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Tangosucht – verzweifelt gesucht?
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Text: Kerstin Tomiak
Fotos: Joachim Gillert



Dieses rätselhafte Phänomen „Tangosucht“. Jeder, scheint es, spricht darüber, schreibt darüber (ja, wir auch!), mancher lacht darüber, der Nächste kokettiert damit. „Tangosucht“! Hört sich ja irgendwie toll an. „Ich bin tangosüchtig“ scheint ein Synonym geworden zu sein für: „Ich gehöre zu einer dunklen, leidenschaftlichen Halbwelt“, bedeutet: „Ich bin ein leidenschaftlicher, ein sinnlicher Mensch. Ich lasse mich nicht von Konventionen gängeln, ich tue, was mir Freude bereitet, ich bin süchtig nach Tango.“


Foto: Joachim Gillert

Aber ist „Sucht“ tatsächlich gleichzusetzen mit „Ich tue dies und jenes gern“? Wohl kaum. Was also ist eigentlich „Sucht“? Diese Frage, so scheint es, muss vor der Frage „Gibt es Tangosucht?“ beantwortet werden. Reden wir von den „üblichen“ Süchten, also Drogen, Alkohol oder Tabletten, so wird „Sucht“ durch mehrere Kennzeichen charakterisiert. Als Hauptkriterien sind zu nennen: das unstillbare Verlangen nach dem jeweiligen Stoff und die stetige Erhöhung der Dosis. Der meist zunächst psychischen Abhängigkeit folgt die körperliche. Für den Tango, da muss man gar nicht lange drüber nachdenken, trifft das nicht zu. Es ist sicher schwierig, sich mittels der Tangotanzerei körperlich zu ruinieren. Und die Erhöhung der Dosis? Auf mehr als einer Milonga kann niemand tanzen. Körperliche Entzugserscheinungen gibt es auch nicht unbedingt – jedenfalls wurde bisher nicht darüber berichtet. Also, auf den Müll mit der Tango-Sucht? Ist das Ganze nur ein blödes Modewort, von einigen Vieltänzern gebraucht, um sich wichtig zu machen?

Vielleicht. Aber es gibt noch eine andere Definition von Sucht. Sucht, laut Online-Lexikon Wikipedia, „bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand, als Folge eines gescheiterten Selbstheilungsversuches. Diesem Verlangen werden nach Verständnis der Weltgesundheitsorganisation die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.“
Na hoppla. Das hört sich schon anders an. Nach dieser Definition können wir unterscheiden zwischen den Drogen, die körperlich abhängig machende Stoffe in sich haben (Alkohol, Tabletten, Zigaretten, etc.) und Dingen, die uns abhängig machen, weil wir sind wie wir sind.
Und was bedeutet das nun für die vielbeschworene Tangosucht?

Sehen wir uns in den Tangosalons um, so finden wir überraschend viele junge bis mittelalte Singles. Tango, der leidenschaftlichste aller Paartänze, ist offenbar KEIN „Paar“-Tanz, oder, wie es ein mir bekannter Tänzer gern ausdrückt: "Der Tango bringt mehr Menschen auseinander als zusammen." Der Tango mit seiner Intimität – wo außer im Tango ist es erlaubt und erwünscht, mit völlig Fremden eine so große körperliche Nähe aufzubauen, die gleichzeitig zeitlich beschränkt ist? – ist einfach ein hervorragendes Feld für Menschen, die Verbindlichkeit und Nähe nur kurze Zeit aushalten. Damit erhält die vielbeschworene „Tangosucht“ einen anderen Namen: nämlich Persönlichkeits- oder Bindungsstörung. Das Ambiente des Tango, das Emotionen – Leidenschaft, Gefühl und Nähe – verspricht, zieht naturgemäß gerade Menschen an, denen Leidenschaft, Gefühl und Nähe im eigenen Leben fehlen – weil ihre Angst davor viel zu groß ist.


Foto: Joachim Gillert

Im Tango kann diese Nähe erlebt werden, denn der Tango ist reglementiert. Länger als einen Abend dauert sie nicht. Und dann kann man nach Hause gehen und sich sagen, dass alles nicht so schlimm ist mit dem gestörten Gemütshaushalt, schließlich tanzt man Tango. Man hat dort einen Freundeskreis und man liebt die Nähe zu einem anderen Menschen im Tango. Aber eben auch nur im Tango.

Dazu scheint auch zu passen, dass in der Tango-Szene Verhaltensformen vorherrschen, die in anderen Bereichen als befremdlich bis grob unhöflich gelten würden. Da schwebt man die Ewigkeit von drei Tänzen in den Armen eines Menschen, hat anschließend aber keinen Blick für den Partner (Partner?) übrig, erkundigt sich nicht mal nach dem Namen des Anderen. Bei der nächsten Milonga ist der Tanzpartner / die Tanzpartnerin von vorgestern kaum noch ein Kopfnicken wert. Mitten im Gespräch wird aufgesprungen, um sich einem möglichen Tänzer in die Arme zu werfen und verlassen wird eine Milonga häufig ohne ein Abschiedswort selbst zu denen, mit denen man sich dort verabredet hatte – man könnte ja in Gottes Namen einen Tanzenden stören! Die vielbeschworene Gemeinschaft der Tangoszene hinkt, wenn man feststellt, dass es außerhalb des Tangos auch nichts gibt, was die Menschen zusammen hält. Jahrelang tauscht man manchmal Begrüßungsküsschen, ohne auch nur zu ahnen, was der so Begrüßte eigentlich den ganzen Rest seines Lebens tut. Damit keine Missverständnisse entstehen: Nein, nicht ALLE sind so. Aber eben viele.

Ob es eine Tangosucht gibt – keine Ahnung. Bindungsgestörte Menschen gibt es haufenweise. Ob mehr davon sich im Tangosalon tummeln als – sagen wir mal – in einem Basketballverein – ebenfalls keine Ahnung. Aber es scheint jedenfalls, dass sich bindungsunfähige oder bindungsängstliche Typen gut im Tango ausleben können, sie finden im Tango den Ersatz für das, was in ihrem Leben fehlt. Die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, die offenbar ersehnte Nähe, die man nicht leben, sondern nur tanzen kann, zu erlernen – und dafür auch mal die eine oder andere Milonga sausen zu lassen – drängt sich auf, ist aber nur vom Einzelnen zu beantworten. Tangosucht? Der Tango hält das Schlagwort aus. Ob der oder die Einzelne aber die Einsamkeit, die er oder sie hier nur zudeckt, aushält – das ist eine andere Frage.


Foto: Joachim Gillert



Ausgabe Juni 2005

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