Sacadas an der Außenlinie
 

Kieler Schulturnhalle: Tango in Sneakers

Text: Torsten Moebis
Foto: Torsten Moebis


Als ich erfuhr, dass mich mein Weg dienstlich in den Norden der Republik - unter anderem nach Kiel - führen sollte, suchte ich als Tangomane gleich hektisch im Internet nach abendlichen Veranstaltungen, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Fündig wurde ich allerdings nicht bei den ,Dailys' oder den ,Specials', sondern erst bei der Stichwortangabe ,Tango' und ,Kiel'. Das Inserat versprach Raum zum Tanzen und zum Üben in einer Schule im Norden von Kiel.

Vorab klärte ich noch einmal telefonisch Ort und Zeit und fand mich dann in der Dunkelheit an der benannten Schulturnhalle ein. Ein freundlicher Hallenwart, der gerade die letzten Gäste einer Gymnastikgruppe, die ich ,Sixties-Plus' taufte, aus der Turnhalle verabschiedete, ließ mich ein und deutete auf ein im Obergeschoss befindlichen Raum.

Pünktlich zur verabredeten Zeit trafen Bärbel Pastuschyk und Michael Schöning, die beiden Betreiber dieser Donnerstagabend-Veranstaltung ein. Der Weg führte die Treppe hinauf. Begleitet von dem turnhallenüblichen Geruch aus durchschwitzten Leibchen und Füßen, die zu lange in Turnschuhen gebliebenen sind, durchmischt von starken, vergebens geruchsbindenden Reinigungsmitteln, durchlebte ich in Bruchteilen von Sekunden meine Schulsportkarriere von der Grundschule bis zur Oberschule. Dieses Gefühl verstärkte sich durch das Tragen meines Tanzschuhbeutels, der in meiner Hand zu meinem damaligen Turnunterrichtsbeutel mutierte.

Oben angekommen wurde der Gymnastikraum aufgeschlossen, und nach kurzem Verharren in der Dunkelheit blendete das grelle Neonlicht den Raum bis in die hinterste Fuge aus. Der Raum unterschied sich übrigens nicht von einer Turnhalle. Dann ging alles sehr schnell: Michael packte den CD-Koffer aus und schaltete den Ghettoblaster ein. Die ersten Tangoklänge hallten noch etwas zaghaft durch den Raum, so als ob die Musik wusste, dass sie nicht den eigentlichen Raum ihrer Bestimmung erfüllte. Ehe sich jedoch der Raum an die Musik oder umgekehrt, die Musik an den Raum gewöhnen konnte, hatten Bärbel und Michael die Tanzschuhe entbeutelt und schritten die Außenlinie der Halle mit der Basse ab. Da ich die Beiden schon über meine hauptstädtische Herkunft und mein Anliegen informiert hatte, eventuell einen Besuchsbericht zu schreiben und fotografische Impressionen einzufangen, wurde ich auch nicht als Eindringling empfunden. In Ruhe durfte ich den Ort auf mich wirken lassen und Atmosphäre schnuppern.

Es dauerte nicht lange bis die ersten Tangotänzerinnen und Tänzer fast im Minutentakt in die Halle eintraten, ihre Tanzschuhe (oftmals auch Turnschuhe) anschnallten und sich auf das Spielfeld begaben. Ungefähr zehn Paare fanden sich an diesem Abend zum Erfahrungsaustausch ein. Die meisten kannten sich bereits. Die Atmosphäre war locker und familiär, und es wurden munter die Tanzpartnerinnen und Tanzpartner gewechselt. Das, was ich da sah, beeindruckte mich; ob Sacadas an der Außenlinie, Ganchos im Mittelkreis oder Volcadas am Siebenmeterpunkt - man tanzte schön und war mit viel Spaß bei der Sache.

Die Musik wurde nach der üblichen Struktur einer Milonga aufgelegt, abwechslungsreich und gut tanzbar. Warum Michael allerdings uns gegen 22 Uhr bei den ,letzten Drei' so musikalisch und rhythmisch schwergängige Brocken vor unsere müden Füße und berauschten Ohren warf, blieb sein Geheimnis, schmälerte aber auf keinen Fall das Vergnügen des Abends.

Von der vielbeschriebenen norddeutschen Zurückhaltung spürte ich an jenem Abend jedenfalls überhaupt nichts. Meine Tanzpartnerinnen waren freundlich, aufgeschlossen und tänzerisch entwickelt, so dass ich allen Tangueras und Tangueros jederzeit einen Besuch dieser nicht ganz alltäglichen Veranstaltung in Kiel empfehlen möchte. Da es sich bei dem Tanzboden um ein reguläres Turnhallenparkett handelt, rate ich aus praktischen Gründen zu Turnschuhen oder Sneakers. Ach ja, und an Trank und Snack für kurzzeitige Tanzpausen sollte bei Bedarf ebenfalls gedacht werden, da der Hallenwart Feierabend macht und weder Getränke noch selbst geschmierte Brötchen serviert.

Afterwork Tango: Übungsabend zum Trainieren und gegenseitigem Erfahrungsaustausch. Nachbereiten von Kursen und Workshops. Hardenbergschule, Hardenbergstraße 9, Kiel. Jeden Donnerstag 20-22 Uhr (in den Schulferien nur nach Absprache mit Michael Schöning. Eintritt kostenlos. Telefon 0431-3107243.) 

Alle aktuellen Informationen zu dieser Veranstaltung findet ihr auch unter www.tangonoir.de/afterworktango.html .

 

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Ausgabe März 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)