Das andere Aires
 


Otros Aires besuchen Deutschland

Text: Joachim Jundt


PR-Material Florian Pehle Concerts

Letztes Jahr brachte ich einen ziemlich gut gelungenen Nusshefezopf und die CD von Otros Aires einem befreundeten argentinischen Gitarristen als Mitbringsel. Er fand den Zopf viel besser als die CD - obwohl ich sicher bin, dass der bei weitem nicht so gut klang. Der Zopf. Etwas überraschend fand ich das Urteil schon, denn die Otros Aires war für mich, nach Gotan Project, Carlos Libedinsky und dem Bajofondo Tango Club, seit sehr langem mal wieder eine gut tanzbare und noch dazu sehr angenehm zu hörende Neotango-CD. Oder Elektro, denn so Neo ist die Erscheinung ja nun auch nicht mehr, wiewohl die 5 Jahre seit Gotan im Vergleich zu den übrigen Tangofossilen der Epoca de Oro und noch früher ja grad mal wie ein kurzer Frühling wirkt.

Mir gefielen auf Anhieb mehrere Stücke darauf, die ich seither schon oft hörte und immer noch gern tanze. Bei Elektro-/Neotango erlebt man nun so eine Art Experimental-Phänomen: Vieles, was derzeit produziert wurde und wird, wirkt auf mich sehr fließbandartig zusammengebaut - da ein Bandoneón-Riff, dort ein wenig Goyeneche (knarzige Stimmen kommen immer gut), noch  schnell den Drum-Computer auf 120,0 Schläge/Minute gesetzt, Beat 27 klang irgendwie steil, ey, und fertig ist der neue Silberling von tangElectro oder wie auch immer die beiden PC-Freaks und Klangbastler heißen (der Bandname ist fiktiv und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen würde schon durch das Aussehen der beiden nachtaktiven Musiker in Abrede gestellt). Ich neige dazu, solche Geräusche dann doch wieder rasch zu vergessen.

Otros Aires: Das könnte auch so eine Tango-CD werden, die "durch die Zeiten kommt", ähnlich den alten Klassikern, weil sie an Qualitäten vieles mitbringt: Witz (wenn Miguel di Genova sich mit ""Gracias, Gardel!" bei seinem verstorbenen Mitsänger bedankt), Groove in der lässigen Form und eine Art von Human Touch, die schnell vergessen lässt, dass eben doch ein ziemliches Maß an digitaler Klangtechnik mitverantwortlich ist für dieses runde Produkt - akustische oder elektronische Instrumente, die noch von Menschen gespielt werden, ergänzen die runden Loops zu einem harmonischen Klang. Hier stören synthetische Klänge und Drum-Computer (mich jedenfalls) nie - im Gegensatz zu andren Produkten in der gleichen Stilschublade.

Das ist kein Wunder, denn der Kopf der Gruppe, Sänger und Gitarrist Miguel di Genova ist auch noch ausgebildeter Tonmeister und zeichnet verantwortlich für MIDI-Programming und Video Art - letztere kommt auf der CD noch nicht zum Tragen, wird aber auf der Deutschlandtour von Otros Aires sicher auch für eine interessante zusätzliche Dimension sorgen, da werden laut Ankündigung dann "Fragmente alter Filme, vor allem Tangofilme" zu sehen sein. Ich bin gespannt: Gotan Project hatte auch einen sehr großen halbtransparenten Vorhang mit auf der Tour dabei, der den Blick zwischen Film und aktivem Bühnengeschehen dann unstet werden ließ - vielleicht muss man das multidimensionale visuelle Erleben erst mal lernen... Aber Otros Aires sind auch "nur" halb soviele Personen: Außer di Genova noch Mahu Mayol (dr), der als studierter Schlagzeuger und Komponist auch als DJ arbeitet; Omar Massa (band), zu hören auch schon mit Juan Carlos Caceres; Diego Ramos (p, kb), der schon mit zahlreichen argentinischen Künstlern zusammenarbeitete, von denen ich leider noch niemanden im Tango wahrgenommen habe.

Das erste archäologisch-elektronische Tangoprojekt - damit ist der Bogen zu den Tangofossilen wieder gespannt - hat selbst schon agile 3 Jährchen auf dem Buckel. Da stellten di Genova und sein damaliger Pianist Josep Lluis Guart ihr Kind in Barcelona vor und tourten dann eine geraume Zeit in Katalonien herum, bevor es di Genova Mitte 2004 wieder nach Buenos Aires zog. Dort wurde die CD am 11.12., Gardels Geburtstag, im Gardel-Haus vorgestellt. Etwas viel Gardel? Hmm, dann ratet doch mal, wer auf dem Bild oben di Genova ist...

Die auf der CD zu hörenden Samples sind von 1918 - 1936 entstandene Aufnahmen, u.a. von - genau - Gardel, die so harmonisch in die Stücke eingebaut wurden, dass deren Einsatz in 7 von 10 Tracks mitunter erst beim Lesen des Beiheftes auffällt. Vielleicht hängt ja damit die Akzeptanz gerade der älteren Garde der Tangueros zusammen, denn Otros Aires spielten nach dem ersten Gig im Gardel-Museum wiederholt in alteingesessenen Milongas wie dem "La Nacional", "Palermo Tango Club" und "El Parakultural", um nur ein paar beliebige aufzuzählen.

Wenn die vier Musiker nur halb so lässig auf der Bühne daherkommen, wie sich die CD anhört, dann wird das ein ziemlich geschmeidiges Konzertereignis, auf das ich mich schon ebenso ziemlich freue. Vielleicht bringe ich den Nusszopf das nächste Mal eher ihnen mit ...


Ob mit oder ohne Nusszopf: in den folgenden deutschen Städten kann man im Juni Otros Aires live erleben. Natürlich in Medienpartnerschaft mit tangokultur.info:

28.05.2006: Wiesbaden, Staatstheater
30.05.2006:
Münster, Salsomania (fällt aus!)
02.06.2006:
Schwerin, Der Wurm
03.06.2006:
Berlin (Tangofestival)
07.06.2006:
Hamburg (Mandarin Kasino)
08.06.2006:
Bremen, Club Moments
10.06.2006:
Stuttgart (Tangohalle)
15.06.2006:
Düsseldorf, Tanzhaus NRW
16.06.2006:
Freiburg, tba
17.06.2006:
München, Tango Fusion Club

tangokultur.info hat für jedes Konzert 1x2 Freikarten an seine Leserinnen und Leser verlost. Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!

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Website von Otros Aires...

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Ausgabe Juni 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)