Den Sonnenuntergang im Rücken
 


Otros Aires in der Tangohalle Stuttgart

Text und Fotos: Joachim Jundt

Den Sonnenuntergang im Rücken, gegenüber hing ein großer, orangener Mond knapp überm Horizont, fuhr ich meinem Schicksal entgegen: mich in Stuttgart wie immer erst mal gründlich zu verfahren, diesmal auf dem Weg zu Otros Aires. Die Wegbeschreibung zur Tangohalle enthielt schon Sätze wie "links in die ungeteerte Straße einbiegen", ich brachte also Geduld mit. Am Ende des Weges kam ich auf einen Platz vor einer Wagenhalle, vergessen von vielen, darum herum Lagerfeuer und TV mit der unausweichlichen WM im Freien.

"Argentinien hat gewonnen, es war ein geiles Spiel", entschuldigte Veranstalter Emile Sansour die leichte Verzögerung des Konzertbeginns von Otros Aires, derentwegen ich und noch einige andere Nicht-Stuttgarter sich in den Kreis der Schwaben-Tangueros gesellt hatten. "Geil" wäre sogar noch die untertriebene Variante eines Resumèes der Performance, die die vier Musiker des "elektronisch-archäologischen Tangoprojektes" aus Buenos Aires ablieferten. Die normale Schublade für ihre Musik ist Elektrotango; mir ging jedoch mehr als einmal durch den Kopf, wie ähnlich sich heute geborene Biagis, Canaros, d'Arienzos ebenfalls dieser Soundmöglichkeiten bedienen würden. 

An der Bühnenpräsenz von Sänger und Gitarrist Miguel di Genova, dem Kopf der Gruppe, kam niemand vorbei, er wie auch die anderen drei Musiker waren voll da und hatten selbst viel Spaß an ihrer Musik. Ausgebildeter Soundingenieur (di Genova) zu sein, bringt nicht nur für CD-Projekte Vorteile - der Klang, der aus den kleinen Boxen und der Bassbox kam, war tiptop, transparent, angenehme Lautstärke, die sich auf einem zunächst leeren Tanzboden in der ca. 400m² Betonhalle entfaltete.

Die ersten beiden Stücke "Percanta" und "La pampa Seca" ließen die ca. 200 KonzertbesucherInnen noch am Rand der Tanzfläche stehen oder sitzen. Vielleicht überlegten sie sich aber auch noch, in welchen Raumkoordinaten sie den Wunschpartner zuletzt gesichtet hatten? Mit Augenkontakt auffordern, das war in der sehr dunklen Tangohalle nur für Leute mit Nachtsichtgeräten problemlos. Die Bühnenbeleuchtung half sehr zur Orientierung, die durfte der Videoprojektion wegen allerdings nicht zu hell sein. Der eingesetzte Beamer tat sein Bestes, manche der ansprechenden Clips, besonders die Nachtaufnahmen zeigten aber vorwiegend die Leinwandstruktur. Nun waren aber bereits 2/3 der Anwesenden dem Charme und Groove von "Barrio de Tango" erlegen und bekamen tanzenderweise von den Videos wenig mit.

Meine Anfangsbefürchtung, die großzügige Betonbodentanzfläche würde zu so einer genialen Musik unbetanzt bleiben, nur weil anfangs zur sehr konservativen Musikauswahl von DJ André höchstens 5-8 Paare zugange waren, erwies sich erfreulicherweise als Irrtum. Die TänzerInnen hatten, deutlich zu sehen, jede Menge Spaß und konnten auch mit den ca. 20 Stücken, die in 2 Sets unterteilt waren, viel anfangen. Da die CD selbst nur 10 Stücke enthält, dürfen wir auf eine baldige Präsentation der neuen CD hoffen, auf der dann auch eine "La Yumba"-Version zu hören sein könnte, die keinerlei Wuchtigkeit mehr mitbringt, sondern die Lounge-Katzen schleichen lässt.

"La Yumba" featurete Bandoneónspieler Omar Massa, der bis dahin mehr für Tango-Tipico-Ornamente, also Akkorde und Läufe (wie in der neuen Milonga "Milonga del 900") im Clubsound sorgte. Klar, Elektrotango hat andere Besetzungen, es ist jedoch auch schön, wenn Massa zeigen kann, dass er auch ein komplettes Stück hindurch tragende Melodien kompetent interpretiert. 

Das war ein Duo mit Pianist Diego Ramos, diesen Abend ein vitales Erlebnis am Kawai E-Piano, in Berlin dagegen an einem richtigen (wenn auch leicht defekten, wie ich hörte) Klavier zu hören. Aus dem Duo wurde noch mehr: Samples und Videoclips des großen Pugliese-Orchesters begleiteten die beiden Live-Akteure und wieder brachte es Otros Aires fertig, das neu und stilsicher interpretierte Stück aus einem Guss wirken zu lassen.

Bleibt noch Drummer Emmanuel "Manu" Mayol vorzustellen, der nebenher auch noch die Samples und Videoclips zu schalten und walten hatte. Seine Arbeit mit den Besen hat wesentlichen Anteil am nicht anders als "lässig" zu beschreibenden Groove von Otros Aires. Nie kam es mir so vor, als wären die Musiker ins Korsett der Film- und Musikkonserven gepresste Vollstrecker des Live-Erlebnisses. Jeder Musiker, besonders Gitarrist di Genova, hatte Interpretationsfreiheiten und nutzte die auch intensiv.

Dennoch trafen die Videos, die teilweise aus Loops mit vor- und rückwärts laufenden Szenen bestanden, immer auf den Punkt genau. Manche der Clips waren sehenswert, der Stil in gelblicher Goldtönung für historische wie aktuelle Aufnahmen zeigte eine Stück weit auch die Zeitlosigkeit des Phänomens Tango auf; ob nun Gardel sang und tanzte oder (wenn er es war) dramatisch seine Geliebte würgt, um sie auch noch (im englischen Untertitel mit Dog (bitch) übersetzt) zu beschimpfen. Sie antwortet darauf mit einem Winseln (später mit einem Satz, der ihn zu wilden Reanimationsversuchen durch Mund-zu-Mund-Beatmung der gerade eben noch verunglimpften Dahingemeuchelten treibt). Worauf in der nächsten Szene ein niedlicher Hund vor der Kamera einem Strand entlang schwänzelt und daran denken lässt, wie leichtfertig Tiere doch von Menschen für Schimpfworte missbraucht werden.

Das Video zu "Otra Esquina" war ein "Schönheitstanz" einer überaus kurvenreichen, gut gelaunten Dame, zu Beginn noch mit sparsamer Unterwäsche und etwas Schleier bekleidet (das Oberteil fiel erst zum Schluss), der der Videokünstler di Genova aus dem Charme der 60er-Jahre-Inszenierung heraus, mit Zeitlupe und Zeitumkehreffekten eine sehr zeitgenössische Laszivität verlieh. Wenn das die tanzenden Männer gesehen haben - sicher bin ich mir nicht, die Musik nahm auch ohne Video gefangen - könnte Satchmo Armstrongs "When we are dancing, I get ideas..." sicher gut deren Gedanken umschreiben.

Szenen eines nächtlichen Buenos Aires; fremde Tanguera trifft fremden Tanguero, gemeinsames Verausgaben in einem bühnereifen Tanz auf den Trottoirs und anschließend grußloses Abtauchen im Gassengewirr der Metropole gehören wohl auch dazu. Zumal auch di Genova, der einer Nachtfahrt durch BuenosAires eine rückwärts ablaufende Tagfahrt über Puente Alsina beisteuert, dem Tangowesen eine freundliche Ironie entgegenbringt.

Eine weitere Attraktion brachten Otros Aires nach der Pause und nach einem "Adios Noniño" gefolgt von "Danzarin" als Bandoneónsolo mit: Miguel kündigte "Una Amiga, María" an, in jeder Hand der jungen Artistin 5 dünne langstielige Fackeln, mit denen sie zu "Aquel Muchacho" tanzend Flammenbilder in die Luft der dunklen Betonhalle skizzierte und nach einem Wechsel des Werkzeugs auf brennende Schnüre ausmalte. Das "Heiße" daran: Es war eine Spontanperformance einer jungen Frau, das Resultat eines Pausenflirts von Drummer "Manu" Mayol. Ein Glücksgriff und hochprofessionell! In den Duft von verbranntem Petroleum erhob sich "Rotos de Raval", gesungen von Bühnentier di Genova, der nach "El Otro Puente Alsina" noch "Niebla de Riachuelo" vor Filmbildern von Edmundo Rivero auf eine ganz undramatische, nahe Art sang. Nach dem bekannten und begeistert getanzten "Milonga Sentimental" kam die Zugabenperiode. Noch einmal "Sin Rumbo" inklusive passendem Videoclip (von der Website herunterzuladen) und eine "Libertango"-Version, die sich an Grace Jones' Text zu "I've seen that face before" anlehnte, nur eben im chilligeren Otros-Aires-Stil.

Otros Aires waren das Erlebnis, danach leerte sich die Tangohalle relativ zügig - entweder hatten die Anwesenden einen harten Sonntag vor sich oder die CD-Musik gab wenig Grund, in das Morgengrauen hinein zu tanzen. Das übrigens blau war, die Sonne war bei Karlsruhe bereits am Aufgehen, wenn auch nur als Lichtschimmer gegenüber dem nach ebenfalls erfülltem Nachtleben zufrieden untergehenden Mond.


Hier geht's zum Interview mit Miguel di Genova in der Juli-Ausgabe.

Hier geht's zum Vorbericht zur Otros Aires-Tour in der Juni-Ausgabe.

Zur Website von Otros Aires...

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Ausgabe Juli 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)