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Foto: Csaba Mester
Auftakt: Tangoball im Kongresshaus am See. In dem riesigen, etwas
nüchternen Saal im Stil der Fifties bin ich erst mal doch ein
bisschen befangen, so als verlorener Einzelgänger zwischen mehreren
Hundert Szenegängern, die sich alle zu kennen scheinen. Jedenfalls
schnattert alles im breiten Züri-Dütsch aufeinander ein,
und auf allen Tischen steht "reserviert". Ich quetsche mich
trotzdem irgendwo dazu, und komme gleich unproblematisch ins Gespräch
mit Margret und Peter, trotz deren ausgeprägtem Alemannisch ohne
nennenswerte Sprach- oder Kulturbarrieren. Margret, obwohl Anfängerin,
tanzt sehr einfühlsam, und bald stellt sich raus: sie ist gar
nicht aus Zürich, sondern Isländerin, und Peter Däne.
Nun aber müssen Marlies und ich uns mit Kursprogramm beschäftigen.
Systematisch und organisiert, wie man sich die Schweiz gern vorstellt,
ist es eingeteilt in mehrere Parameter. Zum einen sind fünf Level
zwischen "Einsteiger" und "Profi" zu unterscheiden;
sodann hat man die Wahl zwischen Kursen, die in geschlossener bzw.
offener Tanzhaltung abgehalten werden; und schließlich hat man
die Wahl zwischen den einheimischen Lehrern der Schweizer Tangoszene
und den prominenten südamerikanischen Zelebritäten, die
extra für das Festival aus Argentinien angereist sind. Foto: Csaba Mester
"Bewegungsqualität" dieses Stichwort taucht
mindestens in einem halben Dutzend der über 50 Kurse auf, die
in den beiden Wochenhälften stattfinden. Es geht um Themen wie
Musikinterpretation und Umarmung, Fantasie, Improvisation und Navigation.
Endlich, eine Stunde ist bereits vergangen, dürfen wir seine Hypothesen mit den Ministrantinnen erproben. Und plötzlich brennt die Luft; keuchend, schwitzend, hellwach und konzentriert sind wir, fünf erwachsene Männer, und merken, dass all die ermüdenden Tiraden an unserem Bewusstsein vorbei direkt in unsere Körper geflos-sen sind. Noch ein paar Korrekturen des Meisters hier und da, und wirklich, die proklamierte berührungsfrei-magische Brustwarzenführung gelingt. Jetzt bleiben nur noch fünf Minuten bis zum Ende des Kurses, diese jedoch sind eine Art Erleuchtungs-Erlebnis, wir führen ohne Berührung, mit dem Astralleib vielleicht, oder was weiss ich, nie habe ich eine so intensive Verbindung mit einer Tanzpartnerin gefühlt, es ist wie in einem Traum. Raul vergleicht es mit der LIEBE.
Ich habe jeden Tag drei Lektionen absolviert, eine ganze Woche lang, und abends war dann immer noch eine Milonga angesagt. Unvergesslich die Nacht in der "Frauenbadi", dem ehemaligen Damenschwimmbad in der Limmat. Solche in den See oder Fluss hineingebauten, hölzernen Badeanstalten gibt es in der Stadt an verschiedenen Stellen: Ein paar Planken, ein paar Leitern, von ein paar Holzkabinen eingerahmt, fertig war 1837 die erste dieser damals neuartigen urbanen Vergnügungs-Etablissements wenn auch streng nach Geschlechtern getrennt. Liebevoll restauriert, erfreuen sich diese nostalgischen City-Oasen nun wieder größter Beliebtheit. An diesem Ort Tangonächte zu veranstalten, das zeugt schon vom Einfallsreichtum und von der Lebensfreude des neuen Zürich, das ja heute eine der lebendigsten Partyszenen weltweit bietet und sein biederes Butzenscheiben- und Bierbrezel-Image Lügen straft. Hat man seine 10 Fränkli Eintritt entrichtet, liegt einem das saphirgrüne Wasser der hellerleuchteten Limmat zu Füssen, auf dem die Enten ihre Bahnen ziehen. Gegenüber auf der romantisch beleuchteten Tanzfläche zeigen die Milongueros ihre Kunststückchen, lassen schöne Frauen im geschlitzten Sommerkleid die Beine fliegen. Die melancholischen, leidenschaftlichen Tangoklänge strömen in den Nachthimmel hinauf, aus dem es unermüdlich regnet. Egal: Bis spät in die Nacht leert sich die mit ein paar Linol-Bahnen auf die Planken improvisierte Tanzfläche nicht, und an der Bar ergötzt man sich an dem Lichtermeer der Stadt, das sich im Wasser spiegelt.
Barfussbar in der Frauenbadi Foto: René Uhlmann Unbestrittener Höhepunkt aber war die Tangotanznacht mit dem niederländischen Bandoneonisten Carel Kraayenhof & Sexteto Canyengue in den "Kaufleuten", einem prächtigen Gründerzeit-Gebäude in der Stadtmitte, allein schon wegen der Perfektion und der innovativen Kreativität des Orchesters (Westside-Story in Tango-Arrangements!). Unvergesslich das Ambiente des Ballsaals ein Traum in Plüsch und Purpur. Es ist so eng und so heiß, dass Angst vor Nähe das Letzte ist, was man sich leisten kann, doch dergleichen Beeinträchtigungen des Seelenlebens kommen hier auch gar nicht erst auf. Die Menge wogt und wallt, selig den Rhythmen hingegeben, den Klängen und den Körpern, es ist als wären alle, sich wiegend und drehend und schwitzend und einander umarmend, in einen einzigen großen Menschheitskörper verwoben und verschmolzen, dessen Atem die Musik ist. Um vier ist Schluss und man wankt hinaus in die Grosstadt-Sommernacht, nun NUR noch Astralleib, einer anderen Welt zugehörig, in der die ganzen Schrecken da draußen, diese ganzen Katastrophen und Terroranschläge wie von einem anderen Planeten erscheinen. Tango ist ein Gegen-Universum, die Ahnung, dass eine andere, bessere Realität möglich wäre. Vielleicht ist es ja das, was uns daran süchtig macht. Kaufleuten
Foto: Csaba Mester
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Email: willkommen@tangokultur.info Im Internet: www.tangokultur.info Herausgeber: Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.) |