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Sind wir nicht alle ein bisschen Tango?

Der Kabarettist Martin Quilitz und die 'rheinische Tonlage'

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Interview und Vorbericht: Elke Koepping



Foto: Poreski&Libuda
Zusammen mit der Berliner Tango-Formation amortal hat der Kabarettist und Comedian Martin Quilitz für das diesjährige Sommer-Open-Air "Sunset-Varieté" der ufaFabrik in Berlin-Tempelhof ein Tango-Kabarett/Varieté ins Leben gerufen. 

Die Vorarbeiten am Konzept hat Quilitz zusammen mit Julian Tyrasa, Drehbuchautor und Regisseur und u. a. eben auch Pianist von amortal bereits im vergangenen Jahr begonnen, im März intensivierte sich die Arbeit am Programm – das Ergebnis "Sind wir nicht alle ein bißchen Tango?" ist nun den gesamten August über in der ufaFabrik zu sehen. 

Neben dem Kabarettisten und den Musikern, sowie dem ersten Berliner Lunfardo-Text, beinhaltet das für Tangofans ungewöhnliche Vorstellungskonzept natürlich auch Tangotänzer: Nina Uzkureit und Fernando Zapata (u. a. auch als Tänzer in der Aufführung von "Maria de Buenos Aires" zu sehen, die die Opera Latinoamericana im Jahr 2004 im Rahmen des Metropolenprojektes Berlin-Buenos Aires zeigte).
Dass diese nicht ein tänzerisches Standardprogramm präsentieren werden, lässt sich aus dem Varieté-Konzept sehr leicht erahnen. Das Artisten-Paar Green Gift, widmet sich mit Witz dem Geschlechter-
kampf im Tango: "Wie bei jedem Paar stellt auch für Stefanie Bonse und Michael Korthaus der Tanzkurs die Beziehung auf die Probe: Natürlich will SIE tanzen. Und natürlich ER nicht." – Stefanie Bonse ist übrigens die einzige Frau Deutschlands, die mit den Bola-Kugeln
umgehen kann, und allein dies sollte schon einen Besuch lohnen.

 

 

 

 

 

 

Generalprobe-Szenenfotosi: Fernando Zapata und Nina Uzkureit (oben),
Boleadora Stefanie Bonse (unten)    Fotos: Elke Koepping

Der Abend dient nicht dazu, den Tango zu verblödeln, wie Martin Quilitz versichert, sondern präsentiert einen Blick von außen auf die deutsche Szene, mit leichtfüssiger Ironie, aber auch verträumt-poetischen
Momenten, wie den Seilnummern der mehrfach ausgezeichneten Seilartistin Romy Seibt, die, wie zu erwarten, nicht einfach nur einen Tanz mit dem Seil präsentieren wird, sondern gleich einen Tango. Laut
Programm verkörpert sie u. a. "die klassische Unaufgeforderte, die so gern tanzen möchte", was bei einer Seilartistin denn doch mal eine ungewöhnlichere Variante zu dem Thema zu werden verspricht.

Eben noch: die Unaufgeforderte, jetzt: ein Tango mit dem Seil
Fotos: Elke Koepping

Ein Wehmutstropfen trübte die Vorbereitungen zur Premiere am 3. August: krankheitsbedingt wird Bettina Hartl nicht spielen können. Die Sensation des Tages: Luis Stazo, der legendäre Mitbegründer des Sexteto Mayor wird für sie einspringen, vorläufig ist seine Mitwirkung bis Mitte August eingeplant. – Im Wechsel übrigens mit dem zwar nicht ganz so berühmten, aber musikalisch nicht weniger hervorragenden deutschen Bandoneonisten Christian Gerber, den Berlinern bekannt vom Quinteto Angel. – Das derzeit zum Trio reduzierte Quartett amortal ist mithin komplett aus dem Häuschen, dachten die Musiker bisher doch, mit der Japan-Tournee im Schlepptau der Tango-Diva Anna Saeki den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere
erreicht zu haben. Weit gefehlt: nunmehr kommt ihnen die Ehre zuteil, den Großmeister persönlich am Bandonéon zu begleiten. Ob sie planen, den ganzen Abend ehrfürchtig zu seinen Füßen zu sitzen oder ob sie es wagen auf Augenhöhe mit dem Knöpfchenprofi zu spielen, das sollte jeder Zuschauer selbst herausfinden.

Trotz Endprobenstress gelang es tangokultur.info, Martin Quilitz an einem Donnerstag abend zu einem Mini-Interview in einem Café in Sichtweite der
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu überreden, wo der Kabarettist nicht ganz zufällig herumsaß, wie er im Interview gestand: 


"Sind wir nicht alle ein bisschen Tango?" Was bedeutet das?

Martin Quilitz: Auf jeden Fall ein bisschen verrückt und abgedreht zu sein. Ich selbst bin nicht über den Tanz an den Tango herangekommen, sondern über die Musik. Ich bin ein Piazzolla-Fan und habe ihn sogar live erlebt,
in den 80er Jahren in Berlin. Hinter der Nationalgalerie gab's damals ein legendäres Konzert: Alte, profilierte Charakterköpfe in schwarzen Hemden und schwarzen Hosen und mit Bandonéon – das fand ich sehr beeindruckend. Ich liebe den Tango Nuevo, den ja interessanterweise viele eher traditionell orientierte Argentinier verabscheuen. Auch das ist etwas, das ich durch die Arbeit an diesem Programm gelernt habe, diese extremen Kontraste, die es im Tango gibt, finde ich total spannend. Von traditionell zu Tango Nuevo,
von Berliner Akademikerinnen, die mit ihren kleinen verschüchterten Freunden zum Tango-Tanz aufschlagen, bis hin zu totalen Machos mit uralten Männer-/Frauenbildern, da ist alles möglich.


Das heißt, Du hast auch Feldstudien betrieben in der Berliner Tangoszene?

Martin Quilitz: Natürlich, ich bin jetzt auch gerade auf dem Weg in den Grünen Salon, um diese noch weiter zu vertiefen. Was ich extrem spannend finde ist, wenn Leute an Dinge extrem 'deutsch' herangehen. Wenn man sich so manche Leute beim Tanzen ansieht, hat man das Gefühl, das ist so 'preußisch Tango', eine ganz eigene Art, mit einer Sache, die eine bestimmte Art von Leidenschaft widerspiegelt, auch von Melancholie und Schwermütigkeit, sehr verkopft heran zu gehen und das zu lernen und so abzuarbeiten. So was finde ich sehr belustigend, muss ich sagen, zum Teil auch erschütternd. Es gibt da so 'n schönen Satz, warum Tango in Deutschland nicht funktioniert: weil deutsche Männer nicht führen können und deutsche Frauen sich nicht führen lassen. Das sind auch Sachen, die ich versucht habe zu beobachten.

vlnr: Frau Bonse und Herr Korthaus, Frau Uzkureit und Herr Zapata
 Foto: Elke Koepping



Wie habe ich mir das vorzustellen, ist der Abend ein Nummernprogramm mit einzelnen Sketchen und Tanzeinlagen oder eher dramaturgisch durchgestylt?

Martin Quilitz: Der Titel, "Sind wir nicht alle ein bisschen Tango?" zeigt schon, dass es kein 08/15 gestricktes Programm ist, – wie die Überschrift "Varieté" vielleicht vermuten ließe – Musik, Tanz, dann Artistik, sondern es gehört alles zusammen. Wir sind eine Gruppe, die das Ganze erarbeitet hat und auch als Gruppe auf der Bühne steht. Der Kern ist natürlich die Musik, wir haben ein tolles Quartett dabei, amortal aus Berlin, die eher aus der Tango-Nuevo-Richtung kommen. Wir haben insgesamt sehr unterschiedliche Künstler-Charaktere in der Show, die versuchen, von allen möglichen Seiten Tango zu beleuchten, mit allen seinen Facetten. Was hinzu kommt, ist, dass wir auf der Suche danach sind, ob nicht Tango auch ein bisschen in jedem von uns steckt, als Lebensgefühl. Tango ist ja so eine Sache, die gerade in Krisenzeiten boomt oder in sich anbahnenden Krisenzeiten, wie vor den Weltkriegen oder kurz danach. Deswegen passt Tango ja auch jetzt total gut in die Zeit, es gibt gerade in Deutschland wieder so eine Umbruchphase, das rot-grüne Projekt ist gescheitert, was kommt als nächstes, viele sind frustriert, es gibt wieder keine Kohle. Wir gucken natürlich, woran liegt das, kann man das benutzen, kann man Tango vielleicht sogar als Therapie einsetzen. Wir Deutschen sind ja weltweit als Jammerlappen bekannt, kann man dieses Image vielleicht durch den Tango in positive Energie verwandeln?


Heißt das auch, dass sich sowohl auf tänzerischer als auch musikalischer Ebene ein ironischer roter Faden durch die Show zieht?

Martin Quilitz: Durchgehend. Die Musik wird natürlich ernsthaft gespielt. Wir verblödeln nicht Tangomusik auf der Bühne, aber wir gehen natürlich ohne diesen Bierernst ran, den wir selbst so komisch finden an anderen Leuten in der Szene. Ob das nun Preußisch-Tango ist oder von den Argentiniern selbst kommt. Und natürlich ist es unsere Absicht, die Geschichte vom Ursprung des Tango neu zu erzählen. Die Argentinier streiten sich immer mit den Uruguayern, wer den Tango erfunden hat. Tatsächlich liegt die Wiege des Tango in Thüringen, das haben wir bei unseren Recherchen ausfindig gemacht. Der allererste Tango ist in Gotha komponiert worden, nicht in Buenos Aires. Dass das Bandonéon eigentlich ein deutsches Instrument ist, wissen immerhin einige, die sich damit beschäftigt haben, dass es im Vogtland gebaut worden ist usw. Wir werden aber verschiedene Tangoformen zeigen, die vielleicht nicht allen bekannt sind, nämlich die thüringische Urform des Tango, aber auch den rheinischen Tango – das Bandonéon wird ja in der 'rheinischen Tonlage' gespielt und in der sind wohl auch die ersten Tangos geschrieben worden. Es soll angeblich diesen Ausdruck auch so im Argentinischen geben. Das nehmen wir natürlich wörtlich.

 

Rheinischer Tango mit Frau Bonse und … Herrn Korthaus
 Fotos: Elke Koepping



Wie hast Du 'amortal' kennen gelernt?

Martin Quilitz: Rein zufällig bei ihrem ersten Konzert. Ich bin in eine ganz kleine, damals noch bestehende Kneipe in der Kantstraße, "Marias Gartenlaube", reingestolpert. Wir haben danach den Kontakt noch ein wenig intensiviert. Das ist jetzt das erste Projekt, an dem wir zusammenarbeiten. Mit Julian Tyrasa, dem Pianisten von amortal, der auch Drehbuchautor und Regisseur ist, habe ich zusammen den Hintergrund der Geschichte erarbeitet, die Thüringen-Recherche etc. Wir haben den Rahmen für das ganze Programm gemeinsam geschrieben.


Gibt es auch Reisepläne mit dem Kabarett?

Martin Quilitz: Ja, grundsätzlich schon. Das Publikum ist wahrscheinlich sehr gespannt, was bei der Premiere passiert, wir allerdings auch. (lacht) Wir haben ja noch nie zusammen gearbeitet, so dass diese Premiere auch für uns ein Experiment ist.


Was hast Du sonst noch für Kabarett-Programme geplant in der näheren Zukunft?

Martin Quilitz: Im Anschluss mein neues Solo-Programm in der Ufa-Fabrik – neu heißt in dem Fall, Ausschnitte aus anderen Programmen, aber auch auf die gegenwärtige politische Umbruchphase gemünzt und darauf, dass wir demnächst möglicherweise eine Kanzlerin haben werden, deswegen heißt das Programm "Frauen – Ossis – Protestanten". Es geht unter anderem darum, dass es ja eigentlich Realsatire ist, wenn eine protestantisch erzogene Frau aus dem Osten bei einem katholischen Männerbund aus dem Westen zur Anführerin und von denen auch noch zur Kanzlerin gemacht wird. Das ist an sich schon absurd. So wie wahrscheinlich im 19. Jahrhundert aus Frauenmangel heraus die ersten Tangos von Männern untereinander getanzt wurden, so ist jetzt wahrscheinlich aus einem Mangel an irgendwie halbwegs intelligenten Männern endlich einmal die Zeit reif für eine Frau als Kanzlerin, wobei man dabei immer noch die Frage stellen könnte, ob einem die Partei gefällt.


Der Tango zieht sich also wirklich bis in die Politik hinein durch das ganze Leben hindurch! Wir danken für diesen erhellenden Gedanken und stürzen zwecks philosophischer Erkenntnis direkt auf die nächste Milonga.

Sunset Varieté: "Sind wir nicht alle ein bisschen Tango?", Open-Air-Bühne im überdachten Sommergarten der Ufa-Fabrik, vom 03.08.-27.08.2005, je Mittwoch bis Samstag, Beginn 20.30 Uhr.

Karten für die einzelnen Konzert-Termine gibt es hier
bei unserem Partner TicketOnline: jetzt buchen!

Tel. Kartenvorbestellung: 75 50 30
Tickets Mi+Do 10 Euro, Fr+Sa 14/12 Euro

Ufa-Fabrik
Viktoriastraße 10-18
12105 Berlin
U-Bahn: Ullsteinstraße, Bus 170, N6, N84

Weitere Infos unter:
Link zur Veranstaltung in der Ufa-Fabrik 

http://www.amortal.de/

http://www.martinquilitz.de/

Zum Japan-Tourtagebuch von amortal (die Musiker begleiteten den japanischen Tango-Star Anna Saeki auf ihrer Konzertreise) in der Juli-Ausgabe von tangokultur.info geht es hier: http://www.tangokultur.info/Amortal_Japan.html

Zum Artikel über Luis Stazo und sein neues Trio Stazomayor: http://www.tangokultur.info/stazomayor.html


Ausgabe August 2005

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