Über
den Tangoholismus
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Text: Torsten Buchsteiner

Probenfoto
Tango Sólo
Foto: Pavel Nesvadba
vlnr: die Choreographen Marek Stefan u. Radka Sulcova, Angelo
1) Ich wollte nie tanzen. Nie. Das ist was für Spießer, dachte
ich. Da muß ich blöde Schrittchen lernen und picklige Mädchen mit
zu großen Brillen anfassen, die aus dem Mund riechen und nach süßlichem
Parfum. Puuh! Neee! Bitte nicht! Genau das habe ich damals gedacht.
Damals – war ich vierzehn und hatte selber Pickel. Trotzdem überreichte
mir meine Mutter mit großer Geste den Gutschein für meinen ersten
Tanzkurs. Zehnmal 1,5 Stunden Mittwoch nachmittags um drei. In
derselben Tanzschule tanzten meine Eltern schon 20 Jahre –
natürlich die beste der Hansestadt. Und meine Großeltern tanzten
schon seit vor dem Krieg. Seit Anfang der fünfziger Jahre rannten die
regelmäßig zu den Tanzturnieren ins Kurmittelhaus oder schwangen auf
dem Filmball das Tanzbein. Nun sollte ich in dieser Tradition folgen.
Äußerst widerwillig tauchte ich am nächsten Mittwoch in der
Tanzschule auf. Mit grauer Bundfaltenhose und weißem Hemd. Meine Hände
waren so feucht, daß ich sie vor jedem Tanz unauffällig an der Hose
abwischen mußte. Wenn neu aufgefordert wurde, blieb ich oft übrig
und musste mit den hässlichen Mädchen tanzen. Die hübschen waren ständig
umlagert, aber mir war es zu blöd, mich da einzureihen.
Nach zehn Tanzstunden war ich noch sicherer, daß ich nie wieder eine
Tanzschule betreten würde; ich mußte nur noch den Abtanzball überstehen.
Aber auf dem Abtanzball passierte etwas Lebensentscheidendes: Ich sah
zum ersten Mal die hauseigene Tunierformation vortanzen. Und aus
dieser Formation stach ein Typ heraus, der tanzte wie John Travolta in
„Saturday Night Fever“.
Ich beobachtete ihn den ganzen Abend. Er war der König. Kaum verließ
er die Tanzfläche, forderten ihn drei neue Frauen auf. Jede Frau in
seinen Armen lächelte verklärt. Er tanzte Figuren, die ich noch nie
gesehen hatte. So souverän, wie es nicht mal die Tanzlehrer konnten.
Und er mischte die Stile: Er tanzte Samba-Figuren auf Foxtrott und
Rumba-Figuren auf Langsamen Walzer. Am Ende des Abends war klar: Ich
wollte in die Formation! Und ich wollte so gut werden wie er, nein,
noch besser!
2) Ich buchte den Fortgeschrittenenkurs und begann als Springer
auszuhelfen. Ich kaufte mir fünf schwarze Hemden aus changierendem
Stoff und schwarze Tanzhosen. Ich buchte den Bronzekurs, dann Silber
und Gold. Nach jedem Kurs absolvierte ich die dazugehörige Prüfung.
Ich tyrannisierte meine Tanzpartnerin, wenn sie zu spät zum Training
kam oder Fehler machte. Ich war wie besessen: Ich tanzte fünfmal die
Woche, davon in vier Kursen als Springer, absolvierte den
Goldstar-Kurs, tauschte meine Tanzpartnerin gegen eine ehrgeizigere
aus und landete endlich im „Tanzkreis“. Höher ging es nicht.
Mittlerweile war ich sechzehn.
Ich spielte nicht mehr Fussball oder Skat. Ich traf auch keine Freunde
mehr. Meine ehemaligen Freunde wollten nichts mehr mit mir zu tun
haben, weil ich ein „Weiberheld“ war. Ich ging nur noch in die
Schule oder trainierte verbissen für das Formations-Vortanzen. Die
Formation bestand aus zehn Paaren, die auf alle Tuniere und Wettkämpfe
geschickt wurden. Zwei Paare würden aufhören und zwei neue sollten
in den Kreis aufrücken.
Meine Tanzpartnerin und ich tanzten so gut vor wie noch nie. Die Jury
nahm uns einstimmig auf. Doch zum Entsetzen meiner Tanzpartnerin
schlug ich das Angebot aus und hörte komplett mit dem Tanzen auf –
vorerst. Denn am Horizont wartete schon die nächste Obsession – das
Theater. Und beides zusammen war zeitlich unvereinbar.
3) Meine Tanzpause sollte achtzehn Jahre dauern. In der
Zwischenzeit starben meine Großeltern und meine Eltern hörten auf zu
tanzen. Ich besuchte die Schauspielschule, spielte in verschiedenen Städten
Theater und bekam endlich ein Engagement in Berlin – der
Tangohauptstadt Europas. Doch das wußte ich damals noch nicht.
Erst Ende der 90er Jahre stolperte ich eines nachts, schon relativ
betrunken, in ein schummerig-rot beleuchtetes Ballhaus im Bezirk
Mitte, ließ mich in einen Sessel fallen und sah den Paaren zu, wie
sie einander zu dieser schrecklich traurigen Musik über die Tanzfläche
schoben. Da war er – der argentinische Tango.
Und es passierte dasselbe wie vor zwanzig Jahren: Ich wollte diesen
melancholisch-elegischen, dramatisch-aggressiven Tanz unbedingt
lernen! Mit all seinen komplizierten und körperlich anspruchsvollen
Figuren! Mir schien, als sei der Tango die Essenz des Tanzes überhaupt.
Und all die alten Gesellschaftstänze, die ich früher gelernt hatte,
schienen mir überholt und unerotisch.
Ich verfiel in dasselbe Fieber wie damals. Im ersten Jahr trug über
10.000 Euro zum Tango. Für Einzelstunden und Practicas, für
Eintritte in Ballhäuser und natürlich für Schuhe. Ich übte wie ein
Wahnsinniger. Ich ging jeden Abend ins Ballhaus. Jeden Abend. Am
Sonntag sogar nachmittags und abends. Es machte mich verrückt, daß
dieser Tanz viel komplizierter war als alle anderen. Ich malte mir die
Figuren auf Zettel und hängte sie mir an die Wand. Ich übte ständig
zu Hause und auf der Straße. Ich hörte nur noch Tangomusik. Ich
wollte wieder in die Formation! Und so wurde ich zum Tangoholiker.
Außerhalb vom Tango traf ich niemanden mehr. Hin und wieder sprachen
alte Bekannte verärgert auf meinen Anrufbeantworter: „Na, immer
noch beim Tango? Dann ruf ich einfach nächstes Jahr wieder an“, war
der einhellige Wortlaut.
Mein Tagesablauf war immer der gleiche: Um 5:00 Uhr morgens zurück
aus dem Ballhaus ins Bett, irgendwann mittags wieder auf. Anzüge zur
Reinigung, ein bißchen einkaufen, aber wie alle Tangoholiker mußte
ich auf meine Figur achten und aß fast nichts. Schuhe putzen, dann
Einzelunterricht, wieder nach Hause, Schritte nachbereiten, duschen,
sich auf den Abend vorbereiten, selten mal ins Kino, wenn dann hauptsächlich
Tanzfilme, und gegen zehn Uhr abends wieder ins Ballhaus, um zu tanzen
bis zu den „letzten drei Tangos“.
4) Irgendwann fing ich an, mir Notizen zu machen. Kleine
Zettel, auf denen Situationen standen oder gesprochene Sätze oder Sätze,
die mal gesprochen werden sollten. Als die Wände voller Zettel waren,
beschloß ich, ein Theaterstück über Tango zu schreiben. Anfangs
hatte das Stück den dreifachen Umfang. Es war hart, aber ich mußte
mich von vielen Figuren und Erzählsträngen verabschieden, um es schlüssig
zu machen.
Manche Figuren waren inspiriert von realen Personen oder
Begebenheiten, aber im Laufe der Zeit verloren sie ihren Bezug und
wurden Teil des Gesamtkonzeptes „Tango Sólo“. Meine damaligen
Tangofreunde lasen das Stück und mochten es nicht. Vielleicht hatte
ich etwas von der Heiligkeit ihres Tangos zerstört, vielleicht fanden
sie es zynisch oder zu wenig komplex.
Meine Lektorin hingegen mochte „Tango Sólo“ sehr, aber sie warnte
mich: „Es wird dauern bis zur Uraufführung, denn die Theater haben
kein Geld und zwölf Schauspieler müssen Tango tanzen lernen. Das
schreckt die Theater ab.“ Nach drei Jahren erblickt „Tango Sólo“
nun endlich das Licht der Welt.
5)
Ich weiß nicht, ob es an mir oder am Tango liegt, daß wir kein
„gesundes“ Verhältnis haben. Entweder ich tanze dauernd oder gar
nicht. Ein Mittelweg ist unmöglich. Aber ich war noch nie für
Mittelwege zu haben. Ich liebe, hasse, begehre oder tanze entweder
ganz oder gar nicht. Vielleicht ist mein Verhältnis zum Tango
distanzierter geworden, dadurch dass ich dieses Stück geschrieben
habe. Vielleicht ist es auch andersrum: Nachdem mein Verhältnis zum
Tango distanzierter wurde, habe ich dieses Stück geschrieben.
Es gibt Menschen, die sind für Drogen anfälliger als andere. Ich bin
– zugegeben – schon immer ein Gefangener meiner Süchte. Das
Schreiben dieses Stücks hatte keinen therapeutischen Wert, sondern
der Tangoholismus verwandelt sich höchstens in eine andere Obsession.
Und derer gibt es ja viele. Wie sagte einmal ein weiser Süchtiger:
„Die Summe aller Laster ist gleich“.
Diesen Text hat Torsten Buchsteiner für das Programmheft zur
Uraufführung von "Tango Sólo" am 09.06.2005 in Prag
geschrieben. Er wurde uns freundlicherweise vom Theater Divadlo na
Vinohradech vorab zur Verfügung gestellt.
www.dnv-praha.cz
Informationen zum Autor: www.buchsteiner.tv
Ausgabe Juni 2005
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