V.
Tango-Tage in Leipzig
04. - 08. Mai 2005
Diegos
Protokoll
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Text:
Diego
Fotos: Johanna Ragnitz
Sonntag,
1. Mai:
„Wie Planeten zirkulieren
acht Stimmen um einen omnipräsenten Zentralton…“. So beginnen
meine Tangotage in Leipzig: mit den Bachtagen. Das Hilliard
Ensemble berührt mich mit Arvo Pärts
"Johannes-Passion" an einer Stelle, von der ich – trotz
Tango – gar nicht wusste, dass es die gibt….
Dienstag,
03. Mai:
„Was
zieh ich denn an?????“ ist der meist gehörte Satz. Während ML
(Meine Liebste) sich damit quält, geh ich in freudiger Erwartung die
nächsten Tage durch: Mittwochs abends Matthäus-Passion, dann ins
ALMA, ankommen, eintauchen, entkoppeln….
Donnerstag Nachmittag ins ALMA, dann abends in die MANIE.
Freitag Nachmittag ins ALMA,
dann abends ins PALAZZO (bin gespannt, da war ich noch nicht).
Samstag
Nachmittag ins ALMA, dann abends zu Los Cosos ins PALAZZO (die
haben mich vor zwei Jahren derart in Ekstase versetzt, das kann dieses
Jahr eigentlich nur mit einer Ent-Täuschung enden….).
Sonntag zum Brunch in die MANIE, was als Ausklang angekündigt ist,
war die letzten Jahre für mich der Ort und Zeitpunkt höchster
Zufriedenheit und innerer Ruhe…

Was ich bewusst auslasse:
Die Workshops, mag keine Schritte und Technik mehr lernen, jedenfalls
nicht in dieser Woche…
Den Musiker-Workshop: war schon einmal bei entsprechender Gelegenheit
von professoral-belanglosem Geschwätz enttäuscht, brauch ich nicht
noch mal…

Freitag, 06. Mai, 11.30 Uhr:
Die ersten Eindrücke müssen aufs Papier: das ALMA ist für mich
das Herz der Tango-Tage. Betritt man den efeuumrankten Hof, lächeln
dich die in der Sonne sitzenden RaucherInnen an und aus den Fenstern
perlt Di Sarli. Die GastgeberInnen (betörend: Angela; herzerwärmend:
Michael; immer D`Arienzo auflegend, wenn ich es brauche: Rafael), die
vielen freundlichen HelferInnen, das leckere Essen, die schöne und
einfühlsam aufgelegte Musik und die familiär-kuscheligen Räumlichkeiten
führen einfach zu einer „Ankommen und Wohlfühlen-Atmosphäre“,
die sich auf alle und auf die Tanzfläche überträgt. Anfangs natürlich
das übliche konkurrenzbezogene Beäugen unbekannter Gesichter (sieht
sie/er besser aus als ich, tanzt sie/er besser als ich, wird sie/er
mir in meinem Revier den Rang streitig machen……..), aber das
weicht schnell einem gemeinsamen Tangoerlebnis. Hier trifft man sich
und andere wirklich.
Der erste Ball gestern Abend in der MANIE war da ganz anders: es kam
einfach keine Stimmung auf (ich hab’s bis 3.00 Uhr probiert). Und
ich weiß nicht, woran es lag. Denn: die Räume von Anke und Alex sind
einfach wunderbar (eine alte Manufakturhalle mit Flair), die Leute
hinter dem Tresen übertrugen ihr inneres Strahlen trotz riesigen
Andrangs auf die ungeduldig Getränke Suchenden, die Band (Musa
Mistonga mit Guests) spielte erdigen und engagierten Tango, der DJ
Carsten schaffte passende Übergänge zwischen den Live-Mucke-Sets und
versuchte, den TänzerInnen in die Beine zu spielen, es half alles
nichts: kein Tango!
Vielleicht lag es bei mir daran: ich sah zu viele Leute auf der Tanzfläche,
die – was immer sie auch taten – keinen Tango tanzten. Selbst
erfahrene TänzerInnen hoppelten wie wild los, wenn die ersten Töne
einer Milonga ertönten, ganz zu schweigen von den reichlich
vorhandenen unerfahrenen TänzerInnen, die von allem sowohl überfordert
als auch unberührt blieben…
Freitag 06.Mai, 14.45 Uhr:
Wir wurden gestern Abend gebeten, heute Mittag den Taxi-Dienst für
Nancy und Damian zu machen. Also holten wir die beiden von ihrem
Privat-Quartier ab und fuhren sie in die MANIE zum Workshop. ML nutzte
die Gelegenheit und nahm die Kamera mit: sie wollte einige Fotos vom
Workshop machen. Die Arbeitsatmosphäre in der Manie
war Tango pur. Wie immer die beiden das auch machen (keine Ahnung): da
muss man einfach süchtig werden. Ich glaub', es ist was von der
Sorte: die unterrichten nicht nur Tango als Unterrichtsgegenstand,
sondern auch wie sie
unterrichten ist Tango, sie sind
Tango, und das übertragen sie auf ihre SchülerInnen….
Ich hätte doch mitmachen sollen…

Samstag 07. Mai, 13.00 Uhr
Gestern Nachmittag entschädigte das ALMA mich für den
Non-Tango-Vorabend. Der Ball abends im PALAZZO war dann wieder eine
kalte Dusche für mich: kein Tango. Punkt.
Das Gebäude: wunderbar verwunschen im Park. Die Räume: morbide und
mondän zugleich, die Tanzfläche etwas zu lang – eigentlich eher
ungeeignet. Dann das große (17 MusikerInnen) Orchester Abriende y
Cerrando: ich war positiv überrascht von der musikalischen Qualität:
hinreißend und professionell (wenn nicht gerade die Sängerin uns mit
ihrer Stimme quälte). Aber leider spielten sie kaum Tanzmusik, und
das drei lange Sets – die ganze Nacht. Das muss daran liegen, dass
die „Köpfe des Orchesters“ offenbar keine Berührung zum Tango
als Tanz haben. Schade.
Die Performance (Auszug aus der Tangopera): genial die Tango-Lesung
zur Aria der Goldberg-Variationen, mich tief berührend Natashas
„Danza de la moza donosa“ (das sollte Barenboim mal hören…..)
mit Sophias Tanz dazu, leidenschaftlich Marina u. Ricardo…
Unterhaltsam und mutig die Tanzeinlagen der Leipziger TanzlehrerInnen
(Angela, Anke, Alex und Raphael), denn wer mag sich schon mit Damian
& Nancy messen...
Also hätte das doch eigentlich ein schöner Abend werden können,
oder? Nein, leider nicht, denn es gab einen alles überragenden Akt
der Körperverletzung, der zunichte machte, was hätte gut werden können:
der Anblick der TänzerInnen auf der Tanzfläche. Fußballartisten,
Pseudoakrobaten, „dance alone“-Experten, Bewegungs-, Hör- und
Empfindungsgestörte, all diese waren so in der Überzahl auf der
Tanzfläche, dass die Netzhaut zu verbrennen drohte…
Und der Blick in die zutiefst traurigen Augen Michaels (einer der
vielen engagierten Köpfe der Leipziger Tango-Tage) zeigen mir, dass
ich nicht der einzige bin, der leidet.

Sonntag 08. Mai, 19.00 Uhr
Alles ist gut.
Der Samstag Nachmittag im ALMA war unglaublich: die TänzerInnen auf
der Tanzfläche waren ein Organismus, der Tango atmete.
Anschließend der Ball im PALAZZO: der gleiche Raum (nur anders
dekoriert), (fast) die gleichen Leute wie am Freitag, aber von Anfang
an war eine harmonische Stimmung auf und um die Tanzfläche. Noch
bevor Los Cosos anfing zu spielen, zeigten die glücklich
strahlenden Augen von Michael das, was ich auch fühlte: ein großes
Fest, das ist.
Und als dann Los Cosos aufspielte, störte es nicht, dass die
ersten ein, zwei Stücke noch holperten, denn was dann kam, war Musik,
wie ein Tangoball sie braucht….
Der Showtanz von Damian & Nancy: eigentlich ist die Bezeichnung
Showtanz eine Beleidigung dafür, denn da war nix mit „Show“, dafür
ganz viel mit „Tanz“. Viele Showtanzpaare zeigen vor allem
stupende Technik. Damian & Nancy zeigen
diese nicht, sondern haben sie
einfach. Es war in etwa so, als wenn Glenn Gould mit seinem
Doppelgänger vierhändig spielen würde….
Als krönender Ausklang der Tango-Brunch in der MANIE: eine Mischung
aus Ent-Spannung und Konzentration, aus Abschied und Wohlfühlen zur
Musik von Marina und Ricardo und Andres feinem DJ-Händchen.
Ich bin sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der jetzt schon mal
den Urlaubsplan des nächsten Jahres auf Himmelfahrt hin ausrichtet.

Informationen zu den Leipziger Tangotagen: Link...
Ausgabe
Juni 2005 tangokultur.info
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