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Ein Tangobesuch in Wien

Foto:
Boing www.photocase.com
Text: Robert Schmitz-Niehaus
Wien ist immer eine Reise wert, dachte ich bei mir, und fand schließlich
auch die Möglichkeit hinzufahren. Die Stadt des Walzers sollte doch
auch fruchtbarer Boden für den Tango Argentino sein. Klischees über
die Österreicher und die Wiener im speziellen gibt es ja wahrlich
genug: angefangen beim "Schmäh", über eine eigentümliche
Blasiertheit, die bisweilen in Arroganz gipfelt, das ausgeprägte
Phlegma der Eile-mit-Weile-Haltung und schließlich das tief verwurzelte
Bewusstsein, der Nabel der Welt zu sein. Das Epizentrum der Kultur
schlechthin, genährt von der bis heute sichtbaren K&K Zeit,
manifestiert in der Architektur des Stadtbildes und der allgegenwärtigen
Präsenz von Mozart, Strauß & Co. Daneben fallen einem noch der
Prater mit seinem Riesenrad als Wahrzeichen, Sachertorte aus dem
gleichnamigen Kaffee sowie Topfenstrudel, Germknödel und Palatschinken
ein – Lipizzaner von der Hofreitschule und die Fiaker nicht zu
vergessen. In der Summe alles Attribute, die eine gediegene, verlässlich
langsame und schwer im Magen liegende Mischung garantieren.
So weit die Theorie. Und die Wirklichkeit?
In der Realität ist die Tangoszene von Wien viel kleiner als man bei
einer Kulturhauptstadt dieser Größe und Bedeutung vermuten möchte
(ca. 300 Tanzende). Das muss aber bekanntermaßen kein Nachteil sein –
Klasse statt Masse! Das Publikum ist erfreulich über alle Altersklassen
durchmischt und nach meiner persönlich gesammelten Erfahrung auf den
drei größten Milongas der Stadt sowohl aufgeschlossen als auch sehr
welt- und (Tanz)kulturoffen. Als Führender unterwegs zu sein, macht das
Leben gemeinhin leichter und nur aus dieser Perspektive kann ich meine
Erfahrungen schildern. Diese waren für mich als Anhänger des Tango
Nuevo jedoch durchweg positiv! Und hier ist eine für mich nicht ganz
nachvollziehbare Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenbar:
Zwei der drei besuchten Veranstaltungen waren von der Musikauswahl
bereits von Begin an mit moderner Musik durchsetzt. Diese wurde auch
angenommen – allein der Tanzstil der breiten Masse konnte nicht
mithalten. Figuren außerhalb der Achse oder andere höher dynamisierte
Elemente wurden nicht getanzt, weil nicht geführt. Allerdings: wenn sie
denn geführt werden wird auch mit Freude geantwortet. Fazit: die
Community ist grundsätzlich bereit für neue Impulse, die Veranstalter
bieten auch schon das Umfeld, aber mit der Ausbildung in dieser hapert
es noch.

Tangobar
Foto: RSN
In medias res:
Donnerstags: Tangobar
Ein wunderschöner Ballsaal mit Musik von DJ Rafael. Ambiente und
Tanzende machen sehr viel Spaß, die Stimmung ist sehr leger, ich werde
freundlichst als "Neuling" registriert und angesprochen,
Neugier begegnet mir. Mit viel positivem Feedback beende ich den Abend.
Freitags: Galeria Ideal
Vom Stil her ganz anders als die Tangobar: kein Ballsaal, dafür aber
moderne Funktionalität, trotzdem sehr gemütlich. Kunst trifft Kultur.
Dies ist auch das Konzept von Christian Xell, dem Betreiber: Kunst nicht
nur traditionell zu verkaufen, sondern auch auf Zeit vermieten, in einem
offenem Forum weltoffener Geister, art meets culture. Sein Konzept gibt
ihm recht, und nicht nur weil er den besten Tanzboden der Stadt hat, ist
seine Milonga bestens besucht.
Samstags: La Noche de la Morocha
Ausnahmsweise findet die Milonga "La Noche de la Morocha" im
Theater des Augenblicks statt. Eine sehr traditionelle Milonga wie in
Buenos Aires, mit konsequenten tandas, cortinas sowie der Ansage der
Orchester. DJ Christophs Auswahl der Musik ist sehr gekonnt und
harmonisch; modernes gibt’s fast gar nicht – (eine tanda Color
Tango), Piazzolla und Pugliese werden als nicht tanzbar von der
Veranstalterin abgelehnt. Trotzdem gefällt mir die Milonga außerordentlich
gut, in jedem Fall gibt’s genügend Platz und meine durchaus
"modern getuneten" Damen kenne ich mittlerweile.
Unterm Strich lässt sich sagen: ich werde wieder nach Wien fahren, ganz
bestimmt! Vielleicht rafft sich ja ein Konsortium auf, ein Festival im
Strauß-Pavillon am Stadtgarten zu organisieren? So im Sommer, das wäre
ein würdiger Ort!
Beste Übersicht über die Veranstaltungen in Wien mit vielen Fotos: www.tango-austria.com
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Ausgabe März 2007
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