"CD-Rezension"
 
Yann Tiersen, Les Retrouvailles
Label: Virgin Music
Best.-Nr. 7243 4773522 6
VÖ: 20.06.2005
Spieldauer: 43:40 Min.

Text: Jörg Buntenbach

Der Musiker Yann Tiersen wurde einem breiteren Publikum vor allem mit seinen Soundtracks zu Die fabelhafte Welt der Amélie und Good Bye, Lenin! bekannt. Ich würde sogar sagen, dass Tiersens Musik einen nicht geringen Teil des Erfolges der genannten Streifen ausmachte.

Auf den ersten Blick hat Tiersens Musik nicht unbedingt etwas mit Tango zu tun. Auf den Zweiten auch nicht - aber der Titel "La Valse D'Amélie" war und ist auf vielen Milongas zu hören. Auch auf der neuen CD Les Retrouvailles gibt es einen Musette-Walzer, den einige Tango-DJs bereits für ihr Repertoire entdeckt haben. Gemeint ist Titel Numero 4: "La Veillée" ("Die Nachtwache") knüpft vordergründig musikalisch sehr an "La Valse D'Amélie" an, ist bei näherer Betrachtung jedoch eine wundervolle Ergänzung. 

Überhaupt ist das neue Album Yann Tiersen's vergleichbar mit anderen seiner bisherigen Veröffentlichungen (bislang sind 10 CDs von ihm zu haben). Vielleicht trägt diese Kompilation deshalb des Titel "Les Retrouvailles", zu deutsch "Die Wiedergefundenen". Der Hörer hat das Gefühl, einem alten Bekannten zu begegnen. Und über dieses Wiedersehen freut man sich! Denn bei aller Wiedererkennbarkeit wiederholt Tiersen sich in seinen Kompositionen, die er für dieses Projekt abgeschieden auf einer kleinen Insel erarbeitete, nur minimal. Das mag daran liegen, dass er zwar seinen Stil gefunden hat, diesen jedoch sehr innovativ weiterentwickelt. Manchmal schwermütig, melancholisch, manchmal verträumt - aber immer verspielt und voller neuer Ideen. Tiersen überrascht eins ums andere Mal und nimmt uns mit auf eine Reise in seine musikalische Welt der sensiblen Streicher, sanften Akustikgitarren und - natürlich - der Klänge des Akkordeons. Wohltuend dezent und unaufdringlich. Hintergründig hat man immer irgendwie das Gefühl, in einem französischen Film dabei zu sein.

Gleich beim ersten Stück "Western" können wir uns fallen lassen, denn schon hier überzeugt der Bretone uns mit seinem Einfallsreichtum. Die eingängige Melodie beginnt einfühlsam und leicht, steigert sich zum Ende hin, ohne in übermäßige Dramatik auszuarten und hört abrupt auf, um dann leichtfüßig zum zweiten Titel "Kala" überzuleiten. Elisabeth Fraser, vielen bekannt von den Cocteau Twins, verleiht diesem Stück etwas engelhaftes. Fraser, die uns auch bei "Mary", der Nummer 13 auf der CD, mit ihrem Gesang verzaubert, ist nicht der einzige musikalische Gast auf "Les Retrouvailles": So drückt Jane Birkin dem Titel "Plus D'Hiver" mit ihrem schwermütig-verträumten Sprechgesang ihren unverwechselbaren Stempel auf. Stuart A. Staples von den Tindersticks bereichert den Song "A Secret Place" mit seiner kantigen Stimme. Christophe Miossec, einer der Wegbereiter der sogenannten "Nouvelle Scène" in Frankreich, der sich in der Tradition von Gainsbourg, Alain Bashung und anderen berühmten Kollegen sieht, sing bei "Le Jour De L'Ouverture" und man merkt genau, dass er sich gerne an der Schnittstelle zwischen Rock und Chanson bewegt. So passen alle wunderbar in das musikalische Konzept Tiersens. Nichts wirkt überhöht oder gar deplaziert. Ganz im Gegenteil!

Absolut hörenswert sind auch die Titel "Loin Des Villes", das rasante "La Boulange" und das Titelstück "Les Retrouvailles", das sehr an "Amélie" erinnert. "Die Wiedergefundenen" halt. Das Interessante daran: nahtlos schließt sich das kurze, aber intensive "La Jetée" an den letztgenannten Titel an, mit dem die CD auch endet. Dieses Mal mit einer Prise barocker Kirchenmusik. Wie gesagt: Yann Tiersen ist immer für eine Überraschung gut.

Insgesamt befinden sich 16 Stücke auf dem Album. Sehr charmant ist die Beigabe des liebevoll gemachten Animationsfilms "Le Train" von Anne Laure Daffis und Léo Marchand, bei dem die Ähnlichkeit des Lokomotivführers mit Yann Tiersen vielleicht nicht ganz zufällig ist...

Fazit: die CD "Les Retrouvailles" ist allen zu empfehlen, die keine gängige Pop- oder Rockmusik erwarten und die offen sind für einen gewissen spielerischen Umgang mit Musik, die auch immer etwas Skurriles zum Ausdruck bringt.

Yann Tiersen war auf Europa-Tournee und hat seine neue CD vorgestellt. tangokultur.info war dabei. Elke Koepping hat in unserer November-Ausgabe über das Berliner Konzert berichtet: Mehr...

 

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Ausgabe Dezember 2005 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)