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Tango - Die Süsseste aller Süchte
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Text: Jochen Hille
Fotos: Elke Koepping





Ich möchte mir die folgende Alltagsszene gerne in Herne vorstellen –  nicht, weil sie in Berlin nicht auch genau so stattfinden könnte, sondern weil wir uns bei tangokultur.info trotz Berliner Standort auch um die Berichterstattung aus anderen Regionen bemühen: Zwei Männer, mit in den schönsten Rot- und Blautönen aufgedunsenen Gesichtern, dicken Bäuchen und dünnen Beinchen, sitzen in einer Vorstadtkneipe und saufen sich die Hucke voll. Irgendwann passiert das, was in solchen Situationen immer passiert. Der eine sagt glücklich lächelnd zum anderen: „Du, ich bin alkoholsüchtig und ich komme nicht davon los. Schließlich gehe ich jeden Abend in die Kneipe und betrinke mich.“ Darauf antwortet der andere mit einem sanften Lächeln: „Klar, ich auch und bei mir fängt es sogar schon morgens mit dem Kribbeln und Zittern in den Fingern an; komm, lass uns sofort noch zusammen eine Runde nehmen.“ 

Wer jemals mit einem Süchtigen umgegangen ist, der weiß, dass eine solche Szene niemals vorkommen wird. Zur Sucht gehört das Verleugnen ebenso wie der jeweilige Stoff. Und deshalb betrachten die "Anonymen Alkoholiker" das Zugeben der Sucht und der Machtlosigkeit gegenüber dem Alkohol bereits als den ersten Schritt zur Genesung. Insofern ist allein schon der Umstand, dass Tangotänzer und -tänzerinnen liebend gerne ihre „Tangosucht“ eingestehen, ein ziemlich sicherer Indikator dafür, dass es diese Sucht nicht gibt. Natürlich kann man nach so ziemlich allem süchtig werden und es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass das nicht auch für den Tango gilt. Die Mischung aus Musik, Bewegung und Nähe ist dafür prädestiniert, Trancezustände hervorzurufen.

Aber, dass alles irgendwie süchtig machen kann, ist eine banale Feststellung und es ist falsch, jeden glückstrunkenen Zustand als „Sucht“ zu pathologisieren. Immerhin ist Tango – vielleicht vom gelegentlichen Schlafentzug und der oft verqualmten Luft abgesehen – so ziemlich das Gesündeste, was man machen kann: Es gibt kaum heftige, ruckartige Bewegungen, die Sehnen, Muskeln, Gelenke und Knochen überlasten könnten, der Puls bleibt konstant bei ca. 120, der Rücken wird trainiert und der soziale Kontakt führt dazu, dass sich allerhand das Immunsystem stimulierende Substanzen im Körper vergnügen. Außerdem muss ich mir in diesem Zusammenhang nur die noch immer vollen Bierkisten in meinem Keller ansehen. Die sind nämlich deshalb noch da, weil ich auf der letzten Party vor allem Tangoleute zu Besuch hatte und die trinken wesentlich weniger als sonst in unseren Breitengraden üblich.

Wenn es aber keine Tangosucht gibt, warum sprechen wir dann darüber? Es gibt mehrere Gründe. Was wir meinen, ist gar keine Sucht, sondern eine diffuse Sehnsucht – und davon tropfen und triefen die Tangos nun einmal. Außerdem überhöhen wir den Tango mit dem Suchtbegriff. Wir könnten auch sagen: „Ich tanze gerne“. Aber das ist wesentlich schwächer als: „Ich bin tangosüchtig“. Entscheidend ist außerdem, dass wir uns als eingeschworene und halbzwielichtige Gemeinschaft von „Süchtigen“ bezeichnen. Gerade für die stark individualisierte Tangoszene, die ohne feste Vereins- oder Mannschaftsstrukturen auskommt, ist das extrem wichtig. Und wenn zwei Einzelne sich in den Tanzpausen peinlich berührt gegenüber stehen, was könnte es da Schöneres geben als sich die gemeinsame Tangosucht einzugestehen. Schließlich gehört die „Sucht“ zum selben Bedeutungsfeld wie Passion, Leidenschaft, Anrüchigkeit und zur Halbwelt mit ihren Bordellen und Spielhöllen.

Der Tango ist spannend, weil wir ihm diese Attribute des Zwielichtigen zuschreiben – ohne sie wäre er ein stinknormaler Standardtanz mit etwas schlechterer Körperhaltung. Das Schrecklichste, was dem Tango deshalb passieren könnte, wäre, dass diese Zuschreibung verloren ginge. Nicht umsonst gehört es zu den Lieblingsanekdoten der Tangoliteratur, dass er einst vom Papst verboten wurde. Dies ist die höchste Auszeichnung, die dem Tango jemals verliehen wurde. Denn was der Papst verbietet, das muss spannend sein und einen Heidenspaß machen. Wir können aufatmen. Aus diesen Kreisen droht uns nach wie vor keine Gefahr. Gut unterrichtete vatikanische Kreise lassen verlauten, dass der neue Papst die Pläne seines Vorgängers, den Tango als Fitnessprogramm zur körperlichen Ertüchtigung von Bischöfen, Priestern, Nonnen und Gläubigen zu fördern, vorerst zurückgestellt hat. Schließlich versteht sich unser deutscher Papst nicht als Turnlehrer, sondern als bescheidener Arbeiter im Weinkeller des Herrn. 

Wir dürfen also weiterhin unserer eingebildeten, süßen und verbotenen Tangofr(s)ucht frönen.




Ausgabe Juni 2005

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