Das Tangoböse ist männlich, zwischen fünfundzwanzig und ...
 

Eine Antwort an Swantje-Britt Koerner

Text: Jochen Hille


María Martha Pichel, "Noctámbulos - Nachtgestalten", Galerie Raumtraum am Oberbaum, Berlin


"Das Böse ist immer und überall", tönte einst einer der niveaulosesten Songs der 'Neuen Deutschen Welle'. Niveaulos oder nicht, irgendwie stimmt das natürlich schon. Denn wie könnte das Schöne und Gute definiert werden, wenn es nicht - wie in jedem Märchen - eine Gegenseite gäbe. Beim Tango ist es jedoch gar nicht so einfach das Böse zu finden. Ohnehin ist der Tango eine sehr düstere Angelegenheit. Wo ist beim Tango dann aber das Böse, wenn die Darstellungsformen des Tango ohnehin schon zur dunklen Seite der Macht gehören?

Um das Verachtenswerte und Schlechte beim Tango aufzuspüren, ist es wohl am besten, die üblichen Verdächtigen bzw. das üblicherweise Verdächtigte Revue passieren zu lassen. Der Evergreen beim Bösen sind natürlich feindliche - am besten ethnische Gruppen. Rassismus ist leider auch heute noch weit verbreitet. Beim Tango scheidet er jedoch weitgehend aus. Tangotänzer betrachten sich selbst vielmehr als weltoffen. Spitzfindige Köpfe könnten auf die Idee kommen, dass das daran liegt, dass der Tango sich aus einem multi-ethnischen Gewusel entwickelt hat. Deshalb müssten die Mitglieder dieser vielen Volksgruppen irgendwie tolerant sein. Aber das ist natürlich ausgesprochener Quatsch. Denn Rassismus hat sich noch nie mit derlei Spitzfindigkeiten befasst. Schließlich kam auch das in Deutschland lebende Vielvölkergemisch irgendwann einmal auf die Schnapsidee - ich vermute sie waren gerade tatsächlich besoffen -, dass es als Volk zusammen gehöre. Warum gibt es so was wie offenen Rassismus dann nicht beim Tango?

Der Grund ist ziemlich einfach. Leute, die Tango tanzen, gehören zumindest im deutschsprachigen Raum einer Schicht an, die Rassismus ablehnt. Und die Freunde der NPD, von Haider in Österreich und von Herrn Blocher in der Schweiz, wird man in der Tango-Szene selten antreffen. Zudem ist es ein Ideal von Tangotänzern und -tänzerinnen in der ganzen Welt zu Hause zu sein. Wo man auch ist, da geht man zum Tango. Natürlich vor allem in Buenos Aires - der heiligen Stadt des Tango. Aber tanzen geht man auch in St. Petersburg, Mailand, Paris, Oslo oder Katmandu.

Irgendwo muss es das Böse beim Tango doch geben! Mir fallen nur noch zwei weitere Trägergruppen des Bösen ein: Die Männer und die Tempelritter - wobei letztere natürlich eine Untergruppe der ersten sind. Warum die Tempelritter? Erstens war bei dem Anschlag auf das World Trade Center unter mehreren Tausend Opfern nicht ein einziger Tempelritter, Rosenkreuzer oder Freimaurer. Und zweitens - und das ist das triftigere Argument - habe ich in den acht Jahren, in denen ich tanze, noch nicht ein einziges Mal gehört, dass jemand über Tempelritter redet. Das ist ja wohl ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Leute Angst davor haben offen zu sprechen.

Mir ist noch etwas anderes aufgefallen: Es wird häufig über schlecht tanzende und unangenehme Männer beim Tango gesprochen. Dagegen kommen die Frauen in Konversationen eigentlich durchweg besser weg. Allenfalls die Anmerkung, dass eine Frau arrogant sei, ist hier und da mal zu hören. Am ehesten finden wir noch Beschreibungen von weiblichen Salonschlangen, erkennbar an der um ihren Hals geschlängelten Boa und der Zigarettenspitze zwischen den Fingern. Aber eine solche Darstellung von Frauen beim Tango ist eigentlich doch eher schmeichelhaft.

Dagegen wird den Männern oft vorgeworfen schlecht zu riechen, zu führen, zu fest zuzupacken und natürlich, dass sie über kein Taktgefühl verfügen. Und die Ulkgestalten und vielgefürchteten Wesen, über die gelästert wird, sind fast immer Männer. Daran, dass die Männer fürchterliche Wesen sind, muss also was dran sein. Um das Erkennen der besonders schlimmen Exemplare der männlichen Rasse herauszufinden, folgt die Rasterfahndungsbeschreibung. Es wird gebeten, sachdienliche Hinweise zur Ergreifung dieser Unholde an tangokultur.info oder an eine Ihrer örtlichen Tanzschulen zu melden.

Den Tangopsychopathen erkennt man an folgenden charakteristischen Merkmalen: Er ist männlich, bindungsunfähig, weiß, schüchtern, zwischen fünfundzwanzig und fünfzig Jahren. Er trägt eine tangotypische Kostümierung sowie entsprechendes Schuhwerk. Die besonders schlimmen Exemplare leugnen zudem hartnäckig, dass sie noch bei Muttern wohnen, Bettnässer sind und dass tote Tauben sie sexuell erregen. Mancher Schlaumeier wird jetzt ausrufen: "Das ist ja fast dieselbe Beschreibung wie beim Axtmörder!" Das ist richtig. Allerdings unterscheidet sich der Tangopsychopath vom Axtmörder dadurch, dass er kein Beil bei sich trägt.

Das hat er auch gar nicht nötig. Schließlich stehen ihm viel subtilere Methoden zur Verfügung, um sein Opfer im Schraubstock seiner Umarmung zu quälen.


Diese Glosse antwortet auf Swantje-Britt Koerners Tango-Newbies (3) "Lass diesen Kelch an mir..." 


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Ausgabe November 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)