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Aus sechs mach drei.
Das neue Trio Stazomayor
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Text: Ana Maria Rabe


Luis Stazo wurde 1930 in Buenos Aires geboren und begann bereits im Alter von sieben Jahren Bandoneón zu spielen. Bis zur Gründung des „Sexteto Mayor“, einem legendären Tango-Sextett, das er gemeinsam mit José Libertella von 1973 bis 2004 leitete, spielte und begleitete er u. a. Größen wie Roberto Goyeneche („El Polaco“), Osmar Maderna, Angel Vargas, Juan Carlos Cobián, Jorge A. Fernández, Lucio Demare, Argentino Galván und Alberto Morán. Als Arrangeur bearbeitete er allein für das „Sexteto Mayor“ 150 Stücke. Seine über 60 Jahre zählende musikalische Karriere führte ihn auf bedeutende Bühnen in Europa, Amerika, Asien und Australien. In seinen über 100 Kompositionen schrieb Stazo Stücke wie „No nos veremos más“, „Orgullo Tanguero“ und „A Don Julio de Caro“. Einige der von ihm erlangten Preise sind der Konex, der Grand Premio de Sadayc oder der Grammy Latino, den er im Jahre 2003 gewann. Die letzten 20 Jahre begleitete er zusammen mit dem „Sexteto Mayor“ die Broadway Produktionen „Tango Argentino“ und „Tango Pasión“. Ende 2004 verabschiedete sich Stazo von seinem Sextett und gründete mit dem beginnenden neuen Jahr in Berlin das Tango-Trio „Stazomayor“.


Foto: Manuela Stazo


Es gibt weltweit wohl kaum einen Anhänger des argentinischen Tango, der mit dem Namen Sexteto Mayor nicht bestimmte Vorstellungen oder Erinnerungen verbände. In dem Augenblick, in dem dieser Begriff fällt, erscheint vor dem geistigen Auge der meisten Tangobegeisterten ein klassisch besetztes Sextett, das Jahrzehnte lang die erfolgreichen Broadway-Produktionen Tango Argentino und Tango Pasión auf den wichtigsten Bühnen der Welt begleitet hat. Wer die beiden Bandondeóns, die zwei Geigen, das Klavier und den Kontrabass des Ensembles jemals life erlebt hat – und das wird bei der überragenden Mehrheit der Tangobegeisterten der Fall sein – wird die gewaltige Klangdichte nicht wieder vergessen, die die sechs Instrumente unter der Leitung der beiden Bandoneónisten Luis Stazo und José („Pepe“) Libertella in den Aufführungen hervorbrachten. Man kann sagen, dass der gesamte Theaterraum erbebte, wenn das Sexteto Mayor zu spielen begann.

Seit Beginn dieses Jahres gibt es das Sexteto Mayor in der alten Besetzung nicht mehr. Am 8. Dezember starb der allseits geliebte und verehrte Musiker, Komponist und Arrangeur Pepe Libertella plötzlich im Alter von 71 Jahren an inneren Blutungen. Das Ensemble befand sich mit der Tanzshow Tango Pasión gerade auf einer seiner vielen Tourneen, die es im letzten Jahr nach Russland, Europa, Kanada und in die USA geführt hatten. Auf der Busfahrt von einer Stadt zur nächsten in der Nähe von Paris begann Libertella sich unwohl zu fühlen. Er stieg aus und brach vor den Augen seines Freundes und Co-Bandoneónisten Luis Stazo zusammen. Die enormen Strapazen der unzähligen Welttourneen, die er gemeinsam mit seinem Sextett jahrzehntelang in Kauf genommen hatte, waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen und forderten jetzt ihren Tribut. Wenn sein Tod einen schmerzlichen Verlust für das Ensemble und die ganze Produktion bedeutete, dann traf dies in noch viel größerem Maße auf seinen lebenslangen Freund Luis Stazo zu, der sich mit einem Mal seines alten Musik- und Weggefährten beraubt sah. Trotz der unersetzlichen Lücke, die Libertellas Tod hinterließ, beschloss das Ensemble, die Tournee als Hommage an den guten Freund und verehrten Musiker zu Ende zu führen. Die letzte Vorstellung fand am 31. Dezember 2004 in Belgien statt.


Foto: Michael Grasmann (aufgenommen beim Int. Tangofestival Berlin 2005)
Für Luis Stazo ging damit ein langer Lebensabschnitt zu Ende. Denn mit der letzten Aufführung verabschiedete sich auch der zweite musikalische Leiter des Sexteto Mayor von seinem Ensemble und damit von den anstrengenden, nomadenhaften Jahren, die er hinter sich hatte. Mit seiner Entscheidung war er jedoch weit davon entfernt, einen musikalischen Schlußpunkt markieren zu wollen. Ganz im Gegenteil. Libertellas plötzlicher und unerwarteter Tod stellte nicht nur einen schmerzlichen Einschnitt in Stazos Leben dar. Er war auch gleichzeitig ein Anstoß, neue Wege für das persönliche und berufliche Leben zu erschließen. 

Seine junge Frau Manuela, eine dynamische Berlinerin mit argentinischem Herz und einem Spanisch, das wie aus dem Munde einer „richtigen“ Porteña klingt, ließ sich anlässlich des Todes von Libertella ohne zu zögern unverzüglich von ihrer Arbeit beurlauben und reiste nach Paris, um dem Gatten in jenen schwierigen Momenten beizustehen.Beide beschlossen, vom Jahr 2005 an ihren gemeinsamen Lebensmittelpunkt in Berlin zu setzen und ein Trio zu gründen, das aus Stazos Bandoneón, einer Gitarre und einem Kontrabass bestehen sollte. Von der deutschen Hauptstadt aus würde das Ensemble dann Konzerte im In- und Ausland organisieren. Vor allem aber lockte sie der Gedanke, das Leben ohne den Stress ständiger Welttourneen in vollen Zügen zu genießen.


Foto: Michael Grasmann (aufgenommen beim Int. Tangofestival Berlin 2005)

Das ist die Geburtsstunde von Stazomayor. Mit dem Trio ist auch ein neuer Mensch geboren, der im Juni diesen Jahres fröhlich und wohlgemut seinem 75. Geburtstag entgegensieht. Die Liebe macht es möglich. Manuela und Luis Stazo sitzen Hände haltend im Café Sieben im Berliner Stadtbezirk Neukölln und erzählen von dem vor wenigen Monaten aus der Taufe gehobenen Trio, den Projekten und den ersten Auftrittsterminen, die bereits anstehen. Neben Luis Stazo gehören dem Ensemble der 1959 im argentinischen Córdoba geborene Gitarrist Coco Nelegatti, sowie der 1968 geborene, aus Brandenburg stammende Kontrabassist Kaspar Domke an. Nelegatti ist ein erfahrener Musiker, der in zahlreichen Tango- und Folklore-Festivals aufgetreten ist und als Gitarrist, Arrangeur und Komponist verschiedenste Ensembles geleitet hat. Seit 1986 unternimmt er von Berlin aus seine Auftritte und weiteren Aktivitäten, wie etwa die Lehrtätigkeit, die ihn seit 1998 in seiner Funktion als Gastprofessor für World-Musik regelmäßig an die Musikhochschule Rotterdam führt. Domke, der ein Kontrabassstudium an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ absolviert hat, ist sowohl in der klassischen Musik bewandert, als auch in der Theatermusik, dem Flamenco und dem Tango Argentino. Zusammengefunden hat sich das Trio auf Initiative Manuelas, die neben ihrem Beamten-Beruf das Management des Ensembles übernommen hat – eine Aufgabe, der sie sich mit Herz und Seele verschrieben hat. Sie kannte Coco Nelegatti bereits, und dieser wiederum brachte Kaspar Domke mit, der dann das dritte Mitglied des Trios wurde.

Unser Gespräch findet an einem sonnigen Apriltag statt. Es ist fünf Uhr nachmittags. Stazo hat bereits lange Arbeitsstunden hinter sich. Der Tag beginnt bei ihm sehr früh, bei Morgengrauen bereits, da ein ganz neues Repertoire mit Arrangements für das Trio auf die Beine gestellt werden muss. Luis Stazo, der Perfektionist, möchte nichts improvisiert, nichts unfertig lassen. Wie der Bandoneón-Virtuose versichert, sei das Tangopublikum – insbesondere auch das deutsche – mit der Tango-Musik gut vertraut und wisse Qualität zu schätzen. Die Entscheidung, ein rein instrumentales Ensemble zu gründen, wie es auch das Sexteto Mayor war, hänge mit der Tatsache zusammen, dass das ausländische Publikum die Texte der Tangolieder nicht verstehe und daher einen erschwerten Zugang zum vokalen Tango habe. Die Sprache der Instrumente dagegen kenne keine Grenzen, und so sei es nicht verwunderlich, dass bei den Aufführungen der Tango Pasión-Show der größte Applaus regelmäßig dem Sextett gegolten habe.


Foto: Oliver Manoury


Stazo möchte Musik machen, die die Seele anspricht und das Tanzbein beschwingt. Zu seinem Repertoire gehören sowohl klassische Tangos wie „Palomita blanca“, „El choclo“, „A media luz“, „Milonga sentimental“, etc., als auch Stücke des Tango Nuevo, so etwa „Adiós Nonino“ und „Libertango“, die beide von Piazzolla stammen, oder „A mi esposa“, das der Gründer des Trios komponiert hat. Luis Stazo hat bereits 16 Arrangements gemacht, von denen einige auf einer Demo-CD eingespielt sind. Die Stücke, die auf dieser Präsentation zu hören sind, lassen das Herz eines Tangomusikliebhabers höher schlagen. Es ist geradezu frappierend, welche Kraft und Modulationsfähigkeit ein kleines Ensemble wie dieses, das aus lediglich drei Instrumenten besteht, zu entfalten vermag. Der Klassiker „A media luz“ beginnt mit fernen, verträumten Bandoneón-Klängen und einer zarten Gitarrenbegleitung. Da plötzlich setzt die Melodie ein, wechselt vom Bandoneón zur Gitarre, von der Gitarre zum Bandoneón. Der Bogen des Kontrabasses stößt dazu, begleitet eine Weile den Verlauf der Melodie und geht in knapp akzentuierte Baßtöne über. Überraschende Modulationen, verschiedentliche Wechsel der Tonhöhe, die zwischen Gitarre und Bandoneón hin- und herfliegende, dann wieder parallel laufende Melodiestimme, sowie das Ausschöpfen der eigenen Klangmöglichkeiten durch das jeweils führende Instrument lassen das alte Lied in neuer Blüte wiedererstehen.

Wunderschön ist auch Stazos Tango „A mi esposa“, das der Leiter des Trios seiner Frau gewidmet hat. Die Komposition ist im klassisch-romantischen Stil gehalten, ein Tango bailable im besten Sinne des Wortes, da er mit seiner fröhlichen Melodie und seinem beschwingten Rhythmus den Zuhörer ohne dessen Zutun unmittelbar zum Tanz entführt, sei es nun im Geiste oder in der Tat. Wenn Tangomusik nicht nur nostalgisch-verklärt die Vergangenheit beschwört oder aufwühlend-magnetisierend die Gegenwart herausfordert, wenn diese musikalische Lebensäußerung auch zuversichtlich und frohen Mutes in die Zukunft zu blicken vermag, dann bescheinigt Stazos Komposition dies auf überzeugende Weise. Es fällt nicht schwer, sich dem fröhlichen Rhythmus von „A mi esposa“ hinzugeben, sich von der wogenden Melodie treiben zu lassen, die zärtlich-gefühlvollen Augenblicke im langsamen Tempo zu genießen und schließlich in eine Lebensfreude überzugehen, die sich von selbst in schnellen ocho- und gancho-durchsetzten Läufen zu ergießen scheint. Manuela kann zu Recht stolz auf dieses Stück sein, das sie liebevoll als „ihren“ Tango bezeichnet.

Die ersten, die Stazomayor und damit „A media luz“ und „A mi esposa“, sowie weitere, von Stazo bearbeitete Stücke hören werden, sind die Wiener. Am 30. April tritt das Trio im Theater Metropol in der österreichischen Hauptstadt zum ersten Mal auf. Doch die Deutschen müssen nicht allzu lange warten. Bereits am 15. Mai erweist das deutsch-argentinische Ensemble „ihrer“ Stadt die Ehre. Im Rahmen des V. Internationalen Tango-Festivals, das vom 13. bis zum 16. Mai in der deutschen Hauptstadt stattfindet, werden dann die Berliner und die aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen angereisten Festivalbesucher Gelegenheit haben zu hören, dass nicht nur ein Sextett wie das alte Sexteto Mayor ein ganzes Orchester zu ersetzen vermag, sondern auch ein so kleines Ensemble wie dieses Trio.

Welche Pläne hat Manuela noch mit ihren Jungs? Nun, für den Anfang nicht gerade wenige. Am 22. Mai wird das Trio in Carlsfeld, der Wiege des „Bandonions“ – wie das Instrument dort genannt wird – im Rahmen eines Konzertes auftreten, das der Carlsfelder Bandonionverein veranstaltet hat.  Unter dem Motto „Vom Bergmannsklavier zum Tango“ 


Foto: Michael Grasmann (aufgenommen beim Int. Tangofestival Berlin 2005)
werden neben der Hauptattraktion, die Luis Stazo mit seinem Ensemble darstellt, Mitglieder des Bandonionvereins, sowie eine Gruppe des Bandonionorchesters Dresden um 15.00 Uhr in der Trinitatis-Kirche zu hören sein. Luis Stazo wird sich nach dem Konzert noch einen weiteren Tag in der Gegend befinden. Er wurde gebeten, die Bandonion-Fabrik in Klingenthal zu besuchen und seine fachmännische Meinung zu den dort hergestellten Instrumenten zu geben.

Weitere Stationen von Stazo Mayor werden in diesem Jahr Wuppertal, Sizilien, Schweden und die Schweiz sein. Wer es nicht schafft, vor November zum

richtigen Zeitpunkt am richtigen Aufführungsort zu sein und auch das Berliner Tango-Festival verpasst, wird heuer noch einmal in der deutschen Hauptstadt Gelegenheit haben, das Trio zu hören. Am 25. November tritt Stazomayor in einem der bedeutendsten Musiksäle Berlins auf – dem Kammermusiksaal der Philharmonie.


Foto: Michael Grasmann (aufgenommen beim Int. Tangofestival Berlin 2005)

Weitere Informationen zu Stazomayor: www.stazomayor.com

Weitere Informationen zum Fotografen Michael Grasmann:
www.michael-grasmann.de 

 

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