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Ein Gespräch über queeren Tango in Buenos Aires, New York und Berlin
Gesprächsführung, Text, Übersetzung: Elke Koepping
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Mariana Falcón Docampo im "Phynix
tanzt" Foto: Elke
Koepping
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Im Kielwasser des Queer Tango Argentino Festivals in Hamburg vom
29.09.-01.10. schwamm ein Wochenende mit queeren Tango-Workshops in der
Tanzschule "Phynix tanzt" in Berlin, organisiert von
Pinktangoball-Initiatorin Astrid Weiske.
Astrid, die neben ihrer Tätigkeit als Grafikerin und Fotografin (u. a.
für tangokultur.info) wöchentlich in der Schule von Brigitta Winkler
auch Tangostunden für queeres Volk unterrichtet, hatte Mariana Falcón
Docampo aus Buenos Aires zu verschiedenen Unterrichtseinheiten geladen, die gut
besucht waren, allerdings zu einem überwältigenden Anteil von Frauen.
Die Männer waren hier zwar unterrepräsentiert, fühlten sich aber
nichtsdestotrotz wohl in ihrer Haut, denn diese Kurse besuchten solche Tänzerinnen
und Tänzer, die per se am Moment des Führungswechsels großes
Interesse hatten. Das stand in harmonischem Einklang mit Marianas
Unterrichtskonzept, denn sie schreibt den Aufbruch aus den festgelegten
Rollenbildern im Tango ganz explizit auf die Fahnen ihrer seit einem
Jahr in Buenos Aires stattfindenden queeren Practica, ein
Nachfolgeprojekt zu einer reinen Frauen-Milonga, die sie zuvor betrieben
hatte.
Man kann sich leicht vorstellen, wenn man sich die argentinische
Gesellschaft vor Augen hält und insbesondere die Frau-Mann-Bilder, die
gerade auch über den Tango immer wieder nach Europa dringen, dass dies
keine leichte Aufgabe ist. In einem Gespräch sagt sie "Wir wollen
nicht nur queere Tanzschüler ansprechen. 'Queer' steht für die Art
Tango, die wir tanzen: wir hinterfragen die Rolle im Tanzpaar,
Mann-Frau-Mann, Frau-Frau, eine Frau, die einen Mann führt,
Rollenwechsel etc. Klar sind die meisten Leute eher aus der queeren
Szene, aber es ist nicht die Grundidee, ausschließlich den Blick auf
queere Tänzer zu richten." Ihre Intention wird im Workshop in
Berlin auch deutlich: bereits in den ersten Unterrichtssequenzen, in
denen sie Anfängern – übrigens als Tanzlehrerin im Alleingang ohne
Partner(in) – souverän und didaktisch sehr klar die Grundideen des
Tangoschritts erläutert, geht sie neben Rhythmus-Übungen auch auf die
Führung ein.

Foto: Elke Koepping
So wird die Macht- oder auch Kräfteverteilung innerhalb des Paares
immer wieder auf den Prüfstand gelegt. In Körperübungen mit
geschlossenen Augen lernen die Folgenden der/dem Führenden zu
vertrauen, umgekehrt geben die Führenden nach einiger Zeit ihre
dominante Position ab und lernen in einer Sequenz, sich der/dem
folgenden Partner/in zu überlassen. Ein Konzept, das vereinzelt zwar
immer wieder bei einfühlsamen Tanzlehrern zu finden ist, in der
Konsequenz aber selten so stark mit dem Kursinhalt verwoben ist wie bei
Mariana Falcón.
Der Zufall wollte es, dass an jenem Wochenende auch der New Yorker Tänzer
Paul Chernosky in Berlin war, der ebenfalls auf dem QTF in Hamburg sein
Filmprojekt "Milonga Gay" vorgestellt hatte, dessen Trailer
als eigenständiger Kurzfilm dort großen Anklang fand. Paul und Mariana
kannten sich bereits aus Buenos Aires und tangokultur.info nutzte die
Gunst der Stunde, die beiden mit Astrid Weiske zu einem gemeinsamen
Gespräch über die queeren Tangoszenen der drei Metropolen auf drei
verschiedenen Kontinenten an einen Tisch zu bringen. Ein Gespräch, das
interessante Einblicke in die gesellschaftlichen Unterschiede
insbesondere zwischen Argentinien auf der einen Seite und Europa/USA auf
der anderen Seite bot, die sich auch und gerade in den Tangoszenen
spiegeln.
Die Debattanten:
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Paul
Chernosky, New York:
Tänzer und Tanzlehrer im Bereich Modern Dance, Musical Theater
und Tap, Regisseur und Autor des Films "Milonga Gay";
startete in diesem Jahr schwullesbische Tango-Kurse. |
Mariana
Falcón Docampo, Buenos Aires:
Mit-Initiatorin des 1st Buenos Aires International Queer Tango
Festival im November 2007, startete mit einer reinen
Frauen-Milonga, leitet seit etwa einem Jahr eine Queer Practica
und organisiert einmal im Monat eine Frauen-Milonga im La Casa
del Encuentro in Buenos Aires. |

Foto: Karina Maccioli
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Astrid
Weiske, Berlin:
Tanzlehrerin und Veranstalterin, startete im vergangenen Jahr den
Pinktangoball und unterrichtet im "Phynix tanzt" queere
Tangokurse. |
Mariana, ist das ein neues Konzept für Buenos Aires, den
Rollenwechsel im Tango zu thematisieren?
Mariana Falcón Ja. Hier
scheint es nicht so ein Thema zu sein auf den Milongas, aber in Buenos
Aires ist das ziemlich neu, was wir machen.
In der Tangogeschichte ist das gemeinsame Üben von Tangoschritten
unter Männern nicht unbekannt. Ist diese Praxis über die Jahre
verloren gegangen?
Mariana Falcón Vor allem
bei den Männern war das der Fall. Es gibt nicht so viel Material über
zusammen tanzende Frauen. Das haben sie nur innerhalb der Familie
gemacht. Was wir machen, ist aber was völlig anderes. In Buenos Aires
ist die Rolle der Frau im Tango als die der Folgenden definiert und
diese können nicht miteinander tanzen – das ist ein
gesellschaftliches Tabu. Ich habe angefangen, Frauen das Führen
beizubringen. Es ist ein erster Schritt, um Frauen den Rollenwechsel zu
ermöglichen.
Paul, wie sieht das eigentlich in New York aus. Wie kamst Du dazu,
schwullesbische Kurse zu unterrichten?
Paul Chernosky Ich wollte
Leute haben, mit denen ich tanzen konnte, also habe ich angefangen, eine
Szene aufzubauen. Das ist in der Vergangenheit auch schon versucht
worden, sogar die größeren Studios haben schwullesbische Kurse
angeboten, Stepping Out Studios, Triangulo, aber es war nie von Erfolg
gekrönt. Das liegt vielleicht auch daran, dass der Tango einfach nicht
Teil unserer Kultur ist, das sieht in Buenos Aires ganz anders aus. In
den Vereinigten Staaten scheint es sehr fremd zu sein, insbesondere ist
es für viele Leute sehr schwierig, fremden Menschen so nah zu sein. Für
mich ist es das, was ich so klasse daran finde.
Ich finde es wichtig, dass es auch noch andere Möglichkeiten gibt, in
die schwullesbische Szene hineinzuwachsen. Es ist schwierig, Leute
kennen zu lernen, wenn Du nicht auf Bars stehst und all das, was in der
Szene so üblich ist. Das ist einer der Gründe, warum ich mich in
Buenos Aires in den Tango verliebt habe, weil es eine andere Möglichkeit
ist, Leute kennen zu lernen. Also hab' ich in New York damit angefangen
und ganz langsam kam auch so etwas wie ein kleiner Wachstumsschub
zustande. Naja, dann war ich erst mal weg, wegen dem Film. Es ist mein
Ziel, nach und nach die schwullesbische Szene mit dem Tango vertraut zu
machen. Wenn ich erst mal eine kleine Gruppe von Schülern habe, die
wenigstens in der Lage sind, die einfachsten Schritte zu tanzen, dann
kann man vielleicht mal eine kleine Milonga starten.
Warum ist es eigentlich wichtig, schwullesbische Tangostunden
anzubieten? New York ist doch in der Hinsicht ziemlich liberal.
Paul Chernosky Mir geht
das so, wenn ich die Möglichkeit habe, mir einen schwulen Lehrer
auszusuchen und auch einen schwullesbischen Kurs, würde ich mich eher
in einem solchen Kurs wohlfühlen. Ich glaube, so geht es vielen Leuten
in der Szene. Auch wenn man nur einen kleinen Kursort hast, sollte man
versuchen, wenigstens einen Kurs wöchentlich anzubieten, um eine Art
Kontinuität zu bieten, dass die Leute wissen, da ist was, wo ich jede
Woche hingehen kann. Das wird dann Teil Deines Lebens. Es ist viel
schwieriger, einen Kurs zu etablieren, der nur einmal im Monat
stattfindet.
Das finde ich einen ziemlich interessanten Hinweis: dass sich schwule
und lesbische Menschen in New York in einem schwullesbischen Umfeld
einfach wohler fühlen. Trifft das auf Buenos Aires auch zu?
| Mariana
Falcón Es ist wichtig, einen (Frei-)Raum zu schaffen, in
dem queere Leute sich gesellschaftlich begegnen können. Für die
Porteños hat der Tango gewissermaßen Symbolkraft. Da gibt es den
Mann, der führt und die Frau, die folgt. Das Tangopaar an sich
ist heterosexuell. Es gibt also für zwei Lesben keinerlei Möglichkeit,
zusammen zu tanzen, einfach aufgrund der vollständig
heterosexuellen Konnotation des Tangos. |

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Meiner Erfahrung mit der Practica nach zu urteilen, ist mir klar
geworden, dass es für uns nicht nur darum geht, einen Treffpunkt für
Schwule und Lesben zu schaffen, sondern den Tango auch als Form der
Kommunikation zu verstehen. Man muss sich öffnen und sehen, was
passiert. Eine Weiterentwicklung im Tango beruht auf einer
Weiterentwicklung der Gesellschaft. Der Tango ist bei uns ein populärer
Tanz. Das Leben der Leute spiegelt sich direkt im Tanz. Die Gesellschaft
ist in Veränderung begriffen, Frauen haben eine aktivere Rolle im
sozialen und politischen Geschehen. Es geht also nicht nur um den
schwullesbischen Tango, sondern den 'queeren' Tango, gedacht mit all
seinen Implikationen.
Astrid, wie sieht das eigentlich in Berlin aus? Wir haben ja sogar
einen schwulen Bürgermeister...
Astrid Weiske Es gibt eine
Menge Schwule und Lesben, die Tango tanzen und lernen, früher wie heute
mehr Frauen als Männer. Aber die haben ein anderes Ausgehverhalten als
die Heteros. Die haben die Angewohnheit bis zu dreimal die Woche tanzen
zu gehen. Schwule und Lesben bleiben mehr in ihren Kursen und
Tanzschulen. Meiner Erfahrung nach – ich bin ziemlich viel in der
Heteroszene ausgegangen – gibt es aber nicht das Geringste, worüber
man sich in der Heteroszene in Berlin als Schwuler oder Lesbe Sorgen
machen müsste. Absolut nichts. Die sind total offen. Wir sind nicht
offen.
Paul Chernosky Das
ist richtig. Das ist in Berlin so und auch in New York. Es gibt überhaupt
kein Problem damit, wenn ich ausgehe und mit einem Mann auf einer
Hetero-Milonga tanze. Ich habe sogar mit Heteros getanzt. Das kann sogar
sehr viel Nähe mit sich bringen und sehr spielerisch werden. Das ist
mir sogar mit einem Hetero in Buenos Aires im "La Marshall"
passiert. Man hat hier beim Tango die Möglichkeit, diesen Teil von sich
zu erforschen, sich für etwas in einer Weise zu öffnen, die im täglichen
Leben vielleicht ein Tabu ist.
Ich habe das Gefühl, schwule Leute in den Staaten bremsen sich da
irgendwo in dieser Entwicklung, indem sie sagen, "Ach nöööööö,
das ist so schwierig. Irgendwie total blöd!" Irgendwas hält sie
davon ab, mit dem Tango weiterzumachen. Sie erlauben sich nie richtig,
diese Veränderung zu durchlaufen, die während des Tanzens irgendwann
plötzlich passiert.
Mariana Falcón Das ist
ziemlich interessant. Der Tango ist ja im Grunde ein erotischer Tanz,
weil alles so nah ist. Da kommen eine Menge der Probleme von lesbischen
und Schwulen Tänzern her. "Queerer Tango" gibt jedem die Möglichkeit,
verschiedene Facetten der eigenen Persönlichkeit zu erkunden. Das ist
noch ein Sache, die wir machen können, um diese Möglichkeit zu unterstützen.
Klar, das ist auch ein Problem der Heteros, wie man eine
Hetero-Beziehung wahrnimmt. Es kann eine ziemlich gute Übung sein,
diese Verschiedenen Facetten zu erforschen.
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Filmstill Milonga Gay von
Paul Chernosky
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Paul
Chernosky Ich bin der Ansicht, egal ob du ein Mann
oder eine Frau bist, Homo oder Hetero, jeder phantasiert doch über
die Möglichkeit, was passieren KÖNNTE. |
Mariana Falcón Ja. Das
macht die Spannung bei diesem Tanz aus!
Paul Chernosky ...in
meinem Fall passiert auch immer irgend was ...
Astrid Weiske ... ich könnte
ein Buch darüber schreiben ...
Paul Chernosky Ich habe
diese romantische Vorstellung davon, diesen MANN
zu treffen, diesen einen BESONDEREN
MANN, den "prince charming" von Argentinien. Das ist
eines der Dinge, die mich inspiriert haben.
Das habe ich von vielen Leuten gehört, auch Heteros natürlich,
diese Art der Initiation zum Tango. So eine Art Flow-Erlebnis oder ein
romantisches Ereignis. Dieses Bild dessen, was passieren KÖNNTE, während
man mit der anderen Person tanzt, das ist es, was die Leute auf die
Tanzfläche treibt. Ist das nicht so?
Astrid Weiske Ja.
Wenn man die Anfangsfrustration überwindet und einfach weitermacht,
dann wird man auch jemanden treffen, der einem dieses Gefühl
vermittelt. Das ist eine Erfahrung, die viele, viele, viele Leute haben,
egal ob Hetero oder Lesbe. Es ist so eine Art, sich an einem Punkt im
Inneren berührt zu fühlen, die du zuvor noch nie erlebt hast, die
Kreativität in dir weckt oder den Wunsch, an deinen Fähigkeiten zu
arbeiten.
| Mariana
Falcón Als ich mit dem Tango angefangen habe, habe ich
ganz traditionell mit Männern getanzt. Einmal habe ich der
Lehrerin ausgeholfen und das erste Mal, als ich mit einer Frau
tanzte, hab ich genau das gefühlt und mir so gedacht, "Uh
oh, Oooooookaaaaay...." und nie wieder mit einer Frau
getanzt, bis zu dem Moment, an dem ich angefangen habe zu führen
und all diese Sachen angestoßen habe. |

Filmstill Milonga Gay von
Paul Chernosky
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Das ist hier in Europa und den USA wirklich ganz anders. Was mir
passierte war, dass ich dieses Gefühl einfach nicht kontrollieren
konnte, ich musste es verbergen, um weitertanzen zu können, um Führen
zu lernen – einfach um das Recht zu erwerben, mit einer Frau zu tanzen
oder die Führungsrolle zu übernehmen. Ich hatte das Gefühl, dass ich
mich verstellen musste, dass ich so tun musste, also ob ich gar nichts fühlte.
Das war viel schwieriger. Jetzt haben wir angefangen, diese Freiräume für
queere Leute zu schaffen, aber vorher habe ich mich total einsam gefühlt.
Es gibt nicht so viele Lesben und Transsexuelle im Tango – nunja,
klar, doch, es gibt JEDE MENGE,
aber die verstecken sich!
Tanzen ist eine soziale Handlung und du wirst von vielen Leuten
beobachtet. Es ist nicht so einfach, sich selbst in diesem Rahmen den
offenen Umgang mit seinen Gefühlen zu erlauben. Ich konnte so aber
einfach nicht mehr weitermachen. Magali Saikin hat darüber übrigens
auch in ihrem Buch geschrieben, dass historisch gesehen schwule Männer
ihre Homosexualität verstecken mussten, um weiter lernen und tanzen zu
können.
Was glaubst du, wäre passiert, wenn die Leute über deine Gefühle
Bescheid gewusst hätten, in dem Moment, in dem du zum ersten Mal mit
einer Frau getanzt hast?
Mariana Falcón Als ich
mit dieser Tanzlehrerin zusammen unterrichtet habe, in der Hetero-Szene,
gab es da diese Schülerin, die den Kurs verlassen hat mit dem Argument,
die Tanzlehrerin sei eine Lesbe.... (Gelächter in der Runde). Das ist
es, was passiert. Überhaupt haben Frauen und Lesben da ein größeres
Problem. Wenn zwei Frauen auf einer Milonga zusammen tanzen, dann reden
die Leute schlecht über sie, behaupten, dass sie Lesben seien, auch
wenn das gar nicht der Fall ist. Das ist so eine sozialer
Diskriminierung, die dann anspringt. Aber die Dinge sind dabei sich zu
verändern. Es ist wichtig raus zu gehen, offen damit umzugehen.
Astrid Weiske Als ich hier
in Berlin vor zehn Jahren in Frauenkursen angefangen habe und auch jetzt
in dieser Frauenszene, habe ich mich total in diesen Tanz verliebt und
den Wunsch gehabt, meine Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Allein mit
Kursen wäre ich nicht sehr weit gekommen, ich MUSSTE
also ausgehen. Am Anfang war ich auch total schüchtern, hatte Angst,
was die Leute über mich denken/reden würden. Vor sechs, sieben Jahren,
als ich angefangen habe auszugehen, war ich mir nicht sicher, wenn ich
angestarrt wurde, ob die Leute einfach neugierig waren oder ob das
irgendwie ein bisschen schmutzig war, was ich da machte, aber man muss
einen Weg finden, damit umzugehen. Wenn man tolle Tänze erleben will
und einfach nur mit seinem Partner zusammen sein will, musst man das
ganze Drumherum einfach vergessen.
Ich bin immer noch eine der wenigen lesbischen Tänzerinnen in der
Heteroszene, aber meine Erfahrung war einfach, dass ich offen war für
die Heten, ich bin mit ihnen in Kontakt getreten und die haben
begriffen, dass ich eine coole und interessante Person bin. Offen für
sie zu sein, hat für mich die Tür in der Heterowelt geöffnet. Ich
hab' aber die Schwulen und Lesben in der Heteroszene vermisst und dachte
mir deshalb, na gut, vielleicht brauchen die ein bisschen Hilfe mit
einem besonderen Angebot. Ich hab einfach mal gefragt, was sie denn so
wollen, "Braucht ihr eine eigene Milonga oder Kurse oder was?"
und die Leute meinten nur, "Ja, glaub' schon...". Ja, glaub'
schon! Meine Güte... Deshalb hab ich damit angefangen.

Filmstill aus Milonga Gay von Paul
Chernosky
Aber das ist schon ein Unterschied zu Buenos Aires, oder? Wegen der
gesellschaftlich strikteren Taburegelungen ist Homosexualität dort
nicht so akzeptiert wie mittlerweile hier in Berlin, oder?
Astrid Weiske Ja, Berlin
war schon immer was besonderes. Es gibt diese lange schwule Tradition
hier und dann die ganzen Leute, die von außerhalb in die Stadt kommen.
Mariana Falcón Die
Regierung will sich jetzt etwas offener gegenüber Homosexuellen in
Buenos Aires zeigen. Das ist aber nicht so einfach aufzubauen.
Paul Chernosky Wenn man
einer Minderheit angehört, ist der einzige Weg zur Veränderung der,
sich zu zeigen! Die einzige Möglichkeit, akzeptiert zu werden ist es,
sich selbst im Tanz zu akzeptieren.
Das klang schon fast wie das Schlusswort. Habt ihr denn noch eine
Botschaft für die Leute da draußen, egal ob Homo oder Hetero?
Astrid Weiske Bleibt offen
für das Neue.
Paul Chernosky Für
die Homos, die sich noch nicht mit dem Tango beschäftigt haben: Bleibt
offen für etwas absolut wunderbares, für eine wunderbare
Transformation, wenn ihr euch den Schritten hingebt. Es kann euer Leben
verändern, wenn ihr das zulasst – es hat auf jeden Fall meins verändert.
Für die Heteros: Seid euch der Tatsache bewusst, dass wir mitten unter
euch sind, auch wenn ihr das noch nicht gemerkt habt ... Die ganze Zeit
... (Gelächter)
Mariana Falcón Es ist
wichtig offen zu sein und neue Wege der Kommunikation zu entdecken. Es
gibt jetzt jede Menge neuer Möglichkeiten. Für uns queere Leute ist es
einfacher, sie auszuprobieren, aber es ist auch ein Angebot für
straighte Leute. Diese Entwicklung könnte den Tanz für immer verändern.
Zur ungekürzten englischen
Originalfassung des Interviews.
Informationen zum Queer Tango Festival in Buenos Aires in
2007 und über Marianas Kurse findet man im Netz unter: www.tangoqueer.com
Informationen zum Hamburger Queer Tango Festival findet man
hier...
und zur von Hamburg aus organisierten zweiwöchigen
Queer-Tangoreise im November 2007 nach Buenos Aires erhält man hier....
Das La Marshall in Buenos Aires hat schon mehrfach seinen
Ort gewechselt. Derzeit findet man es mittwochs in Almagro, Yetay
961. Bitte ggf. vorher erkundigen, ob der Ort noch stimmt.
Wer mit Paul Chernosky in Kontakt treten möchte, um den Film Milonga
Gay auf der eigenen Veranstaltung zu präsentieren oder
sonstiges Informationsmaterial zum Film wünscht, kann dieses oder
eine DVD unter folgender Adresse anfordern: email.
Astrid Weiske und Queer Tango Berlin findet man hier....
Im Januar lädt sie in Zusammenarbeit mit der Tanzschule Mala
Junta Augusto und Miguel (La Marshall) aus Buenos Aires
zu einem Workshop-Wochenende nach Berlin ein. Termine: 26.-28.
Januar Workshops, 27. Januar großer Pinktangoball. Informationen
über Astrid.
Zum Archiv-Artikel über das Queer
Tango Festival 2005 auf tangokultur.info und zum Interview
mit dem transsexuellen Tänzer YingJang in der selben Ausgabe. |
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Email an: Leserbriefe@tangokultur.info
Ausgabe November 2006
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