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"Es gibt einfach keine bessere
Tango-Stimme als die Carlos Gardels"

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Text: Ana Maria Rabe



Tomás Eloy Martínez                     Foto: G. Martinez


„In Buenos Aires ist das Tango-Repertoire weiterhin dasselbe wie in den 50er Jahren. Die jungen Leute in Buenos Aires interessieren sich sehr für den Tango.“ 


Das ist eines der Statements zum wohl bekanntesten Tanz des Río de la Plata, die der argentinische Schriftsteller Tomás Eloy Martínez während der Vorstellung seines eben auf Deutsch erschienen Romans „Der Tangosänger“ am 12. Mai im Instituto Cervantes in Berlin abgab. Was würde wohl Roberto Herrera dazu sagen, der einen Tag später in derselben Stadt im Rahmen des Internationalen Tango-Festivals auftrat und neben anderen Tänzen auch eine Elektro-Tango-Choreografie aufführte? In seiner Tanztheaterproduktion „Tango Nuevo“ kommen viele zeitgenössische Tango-Kompositionen vor, die den diversen elektronisch-musikalischen Vorlieben der heutigen Jugend entsprechen und die Tango-Radioprogramme von Buenos Aires bevölkern.

An den Elektro-Tango hat Tomás Eloy Martínez während der Buchpräsentation im Instituto Cervantes sicher nicht gedacht. Schließlich ist die zweite Hauptfigur seines Romans, ein amerikanischer Doktorand, nach Buenos Aires gereist, um einen wundersamen Tangosänger aufzuspüren, der sich auf die Wiedergabe der ganz alten Tangos aus der Zeit der Bordelltänze und der lunfardo sprechenden Halbwelt versteht. Die sagenhafte Stimme dieses mysteriösen Sängers, die nach Aussage des Autors eine „Synthese aller wichtigen Stimmen des Tango“ darstellt, ist – wie Martínez versichert – so fiktiv wie der Romanheld selbst, der sich Julio Martel nennt.

Zwar hat es in der Geschichte des Tangoliedes einen wirklichen Julio Martel gegeben, doch Martínez wusste nichts über ihn, als er sein Buch schrieb. Erst später, als der Roman bereits fertig war, erfuhr der Schriftsteller von dem realen Martel, hörte sich Aufnahmen von ihm an und fand wieder einmal seine Überzeugung bestätigt: „Es gibt einfach keine bessere Tango-Stimme als die Carlos Gardels.“ Mit Nachdruck versichert Martínez dem Publikum: „Ich habe in der Zeit, als ich den Roman schrieb, Hunderte von Tango-Stimmen gehört, die von Caruso, Pavarotti und Plácido Domingo mit einbegriffen. Die besten Stimmen des 20. Jahrhunderts sind der Carlos Gardels unterlegen. Eine bessere Stimme als seine zu finden, ist eine Utopie.“

In seinem jüngsten Roman scheint Martínez wieder einmal auf ein altes Lieblingsmotiv seiner Erzählkunst zurückzugreifen: die Nekrophilie, das Moribunde und Dekadente. Alles ist vom Dahinschwinden bedroht: die Lieder, die Julio Martel singt, der Sänger selbst, die Stadt, die 2001 eine so große soziale und wirtschaftliche Krise erlebt, dass Martínez sich die beunruhigende Frage stellt, ob es möglich sein kann, dass Länder sterben. Auf die Frage, was Martínez immer wieder dazu bringt, das Motiv des Moribunden und Dekadenten aufzugreifen, antwortet der Schriftsteller, er könne sich dem einfach nicht entziehen. Schließlich sei er in einer dekadenten, moribunden Familie aufgewachsen, die mütterlicherseits seit 400 Jahren, väterlicherseits seit 350 Jahren in Tucumán ansässig ist und dem gemäß viele untereinander verheiratete Familienmitglieder besitzt.

Der 1934 in der argentinischen Stadt Tucumán geborene Tomás Eloy Martínez ist nicht nur Romanschriftsteller. Er ist auch Journalist, Essayist, Chronist, Literaturkritiker, Kolumnist und Professor für lateinamerikanische Studien an der Rutgers University in New Jersey, wo er die meiste Zeit des Jahres lebt. In seinen belletristischen Texten verschränkt Martínez fiktive Geschichten mit historischen Tatsachen. Sein bekanntester Roman, “Santa Evita” (1995), handelt von der makabren Verehrung, den wahnwitzigen Abenteuern und unendlichen Odysseen, die der einbalsamierte Leichnam Evita Peróns Jahre lang über sich ergehen lassen muss. 

Weitere Romantitel sind “Sagrado” (1969), “La novela de Perón” (1985) und “La mano del amo” (1991). Im Herbst 2003 erschien bei Suhrkamp die deutsche Version seines mit dem angesehenen spanischen Literaturpreis Alfaguara ausgezeichneten Romans „Der Flug der Königin“ („El vuelo de la reina”, 2002), der von der zerstörerischen Beziehung zwischen dem mächtigen Herausgeber einer großen, bonaerensischen Tageszeitung und einer jungen Journalistin handelt. Martínez’ jüngster Roman „Der Tango-Sänger“ („El cantor de tango“, 2004) ist eben in der deutschen Übersetzung von Peter Schwaar im Suhrkamp-Verlag erschienen.

 

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