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Das Internationale Queer Tango Festival in
Hamburg
Text: Tina Fritsche
Foto: Astrid Weiske

Queer Tango Festival 2004
Erotik!
Machismo! Aggression! Kaum ein Paartanz ist mit solch heftigen
emotionalen Bildern verknüpft wie der Tango Argentino. Schweift die
Assoziation ungezügelt, tauchen Bilder auf von rauchgeschwängerten,
dämmrigen Spelunken, in denen knappberockte Frauen und glattgegelte
Männer lasziv umschlungen über die Tanzfläche gleiten. In
scheinbar unberechenbarer Vielfalt umzirkeln, drängen, umgarnen
sich die Körper, versunken im Vierachteltakt der Musik. Er gibt
raumgreifend Richtung und Rhythmus vor, sie folgt ihm, glänzt hier
und da mit einer kunstvollen Verzierung, oder aber unterbricht den
Fluss mit einer plötzlichen, verblüffenden Drehung, einem überraschenden
Stopp. Der Tango Argentino als gleichermaßen empfundenes und
inszeniertes Duell der Geschlechter changiert zwischen zärtlicher
Verführung und dem kraftvollen Aushandeln von Dominanz und
Unterordnung. Doch wo der leidenschaftliche Zweikampf von Mann und
Frau zum Klischee gerinnt, wächst der Reiz, vermeintliche
Eindeutigkeiten zu demontieren.
So verwundert es nur auf den ersten Blick, dass seit Mitte der
achtziger Jahre Lesben und Schwule in Deutschland den argentinischen
Tango für sich entdecken und traditionelle, scheinbar natürliche
Geschlechterverhältnisses aus dem Takt bringen. In diesem Jahr lädt
das Internationale Queer Tango Festival bereits zum fünften Mal
nach Hamburg ein. Experimentierfreudige
Tangueras und Tangueros können - gleich welcher
Geschlechteridentität oder sexueller Präferenz - am zweiten
Oktoberwochenende in Hamburg nach Lust und Laune mit präzise
gesetzten Schritten, Haken, Schlenkern, Stopps und Kicks an
den Geschlechtergrenzen rütteln.
Bilder von gleichgeschlechtlichen Tanzpaaren flackern zwar beim
Blick in die Geschichte des Tango immer wieder auf. So erzählt die
Legende von Männern, die Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam die
komplizierten Schrittfolgen einübten, weil Frauen in der
Migrantenszene Argentiniens rar gewesen seien. Eine Selbstverständlichkeit
waren Konstellationen, die mit Geschlechter-Stereotypen spielen,
jedoch nie. In Buenos Aires ist es Männern an einigen Tango-Orten
heute noch verboten, miteinander zu tanzen. Auch in den Milongas der
europäischen Tangoszene wirken Queer Tango Tanzende auf manche
irritierend. Wer sich hierzulande als Mann von einer Frau führen lässt,
kann sich aufmerksamer bis abschätziger Blicke sicher sein.
Von jeher haftete dem argentinischen Tango der Geruch des
Sexuellen und Randständigen, des Verruchten und Verrufenen an. Die
Legende berichtet von europäischen EinwanderInnen und kreolischen
Landflüchtlingen, die im Argentinien des ausgehenden 19.
Jahrhunderts in den Hafenvierteln und im arrabal, dem
Stadtrand von Buenos Aires, lebten, und im Tango ihre Ausdrucksmöglichkeit
für ihre Heimatlosigkeit, ihre Sehnsucht und ihr Verlangen fanden.
Die Geschichte erzählt von Bordellen, in denen sich Zuhälter,
Freier und Prostituierte tanzend die Zeit vertrieben.
In den wohlhabenden Quartieren von Buenos Aires als verderbt verschmäht,
spülte die Musik der Gestrandeten und Vertriebenen mit dem Beginn
des 20. Jahrhunderts hinüber auf den ,alten' Kontinent. In den
edlen Tanzhallen der europäischen Metropolen Paris, London und
Berlin brach ein wahres Tangofieber aus, Orchester brillierten in
den Konzertsälen der Großstädte, das Blasebalginstrument
Bandoneon wurde zum Symbol der Tangomusik, der wohl berühmteste
Tangosänger, Carlos Gardel, erhob sich zum Popstar zwischen
Hollywood und Paris.
1920 versuchte der europäische Tanzlehrerverband, den intimen Tanz
in das enge Korsett der Standardisierung zu pressen: Der europäische
Tango entstand, ein verstümmeltes Produkt, das der als anrüchig
geltenden Haken und Verzierungen (cortes y quebradas) beraubt
war und entsprechend steif und einfallslos wirkte. Der ursprüngliche,
argentinische Tango indes lebt, davon unangefochten, weiter - und
mit ihm der Mythos von Macht und Melancholie. Die Einflüsse des
Jazz oder die eigenwilligen Kompositionen von Astor Piazzolla, dem
Erfinder des Tango Nuevo, formten und verfeinerten den Tango; im
Kern aber blieb die Wehmut, die Melodramatik und die Eindeutigkeit,
mit der die Rollen im klassischen Tango Argentino festgeschrieben
sind: Der Mann führt, die Frau folgt.
Umso bemerkenswerter ist die Euphorie, mit der Tanzbegeisterte vor
allem in den europäischen Zentren der Emanzipationsbewegungen in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Tango Argentino nicht nur
als Zeitvertreib, sondern als Lebensstil goutierten. Frauen und Männer
aus dem bürgerlichen, großstädtischen Milieu begannen auf und
neben dem Parkett gesellschaftliche Konventionen zu pflegen, die
andernorts als längst überholt galten. Im Tango Argentino ließen
sich traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und
Weiblichkeiten par excellence zelebrieren. Wo sonst konnten der
bewegte Mann und die moderne Frau Machismo und Hingabe so
unsanktioniert ausleben?
Natürlich: Rollen- und
Machtspiele sind Thema in allen Beziehungen. Weil aber Tanzen
unvorbelasteter sei als manch anderer Lebensbereich, lässt sich
hier unproblematischer ausprobieren, wie es sich anfühlt, eine
Rolle anzunehmen, ihr gewachsen zu sein, sie auszuleben, aber eben
auch, sie wieder abzustreifen oder zu wechseln
-
davon sind die InitiatorInnen des Queer Tango Festivals, Marga
Nagel, Ute Walter und Felix Feyerabend überzeugt. Ihr Festival
erlebt von Jahr zu Jahr mehr Zulauf. Was im Jahr 2001 noch als
Experiment startete, gilt mittlerweile als Highlight des Jahres:
"Immer mehr TangotänzerInnen genießen den Reiz, Geschlecht und
Begehren nicht als Eindeutigkeit zu erfahren, sondern im
Rollentausch neue Dimensionen der eigenen Identität zu
entdecken," freuen sich die VeranstalterInnen. Er ist eben zu und
zu schön, dieser grenzenlose Genderkick.
Das 5. Queer Tango Festival Hamburg findet vom 7.-9.
Oktober 2005 in Hamburg statt -
mit Eröffnungsmilonga, Tangoball sowie Workshops mit
Brigitta Winkler (New York)/Berlin, Angelika Fischer (Berlin),
Bettie Bolks (Groningen), Eric Jörissen und Henry Geurtsen
(Nimwegen), Marga Nagel (Hamburg), Sonja Armisen (München) und
einem Vortrag von Antke Engel (Hamburg).
Zum
ausführlichen Programm: www.queer-tango.de
Zum Interview mit dem Transsexuellen Ying-Yang
"Die Suche nach dem Knistern" von Jochen Hille in
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Ausgabe
Oktober 2005
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