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Text: Andreas Heidtmann
Fotos: Torsten Moebis
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Es heißt, der Tangoschreiber habe sein Leben lang nichts anderes getan,
als einen Tango zu schreiben, der nicht nur als Tango, sondern als
musikalisches Werk jenseits aller Stilarten zu den vollkommensten Werken
zähle. Zunächst habe er eine klassische Streicherbesetzung gewählt,
den Geigen die Melodie zugewiesen, dem Cello eine tangotypische
Punktierung und den Bratschen ein begleitendes Pizzikato. Abends habe
man den Tangoschreiber mit ausgreifenden Schritten seine hell
erleuchtete Wohnung durchqueren sehen. Dabei sei der Eindruck
entstanden, er eile mit Riesenschritten über Hindernisse hinweg und übe
sich in blitzhaften Richtungswechseln. Seine Arme habe er wie ein
Tanguero geschwungen und seinen Oberkörper immer wieder scharf zurückgebogen.
Wenngleich er alle Tangoschritte beherrscht habe, sei der Tangoschreiber
kein Tangotänzer gewesen. Die choreographischen Brüche und das Seitwärtsrucken
des Kopfes hätten vielmehr an eine ungelenke Gymnastik erinnert, ja,
manche Tanzfigur habe so schroff gewirkt, dass die Bewegungen insgesamt
in ihrer Unkoordiniertheit grotesk erschienen seien.
Natürlich habe der Tangoschreiber mit seinen Tangoschritten nur geprüft,
was er an Takten bereits notiert oder im Kopf zur Notation vorbereitet
hatte. Nachdem sein Tango dank wochenlanger intensiver Arbeit gute
Fortschritte gemacht hätte, sei der Tangoschreiber plötzlich zu der
Einsicht gekommen, dass sein Werk zu geigenlastig sei. Wörtlich habe er
gegenüber einem befreundeten Musiker gesagt, sein Tango klinge zu
geigenlastig. Er habe es nicht einmal, sondern ein Dutzend Mal gesagt:
Egal worüber man sich unterhalten habe, nach einigen Sätzen sei der
Tangoschreiber wieder auf seinen Tango zu sprechen gekommen und habe
mitten ins Gespräch hinein gerufen, sein Tango klinge zu geigenlastig.
Am Ende habe sein Kollege ihm nur raten können, die Geige durch ein
anderes Instrument zu ersetzen, etwa durch ein Bandoneon, um der Gefahr
der Geigenlastigkeit zu entgehen.
Genauso wie der Tangoschreiber sich als Tangotänzer versucht habe, habe
er probeweise die Instrumente gespielt, die in seinem Stück vorgekommen
seien. Mit erstaunlicher Virtuosität habe er die Finger auf dem
Griffbrett einer imaginären Violine bewegt und mit dem rechten Arm
melodische Striche in die Luft gezeichnet. Nachdem er, der Empfehlung
seines Kollegen folgend, die Geige durch ein Bandoneon ersetzt hätte,
habe man ihn in einer Zimmerecke sitzen sehen, Reihen unsichtbarer
Bandoneonknöpfe bedienend. Mit leidenschaftlicher Geste hätte er die
Arme ausgebreitet, als läge ein Bandoneon darin, das es auseinander zu
ziehen und wieder aufs handlichste Format zusammenzuschieben gelte.
Was fehle, habe der Tangoschreiber dann eines Abends in seinem Stammcafé
gerufen, sei ein Klavier. Ein Klavier fehle! Naturgemäß habe das
Piano, als längst fälliges Komplement, radikale Eingriffe in die
harmonische Struktur erfordert und die Stimmführung auf den Kopf
gestellt. Immer noch sei der Tango zu sehr am Vorbild eines klassischen
Tangos orientiert, habe der Tangoschreiber im Kollegenkreis erklärt.
Zwei Violinen, zwei Bratschen und ein Cello, das wäre von vornherein
eine Fehlbesetzung gewesen. Er habe den Tango, der doch ein vollkommener
Tango hätte werden sollen, mit einer vollkommenen Fehlbesetzung
begonnen.
Die neue instrumentale Vielfalt sei schon bald daran abzulesen gewesen,
dass die nächtlichen Imitationen des Tangoschreibers eine ungeheure
Bereicherung durch das Nachahmen verschiedenster Streich, Blas- und
Zupfinstrumente erfahren hätte. Mitten in der Nacht – das Zimmer habe
im hellsten Licht gestanden – habe sich der Tangoschreiber im Zentrum
des Raums postiert, den Kopf gesenkt und die Finger gestreckt, als
hielten sie eine Klarinette, während sein Gesichtsausdruck habe
vermuten lassen, er spiele eine unglaublich expressive Melodie.
Dass der Tangoschreiber im nächsten Arbeitsgang die Bratschen verbannt
habe, sei weniger erstaunlich gewesen als der vollständige Verzicht auf
das Bandoneon, dessen unverwechselbarer Klang dem Tango erst seine
Eigenart gegeben habe. Das Bandoneon gehöre zum Tango wie die Gitarre
zum Flamenco, habe der Tangoschreiber erklärt, doch weil beide sich so
wunderbar ergänzten und jeder Hörer beim Tango Nuevo ein Bandoneon
erwarte, erscheine ihm das Bandoneon ganz und gar unmöglich für einen
Tango, der vollkommen und also anders als jeder andere Tango sein solle.
Kein Bandoneon, sondern ein Saxophon müsse es sein! Wie sehr sich der
Charakter des Werkes dadurch gewandelt hätte, sei deutlich geworden,
als der Tangoschreiber mit zurückgeworfenem Kopf breitbeinig vor seinem
Notentisch gestanden und wie ein Saxophonist seine Hände emporgestreckt
habe, um mit ungeheurer Kraftanstrengung schrille und jaulende Töne
hervorzubringen.
Eine der wichtigsten Entscheidungen sei die Entscheidung für das
Schlagzeug gewesen, wodurch eine gänzliche Neuschrift des Werkes nötig
geworden sei. Denn hätten zunächst Klavier und Cello im Zusammenspiel
mit den Pizzikatobratschen das vorwärtstreibende Metrum bestimmt, sei
durch das Schlagzeug die maßvolle Rhythmik zu einer entfesselten
Rhythmik geworden und damit zum eigentlichen Wesen des Tangos. Bis zum
Morgengrauen habe man den Tangoschreiber auf Tischen, Stühlen und
Notenstapeln Staccatos und Synkopen klopfen, schlagen und trommeln
sehen. An den Wänden habe sich ein ungeheures Schattenspiel seiner
rhythmenklopfenden Hände ergeben, das allein schon so faszinierend
gewesen wäre, dass mancher zufällige Passant vor dem Haus stehen
geblieben sei, um die gespenstische Szene mitzuverfolgen.
Über Jahre habe der Tangoschreiber beharrlich neue Tangovarianten
entworfen und als unerlässlich für die Entwicklung seines Tangos
erachtet. Jeder Mensch, so habe er im Kollegenkreis erläutert, verwerfe
mehr als er ausführe. Sein Tango sei ein ständiges Verwerfen, denn nur
so nähere er sich jenem Stadium der Perfektion, in dem jede Note, jeder
Akzent, jeder Legatobogen so und nicht anders sein könne. Nur durch das
konsequente Verwerfen könne überhaupt Hörenswertes entstehen und nur
durch das konsequenteste Wieder- und Wiederverwerfen lasse sich überhaupt
ein künstlerisches Werk schaffen, das es Wert sei, geschaffen zu
werden.
Als man den Tangoschreiber dann eines Morgens mit aufgerissenen Augen
und ohne Atem hingestreckt über seinen Noten gefunden habe, sei jedem
klar gewesen, dass sein Ende kein unerwartetes Ende war. Davon
abgesehen, dass der Tangoschreiber sich als exzessiver Cognactrinker und
Raucher in gesundheitlicher Hinsicht geschadet hätte, habe zweifellos
das nächtelange Schreiben und Korrigieren an seinen Kräften gezehrt.
Die turbulenten tänzerischen und instrumentalen Einlagen seien ein
dauernder Angriff auf sein ohnehin schwaches Herz gewesen.
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Der Nachlass des Tangoschreibers habe im Wesentlichen aus jenem Tango
mit all seinen Varianten bestanden. Dank der exakten Datierung sei es möglich
gewesen, sämtliche Tangoversionen zu bestimmen bis hin zur letzten
Fassung, die, so die These eines Tangokenners, der wirklich vollkommene
Tango sei, an dem der Tangoschreiber unzählige Nächte geschrieben
habe. Abschließend habe man die Fassungen nummeriert und sei auf
hundert Hauptvarianten gekommen, zu denen jeweils Dutzende
Untervarianten existiert hätten, so dass alles in allem weit über
zweitausend Fassungen zu katalogisieren gewesen seien.
Erst Jahre nach dem Tod des Tangoschreibers habe sich eine Gruppe von
Musikern gefunden, um das Werk des Tangoschreibers aufzuführen. Die
Instrumentierung sei im Vergleich zur Erstfassung in einer Weise
angeschwollen, dass man von einem vollwertigen Orchesterwerk habe
sprechen können mit allen Erfordernissen an die Aufführung eines
solchen Werkes. Weil eine Tangokomposition, vergleichbar einer
Ballettkomposition, erst durch den Tanz die volle Wirkung entfalte, sei
man bemüht gewesen, Tänzer für die Premiere zu gewinnen, doch habe
das erste Tänzerpaar sich außerstande gesehen, den Tango des
Tangoschreibers zu tanzen, da Takt und Harmonie zu fremd seien. Ein
anderes Tänzerpaar habe den Tango von vornherein als einen untanzbaren
Tango bezeichnet, der jede Form sprenge.
So sei die Premiere als rein instrumentale Aufführung im städtischen
Konservatorium erfolgt, wo das Hochschulorchester ein Programm moderner
Werke geboten habe. Vom Publikum sei der Tango genauso selbstverständlich
wie jedes andere Stück aufgenommen worden. Vielleicht habe hier und da
ein Zuhörer mit dem Fuß den Takt mitzuschlagen versucht, doch sei
durch die Fülle an Themen, Metren und Kolorits keine Steigerung hin zu
einem berauschenden orchestralen Fortissimo bewirkt worden, sondern nur
ein unendlich dichtes Gewebe, wobei ein Akzent den nächsten
ausgeglichen, eine Harmonie die nächste überlagert habe, so dass die
Komposition trotz allen Raffinements bei größtmöglichem
Orchestereinsatz eine größtmögliche Ruhe ausgestrahlt habe. Es sei
ein Tango gewesen, in dem die Bewegung durch immer neue und andere
Synkopisierungen zu einem metrischen Gleichmaß gelangt sei, auf das
verständlicherweise kein Tanguero einen Tanzschritt hätte ausführen können.
Der Applaus sei freundlich, sogar beachtlich, aber keineswegs emphatisch
ausgefallen. Niemand im Publikum habe die Tangopremiere als enttäuschend
empfunden, doch habe andererseits jede spontane Begeisterung gefehlt.
Nach den üblichen Verbeugungen des Dirigenten, der eine geradezu
artistische Leistung geboten habe, sei der Beifall relativ rasch
verebbt. Das Publikum habe dann dagesessen, wie es vom ersten Takt an
dagesessen habe, und das nächste Stück des Programms erwartet.
Die Erzählung "Der Tangoschreiber" hat uns, als wir sie
entdeckten, sofort begeistert und wurde mit freundlicher Genehmigung des
Athena-Verlages zur Veröffentlichung auf tangokultur.info freigegeben.
Sie wurde dem Erzählband "Storys aus dem Baguette" von
Andreas Heidtmann entnommen, der bereits 2005 erschienen ist.
Wer noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seine Lieben
ist, sollte sich auch unsere Kurzrezension
des Erzählbandes durchlesen.
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Ausgabe November 2006
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