Spiel ohne Grenzen
 


Dino Saluzzi und Anja Lechner im 
Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie

Text: Frank Lubnow
Fotos: Torsten Moebis



Der Großmeister des Bandoneóns hat es immer wieder vermocht, mit außergewöhnlichen Partnern auf der Bühne oder im Aufnahmestudio zu überraschen. Nach seiner Zusammenarbeit mit dem Rosamunde-Quartett vor acht Jahren spielte Dino Saluzzi nun im Duo mit dessen Cellistin Anja Lechner. Eine CD mit ihr ist schon aufgenommen und wird im nächsten Jahr veröffentlicht, eine USA-Tournee ist angesetzt.

Der Abend in der Philharmonie wurde als Tango-Konzert angekündigt. Wer in Erwartung der üblichen Konfektion im Saal Platz genommen hatte, dem wird bei den ersten Tönen der Schreck in die Glieder gefahren sein: Da türmten sich kleine Sekunden und große Septimen mit Hilfe von verminderten Quinten zu unwirtlichen Dissonanzgebirgen auf, erst einige Metamorphose führte im weiteren Verlauf zu belebten, zuweilen auch energisch rhythmisierten, sanft geschwungenen Landschaften. Immer wieder am Abend verband Saluzzi so Gegensätzliches miteinander, bewegte sich dabei in tonalen/atonalen wie in formalen Zusammenhängen so frei, wie es nur wenige vermögen.

Manche seiner Kompositionen folgen einer imaginären Struktur aus Präludium – Choral – Fuge und Tango, nicht von ungefähr erinnert das an Bach. Harmonische Wendungen, Linienführung der Melodien, die verborgene bzw. apparente Polyphonie, das Schöpfen aus einem unendlichen Vorrat an Variation, eine improvisiert erscheinende Musik, die indes durchdacht konstruiert ist, verbinden den genialen Nordargentinier mit dem Genie aus Thüringen. Bach, zu Lebzeiten nicht gerade eine Berühmtheit, war seinen Zeitgenossen vor allem als großartiger Improvisator bekannt.

Die latente Zwölftonigkeit des einstigen Hofkapellmeisters kann Saluzzi, Kind des 20. Jahrhunderts, natürlich zu anderer, potenzierter Schärfe treiben, und das tut er auch. Er bedient sich aus dem Setzkasten der zweiten Wiener Schule, streut hier ein wenig Serielles, platziert da ein paar Cluster – und plötzlich weht das Echo einer Bach’schen Cellosuite aus dem wohltönenden Instrument von Anja Lechner.

Beim Spielen lotet er immer wieder die Grenze zwischen Klang und Stille aus; besser gesagt, er spielt mit ihr. In den ppp- Regionen der Musik wird das Geräusch der sich bewegenden Knöpfe des Bandoneóns zum rhythmisierenden Element, darüber ziehen die Linien von Saluzzi und Lechner in betörender Kalligraphie durch die Luft. Der Klang seines Instruments oszilliert zwischen allerfeinstem Belcanto und einem Puglieseschem 'Heavy Bandoneón'; kongenial mit Anja Lechners Singen, Schnurren oder Knurren auf dem Cello.

In bewegteren Abschnitten verhaken sich die Instrumente, das Cello zeigt sich widerborstig, komplementäre Rhythmik lässt Funken auf der Bühne sprühen; Jazz und Rockmusik hinterlassen ihre Spuren. Aber immer auch wieder der vertraute Bassgang, die Synkopen, der Tonfall des Tangos. Mal als Dialog in rhetorischen Formeln, mal epischer Gesang und Metapher changierender Seelenzustände, durchzieht er den Abend als begleitender Grundtonus. So war es gemeint: Todo es Tango.

Programmhefte waren nicht erhältlich, so dass das Publikum sich bei diesen Abenteuern nicht einmal an den Namen des eben gehörten festhalten konnte. Wer sich auf die Entdeckungsreise mit den Ohren einlassen konnte, wurde reich belohnt. Viele taten das und bedachten die Künstler mit Ovationen; Saluzzi trat dann aus dem Rampenlicht in den Halbschatten, allein dem Bandoneón sollte gehuldigt werden; schließlich nahm er es auf den Arm, wiegte es wie ein Baby und küsste es zärtlich.

In einer der Zugaben am Ende setzte Saluzzi, nun Solo, zum Ritt durch die Tangoklassik an, auf seine Art. Die Originale verstummten, kaum angespielt, und er simulierte mit der rechten Hand eine Drehleier ... spielte weiter und nun rutschte den Gassenhauern die vertraute tonale Unterlage weg. Da schwammen sie neugeboren im Ozean der Dinoharmonien, und allen tat das gut.



Das letzte Stück, eine indianische Meditation über dem ostinaten Cello fasste das Glück des Abends noch einmal kurz zusammen: es liegt im wesentlich Einfachen. Schubladendenker und Liebhaber gepflegter Konfektion werden nicht leicht glücklich mit dem Universum von Dino Saluzzi– allen anderen beschert er ein Stück vom Paradies.


Zur CD-Rezension von Anja Lechners "Tango à trois" in unserer Oktober-Ausgabe
Zur Website von Dino Saluzzi

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Ausgabe November 2006

 


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Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)