Tanz in den Mai
 


Von Walpurgis- und anderen Nächten

Text: Sonja Walkiewicz
Foto: Torsten Moebis


Tangoloft Berlin

Eigentlich ganz praktisch, dass der geneigte Tangotänzer ausschlafen kann, nach dem Tanz in den Mai, mit dem schon die alten Kelten den Sommer begrüßt und die Fruchtbarkeit beschworen haben…  Auch wenn der Tanz in den Mai ansonsten nicht viel zu tun hat mit dem "Tag der Arbeit", der übrigens nicht erst von den Nationalsozialisten als Feiertag etabliert wurde, wie manchmal behauptet wird, sondern schon 1890 von amerikanischen und französischen Gewerkschaften im Kontext des Kampfes für den Acht-Stunden-Tag ins Leben gerufen wurde.

Zurück zum Tango. Im Berliner Tangoloft war ein hübsch geschmückter Maibaum zu bewundern: Friedlich wuschelte sich der von der Decke hängende Glasperlenkronleuchter ins üppige Blattwerk einer kleinen Birke, die mitten auf der Tanzfläche auf einem Podest aufgebaut war. Sie war mit langen roten, grünen und goldenen Seidenbändern behangen, die sich immer wieder in den Nacken legten oder in den Haarspangen der Tanzenden verwoben und so nicht nur das erotische Geschehen zwischen den Geschlechtern verdeutlichten, sondern auch buchstäblich die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Jahres auf der Haut spürbar machten, welche durch die breite Fensterfront der Weddinger Fabriketage im siebten Stock hereinstrahlten. Dazu spielte das Frauen-Trio Muzet Royal in kleinen Sets von etwa 4 Stücken über den ganzen Nachmittag und Abend verteilt verträumte Tangos, melodische Musette-Walzer aus Frankreich sowie deutsche Schlager aus vergangenen Zeiten. Ein Herr sang sogar lauthals mit. Auch die anderen Gäste waren gut aufgelegt. Natürlich wurde sehr viel Tango getanzt, sich wie jeden Sonntagnachmittag im Loft die Bäuche mit selbst gemachtem Kuchen und Milchkaffee voll geschlagen und ansonsten … durch beinahe vollständige Ignoranz der traditionellen Maibräuche geglänzt!

Kein einziger Raubversuch des Maibaums! Ein echter Maibaum müsste eigentlich von den Männern einer jeden (Tango-) Gemeinde in der Nacht vor dem 30. April gut bewacht werden. Denn wenn die Gegner es schaffen, die Wächter abzulenken und eine Hand an den Baum zu legen oder ihn mit drei Spatenstichen aus dem Blumentopf auszubuddeln, so gilt der Baum als gestohlen und darf abgeholt werden – konkret zum Beispiel von den Veranstaltern der Milonga in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin, welche auch einen Maibaum aufgestellt hatten, nur dass dieser mit seinen flimmernden, goldglänzenden Blättern viel größer und edler aussah und von weißen Leinentüchern überspannt war, die großen Segeltüchern gleich den Kirchenraum behüteten. Dazu spielte das bewährte Quinteto Angel traditionelle Tangos. Die Gäste schienen die 18 € nicht bereut zu haben, für die ihnen im feierlichen Ambiente ein klassischer Tanzabend geboten wurde. Der geklaute Maibaum jedenfalls hätte von den "Loftianern" hernach gegen reichlich Essen und Bier bei den "Heilig-Kreuzern" wieder eingelöst werden können. Stattdessen jedoch Unklarheit beim gesamten gemeinen Tangopublikum: Darf man sich beim Tanz in den Mai auf einer Türschwelle küssen? Und ist der Maikranz, der oft an der Spitze des Maibaums hängt, aufgrund seiner Kreisform ein abstraktes Symbol für die Unendlichkeit? Wie der Veranstalter des "Tango in den Mai" auf Schloß Miel bei Bonn auf Nachfrage am Telefon ganz richtig sagte: "Ich sach mal: Der Argentinier kennt den Maibaum nich!"

Deshalb wird wahrscheinlich auch keine der anwesenden unverheirateten Tangueras allzu enttäuscht gewesen sein, am auf den wilden Tanz folgenden frühen Morgen keine kleine Birke an ihr Fensterbrett genagelt zu sehen, als Gunstbeweis etwa, oder, wenn sie sich irgendwie schlecht betragen hat oder sonst was schief gelaufen ist, eine kleine grüne Tanne, welche eine bös gemeinte Heimzahlung darstellen würde. Ach, aber wie schön wär’s gewesen, wenn man zwischen all den eifrig tanzenden Paaren die heimlich Verliebten anhand von Kreidestrichen auf dem Fußboden hätte ausfindig machen können!

Allerdings hat die Tanguera – die man auch als "weise Frau der Großstadt" bezeichnen könnte – in mancherlei Hinsicht auch Glück gehabt: Im b-flat wurde zum Beispiel laut Ankündigung des "Tango in den Mai" ganz explizit auf den alten Brauch der Hexenvertreibung verzichtet, der besagt, dass die jungen Männer zur Walpurgisnacht, welche den keltischen Ursprung des Tanzes in den Mai darstellt, die Hexen mit Besen verscheuchen, oder gar auspeitschen durften! Früher, bei den Kelten, bevor die Christen kamen, wurden die Hexen ganz im Gegensatz zu heute als weise Frauen oder "Hagazussen" verehrt. Sie saßen in den heiligen Hainen auf der Schwelle zwischen der Menschen- und Geisterwelt, wurden zur Walpurgisnacht nach der Zukunft befragt, und bekamen bei dieser Gelegenheit auch häufig Besuch vom gehörnten Gott. Ganz zu schweigen von den rituellen Liebesakten auf vorchristlichen Feldern, welche die menschliche Fruchtbarkeit auf den Ackerboden übertragen sollten …

Wer, wie, was …


Quelle: Wikipedia

Gab es in Ihrer Stadt auch eine "Milonga in den Mai"? Schreiben Sie uns ihre Erlebnisse, wir freuen uns über Eindrücke aus anderen Regionen!

Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info

Ausgabe Mai 2006

 


Email:
willkommen@tangokultur.info

Im Internet:
www.tangokultur.info

Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)