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Drei Milongas in Washington
Text: Veronika Fischer
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Freedom
Plaza Foto: Siete
Tango
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Washington DC - nicht nur die Hauptstadt der USA, sondern auch eine
der bekannten Tango-Hochburgen. So habe ich ein längst fälliges
Treffen mit Tango-Freunden aus dem Midwest dorthin verlegt, und war
begeistert von der Tanzszene und den Milongas, die ich dort besucht
habe. Die Menschen sind sehr freundlich, auch und gerade als
Tango-Tourist wird man schnell in die Szene aufgenommen, immer wieder
aufgefordert und ausgiebig nach Heimatland und Tangolocations befragt.
Die meisten Washingtoner Tänzer tanzen eng, oft sogar apilado
- für eine Frau, die sich hier nicht anpassen möchte oder kann, kann
eine Milonga unangenehm werden. Wenn man diesen Stil mag, genießt man
das überdurchschnittlich hohe Tanzniveau, sowohl im klassischen Tango
als auch zu moderner Musik: ein spürbares Ergebnis der kontinuierlichen
Schulung durch Sharna Fabiano, wie auch die überaus große Anzahl an führenden
Frauen. Selten habe ich mich als "woman lead" so akzeptiert
gefühlt: Frauen nehmen gerne und ohne fragend-kritischen Blick an, Männer
fragen gleich um den nächsten Tanz.
Das Bethesda Dance Studio. Sorgfältig gedeckte Tische, mit
Lichterketten umwundene Säulen, rund 200m² guter Holzboden - schon
beim Eintreten macht dieser Raum Lust zu tanzen. Mehr noch: der DJ
versteht sein Handwerk, zieht die Neuankömmlinge förmlich auf die
Tanzfläche, hebt die Ratschenden von ihren Stühlen - auch, wenn er
dies fast ausschließlich mit 40er-Tangos tut. Belebt wird die Milonga
durch eine kurze Show von Neotango-Ausnahmetalent Jaimes Friedgen, der
zu Workshops in der Stadt ist. Jaimes' tänzerisches Können, die Vielfältigkeit
und Ausdruckskraft seiner flüssigen Figuren ist (auch) zu klassischer
Musik beeindruckend, vor allem, wenn man weiß, dass seine Tanzpartnerin
Anne-Sophie aus Washington kommt und nicht mit ihm trainiert hat.

Jaimes
Friedgen Foto: Archiv Friedgen
Ein weiteres Extra-Schmankerl für Tangueras ist eine junge Frau, die
einen Stand mit ihrer Comme-il-faut-Kollektion aufgebaut hat. Sie
kommt fast jeden Samstag und lässt großzügig probieren, auch schon
mal auf der Tanzfläche. Da sowohl Qualität als auch Design der
Tango-High-Heels unbestreitbar sind, und auch die Preise wesentlich günstiger
als in Europa, schlage ich zu und weihe die 10-cm-Stiletto-Absätze
gleich ein. Fazit: Das Bethesda bietet eine ansprechende Atmosphäre,
der Eintritt (10$) umfasst Getränke und ein kleines Buffet. Klassische
Tango-Musik vom Feinsten durch Joe Petrisko (der durchaus bekannt ist in
der amerikanischen Tangoszene) und Alkan.
Sonntagabends findet von Mai bis Ende September ein besonderes Event
statt: Outdoor-Milonga auf der Freedom Plaza, direkt zwischen dem
Weißen Haus und dem Kapitol. Um sieben rücken die Organisatoren an,
stellen schnell zwei Lautsprecher auf, der Laptop wird angestöpselt -
und los geht's. Wiederum wird fast nur klassische Musik aufgelegt, der
DJ hat gerade seinen ersten Auftritt, macht aber seine Sache gut. 300m²
auf denen die Musik gut hörbar ist, lassen den Tänzern genügend Platz
und der Eintritt ist frei. Die ersten Paare formieren sich, andere
picknicken noch rasch, bevor sie die Tanzschuhe anlegen. Gegen acht hält
die Dämmerung Einzug, unmerklich ändert sich die Atmosphäre: während
man anfangs práctica-mäßig übte und sich austobte, rücken
nun die Paare enger zusammen, tanzen gefühlvoller. Touristen und
einheimische Zuschauer - manche kommen jede Woche - setzen sich auf
die Einfriedungen rings um den Platz, beklatschen besonders wagemutige
Sprünge und insbesondere die Milonga-tandas scheinen es ihnen
angetan zu haben. Gelegentlich kommt einer rüber und fragt, ob er oder
sie auch zu Tanzen anfangen könnte, bekommt sofort freundliche Auskunft
und Einladung - und die erste Tangostunde etwas abseits der Tanzfläche.
Sommernachtstraum-Atmosphäre: ein windstiller Platz, Marmorboden,
Sitzgelegenheiten und das Rauschen eines Brunnens. Kostenlos, aber man
sollte unbedingt Getränke mitbringen.
Montags finden einzeln buchbare Unterrichtsstunden, anschließend
Milonga, im Szene-Viertel statt. Häuschen reiht sich an buntes Häuschen,
phantasievoll geschmückte Eingänge, Ethno-Restaurants und Coffeeshops
lassen schon den kurzen Weg von der Metro zur Milonga, die in einem türkischen
Restaurant stattfindet, zum Erlebnis werden. Skurril und ungewöhnlich
erscheint diese Umgebung nach Washington downtown mit den imposanten
Steinquadern, lebendiger und jünger. Das Meze ist gerammelt
voll, sowohl das Restaurant als auch der Tanzraum im 2. Stock, zu dem
man sich über zwei steile Treppchen quälen muss. Etwa 40m²
Terracotta-Fliesen - das ist der ganze Raum für die ca. 50 Tänzer.

Meze
Foto: Siete Tango
Barstühle an zwei Seiten der Tanzfläche machen das Navigieren nicht
einfacher, ebenso die Tanz-Anfänger, die von der letzten Kursstunde
dageblieben sind und die Restaurantbesucher, die dichtgedrängt
zuschauen, oder mir nichts dir nichts auf die Tanzfläche hoppeln. Gläserklirren,
spanisch-türkisch-englische Debatten und die überlaute Klimaanlage übertönen
die Musik, die aus zwei weit entfernten Lautsprechern herüberweht -
eine gute Auswahl, wenn auch dramatische Pugliese-Stücke und schnelle
Milongas die Tänzer nicht gerade zum stillen Tanzen animieren. Gegen zwölf
verschwinden die letzten Restaurantbesucher, den Anfänger-Tänzerinnen
tun die Füßchen weh. Die aficionados, die bisher stillsaßen,
bleiben und lassen sich von "Tango in Harlem", einem
Non-Tango, auf die Tanzfläche ziehen. Spätestens bei
"Ghirenta" kommt Tango-flow auf, die Pärchen schieben sich in
gleichmäßiger, rhythmischer Geschwindigkeit aneinander vorbei. Keine
Rempeleien, Genuss pur; auch bei den folgenden klassischen
Late-Night-Pugliese- und Salgán-tandas. Als die Milonga endet,
weiß ich, dass sich das Warten gelohnt hat: keine einzige der späten tandas
habe ich pausiert - die Musik, die Atmosphäre waren zu gut, die Gespräche
dazwischen herzlich. Der DJ schreibt mir gleich einige Titel auf, dir
mir gefallen haben, und lädt zum nächsten Event ein. Kurz: Ich bin
froh, geblieben zu sein - und bedauere schon jetzt meine Abreise.
Einen Monat später, in einer deutschen Großstadt. Wieder bin ich die
Unbekannte. Diesmal kommt niemand auf mich zu, eine Stunde sitze ich
allein. Als mich endlich ein Mann auffordert, lasse ich mich übers
Parkett schieben. Die Warmherzigkeit der Washingtoner Tangoszene fehlt
mir, die Atmosphäre, das Kennenlernen-Wollen und
Sich-auf-die-Frau-Einstellen. Heimweh nach der Ferne - und nachts um
drei, gleich nachdem ich heimgekommen bin, surfe ich nach Flügen.
Terminübersicht und Anfahrtsbeschreibungen: http://www.geocities.com/capitaltangueros/
Veranstalter:
http://www.sietetango.com
http://www.le-tango.com
http://www.bailatango.com/dc/
http://www.sharnafabiano.com/
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Ausgabe Oktober 2006
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