Event der Extraklasse
 


Das 4. Moskauer Tangofestival "La Milonga"

Text: Robert Schmitz-Niehaus
Fotos: (Sasha) Alexandr Vistgof


Wandschmuck von Olga im "La Milonga"



Das "La Milonga" ist die Heimat von Sasha und Olga, den Initiatoren und Organisatoren des Moskauer Tangofestivals, das zum vierten Mal in diesem Jahr vom 24. bis 27. August stattfand. Die beiden haben hier ein Tanzstudio mit zwei Übungsräumen eröffnet. Es ist die erste und bisher einzige ausschließlich dem Tango gewidmete Location in Moskau. Olga – im normalen Leben Designerin – hat dem Ort Ihren Stempel mit freskenartigen, 3-dimensionalen Bildern aufgedrückt. Ein großen Ereignis nimmt seinen Anfang. Sasha und sein Team von Helfern haben viel Arbeit investiert – und es liegt einiges vor ihnen. Ein professionelles Filmteam ist da und macht Interviews, es werden Tapas und Getränke an der kleinen Bar gereicht und alles ist vom Feinsten.

Die ganze Moskauer Szene, altersmäßig erfreulich gemischt zwischen 18 und 70, gibt sich ein Stelldichein, die eingeladenen Lehrer und Musiker sind anwesend – der Raum wird eng und die Luft dick, hierfür ist der Ort nicht ausgelegt. Die Atmosphäre ist sehr familiär und intim. Freundliche Gesichter mit offenem Blick schauen mir entgegen, manche kenne ich schon vom Vorabend. Es wird in beiden Räumen getanzt, sehr kultiviert und diszipliniert, ansprechend. Manche der Tänzerinnen und Tänzer sprechen perfektes Englisch. Es gibt hier in der Szene einige "Tangotouristen", man hat gemeinsame Bekannte aus Nijmegen, Sitges, Berlin ... nichts erinnert an den "Eisernen Vorhang", vielmehr ist das ein weltoffenes, kosmopolitisches Publikum ohne Berührungsängste. Das gilt auch für diejenigen die kein Englisch sprechen – mit denen kommuniziere ich halt auf tango: Weltsprache.

Tango hat Bedeutung im öffentlichen Leben hier – zur offiziellen Eröffnungsveranstaltung in einem ausverkauften Theatersaal kommen ca. 600 Gäste um die wunderschöne Musik vom "Sexteto Andorinha" zu hören, die Tanzperformances ausgewählter Moskauer und St. Petersburger Solopaare zu bewundern und die Bühnenshows der vier Lehrerpaare zu bestaunen. Es werden zwei Stunden fesselnder Tango geboten, wieder sind zwei Fernsehsender mit Kamerateams da, der argentinische Botschafter spricht salbungsvolle Worte. Der Saal hallt von Bravo-Rufen wider, neben mir sitzt die Großmutter von Olga Leonova (nicht die Designerin) mit Tränen in den Augen. Ich hatte ihr ein paar Rosinen angeboten und wir kamen ins Gespräch – auf Englisch! Sie hatte sich so sehr gewünscht, ihre Enkelin auf der Bühne tanzen zu sehen und sie war – mit Recht – stolz und gerührt angesichts der gefühlvollen, träumerischen Darbietung von Olga und Slava. Sie tanzt übrigens nicht nur auf der Bühne so, ich hatte bereits am Festival-Montag das Vergnügen...


Milonga



Nach diesem Opening geht es zur Milonga. Ich komme in einen Saal im Untergeschoss, der im normalen Leben wohl Nobel-Club ist, am Eingang steht ein Schild "Face & Dress Code Control". Die tiefliegende Tanzfläche hat ca. 100 m² Dielenboden und ist sehr gut tanzbar. Es gibt ausreichend Sitzgelegenheiten, eine Mischung aus bequemen Sofas und Stühlen. Dazu ein langer Tresen auf einem Podest mit ausreichend Platz um davor zu stehen. Auf diese Weise entsteht ein Drei-Ebenen-Raum, der die Tiefe transparent macht; es ist leicht jemanden zu finden.
Es geht die Begrüßungsarie los, selbst für mich, der ich erst zwei Abende hier tanzen war. Die Aufnahme im Moskauer Milieu ist so offen und ehrlich herzlich. Das "Sexteto Andorinha" und DJ Felix aus Buenos Aires bescheren drei triefend nasse T-Shirts...

So geht das nun jeden Abend: Ab 22:00 Milonga, eingeheizt von Felix und seinen bekannten "Trompetto"-Zwischenrufen, durchsetzt mit Live-Musik vom Sexteto Andorinha; an einem Abend gab sich eine Moskowiterin für einen Song die Ehre, die Instrumentalmusik mit einem Vokalanteil zu bereichern, was mit frenetischem Beifall bedacht wurde – vielleicht kann sich das Organisations-Komitee für die nächste Veranstaltung dazu durchringen, die Formation so anzunehmen wie sie besteht; es wurde ja der Beweis erbracht, dass Tango mit Gesang sehr wohl und in diesem Fall besonders schön tanzbar ist. Zwischendurch gibt es Showeinlagen der angereisten Workshop-Lehrer, aber auch von anderen professionellen Lehrern, wie z. B. Jürgen aus Wien, der demnächst in Kiew eine Milonga eröffnet und dort unterrichten wird, eine Modenschau, etc.

Die Milongas am Freitag und Samstag sind sehr voll, aber die Stimmung gut, heiter und ausgelassen. Alles ist mit viel Liebe zum Detail vorbereitet, ob das Blumen, Bilder für die Gastlehrer oder Tischreservierung für diese betrifft. Überall sind TV-Kameras. Der immense Aufwand trägt Früchte und die beste Milonga ist nach meinem Gefühl am Sonntag: Die energetische Ursuppe ist fertig, kocht, alles zirkuliert gefühlvoll und stressfrei und es geht voll die Post ab. DJ Felix legt bis 6.00 Uhr auf – sonst immer nur bis 5.00 Uhr – weil keiner den Raum verlassen will, aufgeladen und von der Stimmung davongetragen. In dieser Nacht habe ich nur schönste Tänze mit den auf hohem Niveau tanzenden Damen.


Workshop mit Demian & Carolina



Insgesamt war das Festival-Publikum sehr international, aber hauptsächlich natürlich russisch. Erstaunlich die Unterschiede in den Tanzgewohnheiten der Damen entsprechend ihrer Herkunft aus Russland: Moskau tanzt ganz anders als St. Petersburg oder Kiew – aber alle sehr gut, halt eine Frage des persönlichen Gusto. Den Abschluß bildete dann die "Chill-Out-Milonga" am Montagabend. Da kamen dann noch mal alle mittlerweile Fuß- und Gelenk-Kranken zusammen, um sich völlig fertig in die Arme zu fallen und in die geränderten Augen zu schauen – oder anders: Nach dieser druchgehenden 7-Tage-Milonga kann keiner mehr so recht...

Als Tangomaniac besuche ich natürlich so viele Kurse als möglich. Die werden reichlich angeboten (40 an der Zahl!) und ich buche Kurse bei allen Lehrern. Veranstaltungsort ist ein Theater. Dort werden Haupt- und Nebenbühnen genutzt sowie ein Sitzungssaal. Die Atomsphäre ist super in den Räumlichkeiten, wird aber noch übertroffen von den Leistungen der Lehrer! Die sind alle Weltklasse. Was da in je 90 Minuten erarbeit wird, ist unglaublich – und der angebotene Inhalt hat es in sich! Ein bestes oder Lieblingspaar gibt’s da nicht, alle sind auf ihre Art und Weise einzigartig und charismatisch. Ich wünsche mir, ich könnte derart geballte Wissensvermittlung öfter genießen.


Im Kurs von Juan & Gimena



Herausragend, weil vom Konzept her etwas ganz anderes und deshalb doch einer besonderen Betrachtung wert, war der Kurs "Improvisation – Tanzen durch ein Spiel" von Juan & Gimena. Ich möchte hier deren beider philosophisches und pädagogisches Gedankengut nicht publizieren, aber es war erstaunlich, was mit einem Blatt Papier alles gemacht werden kann, alle waren heiter, es wurde gelacht anstatt mit angestrengter, ernster Miene zu arbeiten, und ich bin überzeugt, alle Teilnehmer haben ganz viel aus diesen 90 Minuten mitgenommen. Ich war jedenfalls hin und weg, eine ganz neue Herangehensweise an den Tanz.

Unterm Strich kann ich nur sagen: diese Reise hat sich gelohnt! Ein wunderschönes Festival mit vielen wertvollen, bleibenden Erinnerungen. Otschen charascho! Spassiva Sasha & Team sowie zahllosen anderen, die dazu beigetragen haben, diesen Event der Extraklasse zu generieren.

Dieser Artikel ist auch in russischer Übersetzung zu lesen und in englischer Übersetzung.

Link
zur Website des Moskauer Tangofestivals.

Einen Überblick über russische Milongas bietet Cybertango, für die Aktualität wird nicht garantiert. Es bietet sich an, vor Reiseantritt in Kontakt mit Sasha, dem Festival-Organisator zu treten, der aktuelle Termine nennen kann. Email...

 

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Ausgabe Oktober 2006

 


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Im Internet:
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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)