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Teil II
Text und Karikatur: Gunter Scholtz

Wann ist ein Mann ein Mann? Äh, ich meine, ein Tango Mann. Die bloße
Tatsache, dass ein Mann Tango tanzt, macht ihn noch lange nicht zum
Tango Mann. So wie man durch das all monatliche Paffen einer Zigarette
noch nicht zum Raucher wird. Der Tango Mann entlarvt sich dadurch, dass
er süchtig ist. Er ist ein Junkie, der seine regelmäßige Dosis Tango
benötigt, um die Entzugssymptome zu unterdrücken.
Ob er nun Quartals- oder Pegeltänzer ist, ist
dabei völlig egal. Muster gibt es da viele. Der Tango bedient ja auch
alle Anforderungen, die an eine handelsübliche Zivilisationsdroge
gestellt werden, das temporäre Eintauchen in eine bessere aber irreale
Welt, damit einher gehende Selbstüberschätzung, psychische Abhängigkeit,
Entzugserscheinungen, beschleunigter körperlicher Verfall. Und wer
Tangotänzer, Männer wie Frauen, Sätze hat sagen hören wie "Ich
war jetzt drei Wochen nicht tanzen, und es geht mir total gut damit"
oder "Ich könnte jederzeit aufhören", der weiß, dass ich
recht habe.
Was den Tango Mann jedoch zusätzlich positiv auszeichnet, neben der
noblen Bereitschaft, diesem wundervollen und elegantesten aller
irdischen Paartänze zuliebe, sein Leben einer Drogenkarriere anheim zu
legen, ist seine Kreativität. Um den Tango als Mann richtig zu tanzen,
muss man kreativ sein, und das ist eine nicht zu unterschätzende
Herausforderung, der er sich mutig stellt. Da fällt mir auf, man sollte
mal eine Untersuchung machen, wie viele Linkshänder es beim Tango gibt.
Die würden da voll ins Schema passen: kreativ und suchtgefährdet.
Aber um auf die Kreativität zurück zu kommen, der Tango bietet da eine
wunderbare Plattform für das Ausleben dieser Gabe. Der Tango Mann baut
aus den einfachen Bausteinen möglicher Schritte seinerseits und den
Schritten seiner folgsamen Partnerin manchmal wahre Gedichte an Formen
und Figuren, auch wenn es für ihn im einfachsten Fall nur heißt: vorwärts,
rückwärts, links, rechts und das mit allen vier Füßen. Um sich ein
Bild der Vielzahl der Möglichkeiten zu machen, die er dabei hat, kann
ich die nette Anekdote anführen, wie der berühmte Filmmusikkomponist
John Williams an der Aufgabe saß, ein fünftöniges Hauptthema für den
Film "Unheimliche Begegnung mit der dritten Art" zu
komponieren, was ja auf den ersten Blick auf Grund der wenigen Noten
recht einfach erscheint. Nach ca. dreihundert fruchtlosen Versuchen,
fragte er einen Mathematiker, wie viele Möglichkeiten er theoretisch hätte,
ein solches Thema aus einem Quellvorrat von zwölf Grundnoten zu bilden.
Der Mathematiker errechnete 134.000.
Ich weiß nicht, unter welchen Randbedingungen er ausgerechnet auf diese
Zahl gekommen ist, jedoch war der Komponist verblüfft von der Menge der
Möglichkeiten. Gewiss ist der geringste Teil dieser Kombinationen gut
oder kunstvoll, aber die Kunst ist es eben, aus dem großen
theoretischen Vorrat an Möglichkeiten, die man hat, und die bei den
Schritten des Tango um einiges vielfältiger sind, etwas schönes, ästhetisches
oder gar kunstvolles zu schaffen. So komponiert der Tango Mann,
inspiriert durch die unterliegende Musik sowie die Bewegungen und die
Aura der Tango Frau in seinen Armen, jeden Tanz ganz individuell. Dabei
ist die Frau seine Muse, die ihn küsst und das Notenblatt, das er
beschreibt, zugleich. Da kann alles von großen Sinfonien bis zu kleinen
Kinderliedern entstehen. Es gibt auch wahre Tony Marschalls des
Tangotanzes.
Aber ebenso wie nicht jede Tango-Choreographie an sich ein Meisterwerk
ist, so wenig kunstvoll ist häufig, trotz kreativem, planerischem
Fundament, ihre technische Umsetzung. Viele Tango Männer neigen zu
einer gewissen Überschätzung sowohl ihrer selbst, als auch ihrer
Tanzpartnerin. Getrieben von kreativem Narzissmus und einem tänzerisch
kanalisierten Balztrieb stürmt er los, stets behütet vor ernüchternder
Selbsterkenntnis durch die Umnebelung des Drogenrauschs. Unzählbar wie
viele blaue Flecken und Laufmaschen von derartigem Übermut zeugen.
So schmerzhaft dieses Tun oft für die gute Tänzerin ist, so
vorteilhaft kann es allerdings für die weniger talentierte Tanguera
sein, im Feuerschein der rumpelnden Detonationen ihres Partners zu
erleuchten. Denn, ist er im Herzen sensibel, so wird er alle Fehltritte
höflich auf seine eigenen Schultern laden, ist er es jedoch nicht, wird
sie es für ihn tun und ihm die Schuld geben. So tritt wieder das Wesen
des Gentlemans ins rote Licht des Tango, ob freiwillig oder
unfreiwillig. Denn er will der Tänzerin auf jeden Fall ein gutes Gefühl
und eine schöne Zeit geben. Ob sie beim nächsten Mal, bei einem nächsten
Tango, in seine Arme zurückkehren wird, bleibt ungewiss. So gibt er
sich hoffnungsvoll ebenso in Ihre Hände wie sie sich in die seinen.
Ja ja, so vielfältig ist die Gattung der Tango Männer, vielfältig und
reich. Reich an unterschiedlichen Geschichten, Träumen, Erfahrungen, Zügen
und Charakteren. So ist er nicht immer gleich zu erkennen, aber so ist
er nun mal.
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Ausgabe Juni 2006
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