Porgy and Bess für Arme
 


Das Musical "Tanguera" gastierte in Hamburg

Text: Elke Koepping


Giselle und Gaudencio, Szene 3    Quelle: Funke Media



Mit großer Spannung erwartet, war vom 16.-27. August in der Hamburgischen Staatsoper ein Gastspiel der Bühnenshow "Tanguera" zu sehen - mit der Originalbesetzung des seit seiner Uraufführung im Jahr 2002 in Buenos Aires gespielten Musicals. - Nicht verwechseln sollte man dieses übrigens mit dem vom WDR mitproduzierten, gleichnamigen Film aus dem Jahr 1989 mit Silvana Deluigi und Juan-José Mosalini; auch der grandiose Soundtrack zu jenem Film hat so ganz und gar nichts mit der weichgespülten Muscial-Mucke zu tun, die in Hamburg zu Gehör gebracht wurde.

Positiv anzumerken ist, dass die Show, die unterm Jahr durch die Welt tourt (in Shanghai gab es unter anderem eine Auszeichnung für das beste Musical des Jahres), im Sommer auch nach wie vor in Buenos Aires im "Teatro El Nacional" zu sehen ist, das heißt, es handelt sich nicht um eine ausschließlich auf ein Gastspielpublikum zugeschnittene Inszenierung. Lediglich die phantastischen, gar nicht klischeehaften Kostüme von Cecilia Monti wurden für das Tourneeprogramm noch ein wenig knapper und würziger gestaltet, um dem Tourpublikum so richtig mit der argentinischen Erotik einzuheizen - die Tänzerinnen-Ärsche und die bis zum Himmel reichenden Beine sind allerdings in der Tat neben dem Tanzprogramm ein großer ästhetischer Genuss.

Die Show als solche ist perfekt inszeniert, ein Ehrfurcht hervorrufendes, aufwendiges Lichtdesign (Ariel del Mastro) nebst großflächiger Projektionen am Bühnenhorizont im geschmackvollen, nicht folklorisierenden, aber auch nicht zu abstrakten Bühnenbild (Valeria Ambrosio) bietet genau den richtigen Hochglanz-Rahmen für mehr als 30 Tänzer (Choreographie: Mora Godoy, die u. a. schon in "Tango por dos" tanzte), vor denen man in die Knie gehen und weinen möchte, allen voran Leticia Fallacara in der Hauptrolle als "Giselle". Nicht dabei war auf der Tournee María Nieves, die als berühmtestes Zugpferd groß auf der Website inszeniert ist; die Rolle der Bordellchefin "Madama" übernahm an ihrer Stelle Carla Karina Chimento, den Rest der Tänzer kennt kein Mensch, aber egal: gute Tango-Showtänzer scheint es ohnehin heutzutage wie Sand am Meer zu geben. Einziger Minuspunkt der Produktion ist die fehlende Live-Musik: kein Orchester, sondern Musik vom Band. Das tat der Stimmung bei der ausverkauften Premiere in Hamburg jedoch keinen Abbruch, das Publikum war so oder so restlos begeistert.

Ebenfalls positiv zu bewerten ist der Umstand, dass "Tanguera" nicht einfach nur ein Potpourri aneinandergereihter Showtänze präsentiert, sondern den Versuch unternimmt, das Nummernprogramm mit Inhalt zu unterlegen. Kennt man die grandiose Operita "María de Buenos Aires" von Astor Piazzolla, weiß man jedoch, dass dieser Anspruch scheitern muss, wenn das Buch von Anfang an auf eine materiell aufwendige Großproduktion zugeschnitten wird, besitzt man nicht das Format von Andrew Lloyd Webber. Letztlich ist die Story eine Mischung aus "West Side Story" und "La Bohéme", hat auch ein wenig was von "Porgy and Bess", die mit allen erdenklichen Tangoklischees und einer guten Prise Kitsch verquirlt wurde. Nun ja, es soll zwar unterhalten, aber manchmal denke ich: unterschätzen die Produzenten nicht ihr Publikum? Schließlich unterhalten auch ein Brecht und ein Weill seit Jahrzehnten mit der "Dreigroschenoper", ohne dass ich jemand über zuviel Intellektualität beschweren würde.

Der Inhalt von "Tanguera" (Buch: Dolores Espeja und Diego Romay, der zugleich produzierte), der in 9 Bildern aufgefächert wird, ist schnell erzählt: Giselle, ein hoffnungsfrohes junges, naives (französisches) Ding, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit falschen Eheversprechungen vom fiesen Zuhälter und Drogenhändler Gaudencio (Nestor Dabel Zanabria) nach Buenos Aires gelockt, wo sie wo? - klaro: im Bordell landet und die ganze Zeit Tango tanzen muss. 


Giselle und Gaudencio   Quelle: Funke Media


Weil sie aber so großartig tanzt, liegen ihr sofort alle zu Füßen. Dann will sie mit dem guten, arbeitsamen Hafenarbeiter Lorenzo (Esteban Martín Domenichini), der sie aufrichtig liebt, dem Sündenpfuhl entfliehen, was natürlich nicht funktioniert, weil Gaudencio dahinterkommt und Lorenzo im Zweikampf ersticht. Gäääähn.

Interessant dennoch das Ende (Regie: Omar Pacheco), denn hier wird eine Brücke zum Anfangsbild geschlagen, der Ankunft von Giselle: ein Schiff kommt an, eine junge Frau schreitet die Gangway hinunter, direkt in die Arme von Gaudencio, das Spiel wiederholt sich, doch diesmal ist Giselle als ebenbürtige Partnerin an seiner Seite, abgebrüht, ein eiskalter Engel. Wenn sie ihrem Schicksal schon nicht entfliehen kann, nimmt sie es an und gestaltet es so, wie sie am angenehmsten damit leben kann. Ein angenehm zeitgenössischer Gedanke.

Leider ermüdet das komplett ohne Worte auskommende Libretto, die Tanznummern nutzen sich zur Mitte hin ein wenig ab, wenn man denn genug Drehungen, Sprünge, Hakeleien und Erotik gesehen hat, doch gnädigerweise kommt das Ende der überraschend kurzen Show (unter 90 Minuten, ohne Pause) schnell, so dass die kleine Durststrecke schnell überwunden ist. Immerhin: der fehlende Text bedeutet, dass sowohl Inhalt als auch Emotionen ausschließlich über den Tanz transportiert werden müssen, was gelingt, eine Leistung, die wohl der Choreographin zuzuschreiben ist. So gesehen trifft die Bezeichnung "Musical" denn nicht so gut als viel mehr "Dancical" oder auch "Tango-Ballett", denn musikalische Glanzlichter gibt es leider wenige, wenn auch die jeweiligen musikalischen Stimmungen die Story vorantreiben.

Arrangeur Lisandro Adrober, der bereits für "Tango Argentino" verantwortlich zeichnete und als Musiker im Pugliese-Orchester spielte, verrührt leider den Tango zu einem durchgängig derart matschigen, zeitgenössisch-pseudo-ohrgefälligen Klangteppich ohne Höhepunkte, dass es nur so graust. Die eine oder andere bekannte Melodie scheint hervorzublitzen, säuft im orgeligen Musical-Kitsch aber sofort wieder ab. Die CD zur Produktion ist tunlichst zu meiden.


Programmheftauszug

Einzig wahrer und echter musikalischer Höhepunkt: die Sängerin Marianella Massarotti, die als eine Art Erzählerinnen-Figur durchs Geschehen führt, aber leider nur Gelegenheit hat, drei Songs zum Besten zu geben - sie ist diejenige, die das musikalische Ruder mit ihrer zu Herzen gehenden Stimme wirklich herumreißt. 


Auf der etepeteten, irgendwie typisch hamburgischen Premierenfeier (war das wirklich Iris Berben hinten rechts in der Ecke, die am Champagner nippte, während sie von Boulevard-Fotografen umlagert war?), gab es Gelegenheit zu einem kleinen Plausch mit der Sängerin, die bereits seit dem Jahr 2003 zur Truppe gehört. Überraschend die Tatsache, dass sie ursprünglich mit dem Tango wenig am Hut hatte, sondern Zeit ihres Lebens als Musicalsängerin und -tänzerin unterwegs war, u. a. in "Saturday Night Fever" und "Alexis Sorbas" und sich mal im Pop, mal im Jazz hervortat. Sie witzelt im Gespräch, "Ich bin ich wirklich zu alt, um den übrigen Tänzerinnen noch das Wasser zu reichen, also dachte ich, konzentrier dich aufs Singen."

"Tangos habe ich früher immer nur zu Hause gesungen", gesteht sie. "Ich dachte nie, dass meine Stimme gut genug sei, um Tangos zu singen. Dann hab ich mit 'Tanguera' angefangen und alle Leute erstarrten in Ehrfurcht, 'Meine Güte, Du MUSST Tangos singen. Als ich dann eine Aufnahme hörte, dachte ich 'OK, ich mach mal weiter damit. Jetzt bleib ich bis in alle Ewigkeit beim Tango". Ob sich in ihrem Leben etwas verändert habe, das diese Meinungsänderung bewirkte? Sie nickt. "Tangos wirklich singen kann man erst ab 40. Man braucht Lebenserfahrung, Erinnerungen, eine Geschichte im Hintergrund, die man in die Stimme legen kann." Was sie am Tango finde, jetzt, nachdem sie sich intensiver damit beschäftigt hat? Die englische Antwort ist in ihrer Schönheit schwer zu übersetzen und genau dieser Satz ist es, den man aus jeder Note der von ihr interpretierten Stücke heraushört: "If you hear the words of a Tango, it makes you shake inside. That's what happened to me." (Wenn du den Text eines Tangos hörst, bringt das dein ganzes Inneres zum Zittern. Das ist mir passiert.) Tag für Tag steht sie in "Tanguera" auf der Bühne, Zeit für Soloprogramme oder Auftritte in Clubs oder auf Milongas bleibt ihr kaum, doch bleibt zu hoffen, dass man in Zukunft auch in Europa noch weiterhin von Marianella Massarotti hören wird.


Giselle und Lorenzo, Szene 9     Quelle: Funke Media


Zumindest ist ein erneutes Gastspiel von "Tanguera" in Deutschland im Rahmen des Wahrscheinlichen. In Abhängigkeit von den Zuschauerzahlen - wurde aus den Reihen der deutschen Tourmanager von BB Promotion aus Mannheim angedeutet -, könne es durchaus möglich sein, dass die Produktion im Jahr 2007 erneut eingeladen werde. Sollte dies der Fall sein, kann ich jedem den Besuch nur ans Herz legen, denn die Show ist die perfekte Abendunterhaltung in Kombination mit gutem Essen, Wein und einer schönen Milonga im Anschluss, für die es sich auch aus Freiburg anzureisen lohnt.

Informationen zur Show findet man - leider nur auf Spanisch - unter: www.tanguera.com

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Ausgabe September 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)