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"Russischer Tango" erklingt im Theater Laboratorium
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Theater im Theater |
Text: Theo Müller
Fotos: Theater Laboratorium Oldenburg
Knisternde Spannung vor dem Auftritt: wir sitzen hinter der Bühne, der
Bühnentechniker ist mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt, und
dann – so sehnlich erwartet – das Erscheinen des berühmten
russischen Sängers Pjotr Leschenko. Das Publikum tobt. Man schreibt das
Jahr 1942. Wir wohnen einer Aufführung in der Stadt Odessa bei, die von
rumänischen und deutschen Truppen besetzt ist. Pjotr Leschenko erregt
enorme Aufmerksamkeit, denn er ist durch seine sentimental anrührenden
Tangoweisen berühmt und in der Bevölkerung beliebt.
Während seine
Ehefrau die gemeinsame Villa bewohnt und das feine Restaurant in
Bukarest betreibt, verliebt sich Pjotr in die um 26 Jahre jüngere
Musikerin Vera. Es wird die Liebe seines Lebens. Doch die kriegerischen
Ereignisse verschonen die beiden nicht. Pjotr wird zum Kriegsdienst
eingezogen, Vera führt das neue Restaurant weiter, bis sie vor den
sowjetischen Truppen fliehen muss. Im Rahmen einer groß angelegten
stalinistischen Säuberungswelle wird Pjotr Leschenko 1951 verhaftet und
in ein Straflager verfrachtet, weil seine Musik als antisozialistisch
und zu subversiv eingestuft wird. Vera darf ihn einmal besuchen: im
Abstand von vier Metern dürfen sie unter Bewachung miteinander reden,
wie sie in dem aus dem Jahr 1988 stammenden Video selbst erzählt. Keine
körperliche Berührung erlaubt, ein gehauchter Kuss zum Abschied. 1954
stirbt Pjotr im Lager, vier Tage nachdem Vera aus einem ukrainischen
Straflager entlassen wurde. 1988, im Rahmen von Michail Gorbatschows
Perestroijka, wird Leschenko rehabilitiert. Ohne die geringste Werbung führen
seine Platten die Hitlisten an. Der Tango hat die Marschmusik der
Diktatur besiegt.
Wie ist bloß eine Erzählung mit Rückblenden auf einer so kleinen Bühne
zu bewältigen? Pavel Möller-Lück ist der magische Erzähler, der
durch die Geschichte führt, der szenenweise in verschiedene Rollen schlüpft,
der eine große Tasche mit liebevoll gestalteten Requisiten mitgebracht
hat. Aus dieser Tasche zaubert er nicht nur ein altes weißes
DKW-Cabrio, eine Kamera oder verschiedene Bilder, die er mit seinem
Spiel zum Leben erweckt. Sehenswert das Modell der Bühne von Odessa
(mit Bühnentechniker!).
Um die Stimmung im Land zu verdeutlichen, erzählt er von der Familie
Semjonow. Ein kleiner Fensterrahmen wird angestrahlt, Marschmusik ertönt.
Nachts werden die Gardinen zugezogen, subversive Tango-Musik erklingt,
der Schattenumriss eines tanzenden Paares ist zu sehen. Eine Stalin-Büste
auf der Bühne soll die Staatsmacht verkörpern: unüberwindbar, doch
hohl.
Pavel Möller-Lück hat mit seiner aktuellen Premiere keine Spurensuche
gewagt, sondern einem großartigen Sänger ein lebendiges Denkmal
gesetzt. Er ist ein Magier der Erzählkunst, der mit Einfühlsamkeit,
intellektueller Brillanz und nuancenreicher Vielfalt zu begeistern weiß.
So erweckt er den Sänger zu neuem Leben und führt die stalinistische
Staatsmacht als leblos kalten, aber gefährlichen Koloss vor.
Geschichtliche Aufklärung der ungemein spannenden Art. Das darf
man/frau sich nicht entgehen lassen!
Artikel erschien erstmals in der Oldenburger
Wochenzeitung "Diabolo" im Oktober 2006. Link...
Die Aufführungen im Theater Laboratorium in Oldenburg im Januar sind
bereits ausverkauft, für Februar gibt es aber noch Karten. Hier
kann man sie schon mal vorbestellen...
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Ausgabe Januar 2007
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