"CD-Rezension"
 
Soundtrack
"12 Tangos - Adios Buenos Aires""

Label: Enja Records
Best.-Nr. 91672
VÖ: 05.12.2005
Spieldauer: 1:06:07

Text: Jörg Buntenbach

Im Jahr 2001 gab Arne Birkenstock zusammen mit Helene Rüegg das Buch "Tango" (dtv, ISBN 3423242736) heraus. Nun kommt am 08. Dezember sein Dokumentar-Film "12 Tangos - Adios Buenos Aires" in die Kinos. Und natürlich darf zu einem ordentlichen Kinofilm auch der dazugehörige Soundtrack nicht fehlen. Wie beim Film merkt man auch der CD "12 Tangos" an, dass sie von Kennern der Szene und dieser wunderbaren Musik gemacht wurde. Das Album ist kein Zufallsprodukt, sondern eine durchdachte Ergänzung zum Film.

Der Komponist und Gitarrist Luis Borda (Foto unten) war für die musikalische Leitung verantwortlich und versammelte erstklassige Musiker aus Argentinien um sich. Darunter das sympathische Saxophonquartett D'Coté, die vielen von ihren Europatourneen her bekannt sein dürften.


Foto: Pressematerial Kinostar Filmverleih

Bandoneonist und Sexteto Mayor-Member José Libertella, der leider Ende 2004 verstarb, war ebenso dabei, wie die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 92jährige (!) Sängerin Maria de la Fuente oder die Sängerin Lidia Borda, um nur ein paar wenige Namen zu nennen. Die 17 Tangos auf dieser CD wurden alle exklusiv für den Film arrangiert und teilweise sogar komponiert. Das allein muss nichts heißen, aber in diesem Fall kam eine der besten Tango-CDs des Jahres dabei heraus, weil neben den innovativen Arrangements die musikalische Mischung und die überzeugenden Interpretationen einfach bestechend sind. 

Bis auf ein paar wenige Ausnahmen: eingeleitet wird die CD schwungvoll mit "Milonga de mis amores", dem Klassiker des Komponisten Pedro Laurenz. Hier ein über 6 Minuten langes Arrangements, das in Sequenzen aufgeteilt im Film seine Wirkung erzielt, ohne visuelle Untermauerung auf CD jedoch etwas langatmig wirkt. Hier wäre etwas weniger Spielerei mehr gewesen.
Titel Nummer zwei ist der Tango "La Violeta", der von Jorge Sobral voller Inbrunst gesungen wird. Leider verstarb auch dieser Künstler in diesem Jahr im Alter von 73 Jahren in Buenos Aires. "La Violeta" wird solide gespielt und ist, wie ein Großteil der Lieder, absolut tanzbar.


Foto: Pressematerial Kinostar Filmverleih

Weiter geht es dann wieder mit einem eher etwas verspielten Arrangement der Milonga "La Puñalada", bei dem Anklänge aus Jazz und Bossanova zu finden sind. In diese Musik kann man sich so richtig fallen lassen und über die Tanzfläche toben. Ruhiger wird es beim nächsten Stück, einem weiteren bekannten Tango: "La Chachila", ursprünglich aus der Feder von Eduardo Arolas und Hector Polito. Die Akzentuierung zwischen klassischem Salóntango und zeitgemäßer Intonation ist stimmig und zeigt, dass selbst altbekannte Tangos noch überraschen können. Lidia Borda trägt den nächsten Titel "El Paisaje" aus ganzem Herzen vor. Dieser Vals gehört zu meinen Lieblingsstücken auf der CD, weil Instrumentierung und Gesang in totaler Harmonie zueinander stehen und mit nuancierten Brüchen eine atemberaubende Intensität entsteht.

Das nächste Stück "Homenaje" ist gleichzeitig das Intro des Films und funktioniert nur zusammen mit den Bildern. Ohne visuelle Unterstützung nervt dieses kurze Stück etwas. Auch zum nächsten Stück ist nicht viel zu sagen, da es im Repertoire fast aller Tangomusiker zu finden ist: "Adios Noniño" von Piazzolla kennt jeder, der das Wort Tango schreiben kann. Aber das heißt noch lange nicht, dass jede Interpretation überzeugend sein muss. Wer beim nächsten Titel "Sur" nicht gerade Nestor Marconis Version in Verbindung mit Goyeneches Gesang aus dem wundervollen Film "Sur - Süden" als Maßstab nimmt, wird überrascht sein von diesem Arrangement, das ich persönlich für absolut gelungen halte, da die Instrumente sich Zeit nehmen, aufeinander einzugehen und miteinander zu spielen scheinen. Auch der Sänger Gabriel Menendez geht in diesem Spiel auf - und das soll was heißen, denn meiner Meinung nach gibt es heutzutage nur noch wenige überzeugende Tangosänger.

Das nächste Stück gehört zu meinen Favoriten auf dieser CD: "Pampero" wird von den Musikern einfühlsam gespielt. Nicht zuletzt das Vibraphon gibt diesem Tango einen besonderen Akzent. Dazu gesellt sich die angenehme Stimme Lidia Bordas. Da gibt es nichts zu meckern! Und genau so überzeugend und mit einer gewissen Leichtigkeit geht es mit "Entre Sueños" weiter, einem charmanten Duett zwischen Lidia Borda und Maria de la Fuente. Hier macht der Tango einfach nur noch Spaß! Bodenständig schließt sich "El Pescante" an. Eduardo "Cacho" Borda singt. Das Stück passt zu seiner Stimme - auch wenn ich immer wieder das Gefühl habe, dass die heutigen Sänger zu glatt wirken. Aber vielleicht liegt das auch an der modernen Technik...
Richtig in die Beine geht die nächste Komposition von Luis Borda: "Ironia del Salón" wird von den Musikern rasant vorgetragen und gönnt sich ab und an eine wohltuende Pause, die von der Gitarre versüßt wird. Sehr schön!


Foto: Pressematerial Kinostar Filmverleih

Titel Nummer 13 heißt "Nocturna Buenos Aires". Es ist ein melancholisch-verträumtes Instrumental-Stück, bei dem die Gedanken so richtig wandern können.

Maria de la Fuente umgarnt uns beim Tango "En carne propia" wiederum mit ihrer einnehmenden Stimme. Der klare Rhythmus und das zurückhaltende Spiel der Musiker geben ihr den nötigen Raum. Hier kann man als nicht spanisch sprechender Europäer erahnen, was der Tango für die Argentinier bedeutet, was sie empfinden und was sie über ihn zum Ausdruck bringen wollen. Ähnlich verhält es sich bei "Tu Ausencia", einer weiteren Eigenkomposition Luis Bordas, die mit Streichern und Klavier zwar sehr getragen, aber nicht all zu schwermütig daher kommt. Das vorletzte Stück gehört wieder zu meinen Favoriten: "Los 4 Vampiros Banqueros" ist ein politischer Tango, der zeigt, wie ironisch und durchaus witzig der Tango sein kann.
Das letzte Stück ist sozusagen ein Medley aus den bekannten Tangos "El Choclo" und "El Marne". Hier spielt auch das Vibraphon wieder eine Rolle, doch in diesem Fall ist es mir zu vordergründig und erschlägt somit die anderen Instrumente. Dieses Arrangement ist wieder sehr verspielt. Zu verspielt! Aber vielleicht brauchen Musiker genau das manchmal, um sich danach wieder ihrem Publikum zuzuwenden.

Insgesamt ist die CD "12 Tangos - Adios Buenos Aires" allen Tangoenthusiasten sehr zu empfehlen. Es ist ein Album, das keine Klischees bedient und den Tango so rüber bringt, wie er ist. Und es steckt voller schöner Überraschungen. Dieser Soundtrack zu "12 Tangos" lässt sich nicht mit anderen Kompilationen vergleichen. Und das spricht für die Macher dieser CD. Empfehlung: unbedingt kaufen!

Übrigens: der Film trägt den Titel "12 Tangos", da in der "Catedral", einem 200 Jahre alten Kornspeicher in Buenos Aires, ein argentinisches Tango-All-Star-Orchester 12 bekannte Tangos spielt, während sich die Gäste des allwöchentlichen Tangoballs dazu im Kreise drehen...

Mehr zum Film "12 Tangos - Adios Buenos Aires" ist unter nachfolgendem Link zu erfahren: Link...

Am 08. Dezember 2005 ist der Kinostart des Films "12 Tangos - Adios Buenos Aires". tangokultur.info hat den Film vorab gesehen. Hier ist der Bericht: Mehr... 

 

Die CD "12 Tangos - Adios Buenos Aires" gibt es hier bei uns über unseren Partner Danza y Movimiento:

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Ausgabe Dezember 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.S.d.P.)