"Eine Nacht in der Frauenbadi"
 


Impressionen von der Zürcher Tangowoche
vom 23.-31.Juli 2005


Text: Frank Wesel

Wir Berliner Milongueros haben ja immer irgendwie das Gefühl, wir seien so was wie der Tango-Nabel des Abendlandes. Ein Vorurteil, das zu überprüfen wäre: zumindest EIN Grund, ins schöne Zürich zu reisen – aber die betörende, lebendige Metropole am Alpenrand ist ja an sich schon immer eine Reise wert.

Dort nämlich fand in der letzten Juliwoche bereits zum zehnten Mal (!) die "Zürcher Tangowoche" statt, mit nicht weniger als 2.500 angekündigten Teilnehmern aus dem ganzen Kontinent; auf einen zweiten Berliner außer mir bin ich allerdings nicht gestoßen.

Foto: Csaba Mester

Auftakt: Tangoball im Kongresshaus am See. In dem riesigen, etwas nüchternen Saal im Stil der Fifties bin ich erst mal doch ein bisschen befangen, so als verlorener Einzelgänger zwischen mehreren Hundert Szenegängern, die sich alle zu kennen scheinen. Jedenfalls schnattert alles im breiten Züri-Dütsch aufeinander ein, und auf allen Tischen steht "reserviert". Ich quetsche mich trotzdem irgendwo dazu, und komme gleich unproblematisch ins Gespräch mit Margret und Peter, trotz deren ausgeprägtem Alemannisch ohne nennenswerte Sprach- oder Kulturbarrieren. Margret, obwohl Anfängerin, tanzt sehr einfühlsam, und bald stellt sich raus: sie ist gar nicht aus Zürich, sondern Isländerin, und Peter Däne.

Später tanze ich mit einer Landärztin aus dem Unterengadin, die auch voll schwyzer-dütsch drauflos parliert, aber aus Göttingen stammt; nur Marlies, meine Tanzpartnerin, die mir das Festivalbüro vermittelt hat, ist wirklich in Zürich geboren, doch ihr Vater ist ... Berliner. Aber Achtung: Irgendwo im Gewühl der Tanzenden entdecke ich eine ältere Dame in alpenländischer Phantasie-Tracht, mit zum Kranz aufs sonnen-gebräunte Haupt gesteckten Zöpfen und so! Das muss sie sein, die einzig echte, die wahre Original-Schweizerin! Wieder nicht: Die Lady erweist sich als Anthroposophin aus England mit tänzerischem Eurythmie-Hintergund; natürlich spricht aber auch sie Schwyzerdütsch, wenn auch mit hörbar britischem Akzent. Zürich ist eine weltoffene, multikulturelle Stadt mit Kreuzberg-verdächtigem Rekord-Ausländeranteil von über 30%. Und alle, Isländer, Dänen, Briten, Deutsche, Nord- und Südamerikaner, Asiaten und auffallend viele Tamilen und Schwarzafrikaner, alle verkehren sie in der Mundart des Landes miteinander. Was gemerkt? Die reden hier MITEINANDER. Hallo Berlin! Das ist doch mal ein Unterschied.

Die Kurse finden statt in Oerlikon draußen, dahin kommt man mit der S-Bahn in zwei Stationen vom Hauptbahnhof aus, und doch ist das eine kleine Weltreise. Dies ist nicht das Zürich der Millionäre in ihren Bungalows am linken Seeufer ("Goldküste"). Hier geht es erst mal am Fußballstadion vorbei, dann an einer bekannten Senffabrik; gleichsam schamhaft hinter einen Berg versteckt liegt dann das ehemalige Industrieviertel, in welchem aber von Industrie nicht mehr viel übriggeblieben ist. Jetzt, am Wochenende, gleicht das Quartier eher einer der gespenstischen, metaphysischen Landschaften von De Chirico. Alles neu und toll saniert, doch in die Relikte des zu Ende gegangenen Industriezeitalters scheint das Leben nur zögernd zurückkehren zu wollen. Schulungszentren, Baumärkte, Sprachschulen, Eventagenturen, Malerateliers, Fitnesscenter usw. haben sich als Erste vorgewagt, wie die provisorische Vorhut von etwas ganz Neuem, mit dem sich das Gelände hier wahrscheinlich in ein paar Jahren gefüllt haben wird. Irgendwie erfrischt mich das, und es erfüllt mich mit einer sonderbaren Genugtuung: Wir Tangeros sind richtig hier, stehen wir doch auf der Seite der Zukunft. Einer irgendwie nur vage erahnbaren Zukunft, die kaum richtig begonnen hat, schwanger von unklarer, aber dadurch eben auch grenzenloser Verheißung. Auch das hat etwas mit Tango zu tun. Oder?




Oerlikon           Foto: Frank Wesel

Nun aber müssen Marlies und ich uns mit Kursprogramm beschäftigen. Systematisch und organisiert, wie man sich die Schweiz gern vorstellt, ist es eingeteilt in mehrere Parameter. Zum einen sind fünf Level zwischen "Einsteiger" und "Profi" zu unterscheiden; sodann hat man die Wahl zwischen Kursen, die in geschlossener bzw. offener Tanzhaltung abgehalten werden; und schließlich hat man die Wahl zwischen den einheimischen Lehrern der Schweizer Tangoszene und den prominenten südamerikanischen Zelebritäten, die extra für das Festival aus Argentinien angereist sind.

Alle Fragen, die sich auftürmen, werden sich jedoch als theoretisch erweisen. Marlies und ich haben an Kursen fast jeden Niveaus teilgenommen, in allen angebotenen Tanzhaltungen, und wir haben von der einheimischen Prominenz nicht weniger profitiert als von der südamerikanischen. Das liegt wahrscheinlich an einer Besonderheit, die dem zugereisten Berliner Milonguero eigentlich schon beim ersten Studium des Kursprogramms hätte auffallen können. Da finden sich Kurse mit bizarren Themen wie: "Tango als 'social dance' " (Maximiliano Gluzman und Milva Bernardi); in diesem Kurs haben wir nicht eine einzige Figur gelernt. Ganchos, Boleos und Konsorten werden von Milva und Maximiliano grundsätzlich abgelehnt. Dafür lernen wir, auf einer Fläche von Taschentuchgrösse zu tanzen. Und siehe: Plötzlich geht es nicht mehr darum, dem bereits erlernten Figurenpark neue Kabinettstückchen hinzuzufügen, sondern um die intime Beziehung im Paar, um das, was zwischen den Partnern abläuft. Spannend!

Foto: Csaba Mester

"Bewegungsqualität" – dieses Stichwort taucht mindestens in einem halben Dutzend der über 50 Kurse auf, die in den beiden Wochenhälften stattfinden. Es geht um Themen wie Musikinterpretation und Umarmung, Fantasie, Improvisation und Navigation.

Der Schwerpunkt liegt gewissermassen auf der Poesie des Tango, auf der Einfühlung. "Entwicklung von Eleganz im Paar" bietet der Zürcher Ur-Tangero Rolf Schneider mit Partnerin Mary van Elst; Mauricio Castro und Marieke Timmer, selbst schon ganz poetisch durchhaucht: "Tanzen ist wie eine Sprache mit unterschiedlichen Ebe-nen der Komplexität"; Joachim Dietiker und Miriam Kündig bringen es in ihrer Kursankündigung auf den Punkt: "Durch den optimalen Einsatz im Paar entsteht organische Bewegungsqualität".

Ich entscheide mich für Raul, den großen Raul Cabrero aus Buenos Aires. Da geht eine Lektion ("Technik für den Mann") so los: Erst mal isst Raul, der irgendwie aussieht wie Elias Canetti, seinen Apfel (Granny Smith) und nimmt sich 10 Minuten Zeit dafür. Und dann doziert er; er doziert so unerschöpflich in seinem akzentreichen Spanisch, das keiner versteht, bis sich die von täglich drei Lektionen erschöpften Teilnehmer vor Langeweile auf dem Boden wälzen. In unendlichen Exkursen und Abschweifungen erörtert er so wichtige Fragen wie die, in welcher Höhe der Arm des Mannes den Rücken der Frau zu berühren habe, und kommt zu der Konklusion: es ist die Höhe der Brustwarzen, und keine andere.

Zur Demonstration winkt er nun eine der drei Frauen zwischen 30 und 60 Jahren herbei, sein Ministrantenteam, das auf einen Fingerzeig oder Wort von ihm hin ("Musica!") die Stereoanlage in Gang setzt, seine Lehren ins Alemannische übersetzt oder ihm zum Tanze in die Arme fliegt; Tanzen? Das ist minimal art. Er setzt die Jüngerinnen mit kaum merklichen Regungen - mehr ein Atmen in seinem erklecklichen Embonpoint - in Bewegung, sich mit funkelnden Augen in Richtung Publikum am gelungenen Beweis seiner Axiome ergötzend: Dass zur Führung nur die UMARMUNG als solche wichtig sei, sagt er, nicht irgendwelche rudernden Manipulationen mit den Gliedmassen. Es ist die Intensität, mit der sich ein Paar aufeinander bezogen hält, die die Schönheit des Tango ausmacht. Seine Magie!

INTERVIEW O-Ton Raul Cabrera -TEIL 1
(benötigt Windows Media Player)

Endlich, – eine Stunde ist bereits vergangen–, dürfen wir seine Hypothesen mit den Ministrantinnen erproben. Und plötzlich brennt die Luft; keuchend, schwitzend, hellwach und konzentriert sind wir, fünf erwachsene Männer, und merken, dass all die ermüdenden Tiraden an unserem Bewusstsein vorbei direkt in unsere Körper geflos-sen sind. Noch ein paar Korrekturen des Meisters hier und da, und wirklich, die proklamierte berührungsfrei-magische Brustwarzenführung gelingt. Jetzt bleiben nur noch fünf Minuten bis zum Ende des Kurses, diese jedoch sind eine Art Erleuchtungs-Erlebnis, wir führen ohne Berührung, mit dem Astralleib vielleicht, oder was weiss ich, nie habe ich eine so intensive Verbindung mit einer Tanzpartnerin gefühlt, es ist wie in einem Traum. Raul vergleicht es mit der LIEBE.
INTERVIEW O-Ton Raul Cabrera - TEIL 2
(benötigt Windows Media Player)

Ich habe jeden Tag drei Lektionen absolviert, eine ganze Woche lang, und abends war dann immer noch eine Milonga angesagt. Unvergesslich die Nacht in der "Frauenbadi", dem ehemaligen Damenschwimmbad in der Limmat. Solche in den See oder Fluss hineingebauten, hölzernen Badeanstalten gibt es in der Stadt an verschiedenen Stellen: Ein paar Planken, ein paar Leitern, von ein paar Holzkabinen eingerahmt, fertig war 1837 die erste dieser damals neuartigen urbanen Vergnügungs-Etablissements – wenn auch streng nach Geschlechtern getrennt. Liebevoll restauriert, erfreuen sich diese nostalgischen City-Oasen nun wieder größter Beliebtheit. An diesem Ort Tangonächte zu veranstalten, das zeugt schon vom Einfallsreichtum und von der Lebensfreude des neuen Zürich, das ja heute eine der lebendigsten Partyszenen weltweit bietet und sein biederes Butzenscheiben- und Bierbrezel-Image Lügen straft. Hat man seine 10 Fränkli Eintritt entrichtet, liegt einem das saphirgrüne Wasser der hellerleuchteten Limmat zu Füssen, auf dem die Enten ihre Bahnen ziehen. Gegenüber auf der romantisch beleuchteten Tanzfläche zeigen die Milongueros ihre Kunststückchen, lassen schöne Frauen im geschlitzten Sommerkleid die Beine fliegen. Die melancholischen, leidenschaftlichen Tangoklänge strömen in den Nachthimmel hinauf, aus dem es unermüdlich regnet. Egal: Bis spät in die Nacht leert sich die mit ein paar Linol-Bahnen auf die Planken improvisierte Tanzfläche nicht, und an der Bar ergötzt man sich an dem Lichtermeer der Stadt, das sich im Wasser spiegelt.

Barfussbar in der Frauenbadi    Foto: René Uhlmann

Unbestrittener Höhepunkt aber war die Tangotanznacht mit dem niederländischen Bandoneonisten Carel Kraayenhof & Sexteto Canyengue in den "Kaufleuten", einem prächtigen Gründerzeit-Gebäude in der Stadtmitte, allein schon wegen der Perfektion und der innovativen Kreativität des Orchesters (Westside-Story in Tango-Arrangements!). Unvergesslich das Ambiente des Ballsaals – ein Traum in Plüsch und Purpur. Es ist so eng und so heiß, dass Angst vor Nähe das Letzte ist, was man sich leisten kann, doch dergleichen Beeinträchtigungen des Seelenlebens kommen hier auch gar nicht erst auf. Die Menge wogt und wallt, selig den Rhythmen hingegeben, den Klängen und den Körpern, es ist als wären alle, sich wiegend und drehend und schwitzend und einander umarmend, in einen einzigen großen Menschheitskörper verwoben und verschmolzen, dessen Atem die Musik ist. Um vier ist Schluss und man wankt hinaus in die Grosstadt-Sommernacht, nun NUR noch Astralleib, einer anderen Welt zugehörig, in der die ganzen Schrecken da draußen, diese ganzen Katastrophen und Terroranschläge wie von einem anderen Planeten erscheinen. Tango ist ein Gegen-Universum, die Ahnung, dass eine andere, bessere Realität möglich wäre. Vielleicht ist es ja das, was uns daran süchtig macht.

Kaufleuten     Foto: Csaba Mester

Die Website zur Zürcher Tangowoche: www.tangowoche.ch

 

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Ausgabe September 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)