Schattendasein adieu
 


Tango in Chur


Foto: Signore Roman          photocase


Text: Dr. Michael Dudley

"Grüezi aus Graubünden", so fängt meine Postkarte an. Eine alpine Landschaft im Format DINA6 soll ans Zuhause. Dennoch, ich lege den Schreibstift gleich wieder beiseite. Die 105 x 148 cm kleine Ansicht ist zweifelsohne schön. Sie ist aber kaum so atemberaubend wie der Blick nach draußen, durch das Panoramafenster der Rhätischen Bahn. Unsere leuchtend blauen Waggons rollen gerade über den Langwieser Viadukt, der das Tal der Plessur überbrückt. In großer Höhe auf schmaler Spur.

Wer die Topographie der Schweizer Tangoszene erforschen möchte, steht vor einem Berg abwechslungsreicher Angebote. In Basel, an der Spitze des Dreiländerecks, stößt man auf ein Dutzend verschiedener Tangolokale. Sowohl dort als auch in der Finanzmetropole Zürich, wo eine ähnlich große Qual der Wahl herrscht, können Milongueros tagtäglich von Montag bis Sonntag auf ihre Kosten kommen. Im Bundesbezirk Bern sowie in Luzern, Schaffhausen und St. Gallen finden Milongas mindestens zweimal die Woche statt. Die Städte Baden und Winterthur sind ebenfalls auf dem Atlas eidgenössischer Tangueros längst etabliert, wie auch Genf und Lausanne in der französischsprachigen Romandie.

Hier in Graubünden, im Südosten der Schweiz, war das Tangomilieu bisher allerdings etwas weniger ausgeprägt. Graubünden ist zwar flächenmäßig der größte Kanton der Eidgenossenschaft, dafür aber relativ dünn besiedelt. Dank Legionen begeisterter Skifahrer und Snowboarder ist dieser Kanton wohl kein "weißer" Fleck auf der Landkarte – des aktuellen Schneepegels ungeachtet. Doch in punkto Tango lag die Gegend, die von lauter Drei- und Viertausendern umgeben ist, lange im Bergschatten.

Erwähnenswert ist das Engagement von Dominik Müller, der aus dieser Lage heraus Kapital schlägt. Jeden Januar im Bergüner Kurhaus, direkt am Albulapass, veranstaltet er ein einwöchiges Festival, das den Namen "Tango im Schnee" trägt. Mitte Februar erfolgt ein ähnliches Rendezvous oben in Davos. Richtig, Davos. Da, wo es zwischen G8-Vertretern und Globalisierungsgegnern eher dicke als dünne Luft gibt. Müllers Grundgedanke ist gewissermaßen ein Gipfel für Tangueros, die dem Wintersport nicht abgeneigt sind. Sieben Tage lang bieten er, seine Partnerin Jelena Ivanovic und acht andere Tangolehrer aus Europa und Argentinien unterhaltsame Seminare für Tänzer aller Niveaus. Währenddessen stehen auch Workshops in Yoga und Stretchings auf dem Programm. Also, zwischen Parkett und Piste bewegt sich etwas. Zwar nicht lawinenartig, aber immerhin in sukzessiven Schritten. Ähnliches stellte ich, während einer Autorenlesung, im umliegenden Bad Ragaz fest.

Ziel der heutigen Expedition ist bei Lichte besehen kein Kurort, sondern der Ort Chur. Chur ist mit knapp 32 000 Einwohnern die Hauptstadt Graubündens und sogar die allerälteste Siedlung der Schweiz. Die kulturhistorisch vermögende Stadt liegt am rechten Rheinufer, verfügt über einen eigenen Flughafen und ist an die A13 angeschlossen. Die Anfahrt auf den Schienen über Berg und Tal ist aber besonders pittoresk, vor allem mit dem Express aus Arosa. Innerhalb einer guten Stunde fährt dieser beliebte Zug von einer Höhe von 1740 m über dem Meeresspiegel bis auf 580 m herunter. Dann verwandelt er sich in eine Straßenbahn und zuckelt geradezu gemächlich an einer mediävalen Stadtmauer entlang.


Winter in Chur       Foto: Chur Tourismus



Gegen 18 Uhr halten wir unter dem monumentalen Glasdach des Churer Hauptbahnhofes an. Mich zieht es zunächst in ein Stehcafé. Während ich Röstis mit Raclettekäse verkoste, erblicke ich ein Plakat der Kammerphilharmonie Graubündens. Das Churer Neujahrskonzert 2007 wird wie immer an die große Glocke gehängt. Diesmal wieder Polkas und Walzer? Von wegen. Statt dessen spielen Daniel Zisman und das "Ensemble 676 Nuevotango" – von der Philharmonie begleitet – Werke von Astor Piazzolla. Bereits etliche Wochen vor Weihnachten gingen die Karten wie warme Semmeln weg.

Nach der standfesten Vesper möchte ich die Beine weiter vertreten. Der Weg führt über eine Brücke und bis in die Gürtelstraße. Genau genommen Gürtelstraße 24, wo sich El Correo verbirgt. Beinahe hätte ich das Jugendstilgebäude übersehen. Nichts an seiner Fassade lässt ahnen, dass man hier, unmittelbar hinter den Eisenbahngleisen, den Tango in vollen Zügen erleben kann. Erst im Treppenhause weiß ich, dass ich mich nicht auf dem Holzwege befinde. So sehr die Stufen auch quietschen, sie werden von einer berauschenden Troilo-Melodie übertönt, die widerstandslos bis in das erste Obergeschoss lockt. Ja, das ist definitiv kein Schwizerörgeli, sondern Pichucos Bandoneon. Rechts an der Garderobe herrscht ein kleiner Stau. Lauter Wangenküsschen werden der Reihe nach erteilt. Links, rechts und noch einmal links natürlich. "Ciao", heißt es immer wieder zur Begrüßung, ganz egal, welche Sprache danach gesprochen wird. Wer Außenstehender ist, möchte sich dabei in Babylon wähnen. In Graubünden werden insgesamt drei Amtssprachen gepflegt: Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch. Der Name des Lokals ist wohl eine spanische Bezeichnung. El Correo bedeutet "Die Post". Durchaus angebracht, denn hier geht die Post ab.

Das Etablissement verzichtet darauf, sich als Schule zu bezeichnen, obschon es die Tanzpädagogik groß schreibt. Mittwochs geben Pina Agustin und Antonino Bartolo Tangounterricht für Anfänger sowie Fortgeschrittene. Donnerstags erfolgen intensiv, aber inspirierend geführte Prácticas. Am Wochenende bietet Fernando Galera überdies zweitägige Aufbaukurse, die in die heißen Sonntags-Milongas münden.

Martin Esslinger, ein agiler, sympathischer Herr älteren Semesters, führt im El Correo Regie. Eigentlich gibt Esslinger eher den Gastgeber als den Geschäftsmann. Der bei den Milongas geltende "Unkostenbeitrag" von 12 Franken (umgerechnet 8 €) pro Person wird nicht sofort an der Tür kassiert, sondern irgendwann im Laufe des Abends. Ehrensache eigentlich. Jeder solle sich hier wie zu Hause fühlen, meint der ehemalige Eiskunstläufer Esslinger.

Nachdem er dem "richtigen" Tango in Buenos Aires erlernte, war Esslinger motiviert, ein einschlägiges Milieu in Chur aufzubauen. Die Tangobälle, die eine Zeit lang im Hotel Marsöl veranstaltet wurden, sind weitgehend auf sein Konto zurückzuführen – obschon sie zunächst wie ein Bankgeheimnis gehütet wurden. Anfangs steckte die PR-Arbeit einfach in den Kinderschuhen. Mit der Eröffnung von El Correo im November 2006 und dem Aufbau der Website www.tangochur.ch zielte Esslinger dennoch konsequent auf ein erweitertes Publikum. Es ist ihm gelungen. Die Lehrstunden, die Milongas und die Konzerte, die in El Correo zu erleben sind, ziehen sogar Tanzbegeisterte aus dem Fürstentum Liechtenstein und dem österreichischen Voralberg an. So kann es auf dem lang gestreckten, rund 80 qm großen Parkettboden ziemlich eng werden.


"El Correo"      Foto: Martin Esslinger



An den Tischen können bis zu 60 Menschen gemütlich Platz nehmen. Eine bevorzugte Ecke ist allerdings der Tresen, wo der Barmann Andrea – das ist ein ortsüblicher männlicher Vorname – überraschend erschwingliche Cocktails kredenzt. Die Getränkekarte ist jedoch etwas ausbaubedürftig. Malbec und Mate vermisse ich. "Wir müssen einiges noch auf Vordermann bringen", erklärt Esslinger, der beim Einzug ins Haus mit dem Umbau einer Tabledance-Kneipe konfrontiert wurde. "Der Akustik wegen werden zum Beispiel die Vorhänge ersetzt."

Ungeachtet dessen stößt die Musik schon auf Resonanz. Dafür sorgt DJ Daniel, dessen Tandas unter anderem eine Vorliebe für Vals und Canyengue verraten. Live-Auftritte gibt es auch immer wieder, besonders geschätzt ist das weibliche Orchester Las del Abasto. Lilo Kuhn, die das in Chur beheimatete Tanztheater Pasión leitet, ist auch ein gern gesehener Gast.

Der Klientel ist gepflegt, vom Alter her sehr breit gefächert. Die jüngsten Tänzer schätze ich auf Mitte Zwanzig, viele sind Ende Dreißig. Meine interessanteste Begegnung des Abends ist freilich die mit Ulrike Berger, einer gebürtigen Ostpreußin, die mit sage und schreibe 76 Jahren zu den loyalsten Milongueros vom El Correo zählt. Obzwar sie sich als Neuling beschreibt, tanzt sie wie eine gelenkige Porteña. Deshalb überrascht es mich nicht, dass die in der Schweiz lebende, pensionierte Lehrerin ein schnittiges Abendkleid aus dem Atelier von Rosa Tripp trägt.

So oder so ist der Tango in Chur mehr als eine Mode-Erscheinung. Er ist zu einer Tradition geworden. Und der Churer Milonguero ist nicht länger bereit, sich mit dem Schattendasein zu begnügen.


Mehr Informationen zum Tango in Chur...
Weiterer Linktipp: www.Tangotanz.ch 

Lesen Sie auch unseren Artikel "Milonga im Pulverschnee. Eine Tangoreise durchs winterliche Zürich" von Christian Tobler hier...

Lesen Sie hier.... die Rezension zu Dr. Michael Dudleys aktuellem Buch "Tango Hautnah. In der Wiege der Sinne", gelesen von Tanja Thimm.


 

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Ausgabe März 2007

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)