In der Südsee hinter der Luftbrücke
 
Ein Tango-Urlaub in Berlin

Text: Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis


Erinnern Sie sich noch an Kästners Erzählung "Der 35. Mai"? Onkel Ringelhuths Neffe Konrad kommt mittags bekümmert aus der Schule, weil er einen Aufsatz über die Südsee schreiben soll. "Entsetzlich ist es", klagt Konrad, "alle, die gut rechnen können, haben die Südsee auf. Weil wir keine Phantasie hätten! Die andern sollen den Bau eines vierstöckigen Hauses beschreiben. So was ist natürlich eine Kinderei gegen die Südsee ...". Dann essen sie Fleischsalat mit Himbeersaft und verschwinden in einem großen, geschnitzten Schrank aus dem 15. Jahrhundert, der in Onkel Ringelhuths Korridor steht, gehen immer geradeaus durchs Schlaraffenland und die Verkehrte Welt zur Südsee. So lässt sich preiswert Urlaub machen und eine tiefere Sehnsucht befriedigen - im Falle Konrads wird die Erwachsenenrealität ausgehebelt und auf den Kopf gestellt!

Um Sehnsüchte geht es immer bei der Frage: Wohin reise ich, wenn ich endlich Urlaub habe? Wenn ich angestellt bin, muss ich meine auf wenige Wochen limitierte Zeit, in der ich per Gesetz verpflichtet bin, mich zu erholen, erst mal bewilligt bekommen ... und dann bloß fort, oder daheim etwas getan, wozu ich sonst nicht komme. Gammler lassen sich beim Bierchen in der Sonne ein genügsames Lächeln ins Gesicht treiben, Sportive suchen sich rutschige Hänge für ihre spikebewehrten Schuhe, und Wissbegierige stellen sich mit Reiseführern und Stadtplan in den Schatten der Kathedralen. Quer durch die Reihen hofft man, dass noch eine kleine Liebe zufliegen mag ... so unterwegs.

Einen Urlaub gibt es, der einem ganzen Bündel Sehnsüchte auf einen Streich gerecht wird. Man möchte meinen, dass ihn das Mala Junta in Berlin erfunden hat (was natürlich nicht stimmt, weil es andere Veranstalter gibt, die nach Buenos Aires, Andalusien oder Sizilien lotsen), aber die "Etage für Tango Argentino", vermarktet ihr Angebot nicht als Reise in die Ferne, sondern als Reise nach Berlin zu sich in die Etage. Zum zweiten Mal lockte dies Deutsche aus verschiedenen Teilen der Republik, Niederländer und andere Europäer an. Da viele Angestellte wie Selbstständige nicht nur den sprichwörtlichen Koffer, sondern Freunde, Verwandte und Liebschaften in der Hauptstadt haben, entscheiden sie sich umso leichter, das Schlittenhunde-Rennen in Alaska und die Fertigstellung ihrer Promotionsschrift noch ein wenig zu schieben und stattdessen für einen erschwinglichen Preis einen Teil des Jahresurlaubs in Tango anzulegen. Der Berliner von nebenan musste - wie bequem - nicht einmal seine Stadt verlassen. Urlaub vor der Haustür! Nur einmal über die Straße, "Balkonien" in der Etage!

Und so kamen sie dann zum Gruppenurlaub mit leichtem Gepäck und Beutelchen, in denen Tanzschuhe steckten:

M. aus Leipzig und ihr Partner: In diesem Urlaub wollte sie mal die Hosen anhaben, wollte führen - merke: Urlaub ist das, was man zu Hause nicht hat oder tut (oder nicht so intensiv). Sie steckte im Look eines britischen Schulmädchens mit auffälligen Nylon-Kniestrümpfen, an jedem der vier Tage ein anderes Paar Strümpfe, kariert oder gepunktet. Sicher, Urlaub ist Hoch-Zeit. Zeigt her eure Garderobe! P. aus Braunschweig hingegen fühlte sich in seiner Trainingshose mit weißen Seitenstreifen wohl. Sicher, Urlaub heißt "Freizeit". Da will er sich nicht auch noch schnieke machen! K. aus Düsseldorf tanzte viele Jahre Standard, bis er zum Tango wechselte, weil er dort "größere Chancen hat, Frauen aufzufordern", beim Tango sagten die Damen seltener "Nein!" Vehementer Protest einer Mit-Urlauberin während der Mittagspause. Dem sei überhaupt nicht so, sie tanze nur, mit wem sie wolle und lehne ständig ab.

Auch dies gehört zu einer geschlossenen Urlaubsveranstaltung: dass man wie eine Großfamilie auf Zeit gemeinsam Essen fasst, über fettige Tapas lästert und die Knoblauchscheiben umgabelt, damit einen der vom Veranstalter verkuppelte Partner am Nachmittag nicht zu sehr auf Abstand hält.

G. aus einem Ort in Mecklenburg-Vorpommern ist Rentner und fährt mehrere Abende die Woche nach Berlin zum Tango; der Urlaub war für ihn nur ein weiterer Ausflug in dieselbe Richtung. Dürfen Rentner Urlaub haben? Aber sicher, nur im Wort vielleicht nicht, scheinen sie doch ähnlich wie die Langzeitarbeitslosen nichts als Zeit zu haben, anderen die Plätze wegzunehmen - Dauerferien also; aber so streng wurde das Wort "Urlaub" von den Veranstaltern glücklicherweise nicht genommen.

A. aus Berlin nutzte ihren Tango-Urlaub zur Weiterbildung auf eigene Faust. "Ich arbeite mit einem argentinischen Tangoensemble, choreographiere, aber tanze Tango viel zu selten." Das sollte sich an vier Tagen ändern. Ihr Partner für diese Zeit, ein Philosoph, war angetreten, um gleich nach oben durchzustarten. "Ich will ein Meister werden", sagte er ohne fühlbare Selbstironie und reckte sein Kinn. Tango-Urlaub - auch eine Möglichkeit, sich heimlich Fähigkeiten zu verschaffen, mit denen man sich selbst entzücken und diejenigen beeindrucken kann, die meinen, man ginge das x-te Mal ins Schwimmbad, um Mädchen zu beobachten.

Die Lehrer sorgten für ein gutes Clubgefühl. Sie entpuppten sich als Slapstick-begabte Vortänzer und als sorgsame Lehrer; kein Wasserspritzen, kein Grabschen, kein Club Med, Robinson oder Marco Polo ..., aber Spaß durfte sein. Sehnsüchte gingen in Erfüllung: Die Tangourlauber gaben an, Entspannung in der Konzentration zu finden, zur Ruhe zu kommen trotz der fortlaufenden Bewegung, den Horizont zu erweitern, obgleich kein Meer zur Aussicht stand. Einige fühlten sich berauscht und die wenigen Bierchen, die zwischendurch getrunken wurden, waren schnell wieder ausgeschwitzt. Eine, so schien es, komplettere Veranstaltung als der Rundum-Sorglos-Urlaub, der für die Karibik oder die Malediven angeboten wird - obgleich Kost und Logis nicht inbegriffen waren.

Abends schließlich, wenn die Lehrer zur Tour durch die Berliner Milongas aufriefen, fühlte sich mancher Teilnehmer nicht mehr gesellschaftsfähig und nahm sich die Freiheit, sich's bei seinen Verwandten gemütlich zu machen und um 22 Uhr in einen geruhsamen und erquickenden Schlaf zu fallen. Auch das darf man im Urlaub!
Eins ist gewiss: Gut erholt will jeder aus seiner Arbeitspause wiederkommen; wie er zu seiner blendenden Laune gelangte, warum er auf einmal sicherer steht als sonst, das mögen ihn die Kollegen und Freunde fragen und ihn drum schrecklich beneiden, wenn er ihnen verrät: "Ich war im Tango-Urlaub." Oder wie Ringelhuths Neffe Konrad: "Ich war in der Südsee."

 

 

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Ausgabe Oktober 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)