"Film-Rezension & Konzerttournee"
 
"12 Tangos - Adios Buenos Aires""
Ein Dokumentar-Film von
Arne Birkenstock
Deutschland, 2005
90 Minuten
Kinostart: 08.12.2005

Text: Jörg Buntenbach

So ein Special-Interest-Produkt wie ein Tangofilm sollte im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten einer Produktion, die mit wenig Budget auskommen muss, möglichst zielgerichtet beworben werden. Arne Birkenstock (Regie und Drehbuch) und Luis Borda (musikalischer Leiter) sind derzeit im Vorfeld des Kinostarts zu ihrem Film "12 Tangos - Adios Buenos Aires" in verschiedenen deutschen Städten auf Konzerttournee, um ihr Werk dem geneigten Publikum vorzustellen.
In Berlin fand die Veranstaltung am 01. Dezember in der Berlin Bar statt, mitten im pulsierenden Nachtleben der Hauptstadt, unweit der touristischen Meile um die Hackeschen Höfe herum. Allerdings musste man sehr aufmerksam sein, um den Eingang zur im Kellergeschoss liegenden Bar nicht zu übersehen, denn nichts wies darauf hin. Auch ein Filmplakat oder ähnliche Hinweise auf den kommenden Kinostart suchte man vergebens. Immerhin lagen im Eingangsbereich einige Flyer zum Mitnehmen aus.

Im Etablissement angekommen wurde der Besucher von einem schlauchartigen Raum mit ellenlanger Theke in Empfang genommen. Am Ende dieses Schlauches fanden das Konzert und die Vorführung statt.
Die Bar war relativ gut besucht. Relativ, da die Größe des Raumes nur diesen Schluss zuließ. Ein paar übliche Verdächtige aus der Tangoszene waren auch gekommen, wobei unter ihnen auffallend viele Musiker waren, um dem Kollegen Borda und seinem Quartet zuzuhören.
Zur Einstimmung lief der Soundtrack zum Film. Dann wurden der Regisseur und der  musikalische Leiter auf die Bühne gebeten. Arne Birkenstock trug den Text zur Eingangssequenz des Films vor, wobei man hier leider merkte, dass er kein professioneller Sprecher ist (im Film selbst wurde auf solch einen zurückgegriffen). Untermalt wurde der Text von den mitgereisten Musikern. Ausschnitte aus dem Film wurden gezeigt und Birkenstock informierte immer wieder anschaulich über die Hintergründe zur Entstehung des Werkes, ohne dabei in Langatmigkeit zu verfallen. Sehr angenehm. Die Präsentation war locker und machte Lust auf den Film, wie mir einige Zuschauer anschließend erzählten.
Nach den filmischen Appetithäppchen und einer kurzen Pause spielte das Luis Borda Quartett ein Konzert, wobei die Musik live nicht so überzeugend war, wie auf dem abgemischten Soundtrack. Die Gitarre Bordas klang sehr hart, was allerdings auch an der Akustik der Berlin Bar gelegen haben mag. Die Distanz zwischen Publikum und Akteuren wurde nicht ohne Weiteres überwunden.

Im Anschluss an das Konzert war eine Party angekündigt. Einige Tangueras und Tangueros freuten sich darauf, noch ein paar Runden auf dem Tanzfläche zu drehen (der dunkle Parkettboden war optimal geeignet), aber statt einem DJ tauchte hinter dem Pult ein szeniger Burschi auf, der ein bisschen den Soundtrack rauf und runter spielte und seine Freude daran hatte, mitten im Stück abzubrechen und statt Tango schrille Klänge aufzulegen. Parallel dazu wurde schon mal geräuschvoll die Technik abgebaut, was auch nicht besonders zum Bleiben einlud. So leerte sich die Berlin Bar früh und zumindest das Tango-Publikum amüsierte sich woanders weiter, denn ab 23.00 Uhr strömte das übliche Berlin-Mitte Bar- und Szenevolk, das leicht befremdet die hartnäckigsten Tänzer bei dem verbissenen Versuch beobachtete, zu herkömmlicher elektronischer Musik Tango zu tanzen.
Es bleibt bei uns die Frage, warum diese Veranstaltung nicht in einer eingeführten Milonga in Kooperation mit der Tangoszene mit anschließendem Tanz durchgeführt wurde. Sicher, auch innerhalb einer Szene sind sinnige Kooperationen manchmal schwer zu organisieren, aber so schwer ist es auch wieder nicht. So wirkte die Veranstaltung im Nachhinein leider etwas lieblos.

Aber das ist Nebensache, denn es geht ja um den Film:

Die meisten Tangueras und Tangueros in Europa bekommen leuchtende Augen, wenn von Buenos Aires die Rede ist. Was tun sie nicht alles, um möglichst regelmäßig in die Welthauptstadt des Tango zu reisen, um einen Kurs nach dem anderen zu belegen.
Umgekehrt zieht es viele Argentinier nach Europa, weil die Lebensbedingungen in ihrem Land alles andere als rosig sind. Besonders seit der Bankenkrise im Jahre 2001 ist dieser Trend zu beobachten. Viele Argentinier besitzen heute noch einen europäischen Pass (oder können diesen beantragen), weil ihre Vorfahren aus Spanien, Italien oder einem anderen Land des alten Kontinents nach Südamerika ausgewandert sind.


Arne Birkenstock (rechts)

Der Autor und Regisseur Arne Birkenstock erzählt in seinem Dokumentar-Film "12 Tangos - Adios Buenos Aires" von Menschen, die das Land verlassen wollen oder müssen und von solchen, die ihre Heimat nicht aufgeben möchten. Auch nicht für eine Hand voll Euros!
Ausgangspunkt ist die "Catedral", ein 200 Jahre alter Kornspeicher, in dem allwöchentlich ein argentinisches Tango-All-Star-Orchester 12 bekannte Tangos spielt. Von hier aus folgt die Kamera den Protagonisten: die 20-jährige Tänzerin Marcela Maiola erzählt, dass der Tango in Argentinien zwar geschätzt wird, man davon jedoch nicht leben könne. Im Ausland aber, besonders in Europa, würde der Tango boomen. Folglich gibt es dort die bessere Perspektive für Tangotänzer. Also bereitet Marcela ihre Ausreise vor.
Marcelas Tanzpartner ist der 71-jährige Berufstänzer Roberto Tonet. Er hat ihr viel beigebracht und zeigt uns Übungen und Tanzschritte. Er erzählt über seine Reisen und vergangene Erfolge und denkt für einen Augenblick darüber nach, warum er keine Familie gegründet hat. Bei der Bankenkrise hat er sein schwer verdientes Geld verloren. Aber er will nicht mehr aus Buenos Aires weg. Er ist genug gereist in seinem Leben. Er will in seiner Heimat bleiben und dort irgendwann sterben.
Gezeigt wird auch Fabiana, die mit ihren drei Geschwistern und der Mutter im nicht gerade mit Reichtum gesegneten Tango-Bezirk Pompeya wohnt. Die Mutter geht als Putzfrau nach Spanien, weil sie dort das Geld zum Überleben der Familie verdienen kann.

Man merkt dem Film an, das er von einem Kenner der Szene gemacht wurde. Mit viel Sensibilität und Hintergrundwissen wird das Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet. Die Kameraführung überzeugt und gibt dem Zuschauer das Gefühl, wirklich nah dran zu sein. Hier wird nicht das Tango-Klischee bedient, sondern hier versucht Birkenstock das zu vermitteln, was der Tango für die Argentinier oftmals bedeutet, nämlich der Ausdruck von Krise und Hoffnungslosigkeit. Zudem lebt dieser Film natürlich auch von der Musik, für die der Gitarrist Luis Borda zuständig war. Regisseur und musikalischer Leiter haben bei dem Film eng zusammengearbeitet. Borda hat einige bekannte und sehr gute Tangomusiker um sich versammelt (darunter der Ende letzten Jahres verstorbene Bandoneonist José Libertella vom Sexteto Mayor und der in diesem Jahr verstorbene Sänger Jorge Sobral) und untermalt die Geschichte mit einem überzeugenden Soundtrack.


Marcela Maiola

Bei allen genannten Punkten gibt es nichts zu meckern, aber trotzdem wünscht man sich, dass man die eingeführten Protagonisten nicht nur zu Gesicht bekommt und sie, tanzend oder an einem Tisch sitzend, etwas über sich erzählen, sonders dass man sie tatsächlich kennenlernt, dass sie den Zuschauer mitnehmen auf ihre Reise.

Warum muss die Mutter der vier Kinder beispielsweise ausgerechnet nach Spanien, um dort als Putzfrau das Geld für die Familie zu verdienen? Spanien liegt ja nicht gerade um die Ecke! Nur, weil sie zufällig einen spanischen Pass hat? Wie ist es, in Argentinien als Putzfrau zu arbeiten? Was verdient man in Relation zu Europa dort? Gibt es dort überhaupt Arbeit? Immerhin gehört schon etwas dazu, seine vier Kinder zurückzulassen. Auch, wenn die älteste Tochter bereits 20 ist und sie mehr oder weniger den Alltag mit allem drum und dran bewältigen kann - irgendwie...
So tauchen ab und zu Fragen auf, die nicht immer beantwortet werden. Vor allem nicht für die Zuschauer, die weder etwas über das Land Argentinien wissen, noch Tango tanzen. Birkenstock überlässt es zu sehr den Bildern und den gefilmten, für sich sprechenden Personen, die gesellschaftliche Wirklichkeit in Argentinien darzustellen. Zumal die Protagonisten in Spanisch aus ihrem Leben erzählen und es nach 20 Minuten immer mühsamer wird, den weißen Untertiteln auf oft hellem Hintergrund zu folgen. Das zieht leider viel Aufmerksamkeit von der eigentlichen Handlung ab. Wenn schon Untertitel, dann bitte einen schwarzen Balken mit weißer Schrift! Für diesen Film hätte ich mir mehr handelnde, als erzählende Protagonisten gewünscht und einen Off-Sprecher, dem ich parallel zuhören kann, ohne vom Geschehen auf der Leinwand abgelenkt zu werden. Vielleicht hätte Birkenstock die Form des Dokumentarfilms mit der einer Reportage verweben sollen. Aber das ist natürlich immer einfach gesagt.

Insgesamt gesehen lohnt sich "12 Tangos - Adios Buenos Aires" auf jeden Fall und wir sind gespannt, wie er beim Publikum ankommt. Wenn Ihr den Film gesehen und Ihr Lust habt aus Eurer Sicht den Film zu beschreiben, so schreibt uns an Leserbriefe@tangokultur.info.


Roberto Tonet

Alle Fotos: Pressematerial Kinostar Filmverleih

Kinostart in Deutschland ist am 08.12.2005 in folgenden Kinos:
(bitte das aktuelle Kinoprogramm vor Ort beachten, da es teilweise zu
Änderungen im Programm kommen kann):

  • Berlin: Movimiento, Kottbusser Damm 22, Tel.: (030) 6924785

  • Berlin: Broadway, Tauentzienstr. 8, Tel.: (030) 26550276

  • Köln: Cinenova, Herbrandstr. 11, Tel.: (0221) 9451721

  • München: City, Sonnenstr. 12, Tel.: (089) 591983

  • Frankfurt/Main: Orfeos Erben, Hamburger Allee 45, Tel.: (069) 70769100

  • Hamburg: Zeise Kinos, Friedensallee 7-9, Tel.: (040) 3908770

Mehr zum Film "12 Tangos - Adios Buenos Aires" ist unter nachfolgendem Link zu erfahren: Link...

Zur CD-Rezension des gleichnamigen Soundtrack geht es hier: Mehr...

Die CD "12 Tangos - Adios Buenos Aires" gibt es hier bei uns über unseren Partner Danza y Movimiento:

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Ausgabe Dezember 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.S.d.P.)