Milonga im Pulverschnee
 


Eine Tangoreise durchs winterliche Zürich


Text und Fotos: Christian Tobler

Am 5. März versank Zürich bis über beide Ohren im Schnee. 54 cm Neuschnee innerhalb von 24 Stunden, mehr als jemals seit 1931 in der Innenstadt gemessen wurde. Die Straßenbahn fuhr nicht, die Nachtbusse fielen aus und Gehsteige wurden nicht mehr geräumt, weil bereits das Freihalten der wichtigsten Straße misslang. Oh wie schön: Winterkurort Zürich! So was gibt es bestenfalls alle 20 Jahre einmal. Und diesmal musste jede Normalität hintan stehen. Das tut uns Zwinglianern ja so was von gut.

Als wir Freunden, die bei uns zum Essen eingeladen waren, erzählten, dass wir später ins 30 km entfernte Baden fahren würden, um Tango zu tanzen, deklarierten sie uns als verrückt. Aber die halten uns betreffend Tango Argentino sowieso schon für Fälle für das Vormundschaftsgericht. Sie malten uns die Gefahren auf den Strassen in düstersten Farben aus. Da hätte sogar Stephen King noch was lernen können. Wir lachten die beiden Angsthasen aus, erinnerten an die Erfindung von Winterreifen, Allradantrieb und Schneeketten und schickten sie heim, bevor sie zu fragen wagten, ob bei uns zu übernachten für sie nicht sicherer wäre als eine Fahrt mitten durch die Schneehölle Zürichs. Die Fahrt nach Baden war amüsant, eine Mischung aus Schlittenfahrt und Schleuderkurs. Hat richtig Spaß gemacht. Im Parkhaus angekommen, spekulierten wir kurz darüber, ob wir am Ende die einzigen Tänzer neben den Gastgebern sein würden.

Weit gefehlt. Über 30 Tanzwütige hatten den Weg durch das Schneegestöber gefunden und genossen die kurzen Stunden auf dem Parkett außerordentlich. Viele bekannte Gesichter, die Hardcore-Fraktion eben, typisch für so einen Abend. Manche Tänzer hatten eine Anfahrt von anderthalb Stunden in Kauf genommen. So was ist in unserer Schweiz der kleinen Distanzen eher unüblich. Aber auch als ein dickes Kompliment für die Sorgfalt und Kontinuität der Veranstalter zu werten.

An der Tür empfing uns Karin, die Gastgeberin, in silberfarbenen Echsenlederschuhen von "Comme il Faut". Mein Scherz, wie sie damit denn durch den Schnee gestapft sei, wurde mit einem breiten Grinsen quittiert. Meine Partnerin ließ mir wieder mal null Zeit, mich musikalisch einzustimmen. Die eben spielenden Valses wollte sie auf keinen Fall verpassen. So eine elende Hetzerei.

Etwas später verloste Karin eine ihrer berühmten Überraschungen: stimmig zur Winterrückkehr natürlich ein Tulpenbouquet. Ein Strauß der besonderen Art. An jeder Blume hing irgend etwas, um müde TänzerInnenfüße zu pflegen. Spannend. Natürlich war ich wie immer nicht der glückliche Gewinner. Das hatte aber auch Vorteile. So hat das Gemüse nicht den ganzen Platz an unserem Tisch beansprucht. Und ich konnte auf dem Weg zum Parkett nichts umschubsen.

TJ Oscar weiß von unserem Faible für vokale Stücke komplexerer Machart aus der Epoca de Oro. Nachdem er eine Tanda Calo, eine Rodriguez/Malerba gemischt und eine Pugliese schon mitten am Abend gespielt hatte, war die Anreise für uns schon rundum ein Gewinn. Nur auf Demare und Laurenz hofften wir vergeblich. Trotzdem schwebten wir mehrmals anderthalb Zentimeter über dem Boden lautlos über das Parkett. Oder so. Denn die Texte der Calos trompetete meine Lebensgefährtin mir wie immer lauthals in mein längst halbtaubes rechtes Ohr. Damit müssen Beron, Iriarte und Podesta in und um Zürich seit langem leben.

Zwischendurch führte meine Partnerin gewichtige Gespräche über "Comme il Faut", "Madreselva" und "Neo Tango". Da kann ich mit meinem einzigen Paar Tanzschuhe nie mitreden. Das Niveau der Tänzer war wie so oft auf dieser Milonga erfreulich hoch. Klar gab es auch einige weniger begnadete Tänzer aus der angrenzenden Pampa. Karambolagen blieben aber praktisch aus. Was will ein Tangotänzerherz mehr.

Gegen 01:00 Uhr lichtete sich - unüblich früh für diese Milonga - das Parkett zügig. Schließlich machten sogar wir uns einmal vor dem offiziellen Ende einer Milonga durch den Schneesturm auf den Heimweg. Die Schauermärchen unserer Freunde waren wohl doch nicht ganz an uns abgeprallt...

Als wir nach 2.30 Uhr in der Frühe schneekettenlos sicher daheim angekommen waren, hatte sich die Stadt endgültig in eine winterliche Märchenwelt verwandelt, herrlich lautlos und fast taghell. So eine Gelegenheit, unbehelligt von Automobilen vom Hügel an dem wir wohnen, mit Skiern bis runter an den See zu wedeln, wird wohl so schnell nicht mehr kommen. Aber wir waren schlicht zu faul und begnügten uns mit einem langen Spaziergang durch das Quartier, um doch noch müde genug zum Schlafen zu werden, bevor die Dämmerung den Sonntag einläutete.

Nochero Soy: Oscar Moyano und Karin Widmer - jeden 1. Samstag im Monat, 21.30-2.00 Uhr, CH-5400 Baden, Martinsbergstrasse 38 www.tangoharmonia.ch 

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Ausgabe April 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)