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Das 1. Internationale Tangosommercamp Pfännerhall
Text: Pedro Müller
Fotos: Phantastango
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Links im Bild ein Paar Männerfüße in Trecking-Sandalen mit schwarzen
Klettverschlüssen. Rechts auf dem Foto zwei Frauenfüße in schwarzen
Tanzschuhen mit halbhohem Absatz und zierlichen Riemchen. Und an der
Ferse der Frau ein großes viereckiges Pflaster. Mit dieser
Detail-Aufnahme illustrierte die örtliche "Mitteldeutsche
Zeitung" ihren Bericht vom Phantastango-Festival in Braunsbedra
- und traf damit die Sache ziemlich auf den Punkt: Camping-Atmosphäre und
Tanzen bis zum Umfallen sind schon mal zwei wesentliche
Charaktermerkmale von Phantastango.
Phantastango? Braunsbedra? Pfännerhall? Das waren bisher eigentlich
keine Begriffe in der Tangowelt.
Mit vielleicht 50 oder 60 Teilnehmern hatten die Veranstalter gerechnet,
als sie im November letzten Jahres zum ersten Mal die ehemalige
Werkstatthalle des Braunkohletagebaus im Geiseltal bei Halle
besichtigten. Ja, selbst eine Absage wegen Teilnehmermangels galt für
das Festival in der letzten Juli-Woche damals nicht als ausgeschlossen.
"Wir waren selbst ganz baff, wie viel' Anmeldungen plötzlich
kamen", sagt Mit-Veranstalter Uwe Kämmler. "Es ist schon
komisch", witzelt er: "Man ruft in die Tango-Welt und plötzlich
kommen sie von allen Seiten angeschossen." Am Ende füllten
durchschnittlich 120 Teilnehmer das ländliche Festival-Gelände bei
Merseburg. Mit Tagesgästen gerechnet sahen wohl 250 Leute das Camp.
Natürlich gibt es auch bei Phantastango das, was es bei jedem normalen
Tangourlaub gibt: tagsüber Workshops und abends Milongas. Aber das kann
nicht der Grund für Ansturm und Begeisterung sein. Das Erfolgsrezept
besteht wohl eher darin, den gelegentlich doch sehr strengen Tango in
eine vollkommen relaxte, ländliche Ferienlager-Atmosphäre zu
versetzen. Rechts von dem flachen Werkstattgebäude "Pfännerhall"
drängen sich vielleicht 50 Zelte auf der Wiese. Auf der anderen Seite
des Gebäudes stehen das große Küchenzelt, der Grill und die Bänke für
die Mahlzeiten. Und wer immer morgens vom Zelt zum Frühstück will,
kommt an der Tanzfläche vorbei. Läuft da nicht gerade ein wunderschöner
Song? Will man nicht ohnehin den neuen Schritt ausprobieren? Ah, da ist
ja noch jemand, dem es so geht. Und prompt macht man zwischen Zähneputzen
und Müsli ein paar Tango-Schrittchen, ein-zwei Sacadas, und dann
schnell weiter, so lange die Brötchen noch frisch sind. Ein Soziologe würde
die ganze Sache wohl ein "niedrigschwelliges Tanzangebot"
nennen.
Den ganzen Tag ist das Tango-Café geöffnet: Ein Café ohne Kaffee aber
mit viel Tango, wo ständig an neuen Schritten und Figuren gebastelt
wird. Vorherrschende Stilrichtung: Tango Nuevo mit großen Schritten und
überdrehten Giros. Und die Musik? Viel Hugo Diaz, viel Non-Tango und
eigentlich nie Di Sarli. Wer immer das Tango-Café betritt, wird in
wenigen Minuten um ein Tänzlein gebeten. Auch hier wieder: ein sehr
niedrigschwelliges Tanzangebot. Wer hier nicht tanzt, der tut es
nimmermehr. Zu der warmen Atmosphäre trägt auch die Sonne bei, die
durch die großen Fenster in das sanierte Werkstattgebäude knallt. Es
dauert nicht lange, und das Ganze tropft wie eine einzige große
Tango-Sauna.
Im großen Saal finden während dessen die Workshops statt. Judith
Preuss und Constantin Rüger aus Berlin unterrichten Giros und Milonga,
Stravaganza bringt Musikverständnis und Volcadas bei. Daniela Franzen
und Marcello Monaco zeigen Sprünge und Akrobatik. Die Lehrer müssen in
der beträchtlichen Hitze Zusatz-Workshop um Zusatz-Workshop
einschieben: So viele Teilnehmer sind ganz versessen darauf, ihr
Repertoire zu erweitern.
Der eigentliche Phantastango-Zauber besteht aber in etwas ganz anderem.
Zum Beispiel in den Wasserbällen, die zwei Camp-Teilnehmer in einem
Nebenraum unter die Decke gehängt haben - eine Idee, die sie von einem
Tango-Event in den USA mitgebracht haben: Die Frau schließt die Augen,
der Mann führt einen gut gezielten Voleo, und schwupps, fliegt der Ball
durch die Gegend. Zauber auch in der dunklen Stimme Marios, die aus dem
Nebenraum klingt. Er übt gerade mit einer Akkordeonistin und einem
Geigenprofi für einen kleinen spontanen Auftritt am Abend: "Volver".
Phantastango-Zauber auch in den sechs afrikanischen Trommeln, die
Johanna mitgebracht hat. Wenn sie abends mit ihrem Küchen-Job fertig
ist, dann trägt sie die Instrumente hinters Haus und wer trommeln will,
darf trommeln. Schwupps, bildet sich auch hier ein kleines Orchester und
ungeplant geraten die Proben zu kleinen Aufführungen. Im Schein der
Schwedenfeuer erklingt bald herzlicher Beifall. Dazu jongliert Ruth plötzlich
mit ihren Feuer-Dingern. Was als Trommelprobe geplant war, endet als
Happening. Es sind diese ungeplanten, ungeahnten Wendungen, die das Camp
so toll machen. Vielleicht sind gerade die Sachen, die die Teilnehmer
selbst mitbringen, genau das Beste an Phantastango. "Es war nicht
nur so schön, wie ich es erwartet habe", sagt Veranstalterin
Mirjam Trepte: "Es war viel schöner."
Erwähnt werden muss auf jeden Fall auch Bernd. Er hat seine
Rundlings-Zelte aus dem Wendland angeschleppt.
Er unterrichtet morgens um acht, schon vor dem Frühstück, Flamenco.
Mittags können sich die Teilnehmer bei ihm im Bogenschießen üben.
Wenn gerade der Notfall ausgebrochen ist, kocht er in aller Ruhe 20
Liter Kaffee. Und dann treibt er sich bis nachts auf der Tanzfläche rum
und bespaßt jede, die nicht bei drei auf dem Baum ist.
Und ganz nebenbei, so sieht es aus, organisiert Bernd auch noch stets
gut gelaunt das Putzteam. Das was? Richtig gelesen: Das Putzteam.
Zu Phantastango gehört nämlich auch, dass jede Teilnehmerin und jeder
Teilnehmer einmal Frühstück machen muss, einmal putzen muss und einmal
kochen muss. Einerseits hilft das, die Kosten niedrig zu halten. Aber
das ist wohl nur ein Nebeneffekt. Das Selbst-Anpacken verhindert vor
allem eine Konsumenten-Haltung. Weil jeder weiß, dass er demnächst
selbst mit anpacken muss, meckert man nicht so schnell. Und wie sagt ein
alter Tango-Kämpe: "Wer zusammen vierhundert Kartoffeln geschält
hat, der kann auch zusammen tanzen." Recht hat er.
Zu erwähnen sind auch Madeleine, ihr Freund und ihre beiden Kinder. Sie
haben ein großes orangenes Stoffzelt auf die Wiese vor die Werkstatt
gestellt, frei zur Benutzung für alle. Darin hängt eine Hängematte
- ein toller Schattenplatz. Und daneben steht ein fünf Meter großer
Swimming-Pool, den die vier ebenfalls mitgebracht haben.
Und so kommt es dann zu einer Szene, wie es sie nur bei Phantastango
geben kann. Als Judith und Constantin Milonga unterrichten, kommt überraschend
Mit-Veranstalter Andreas Eichel auf die Tanzfläche. "Hinten ziehen
ganz dunkle Wolken auf", sagt Andreas: "Vielleicht macht Ihr
kurz fünf Minuten Pause, damit alle ihr Zelt ordentlich zumachen können."
Schnell verschnüren alle ihre Zelte, die Milonga-Stunde geht zu Ende,
der Regen bricht los.
| Und plötzlich tanzt ein Dutzend Freaks draußen im
Sturz-Regen, Köchin Susanne tritt im Pool zu einem vorbildlichen
Tango zu Hippie-Musik an und ein pitschnasser Volleyball wird
durch die Gegend gepritscht. Dann hört der Regen auf. Die Sonne
bricht durch die Wolken. Purer Kitsch - für alle, die nicht
dabei waren. |

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Ausgabe August 2006
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