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Text: Kerstin Tomiak
Fotos: Astrid Weiske
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Sie sind vielleicht - betrachtet man ihren
"Standort" - nicht der Höhepunkt der Tangogarderobe. Trotzdem
sind sie das Wichtigste. Tanzen kann man letztlich - wenn man das mag
- auch in Jeans. Aber ohne die richtigen Schuhe läuft gar nichts.
Oder alles nur sehr mühsam. Tangoschuhe sind einfach die Voraussetzung
fürs Tangotanzen. Da steht man dann vor einer Vielzahl von Modellen
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im auf Tangoschuhe spezialisierten Laden
- und dann?
Wie immer haben es Frauen in der Frage
der Auswahl schwerer. Es gibt einfach mehr Variationsmöglichkeiten.
Offen oder geschlossen, T- oder Kreuzriemen, Barock- oder Blockabsatz,
zwei Zentimeter Absatzhöhe oder doch 8,5? Und welche Farbe soll es denn
sein? "Vieles", sagt Andreas von Zapatos de Baile in Berlin
Neukölln, "ist natürlich Geschmacksfrage."
Eins aber ist wichtig
bei der Anprobe im Geschäft. "Tangoschuhe müssen drücken." Und
bei dieser Aussage lächelt Andreas so treuherzig, dass man glaubt sich
verhört zu haben. Und dann erklärt er.
Im
Gegensatz zu herkömmlichen Schuhen bestehen Tangoschuhe aus nur einer
Haut. Herkömmliche Schuhe für den Gebrauch im Leben jenseits des
Salons bestehen aus mehreren, und dabei sind die mittleren immer aus
Kunstleder. Das gibt und erhält die Form des Schuhs. Straßenschuhe
geben nie so nach wie Tanzschuhe, deswegen müssen sie von vornherein
passen. Tangoschuhe dagegen bestehen nur aus einer Haut, und zwar aus
meist weichem und daher relativ nachgiebigem Leder. Das bedeutet, dass
die Schuhe bei der Anprobe eng sitzen müssen, sogar sehr eng. Dass sie
also eigentlich drücken müssen, die eventuell neuen Schuhe. Denn
dann, und nur dann, sitzen sie nach dem Eintanzen noch richtig. Nickend
und verstehend denke ich an mein erstes Paar Tanzschuhe, die ich der Mülltonne
übergab, nachdem ich darin - Achse hin oder her - schwankte wie ein
Schilfhalm im Wind. Bei der Anprobe im Laden hatten sie hervorragend
gesessen. Nur dass mir damals eben nicht klar war, dass "hervorragend
sitzen" bei Tanzschuhen bedeutet: Sie drücken. Zumindest zunächst.
Aber das ist bei weitem nicht das einzige Auswahlkriterium des perfekten
Tanzschuhs. Welche Absatzhöhe soll er denn eigentlich haben, der
hoffentlich zunächst drückende Schuh? "Mindestens fünf
Zentimeter", sagt Andreas. Vorsichtig wende ich ein, dass ich mit
einer Körpergröße von 175 cm zwar noch nicht zu den Riesen im Lande
gehöre, aber bei meiner bevorzugten Absatzhöhe von sieben Zentimetern
lande ich dann eben doch bei 182 Zentimetern und das sortiert
- für mich
- viele Tänzer von vornherein aus. Nachsichtig schüttelt
Andreas den Kopf. "Ein guter Tänzer", sagt er "bringt die Dame in
den Boden, da macht ein Größenunterschied nicht mehr soviel aus."
Und darüber hinaus unterstützt der Schuh eben erst ab fünf Zentimeter
Absatzhöhe die Haltung der Dame.
Muss drücken bei der Anprobe, notiere ich innerlich, mindestens fünf
Zentimeter hoch. Was noch? Offen oder geschlossen, das ist mehr oder
weniger Geschmacks- und Wetterfrage. In Argentinien bevorzugen viele
Frauen den offenen Tanzschuh. Nichts beengt
die Zehen, so kann man sich richtig "in den Boden krallen"
und damit viel in der Achse ausgleichen. Das ist beim geschlossenen
Schuh natürlich nicht möglich. Allerdings, so glaube ich, ist in
Argentinien auch das Wetter besser, was ebenfalls ein Argument für den
offenen Schuh ist, oder besser gesagt, den offenen Schuh möglich
macht. Gibt es etwas Geschmackloseres als in Nylons verpackte Zehen, die
einen aus offenen Schuhen anlugen? Nein, denke ich. Aber auch das mag
eine Geschmacksfrage sein.
Barock- oder Blockabsätze? Orthopädisch gesehen ist klar, je dünner
der Absatz, desto größer der Druck, den die Tänzerin auf den Boden
ausübt, desto mehr leidet im Zweifel auch der Fuß. Trotzdem: Barockabsätze,
also schlanke Absätze, die sich zum Ende hin eine Spur verdicken, sind
zum Tango am besten geeignet - und besser aussehen als Blockabsätze
tun sie sowieso. Ob T- oder Kreuzriemen, oder eine Kombination aus
beidem, Schnallen oder Druckknöpfe und welche Farbe: Das entscheidet
jede(r) auf Grund des persönlichen Geschmacks.
Herren, ich erwähnte es schon, haben es bei der Auswahl ihres Schuhs
leichter.
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Denn der klassische Herren-Tangoschuh ist schwarz. Gut, hin
und wieder sieht man das Budapester Muster, aber damit hat es sich bei
den Herren auch schon mit der Variation (der Schuhe, nicht des
Tanzstils!). Grund: der Herr, so sagt der Fachmann, soll die Dame präsentieren.
Nicht selbst wie ein Gockel auf der Tanzfläche stehen. Klassisches
Understatement also für den Herrn, barfuss aber doch bitte nur in
Ausnahmefällen. |
Entsprechend ist bei der Schuhauswahl wichtig: Er muss drücken, der
Schuh, und er darf außen keinen Falz haben. Wird nämlich sauber getanzt,
dann kann man darüber stolpern. Ein klassischer Tanzschuh aber hat diesen
Falz sowieso nicht, es ist also nichts, worauf der Herr achten müsste
beim Schuhkauf. Bisher stellen sich höchstens die Fragen: braun oder
schwarz, Budapester Muster
oder nicht, ein- oder doch zweifarbig.
Im Sommer jedoch wird die Regel vom klassischen, schlichten Herrenschuh
aufgebrochen.
Zapatos de Baile
wird dann eine neue Kollektion anbieten, und da gibt es dann auch für
die Herren buntere und ausgefallenere Schuhe.
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Nun ist bunt und ausgefallen vielleicht
ein wichtiges Kriterium für den schön anzusehenden Schuh.
Der perfekte Schuh aber soll den Fuß unterstützen. Am
Ende einer intensiv getanzten Milonga tanzt die kleine Meerjungfrau oft
genug auf Messern, Tanzen geht eben auf die Füße. Aber es gibt Lösungen
für die Probleme. Bei Zapatos arbeitet man mit einer Schuhmacher-
werkstatt zusammen. |
Da wird der frisch gekaufte Schuh
auseinander genommen, ein Abdruck vom Fuß, der ihn tragen soll, gemacht und
dann bekommt er mittels Einlagen die perfekte
Passform.
Tschüß,
verdammte, schmerzende Hornhaut am Innenballen! Eine Frage bleibt bei
all dem noch: Wer ist der beste Hersteller? Da lächelt der Fachmann
erneut. "Die Nachfrage nach argentinischen Schuhen ist natürlich groß",
sagt Andreas. "Die Argentinier sind fantastische Tänzer." Er macht
eine Pause. "Gute Schuhhersteller sind sie eigentlich nicht. Besser
von der Qualität und vom Preis-Leistungs-Verhältnis her sind eindeutig
die Italiener."
Die drücken wirklich nur dann, wenn sie es sollen: Bei der Anprobe. Und
sie halten ewig, vorausgesetzt, die Sohle -aus Chromleder! - wird
regelmäßig gebürstet und der Schuh ein wenig gepflegt. Mit farbloser
Schuhcreme, natürlich. Der nächste Herr mit weißer Hose wird es
danken.


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