den Gehirnwindungs-Implosionen, die die Musik auslöste.

Das ist nicht nur negativ zu verstehen, denn die Musik von Yann Tiersen besitzt ohne Zweifel perfide Qualitäten. Dies deutete sich bereits in den Melodie-Schleifen des Amélie-Soundtracks aus dem Jahr 2001 an und auch in einigen Stücken des neuen Albums, die sich in Spiralen in die Gehörgänge hineinzuschrauben scheinen. Aufgrund der leichtfüßigen Instrumentierung mit Klavier, Akkordeon und Glockenspiel erscheinen die Stücke ursprünglich schon etwas düster, aber auf seltsame Art auch heiter. Vor dem geistigen Auge erscheinen blondgelockte Elfenwesen, die in Tüllkleidchen auf Sommerwiesen mit Gänseblümchen-Kränzen im Haar endlos Ringelreihen tanzen und dabei ein silberhelles Lachen ertönen lassen. Kein übles Bild als Gegensatz zum Novembergesicht der deutschen Hauptstadt. Fügt man den Sphärenklängen jedoch eine ordentlich verzerrte Gitarre, Bass und Schlagzeug hinzu, so verzerrt sich dieser Eindruck zu Visionen, gegen die Halloween III harmlos erscheint.

Ohne Zweifel stellte Yann Tiersen eindrucksvoll seine musikalische Wandlungsfähigkeit und vor allem seine bis zur Raserei geniale Besessenheit als Musiker unter Beweis. Nicht von ungefähr gilt er als "Ein-Mann-Orchester", auf dem Amélie-Soundtrack spielte er alle Instrumente selbst: Glockenspiel, Banjo, Mandoline, Gitarre, Cembalo, Vibraphon, Akkordeon, Klavier, Bass, Melodica, so auch in weiten Teilen live. Die am linken Bühnenrand aufgereihten Hälse der Saiteninstrumente ähnelten dem Angebot einer mittelgroßen Musikalienhandlung. Einen sanften Einstieg in den Abend bei gedämpftem blauen Bühnenlicht und Pianomusik boten zunächst "Le Moulin" vom Amélie-Soundtrack und "L'homme aux bras ballants", bei dem Yann Tiersen tatsächlich zwei Instrumente gleichzeitig spielte, nämlich zusätzlich zum Piano noch die Melodica. Auch "La Veillée" vom neuen Album "Les Retrouvailles", bei dessen Akkordeon-Schleifen man sich wie unter Hypnose am liebsten nur noch im Kreis drehen und drehen und nie mehr aufhören möchte, kam noch in einer eher getragenen Stimmung daher. Dies spiegelte sich auch im hochkonzentriert zuhörenden Publikum, welches so gespannt war, dass zu Konzertbeginn das Geräusch eines zerbrechenden Glases auf einer Zuschauertribüne störend durch den ganzen Saal brauste.

Beim 4. Stück, "Les Enfants", ebenfalls vom neuen Album, traten die übrigen Musiker auf die Bühne (Ludovic Morrillon am Schlagzeug, Jean Paul Roy am Bass und Marc Sens an der E-Gitarre) und sogen die Zuhörerschaft endgültig in einen gehirnverwirrenden klingenden Strudel ohne Wiederkehr. Besonders rätselhafte Klänge in diesem Stück und später auch in weiteren, irgendwo zwischen singender Säge und Windharfe, die regelrechte Schauer den Rücken hinunterjagten, erzeugte Christine Ott an den sog. "Ondes Martenot" (Martenot-Wellen). Dieses ungewöhnliche Instrument ist eine der Besonderheiten der versponnenen und introvertierten Klangwelt von Yann Tiersen, weshalb an dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Musikgeschichte angebracht sei. Die Ondes Martenot werden gemeinhin als ein Vorläufer des Keyboards betrachtet: ein bereits 1928 entwickeltes elektronisches Tasteninstrument mit Verstärkungsmöglichkeit durch Lautsprecher, bei dem die rechte Hand entweder ein Manual mit Tasten bespielt oder für Glissandi mit einem Ring über einen parallel sitzenden Draht geführt wird, während die linke Hand Lautstärke und Klangfarbe (über die Verwendung von Filtern) steuert. Insbesondere in Frankreich besitzen die Ondes Martenot eine richtiggehende Tradition in der Verwendung durch so bedeutende Komponisten wie Olivier Messiaen, Darius Milhaud und Edgar Varèse. Und, was nur wenige wissen, die oft gehörte "Gesangsstimme" des Star-Trek-Themas wird tatsächlich nicht gesungen, sondern durch die Ondes Martenot erzeugt (mehr zum Instrument).


Yann Tiersen und Christine Ott

Zurück zum Konzert: In Stück fünf (Monochrome, Filmmusik aus dem Jahr 2004) und sechs ("Bagatelle" vom eher rockigen Album "L'absente" aus dem Jahr 2001) stellte Tiersen auch noch unter Beweis, dass er sehr gut singen kann, heiser, beinahe gehaucht, etwas atemlos, begleitet von subversiven, gegenläufig gespielten einzelnen Tönen von der E-Gitarre. Keines der Stücke an diesem Abend kündigte er übrigens an, gebärdete sich auch sonst unprätentiös, nicht wie ein Rockstar, der sich von der Menge durch selbst initiierte Klatschorgien feiern lässt. Yann Tiersen ließ die Musik sprechen, während er selbst eher introvertiert, ekstatisch in sein Spiel versunken schien.

Ein Violinen-Solo, bei dem der Bogen am Ende in Fetzen herunterhängt, so obsessiv hat Tiersen ihn auf der Geige hin und her bewegt, läutet jedoch die Wende im Konzertgeschehen ein: einen Wechsel vom Erwarteten zum Unerwarteten durch Hinzukommen aggressiver, disharmonischer Klänge, harter Gitarrenriffs und peitschender Rhythmen, knackig, scharfkantig und sperrig wie eine Wohnzimmerschrankwand. Ein Wechsel, der auch bei Kenntnis der Alben "L'Absent" und "Tout est calme" aus dem Jahr 2003 überrascht. Er ist zwar einerseits ein Beweis für die unglaubliche Wandlungsfähigkeit dieses Musikers, der die Stücke nicht vom Blatt exakt wie auf den Alben herunterspielt, sondern auf den Bühnenraum und für die Konzertsituation regelrecht adaptiert, andererseits gerät ab diesem Moment das Konzert zur Zumutung für die Zuhörer.

"Western", "La boulange" und "Le jour de l'ouverture" vom neuen Album, die durchaus mit einer zurückhaltend eingesetzten elektronischer Gitarre arbeiten, gehen live richtig heftig ab und erschüttern Mark, Bein und Zwerchfell. Die Überraschung im Publikum ist regelrecht spürbar und man kann nicht gerade behaupten, dass die Musik zum wilden Tanzen und Haare schütteln angeregt hätte. Siebzehn Stücken im Hauptteil, der eher rockig endet, setzt Yann Tiersen tatsächlich noch 10 Zugaben hinterher, die die Stimmung noch weiter in die Kanalisation hineintreiben. So kommt er zusammen mit den Musikern zur ersten Zugabe zurück auf die Bühne und richtet die ersten Worte des Abends ans Publikum "The next song is called 'Die Bohrmaschine'" (La Perceuse), was zunächst Gelächter hervorruft. Ob Marc Sens seine Gitarre nun tatsächlich mit einer Bohrmaschine bearbeitet, so wie er sie bereits mit Geigenbögen und anderen ungewöhnlichen Dingen auf durchaus fachmännische Art und Weise malträtiert hat, vermag ich nicht zu erkennen, der Song wird seinem Titel jedoch mehr als gerecht. Die kreischende Aggressivität dieser schwerverdaulichen, hochintellektuellen und wenig eingängigen Kost geht unter die Haut und ballt den Magen zur Faust.

Es überrascht am Ende, dass selbst "Le Banquet" vom Amélie-Soundtrack und das Amélie-Thema kaum aus der grimmigen Aushalte-Stimmung, die die Zuschauer nun überkommt, herauszureißen vermögen. Tiersen verlangt seinem Publikum einiges ab - wer sagt denn auch, dass ein Konzertbesuch unterhalten soll. Hier jedenfalls gerät er nachgerade zur Zuhör-Arbeit, womit Tiersen all jenen ein Schnippchen schlägt, die ihn für die nächsten zehn Jahre gerne auf den Amélie-Sound festnageln würden. Was ein bisschen enttäuscht, ist allerdings die Tatsache, dass er nach der letzten Zugabe "Esther" weder Geige noch Akkordeon im Verstärker zertrümmert. Es hätte allerdings nicht viel gefehlt, und ich muss gestehen: ich hab's beinahe erwartet...

Die Europa-Tournee von Yann Tiersen setzt sich noch bis in den Dezember hinein fort. Die nächsten Termine in unserem Einzugsgebiet sind:

25.11.
Fribourg, Fri-Son
03.12. Genf, L'Usine
06.12. Brüssel, Ancienne Belgique
07.12.
Luxemburg, Atelier
14.12. Potsdam, Nikolaisaal

Hier geht's zur Website von Yann Tiersen.

Die CD "Les Retrouvailles" ist auch bei unserem Partner Amazon erhältlich (mit Hörproben):

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Zudem kann man das aktuelle Album bei unserem Partner
iTunes runterladen (in CD-Qualität): Les retrouvailles

 

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Ausgabe November 2005

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)