Bittersüßer Tango
 


Quadro Nuevo im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin

 


Text: Frank Lubnow
Fotos: Torsten Moebis

Was so ein Begegnung in Salzburg für Folgen haben kann: dort nämlich trafen sich vier Musiker vor zehn Jahren auf einem Parkplatz, beschlossen ein Quartett und wichen sich fortan nicht mehr von der Seite. Sie begannen, aus Schlagern jeglicher Provenienz, Filmmusiken und eigenen Kompositionen mit jazzartigen Einlagen und orientalisierenden wie tziganesken Aromen Programme mit reichlich Sentimentalität, einer Handbreit Wasser unterm Kiel und allerhand findigen Spielereien zu produzieren. Der Erfolg kam augenblicklich, sie sind seitdem auf Tournee und produzieren eine CD nach der anderen. Nun liegt das neue Opus "tango bitter sweet" vor; zur Promotions-Tour fanden sich die Vier im besten Mannesalter mit Akkordeon, (fast) allen Arten von Saxofon und Klarinette, Gitarre, Kontrabass und weiterem Instrumentarium im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie ein.

Die Combo pflegt einen geschmackvollen Salon-Anarchismus, auf dem schönen Cover der CD zieht eine Dame in Pumps (ob sie mehr anhat, wissen wir nicht) das Tuch eines stilvoll gedeckten Tischs herunter – und schon wälzen sich verschiedene Varianten der möglichen Hintergründe des Geschehens durch den Kortex... Die Musik dazu als Filme im Nur-Ton Format – "Soundtrack zum letzten Glas Rotwein am Abend", "Musik wie eine gute Tasse Mokka", mit solchen Umschreibungen charakterisiert das Quartett seine Erzeugnisse selbst.

Was dann aber beim Anhören der CD zuweilen etwas steif oder belanglos wirkt, kommt live mit einer Lebendigkeit, die es nur auf der Bühne geben kann, vollblütig bis zum Rausch daher. Gleich zu Beginn zeigte Saxofonist Mulo Francel, wo es langgeht - und wer hier die (zerknitterten) Hosen anhat: mit einer belcantös ausgeführten Fermate im XXL-Format am Schluss des ersten Stücks verwiese er jeden Talmi-Tenor auf die Plätze. Im weiteren Verlauf des Abends legte er nach, Brikett um Brikett, verdingte sich als Multiinstrumentalist – wer hat vorher schon einmal den Klang einer Kontrabassklarinette so ausführlich würdigen können?-  ließ von stürmischen Böen getrieben seine Finger über die Klappen wehen und fand einen vorläufigen Höhepunkt mit der Bassklarinette, die der Frontmann wie ein Didgeridoo mit Zirkularatmung spielte, die charakteristischen Obertöne des australischen Vorbilds dabei ließen staunen.

Immer wieder wurde die Musik mit kleinen rhythmischen oder klanglichen Spielereien oder auch etwas Slapstick gewürzt. Das reichhaltige Instrumentarium, fast wie von Jonathan Meese zusammengestellt, bot einen ergiebigen Fundus dafür. Sei es, dass Francel den Altherrenklassiker "Petite Fleur" mit der Klarinette in den Händen spielte und dazu eine Psalter (eine Art Zither) mit einem zwischen den Fußzehen eingeklemmten Bogen strich, sei es, dass sich die Boygroup zu viert um ein Xylophon versammelte und den Säbeltanz von Chatschaturjan gruppendynamisch unter die Schlegel nahm.

 


Problematisch war die Klangbalance zwischen den Instrumentalisten. Es heißt ja, die elektrische Verstärkung sei die Rache der Gitarristen; wenn dann der Gitarrist das Mischpult neben sich auf der Bühne hat... Kontrabass und Gitarre waren meist zu sehr im Vordergrund – obwohl auch dann oft nicht zu verstehen war, was der virtuose Robert Wolf spielte, die perkussiven Höhen, eine Mitgift aus Wolfs Vergangenheit als Flamenco-Gitarrist, waren lediglich als Schnarren zu orten. Bei seinem Solo wurde es ganz deutlich: vor allem ein Gemurmel im Mittenbereich machte es schwer, zu hören. Bei insgesamt soviel Liebe zum Detail darf ein Tonmeister eigentlich nicht fehlen... oder wie wäre es mal ganz akustisch, unplugged sozusagen? Der 5-Saiter von D. D. Lowka klang sofort schöner, wenn er nicht im Full-Power Modus gespielt wurde, und von seinen feinen Nuancen im p/pp- Bereich hätte man gerne mehr gehört. Andreas Hinterseher lieferte mit seinem Akkordeon die harmonische Grundlage der Arrangements und sorgte mit seinem schönen Instrument für einige akustische Zauberei, so schüttelte und zog er es und ließ es schnaufen und singen.

Sehr atmosphärisch wurde es bei einem italienischen Schlager, den einst Dalida sang: "Paroles, Paroles". Mit der entsprechenden Ansage warteten nun vor allem die Männer im Publikum bei Meeresrauschen und gediegener Barmusik auf ihr erstes Tête à Tête mit Sophia Loren. Mit dem Einsatz einer Spieluhr zum nächsten Song ("The windmills of your mind" von Michel Legrand) wurde dann die Grenze zur Rührung fast überschritten, wäre nicht die mangelhafte Klangbalance dazwischengekommen. Vielleicht ist das Absicht, denn auch zu traurig wollen sie nicht sein, und wenn beim ”Lied vom traurigen Sonntag” der Kontrabass die Melodie spielt, schlägt es wieder fast ins Komische um.

In einer Zugabe (von mehreren) überraschte dann D. D. Lowka, der am Abend immer wieder auch Cajons verschiedener Größen als auch seinen Bass virtuos betrommelte, mit einem Scatgesang aus eigener Feder: Der "Milonga Tati", einer Hommage an den großen Filmregisseur, gekonnt mit spezieller Gesangstechnik halbgebückt in das zu tief eingestellte Mikrofon gesungen.

Francel führte das Publikum durch den programmheftlosen Abend. Seine Conférence zwischen den Stücken stand der Nonchalance der Musik in nichts nach, im Idiom seiner südbayerischen Heimat erzählte er bescheiden Hintergründiges, Absurdes oder auch Triviales zu den Stücken. Wieso schaut da keiner von den mattscheibennotorischen Komikern mal zu, als Fortbildungsmaßnahme.

Hier sind rechtschaffene Bühnenarbeiter am Werk, wenn sie von 20 bis 23 Uhr spielen, in der Pause Autogramme gegeben und CDs verkaufen (!) – um dann nach der letzten Zugabe abermals ins Foyer zu eilen: kein Kaufwilliger soll enttäuscht nach Hause gehen. Dies nicht ohne Ankündigung im gut gefüllten und bestens gelaunten Saal, nach dem Abbau des Instrumentariums könne man doch noch gemeinsam essen gehen in die ”12 Apostel“ am Savignyplatz, wer kommt mit, sie seien allein unterwegs...

Was das –bis auf das Cover der CD in den klassischen Farben lindgrün und altrosa - nun alles mit Tango zu tun hat, bleibt vage. Aber jener ist ja ein universelles Vademecum, wo alles hinein- und heraus kann. Wenn es kein Argentinischer sein soll (irgendwann wurde ihnen ganz plötzlich bewusst, dass sie keine Argentinier seien, erzählte Francel), könnte man doch die gelegentlich holzschnittartigen Riffs des Europäischen einer weiteren Metamorphose unterziehen; die Musik gewänne sicher abermals an Charme. Die fantastischen Vier sind 2007 laut Tourneeplan eigentlich immer irgendwo in der Nähe zu erleben: hingehen! Servus, kommt’s bald wieder.

Tourneeplan und weitere Informationen...


Die Rezension der CD "Tango Bitter Sweet" von Quadro Nuevo:
jetzt hier lesen...

 

Die neue CD "Tango Bitter Sweet" von Quadro Nuevo ist bei unserem Partner Amazon erhältlich:

jetzt bestellen / order now

 

Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info

Ausgabe Januar 2007

 


Email:
willkommen@tangokultur.info

Im Internet:
www.tangokultur.info

Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)