Tango en la calle
 


Das Cuarteto El Jaguar im Augsburger Thalia-Café

Text: Veronika Fischer


Foto:  Veronika Fischer



Dienstagabend. Die Schuhe sind gepackt. In meinem Lieblingscafé spielt das Augsburger Cuarteto El Jaguar. Traumhafte Atmosphäre, ein hoher Saal mit Galerie, eine Bar, gedämpftes Licht des Kristall-Lüsters. Der mittlerweile vergilbte Charme eines 1920er-Tangoclubs in Buenos Aires lässt sich hier fast mit Händen greifen, die Hitze von draußen drückt gegen die gespannte Erwartung des vollen Saales.

Mit klassischen Tangothemen, aber in frischen Arrangements eröffnen die vier Musiker - darunter die Augsburger Pianistin Iris Lichtinger und der Argentinier Raul Salani - den Abend. "Danzarin", "Organito de la tarde" - das Publikum gibt sich begeistert, spätestens bei den lebhaften Milongas "Corralera" und "Taquito militar" wippen die Fußspitzen mit. Auch die Anekdötchen und Titelübersetzungen, die Iris Lichtinger zwischen den Stücken zum Besten gibt, tragen zu einer gelösten, Milonga-haften und persönlichen Atmosphäre bei.

Nach einer guten halben Stunde ist das Set vorbei, das erste Getränk - übrigens erstaunlich preisgünstig - ist ausgetrunken. So allmählich wird die Unruhe der rund 25 Tänzer spürbar. Unter dem Tisch öffnen sich Rucksäcke, werden Flip-Flops gegen High Heels getauscht. Raul Salani lässt sein Bandoneón schmeichelnd das nächste Set ankündigen.
Plötzlich verkündet die Flüsterpost: der Veranstalter habe das Tanzen verboten. Enttäuscht verschwinden die meisten Tanzschuhe wieder. Nach dem ersten Tango - "Tanguera", eine wunderschöne, kraftvolle Version - zieht es einige Renitente von den Stühlen, nach draußen. Wenn wir hier nicht dürfen, dann tanzen wir eben vor der Tür!

Versunken schlurfen wir über den Asphalt, die Musik ist dank der geöffneten Türen gut zu hören. Erst einige Tangos, dann die sanften Valses "Desde el alma" und "Corazón de oro". Viele der Konzertgäste drehen sich um, manche kommen heraus, um zuzusehen. Passanten bleiben verwirrt-fasziniert stehen. Gelegentlich hakt sich ein Gancho in die Stange eines abgestellten Fahrrads, nach einigen Tänzen schmerzen die Knie. Doch die Musik ist zu energiegeladen, um über die Unannehmlichkeiten auch nur nachzudenken oder gar aufzuhören.

In seiner Anfangszeit wurde der Tango an den Straßenecken der Barrios getanzt, weil der Schlampenschwof in anständigen Cafés nichts verloren hatte. Mitte Juli 2006, in Augsburg, ist er dahin zurückgekehrt, auf den schmalen Bürgersteig vor dem Haus am Obstmarkt. Danke an die Tangueros, die sich nicht haben abschrecken lassen - durch eure Verrücktheit und Liebe zum Tanz war der Abend nicht nur ein akustischer, sondern auch ein tänzerischer Genuss. Zumal in den frühen Morgenstunden doch noch ein, zwei Parkett-Tangos möglich wurden.

 


El Jaguar       Foto: Pietro Francescatti


All denen, die die Möglichkeit haben, El Jaguar (die übrigens auch als Duo oder Trio auftreten) live zu hören und dabei tanzen zu dürfen, sei die Gruppe wärmstens empfohlen: man darf sich nicht nur auf eine frische, kraftvolle Version der alten Tango-Themen freuen, sondern sich auch sicher sein, dass die Musiker keinen konzertanten, sondern durch und durch tanzbaren Tango spielen. Schade, dass dies momentan noch auf Live-Auftritte beschränkt ist: eine CD ist erst für nächstes Jahr geplant, ebenso wie die nächste Live-Tour.

Weitere Informationen und Sound-Samples findet man jedoch hier...

Vergleichen Sie hierzu auch den Artikel unseres Autors Fabian Kasten über die Tango-Montage auf der Münchner Praterinsel im Jahr 2005.

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Ausgabe August 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)