"Tango" als Ballett in Gießen
 


Text: Dagmar Klein
Foto: Merit Engelke



 


Der Tango hat es im vergangenen Jahrhundert mehrfach auf die Theaterbühne geschafft, seit Mitte September nun auch auf die des Stadttheaters Gießen. Ballettdirektor Tarek Assam überzeugte Gabriel Sala vom Wiesbadener Staatstheater, sein Tanzstück "Tango" (Uraufführung 1983) noch einmal in Gießen einzustudieren. Nach Augsburg, Schwerin und Wiesbaden ist die mittelhessische Universitätsstadt damit der vierte Ort, an dem Sala seine Version der Geschichte des Tango erzählt. Gabriel Sala kreierte das Tanzstück zu einem Zeitpunkt, als der Tango seinen erneuten Vormarsch in Europa begann, aber noch wenig darüber bekannt war. Was genau sich über all die Jahre von Inszenierung zu Inszenierung verändert hat, das vermag wohl nur der Meister persönlich zu sagen. Auf den aktuellen Elektrotango geht er jedenfalls noch nicht ein.

Die Gießener Tanz-Compagnie besteht aus acht Tänzern und Tänzerinnen: Miranda Glikson, Melodie Lasselin, Susan MacDonald und Magdalena Stoyanova, Aarne Khyutt, Inda Moreno Fuentes, Elias Sobrecasas und Hiroshi Wakamatsu. Ihr normales Repertoire liegt im Bereich Modern Ballet und Tanztheater - das heißt, die Profi-Tänzer mussten sich für die neue Produktion zunächst in die Feinheiten der verschiedenen Tangostile einarbeiten. Und sie tun es mit Bravour! Sie erreichen in der Aufführung einen Grad an Intensität, Lockerheit und Witz im Auftreten, der wohl nur durch ihre große Freude am Tango möglich wird.

Das Stück erfordert 16 weitere Akteure, zusätzlich engagiert wurden vier professionelle Tänzer/innen: Julia Khyutt, Svenda Obrocki, Kai Guzowski und Guido Markowitz. Dazu kommen noch Tänzer aus der Gießener Tango-Szene: Marina Carl, Silke Fuchs, Julia Haitsch und Ina Rank, Thomas Himmighofen, Jens Ravari und Norbert Tiedemann. Für diese Rollen gab es bereits am Ende der letzten Spielzeit ein großes Vortanzen. Die Verteilung auf der Bühne ist geschickt arrangiert, in den großen Gruppenszenen sind die Amateure im Hintergrund verteilt und vermitteln so den optischen Eindruck einer Menschenmenge. Die auch schauspielerisch höchst eindrucksvollen Szenen sowie tänzerischen Soli und Duette übernehmen vor allem die Gießener Protagonisten und Guido Markowitz als einsamer Tango-Held.

Die Geschichte des Tango wird in einer Art Nummernrevue erzählt und das in rasantem Tempo. Eine Erzählerstimme aus dem Off vermittelt den groben Umriss der historischen Entwicklung, dennoch ist es nicht immer einfach, die zahlreichen Variationen der Tanz- und Musikstile zuzuordnen. Leider fehlt auch die Angabe der Musiktitel im ansonsten sehr informativen Programmheft. Nach dem ersten Besuch bleibt der Eindruck eines großen, bunten Bilderbogens, der geprägt ist von zauberhaften Kostümen (etwa 170!), bemerkenswerten Schuhen (in Argentinien gefertigt) und unaufwändigen, aber höchst einfallsreichen Bühnenbildern (Bernhard Nichotz) in Kombination mit stimmungsvollem Licht (Manfred Wende).

Der Wechsel der Bilder und Musiken lebt von Gegensätzen, und doch ist es immer Tango: die von Armut, Sehnsucht und Melancholie geprägten Szenen in den Armenvierteln von Buenos Aires, wo zunächst nur die Männer miteinander tanzen; die von Unbeholfenheit und Eifer zu Parodien werdenden Szenen in der Glitzerwelt der Pariser Salons und argentinischen High Society; die Showeinlagen der Varietebühnen, in denen der Tango zu Machogehabe und Geschlechterkampf mutiert. Nach der Pause werden eher die Einflüsse gezeigt, die der Tango auf andere Bereiche hatte: auf Politik (Peronisten) und Alltag (Gauner und Geschäftemacher), auf den modernen Bühnentanz und das Chanson. Ein schwungvoll choreographierter Abgang bezieht das begeistert mitklatschende Publikum ein, die Stimmung bei der Premiere war großartig.


Weitere Vorstellungen: 12. November, 03. und 29. Dezember 2005; 6. und 18. Januar sowie 03. Februar 2006, jeweils 19.30 Uhr im Stadttheater Gießen.

Am 12. November, 06. Januar und 03. Februar besteht für die Besucher die Möglichkeit im Anschluss an die Aufführung (ab 21.45 Uhr)  im oberen Foyer den Tangosalon zu besuchen und selbst das Tanzbein zu schwingen, der Eintritt beträgt 3,00 Euro.

 

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Ausgabe November 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)