YiraYira:
zwischen Milonga und Opernhaus
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CD
"Tango Argentino
live in Berlin"
YIRA YIRA
Label: Eigenvertrieb |

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Text: Jörg Buntenbach
1996 formierte sich in Berlin ein Frauenquartett, das über einen
langen Zeitraum nur zusammen probte, bevor es mit sich einigermaßen
zufrieden war und endlich das erste öffentliche Konzert in Angriff
nahm – im Berliner Jazzklub b-flat.
Nach fast ebenso langer Entscheidungsfindung gaben die vier sich kurz
vor dem Auftritt den Namen "Yira Yira", nach dem bekannten
Tango von Discépolo.
Aller Anfang war schwer. Engagements blieben Mangelware und die
Formation veränderte ihr Gesicht. Zwei Musikerinnen wurden durch zwei
männliche Musiker ersetzt: Gennady Dessyatnyk an der Geige, der
Berliner Tangoszene bekannt als
Frontmann des Trio Scho, und Marc Muellbauer am
Kontrabass, der sich vor allem in der Berliner Jazzszene einen Namen
gemacht hat, stellten sich fortan als eine überzeugende Ergänzung zu den
Gründungsmitgliedern der Gruppe, Melanie Barth (Akkordeon) und
Marie-Elsa Drelon (Klavier), heraus.
Melanie
Barth studierte klassisches Akkordeon und ist mehrfache
Jugendpreisträgerin nationaler und internationaler Wettbewerbe,
besuchte
Meisterkurse bei Richard Galliano und Juan José Mosalini und spielte in
verschiedenen Musical-, Film- und Fernsehproduktionen. Zudem
arrangiert sie auch
–
und zwar nicht nur für Yira Yira,
sondern aktuell z. B. auch für die japanische Sängerin Anna Saeki.
Ihr Instrument ist das Akkordeon, obwohl sie zwischenzeitlich auch das
Bandeneon ausprobierte. Sie liebt das Akkordeon, weil es inzwischen
zu ihrem Leben gehört. Ein Wechsel des Instruments ist für sie
ausgeschlossen. Zum Tango ist Melanie Barth aus verschiedenen Gründen gekommen.
Hauptsächlich liegt es bei ihr jedoch am emotionalen Gehalt dieser
Musik, die sie absolut faszinierend und facettenreich findet.
Marie-Elsa
Drelon studierte Klavier in Paris und ist mehrfache Preisträgerin
internationaler Kammermusikwettbewerbe. Neben ihrer Arbeit mit Yira
Yira begleitet sie regelmäßig Tangosängerinnen und
Chansonniers, wie z. B. Mattar.
Die vier ausgebildeten Musiker haben einen ausgeprägten
Hang zur Perfektion, ohne dabei jedoch in Verkrampfung zu erstarren.
Als Gastmusiker kam später Harald Kündgen (Vibraphon und Cajon) hinzu. Nicht
zuletzt arbeiteten Yira Yira jahrelang mit dem Berliner Showtanzpaar
Stravaganza zusammen. Gemeinsam traten sie auf großen Bühnen
auf, vom Kieler Opernhaus bis hin zum Kammermusiksaal der Berliner
Philharmonie, um zwischendurch auch immer wieder bei Tangobällen ihr
Können unter Beweis zu stellen. Inzwischen hat sich Yira Yira einen
festen Platz in der Tangoszene erspielt.

Foto: Jörg Hesse (Bildarchiv
tangokultur.info)
Am 29. Mai diesen Jahres luden die Musiker Freunde und Fans zum Konzert in der Berliner
Passionskirche ein. Etwa 120 Zuhörer folgten dem Ruf.
Yira Yira spielten die Titel, die manch einer
auch schon von ihrer CD "Midnight Tango" her kennt. Ganz
souverän und kraftvoll. Man merkte den Musikern an, dass sie einen
guten Tag erwischt hatten. Ihre Präsenz war bestechend. Schon nach
dem zweiten Stück tönten Bravorufe durch das Kirchenschiff. Es war
ein Genuß, dem Quintett zuzuhören – und den Musikern machte es ebenso
viel Spaß, dass das Publikum sich anstecken ließ von der Live-Power, an
der bei Stücken wie "La Trampera" vor allem das Cajon
Harald Kündgens einen großen Anteil hatte. Es ging ab in der
Passionskirche – und nach Ende des Programms wurde "Yira Yira"
mit tosendem Applaus verabschiedet. Am Tag nach dem Konzert
bestätigte bereits Fanpost die positive Resonanz. Zitat: "...
gestern
Abend habe ich Sie, das Yira Yira Ensemble, in der Passionskirche
erlebt und es war ein Erlebnis! Vielen, vielen Dank für diese
schönen Stunden!"
Aber
was ist der Stil von Yira Yira, was macht ihre Musik so
besonders? Immerhin gibt es inzwischen zahlreiche Tangogruppen, die
sich auf dem überschaubaren Markt anbieten.
Die große Stärke des Ensembles liegt wahrscheinlich darin
begründet, dass die Musiker so unterschiedlichen Einflüssen
(Klassik, Jazz, Folk) entstammen und alle für sich genommen absolute
Profis sind. Mit einer bestechenden Leichtigkeit spielen sie mit den
verschiedenen musikalischen Formen des Tangos, wobei sie die großen
Vorbilder aus Argentinien nicht aus den Augen verlieren und sehr auf
Tanzbarkeit achten. Die Besonderheit liegt auch an den ausgefeilten
Arrangements und der Einbindung eigener Ideen, sowie in der Besinnung auf
ihre europäischen Wurzeln. Yira Yira kopieren die
Kompositionen nicht, sondern gestalten sie neu. Zudem hat das Ensemble
selten gespielte Tangos im Programm, mit denen sie ihr Publikum immer
wieder überraschen. Und gerade bei den Live-Auftritten verbreiten das
Vibraphon und das Cajon Harald Kündgens eine ganz besondere Stimmung.
Kurz gesagt: die Instrumentierung prägt den besonderen Stil der
Gruppe.
So viel zu den Live-Musikern Yira Yira. Aber wie wirkt die
Musik der Gruppe auf CD? "Tango Argentino live in Berlin" heißt die neuproduzierte
CD von "Yira Yira". Darauf enthalten sind 14 Titel bei einer
Gesamtlaufzeit von rund 1 Stunde. Davon 6 Kompositionen von Piazzolla,
was wohl an einer weitverbreiteten Musikerkrankheit liegen mag, einem
Virus?, dass dieser sich immer und immer wieder in das Repertoire
einschleicht.
Ich will versuchen, kurz auf jedes Stück des Tonträgers einzugehen:
die CD beginnt mit "Meditango" von Piazzolla, das
in diesem Arrangement vom Vibraphon dominiert wird. Für meinen
Geschmack deutlich zu viel des Guten. Dem Stück hätte es sicher gut getan,
wenn das Instrument nuancierter eingesetzt worden wäre. Im
nachfolgenden Stück "Tanguera" von Mariano Mores steckt
dann wieder die ganze Überzeugungskraft der Musiker. Perfekt!
Bei "Novitango" kommt zwar wieder das Vibraphon zum Einsatz,
doch fügt es sich hier zumindest annehmbar in das Arrangement ein.
Mit dem Tango "Yira Yira" folgt ein Klassiker, der auf jeder
Milonga gespielt werden kann. Hierzu muss man nicht viel schreiben.
Sehr schön!
"La Trampera" wurde schon erwähnt. Hier verleiht das
Cajon dem Stück eine gewisse Würze. Es reißt auch auf CD Zuhörer und Tänzer
gleichermaßen mit. "Adios Nonino" (wieder ein Stück von Piazzolla) beginnt
für meinen Geschmack viel zu behäbig – und daran schließt sich
"Soledad" (auch von Piazzolla) nahtlos an. Für meinen
Geschmack zu uninspiriert.
Die Milonga "Morena" reißt dann wieder alles raus. Tempo
und Zusammenspiel sind stimmig. Und was dann mit dem Vals "Caroussel"
folgt, könnte dazu animieren, jeden und alles auf dieser Welt zu
umarmen, wenn hier nicht wieder das Vibraphon den Fluss der Musik
stören würde. Ein wenig zwar nur, aber doch spürbar. Und wer weiß,
wozu es gut ist...
"Vuelvo al sur" (wieder ein Piazzolla) finde ich in diesem
Arrangement nicht überzeugend. Der Grund ist auch hier das Vibraphon.
Durch das Instrument wirkt das Werk überfrachtet, was man dann auch
von "Verano Porteno" (ebenfalls von...) sagen kann. Schade!
"Siboney", eine Habanera von Lecuona vertreibt den Ärger
zum Glück wieder. Das Stück erinnert an die Leichtigkeit des Seins. Marie-Elsa Drelon brilliert am Klavier. Klasse!
Der vorletzte Titel heißt "De Punta y Hacha", eine Milonga,
bei der man die ganze Kraft des Ensembles spüren kann. Zudem ist
dieses Stück absolut Milonga-tauglich.
Mit "Fueye" klingt die CD ruhig und fast wehmütig aus. Und
hier fügt sich das Vibraphon doch noch angenehm in die Gesamtharmonie
ein.
Fazit: die CD "Tango Argentino live in Berlin" von Yira Yira
ist trotz ein paar kleiner Schwächen empfehlenswert. Anzumerken ist
auf jeden Fall, dass das Ensemble in erster Linie eine Live-Band ist.
Diese Musiker sind auf der Bühne immer ein Erlebnis...

Die CD "Tango Argentino live in
Berlin" gibt es zum Preis von 15 Euro (Vorkasse) zuzügl. 2,50
Euro Versandkosten hier bei tangokultur.info. Bestellungen per Email
an willkommen@tangokultur.info.
Weitere Informationen über Yira
Yira gibt
es auf der
Homepage der Gruppe: Link...
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Ausgabe Juli 2005
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