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Die Etikett-Vermeider

Daniel Almada (Piano) und Martín Iannaccone 
(Cello, Voc) von Tango Crash im Gespräch
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Interview/Übersetzung: Elke Koepping


 


Pressematerial Tango Crash
Martín, wie bist Du eigentlich in Berlin gelandet? Die Traumstadt für Musiker ist doch gewöhnlich Paris!

Martín Iannaccone: Ich hatte einen Verwandten, der bereits seit 15 Jahren in Berlin lebte, das war der Grund, warum ich hierher kam. Ich bin aber froh drüber, ich mag die Stadt wirklich, sie ist gleichzeitig ruhig und intensiv, sie hat alles. Es gibt hier sehr viel Platz, die Stadt ist nicht sehr massiv gebaut: jeder hat hier seinen Raum für sich. In Buenos Aires habe ich sehr viel in bestimmten Musikerkreisen gearbeitet und jede Menge Musikerjobs angenommen, das hat mich von meinen eigenen Projekten abgehalten. Ich hätte diese Tango-Ausrichtung niemals in Buenos Aires finden können, weil ich nicht genug Raum hatte, darüber nachzudenken, was ich eigentlich will. In Berlin musste ich mir auf einmal etwas aufbauen, da gab es kein Zurück, es gab die Distanz zu Buenos Aires und die Anonymität, weil ich noch keinen hier kannte. Das half mir, darüber nachzudenken, was ich machen wollte, auf meine eigene Geschichte zurückzublicken, meine Einflüsse und daraus ein Projekt zu bauen. Zum Glück gab es hier meinen alten Freund Daniel Almada, der schon seit 15 Jahren in Europa lebte, es war wichtig für mich, ihn so nah zu haben und mit ihm zusammen etwas zu entwickeln.


Bei Eurer Kompositions-Arbeit nehmt ihr nicht einfach einen fertigen Tango als Vorbild für eine Interpretation, sondern ihr baut neue Stücke mit Bezug auf den Tango. Wo liegen für Euch diese Bezüge?

Daniel Almada: Wir versuchen, die musikalische Entwicklung des Tango zu berücksichtigen, das ist für uns sehr wichtig. Tango ist eine sehr komplexe Musik, nicht kompliziert, aber komplex. Wir sollten der Geschichte gegenüber treu bleiben. Ich halte auch die rhythmische und melodische Dynamik für sehr wichtig, die Kontrapunkte an ihnen entwickeln sich viele Ideen. Es ist sehr schwierig, das mit anderen musikalischen Stilen zu verbinden. Man kann es sehr oberflächlich machen, durch extreme Vereinfachung, das ist aber nicht so unsere Sache. Wir wollen die Tradition respektieren, das ist der Grund, warum wir Melodien entwickeln und diese mit dem Element der Improvisation verbinden, welches vielleicht nicht unbedingt die Grundlage der Stücke ist, aber doch Teil davon, den wir zu unseren Kompositionen hinzufügen. Es gibt Abschnitte, in denen improvisiert wird, aber diese sollten auch mit genauer Planung kombiniert sein.


Daniel Almada, Kulturbrauerei Berlin           Foto: Elke Koepping

Arbeitet ihr im Kompositionsprozess denn stark mit dem Element der Improvisation?

Martín Iannaccone: Wenn etwas gut ist, dann ist es gut geschrieben. Manchmal klingt die Komposition vielleicht improvisiert, aber sie ist es nicht bei der Aufnahme. Wenn eine Zeile an Elemente der Improvisation erinnert, ist es nicht wichtig zu wissen, ob sie tatsächlich improvisiert ist oder nicht, es ist wichtig, ob der Sound OK ist oder nicht.

Ist das für Euch eigentlich schwierig, Stücke zusammen zu schreiben, da ihr so weit auseinander wohnt?

Martín Iannaccone: Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Idee für einen Song habe, fange ich einfach damit an, Daniel macht das auch so. Häufig habe ich nur eine kleine Idee, ich schreibe sie auf und schicke sie an Daniel, der sie dann fortsetzt. Ich schreibe 1-2 Takte und er  zwei weitere Takte manchmal arrangieren wir ein ganzes Stück auf diese Weise. Wir schicken uns festgelegtes Material und öffnen dann Improvisationsräume in der Partitur, wo wir welche brauchen. Ich denke nicht, dass es ein Problem für das Komponieren ist, dass wir nicht in der selben Stadt leben. Auch wenn wir gemeinsam an einem Stück arbeiten, muss ich doch meine beiden Takte komponieren, wenn ich allein bin, ich brauche das, um meine Entscheidungen fällen zu können. Wir arbeiten auch mit den Jungs in der Band zusammen, wir sind offen für Vorschläge von ihrer Seite. 


Wie hat man sich das vorzustellen, fangt ihr erst mit einer klassischen Instrumentierung an und geht dann zum Programming über?

Martín Iannaccone: Nicht notwendigerweise. Ich denke immer über den Gesamtsound nach, wir fangen nicht mit akustischer ODER elektronischer Instrumentierung an.


Gibt es bei den Live-Shows eigentlich größere improvisierte Passagen als auf Euren Alben?

Martín Iannaccone: Nein, die Stücke sind auf bestimmte Art und Weise strukturiert, sie unterscheiden sich nicht von den Tracks auf dem Album. Klar unterscheiden sich die improvisierten Teile von Show zu Show. Aber 80% des Rahmens sind festgelegt.


Martín Iannaccone, Kulturbrauerei Berlin           Foto: Elke Koepping

Am 1. Juli nehmt ihr als Newcomer den Folk- und Weltmusik-Preis 'Ruth' in Rudolstadt in Empfang; ist 'Weltmusik' eigentlich eine Kategorie, in der ihr euch zu Hause fühlt?

Martín Iannaccone: Nun ja, das Festival ist insgesamt schon eher Folk-orientiert. Es gibt viele verschiedene Elemente in unserer Musik. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, wer eigentlich unsere Zielgruppe ist. Es liegt vielleicht an der Gruppe an Musikern, die wir um uns versammelt haben, daß wir in der Lage sind, verschiedene Arten von Publikum anzusprechen. Wir haben in eher elektronischen oder Jazz-Zirkeln gespielt, aber auch in der Tangoszene oder auf Milongas. Wir spielen auch auf Festivals für zeitgenössische Musik oder auf Folkfestivals. Tango ist zwar eine Musik der Metropole, trotzdem ist es eine Art von Folklore. Ich denke, daran sollten wir weiterarbeiten, es spricht für Offenheit und das ist eines unserer Anliegen: Etikettierungen zu vermeiden und Grenzen zu überwinden.


Gibt es eigentlich so etwas wie ein Netzwerk unter Electrotango-Musikern, kennt ihr die anderen Projekte und deren Musiker?

Martín Iannaccone: Ich kenne Santaolalla von Bajofondo Tangoclub, weil wir mal vor langer Zeit in einem anderen Zusammenhang zusammengearbeitet haben. Ich kenne das Projekt und mag es auch irgendwie. Die Leute sagen ja immer, nach Gotan Project sind alle anderen Electotango-Projekte einzig zu dem Zweck entstanden, um viel Geld zu machen, also nicht wegen der Kunst. Klar, das ist normal. Die Leute sagen ja auch, das ist alles total einfach, wir machen das nach und verkaufen dann 1 Millionen CDs. Das haben sie auch über die Beatles gesagt, so nach dem Motto, da sind diese vier Leute mit identischen Haarschnitten, das können wir doch besser! (lacht) So einfach ist es aber nicht. Jetzt im Moment ist eine gute Zeit für solche Musik, weil jemand den Weg dafür geebnet hat. Wenn sie irgendeinen Wert hat, wird sie überleben, wenn nicht, dann stirbt sie. Der Höhepunkt dieser Mode ist aber im Grunde schon überschritten, weil Gotan Project keine weitere CD mehr herausgebracht hat. In Argentinien wird bei Modeschauen oder in Restaurants viel Electrotango bespielt, weil er sich irgendwie auf Buenos Aires bezieht.

Daniel Almada: Ja, er erreicht auch die jungen Leute, weil die jungen nicht wirklich auf den traditionellen Tango stehen. Er ist wie eine Brücke zwischen den Generationen.

Martín Iannaccone: Ich meine, Argentinien ist doch mehr als nur das! Wir lassen vielleicht 97% davon aus, wenn wir nur über den Tango reden...


Foto: Elke Koepping

Das Gespräch wurde am 29.06.2005 in Berlin geführt, am Tag vor dem Konzert der Gruppe in der Kulturbrauerei.


Zur Konzert- und CD-Rezension von Tango Crash in der August-Ausgabe von tangokultur.info: Mehr...

http://www.tangocrash.com/ 

Label: http://www.galileo-mc.de/galileo-mc/ 

Ruth: http://www.folkpreis.de/03.htm

 

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Ausgabe August 2005

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