Röschen und Weißschuh
 

Mode, Mut und Mode-Mutationen

Text: Kerstin Tomiak
Fotos: Astrid Weiske und 
Michael Grasmann

Foto: Astrid Weiske

Sie sind derzeit offenbar in. Man sieht sie auf Schals, Mützen, Pullovern, auf der Straße, im Büro und entsprechend auch auf Milongas: Rosen. Die Dame am Tresen der Berliner Fraktale Lounge trägt ein Umschlagtuch, darauf, richtig: Rosen. Gegen Umschlagtücher ist nichts einzuwenden, sie sind bei Milongas, vor allem wenn die in zugigen Räumen stattfinden, höchst praktisch. Gegen Rosen ist - bis auf ihr derzeitiges inflationäres Auftauchen - auch nichts einzuwenden. Was allerdings gar nicht geht, im wahrsten Wortsinn, ist Röschens Begleiter; der trägt weiße Turnschuhe. Irgendjemand sollte ihm sagen, dass weiße Turnschuhe erstens schon bei Cherno Jobatey im ZDF-Morgenmagazin blöd aussahen und zweitens auf einer Tanzfläche nur etwas zu suchen haben, wenn man tanzen kann wie Michael Rühl, der - schließlich ist der Mann Tanzlehrer - wahrscheinlich auch holländische Holzschuhe tragen könnte. Ob Weißschuh, wenn schon modisch daneben, wenigstens tanzen kann ist derzeit noch nicht festzustellen. Weißschuh und Röschen stehen am Tresen rum.

Ansonsten herrscht in der Fraktale Lounge das Tango-übliche Schwarz vor. Zugegeben: Schwarz ist elegant, schwarz ist schick, aber ist die Beschränkung auf eine Farbe modisch? Oder gibt es so etwas wie eine grundlegende Vereinbarung: wer Tango tanzt, trägt schwarz? Gibt es eine Tangomode? Und wenn ja, wie sieht die aus? 


Foto: Astrid Weiske
Wer setzt Trends in der Tangowelt und werden diese im gnadenlosen Rhythmus der normalen Welt gesetzt, was bedeutet: eine Frühjahrs-, eine Winterkollektion? Alles jedenfalls scheint offenbar auf eine typische Frauenfrage hinaus zu laufen, die meist vor einem voll gestopften, meterlangen Kleiderschrank gestellt wird: Was, in Gottes Namen, ziehe ich heute eigentlich an?

Tangomode bedeutet einerseits, so viel ist klar: Etwas in dem man gut tanzen kann. "Wenn man tanzt", sagt Rosa Tripp von Rosa Tangomode, "will man sich ja nicht mit seinem Kleid beschäftigen." Recht hat sie, das tut man vorher. Beim Tanzen will man nicht das Gefühl haben, man kämpfe gegen einen Rock, der die Eigenschaften einer Kniefessel hat, man will nicht an einem Ausschnitt oder sonst etwas herumzupfen müssen - damit ist klar, wo Röschens Umschlagtuch bleiben sollte, falls sie doch noch mal auf die Tanzfläche geht: am Rand. Und eigentlich will man bei einem hohen Beinschlag auch nicht darüber nachdenken müssen, ob die Unterwäsche wenigstens farblich passend zum Rock gewählt ist. Praktisch also soll es sein. Aber schick eben auch.

Tangosalons sind schicke Orte, Tango bringt eine gewisse Eleganz mit sich - oder sollte es zumindest tun - und die möchte man nicht nur in der Bewegung, sondern auch in der Kleidung zeigen. Meist jedenfalls. "Aber", sagt Rosa, "in großen Orten wie Berlin, wo man jeden Tag auf eine Milonga gehen kann, achten die Leute nicht ganz so sorgfältig auf Kleidung." Richtig. Wartet man einen Monat auf die einzige Milonga am Ort oder fährt man auf ein Festival wird man wahrscheinlich mehr auf Kleidung achten, als wenn man jeden Abend tanzen gehen kann. So sieht man auf Berliner Milongas durchaus auch mal Jeans. Grundsätzlich aber  herrscht eben doch ein gewisser Dresscode. Der Tango ist schließlich auch die Lust an der Eleganz. So zeigt die Beobachtung: der Rock, bzw. das Kleid herrscht vor. Und zwar, wie bereits erwähnt, der Rock oder das Kleid in Schwarz. Ist das also doch der ewige Tangotrend?



"Tango Nuevo" Rom 2005, links im Bild: Roberto y Jorgelina     Foto: Michael Grasmann

Unbestreitbar ist, dass Schwarz praktisch ist. Gut zu kombinieren und natürlich elegant, das kleine Schwarze passt immer, auch zum Tango. Unpraktisch wird das Ganze nur, wenn man entweder vor einer überladenen Garderobenstange steht und sich fragt: "Welchen von den fünfzig schwarzen Mänteln nehm' ich mit?" Oder - als Mann: "Welche der fünfzig Frauen im schwarzen Kleid fordere ich auf?" Mut zur Farbe ist also langsam gefragt. Susanne Stukenberg von Nosolotango beobachtet das gerade bei jüngeren Tänzerinnen. Creme ist angesagt, Rosa langsam im Kommen, blau oder grün werden gern getragen - insgesamt also kräftigere Farben. "Man hat", sagt sie, "langsam die Nase voll von einer Pseudo-Tangomode die sich in Fransen und Pannesamt in Schwarz oder Rot erschöpft." Und das heißt? Auch, dass Hosen im Kommen sind. 

Die klassische Tänzerin mag noch Rock tragen, aber Hosen werden vermehrt nachgefragt. Das hat auch Rosa beobachtet. Es ist eine Mode, die aus Argentinien langsam herüberschwappt: Pumphosen. "Langsam sieht man das auf den Tanzflächen", sagt sie. Dann machen also die argentinischen Frauen die Tangomode? Vielleicht.


Tangofestival Berlin 2005, Sebastián Arce und Mariana Montes, Foto: Michael Grasmann

Susanne Stukenberg jedenfalls hat Designer aus Buenos Aires im Angebot. Und dabei, besonders praktisch, vertreibt sie auch eine Linie, die sowohl Büro- wie auch Milonga tauglich ist - was bedeutet: aus dem Büro in den Salon setzt nur noch die Mitnahme der Schuhe voraus. Und wer es verspielter, rasanter mag, der nimmt bei ihr vielleicht ein Stück des Designers Luc da Mona mit, der eine extravagantere Linie vertritt.

Trends, meint Fanna Kolarova, die ihr Atelier in Hohen Neuendorf hat, Trends kann man heute eigentlich gar nicht mehr setzen. Und es ist ja auch so bei dem, was nicht Tangomode ist: Kurze Röcke, lange Röcke, Röcke in italienischer Länge, Hosen, weite Oberteile, enge Oberteile - alles wird in der Mode mehr oder weniger gleichzeitig getragen, Trends sind kein Diktat, sondern das, was im besten Fall die Führung des Mannes auf der Tanzfläche ist: ein Angebot. Fanna ist oft weit entfernt von den klassischen Tangoschnitten,  sie arbeitet leidenschaftlich gern mit Seide und sie setzt ebenfalls auf Farbe: die Tanzfläche wird also mit ungewöhnlichen Farben aufgelockert. Fanna schafft Unikate, die sich an der jeweiligen Tänzerin und an der Bewegung orientieren. Die Individualität der Tänzerin soll durch die Kleidung betont werden. 


Foto: Astrid Weiske
Gibt es also Trends im Tango? Wahrscheinlich. Allerdings sind die nicht saisonal bedingt. Man orientiert sich an dem, was man bei anderen Tänzerinnen sieht, seien das nun längst bekannte Tanzfreundinnen oder argentinische Profis.

 Und man orientiert sich natürlich auch am derzeitigen Modeangebot der "normalen" Kaufhäuser und Boutiquen - siehe Röschens Umschlagtuch. Röschen und Weißschuh übrigens haben sich mittlerweile auf die Tanzfläche gewagt. Und Weißschuh ist nicht nur modisch daneben, er setzt auch noch unverdrossen Basse an Basse, und schiebt dazu Röschen wie einen Rammbock über die Tanzfläche. Röschen guckt leicht gequält. Am Ende des Tanzes geht sie froh von der Tanzfläche, Weißschuhs Turnschuhe aber sind - durch den Staub in der Lounge - jetzt grau. Wenigstens der modische Faux-pas wurde am Ende also wettgemacht ...

Erwähnte Modemacherinnen:
Susanne Stukenberg: http://www.nosolotango.de
Rosa Tripp: http://www.tangomode.de/
Fanna Kolarova: http://www.fanna-kolarova.de/

Weitere Tangofotos der Fotografin Astrid Weiske
Mehr Informationen zum Fotografen Michael Grasmann

Mehr zum Tango im Palast der Republik
Weiterführend zu Weißschuh: Tango-Newbies (3)

Zum Artikel über Bekleidungs-Rituale beim Tango in dieser Ausgabe

 

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Ausgabe Dezember 2005

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)