Tango
Sólo - Geschichte einer Uraufführung
Produktionstagebuch
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Text:
Torsten Buchsteiner
21.10.1998
Ich nehme meine erste
Einzelstunde im Ballhaus Rixdorf – verdammt kompliziert dieser
argentinische Tango ...
1999
Ich nehme weiterhin Einzelstunden, gehe fast täglich auf eine
"Milonga" und fange an Notizen zu machen: über mich, über
Leute, über Situationen.
2000
Ich beschließe, keine Prosa, sondern ein Theaterstück über
Tango zu schreiben, weil dann wirklich die Schauspieler auf der Bühne
tanzen müssen.
2001
Ich habe zu viel Material! Also kürze ich um die Hälfte. Dann
schicke ich die erste Fassung von "Anonyme Tangoliker"
meinem Verlag. Sie mögen das Stück und reichen es zum Heidelberger
Stückemarkt ein. Leider kommt es nicht in die Endauswahl.
2002
Mein Verlag geht pleite, totale Katastrophe! Ich stehe auf der
Straße! Aber ein paar Monate später wendet sich das Blatt: der S.
Fischer Verlag übernimmt das Tangostück. Ab nun heißt das Stück
"Tango Sólo", was die Einsamkeit des Tangotänzers
thematisiert. Der Fischer Verlag bietet es überall an, aber die großen
Bühnen winken ab, denn das Stück verlangt 12 Schauspieler, die Tango
tanzen müssen. Zu aufwändig, zu teuer.
2003
Ich überarbeite das Stück, und "Tango Sólo" kommt in
der Endauswahl bei den Thalia Theater Autorentagen auf Platz 6 (von
128 Stücken). Wir starten eine weitere Verkaufsrunde, aber wieder
reagiert kein renommiertes Theater.
2004
Am 06. Juli ist es soweit: Der Anruf meiner Lektorin! Das Prager
Star-Theater Divadlo na Vinohradech (Theater in den Weinbergen)
hat die Uraufführung und 20 Vorstellungen von "Tango Sólo"
gekauft. Seit Jahren gab es beim Fischer Verlag keinen so großen
Verkauf in die Tschechische Republik, denn die Tschechen gelten als
relativ uninteressiert an deutschen Stücken.
Zuerst freue ich mich, dann denke ich: Ist "Tango Sólo"
nicht gut genug für den deutschsprachigen Raum? Das ist doch nicht
die normale Reihenfolge! Zuerst muss es doch hier gespielt werden,
hier in Berlin, wo es hingehört. Doch meine Freunde reagieren anders:
"Hey super, Prag! Das ist doch viel besser als Berlin oder Wien,
das ist doch richtig international!" Sie haben recht! Nach zwei
Wochen finde ich es sogar besser, dass die Uraufführung im Ausland
stattfindet. Jetzt geht es endlich los!
Februar 2005
Ich nehme Kontakt mit dem Theater auf. Die Dramaturgin lädt mich
nach Prag ein, damit wir Übersetzung und Inszenierung besprechen können.
Direkt nach der Berlinale reise ich mit dem Zug ins verschneite Prag.
Die Stadt ist phantastisch! Vor allem wenn man sich dort NICHT als
Tourist aufhält. Die Schwester eines befreundeten Schauspielers wohnt
direkt am Wenzelsplatz – auf 200 qm. Da ist noch genug Platz für
mich.
Ich sehe mir in "meinem" Theater vier Vorstellungen auf
tschechisch an. Natürlich verstehe ich kein Wort. Jiři Dvořak,
der bei mir die Hauptrolle des "Angelo" spielen soll, spielt
auch sonst nur Hauptrollen, u. a. den Macbeth. Das macht er
hervorragend und vor allem sehr physisch!

Jana Marková
Foto: Buchsteiner |
Den Gegenpart, also den weiblichen Teil des Liebespaars, spielt Jana
Marková, die ich nur als Hexe in Macbeth sehe. Aber das reicht aus,
um zu sehen, wie gut sie sich bewegt und wie stolz sie ist – genau
richtig für meine "Laura". |
Und auch die anderen sind phantastisch. Obwohl die Zuschauer hauptsächlich
ins Divadlo na Vinohradech kommen, um ihre Film- und TV-Stars
auf der Bühne zu sehen, gibt es hier eine eindrucksvolle Riege an
jungen, wilden Schauspielern, die alle in "Tango Sólo"
mitspielen! Ich bin total überzeugt von der Besetzung.
Ich treffe den Oberspielleiter, die Dramaturgin, den Übersetzer und
natürlich den Regisseur. Alle sind sehr offen und absolut überzeugt
von der Kraft des Stückes. Mein Gott, tut das gut! Endlich Bestätigung
nach zwei langen Jahren des Wartens auf die Uraufführung.
Der Oberspielleiter sagt, es könne ein Skandal werden. Das ältere
Publikum sei diese rüde Sprache nicht gewohnt. Ich antworte, ich habe
kein Problem damit, Skandalautor zu werden. Mit Dramaturgin und Übersetzer
kläre ich Inhalte, Anspielungen, Wortspiele. Der Regisseur erzählt
mir, er habe zwar wenig Ahnung von Tango, aber als er verstanden habe,
dass es um Süchte! geht, habe er zu sich gesagt: "Hey, das ist
MEIN Stück!"
Ich bin wahnsinnig aufgeregt, als ich nach einer Woche abfahre. Leider
gibt es nichts mehr für mich zu tun. Alles weitere liegt bei ihnen.
Aber als gutes Omen liegt über allem der Probenbeginn im April, genau
an meinem Geburtstag!
März 2005
Ich nehme wieder Tango-Unterricht. Schließlich kann ich als Autor
nicht zu den Proben erscheinen und tanzen wie ein Anfänger!
April 2005
Ich belege einen Tschechisch-Intensiv-Kurs im Czech Point Berlin.
Und ich beginne mit der Übersetzung von "Tango Sólo" ins
Englische – irgendwie muss ich mich mit Schauspielern und Regie ja
verständigen. Die Proben in Prag beginnen. Mehrmals bekomme ich
"Stand-der-Dinge-Mails" von Jolana, der Dramaturgin. So
bleibe ich dabei.
Mai 2005
An einem Montag Mitte Mai steige ich wieder in den Zug nach Prag.
Mittlerweile ist alles grün: das Elb-Flußtal und dessen Steilwände,
an denen sich die fünfstündige Strecke vorbeischlängelt. Auch Prag
ist grün und auf dem Theaterplatz blüht alles. Diesmal wohne ich
passend dazu mit Blick auf einen riesigen Park, denn meine Gastgeberin
ist umgezogen. Als ich dort ankomme, scheint die Sonne.
Dienstag, 10. Mai 2005
Um 10.00 Uhr gehe ich erstmals auf eine Probe von "Tango Sólo".
Endlich ist es soweit. Ich sehe zum ersten Mal "meine"
Schauspieler mein Stück spielen. Vorher war alles nur Papier, nur
Idee, aber nun leben sie – alle zwölf. Und wie sie leben! Manche
sehen aus wie erwartet, manche überraschend anders. Bei manchen lache
ich lauthals, wenn ich sie reden höre, bei anderen wieder schüttele
ich den Kopf und denke: Nein, nein, die Rolle ist doch anders! Ich
muss mich am Sitz festhalten, um nicht zu unterbrechen: Stop stop!,
der AUTOR hat das ganz anders gemeint!!! Aber ich halte mich zurück,
denn alle sind voll im Stress. Die wollen nicht, dass ihnen da jetzt
so ein Autor reinquatscht!
Petr, der Regisseur, läuft vor der Bühne auf und ab, organisiert und
dirigiert. Ja, er ist ein Dirigent. Vielleicht auch ein Polizist auf
einer Kreuzung, der versucht, System in das Arrangement der
Ballhausszenen hineinzubringen. Er ist wirklich "High Energy",
denke ich. Was für eine Sucht plagt ihn?
Und dann tanzen sie! Das Finale des ersten Teils wird geprobt. Ich
werde total sentimental, als die Musik einsetzt. Angelos und Lauras
erster Tanz! Wie das flirrt! Wie sie sich einander in die Arme werfen!
Und wie virtuos sie tanzen! Mir kommen wirklich die Tränen, es ist
einfach alles unglaublich: Ich stehe da mit Tränen in den Augen bei
den Proben zu meinem Stück in einer Sprache, die ich nicht verstehe
...
Und abends gehe ich mit all meinen Schauspielern zur Milonga ins
"Zlata Lyra".
Mittwoch, 11. Mai 2005
Heute lerne ich Marek & Radka kennen. Sie sind die
Tango-Coaches und arrangieren die Choreographien, zusammen mit Jana Vašaková,
deren Domäne das Musical ist. Sie ergänzen sich wunderbar. Die
Choreographien sind kraftvoll, emotional und verbinden Salonstil mit
Showelementen. Und die jungen "Tangoholics" tanzen wie die Götter.

Vlnr: Marek Stefan, Angelo
und Laura, Radka Sulcova
Foto: Pavel nesvadba
Ich erzähle den Schauspielern von meiner "Tangosucht" und
sie beginnen, in jeder Szene Tango zu spielen. Sogar wenn sie
telefonieren oder zum Kühlschrank gehen, tänzeln sie oder machen
Verzierungen und halten ihre Beine nie still.
Abends gehe ich mit Petr was trinken – natürlich bis tief in die
Nacht.
Donnerstag, 12. Mai 2005
Heute werden wieder die Ballhausszenen geprobt, wo alle zwölf auf
der Bühne sind. Ich bin müde von den beiden langen Nächten, aber
Petr arbeitet wie ein Berserker. Noch mal und noch mal von vorne.
Schon sein Großvater war einer der bekanntesten tschechischen
Regisseure, er hat es im Blut. Und nach der Probe stellt mir ein
Schauspieler den Regie-Altmeister Jiři Menzel vor, der 1966 einen
Oskar erhielt für seinen Film "Ostre sledované vlaky"
(Liebe nach Fahrplan). Doch Menzel wiegelt ab und grinst: "Aach,
das war doch schon letztes Jahrhundert".
Wieder fragen die Schauspieler, was ich abends vorhabe, doch heute
gehe ich nirgendwo hin. Ich muss einfach nur schlafen.
Freitag, 13. Mai 2005
Heute stehen Tanz und Choreographie auf dem Probenplan, denn Petr
ist wegen eines Gastspiels unterwegs. Also werden die Tanzpaare
zwischen Marek & Radka auf der großen Bühne und Jana im Studio
aufgeteilt. Im Rotationsprinzip wird so mit jedem einzelnen Paar
gearbeitet. Zum Schluss wiederholen sie das Finale des ersten Teils.
Ich mache Fotos. Dann bespreche ich mit Jolana Plakat und Werbung.
Abends sehen wir eine Vorstellung der staatlichen Schauspielschule
DAMU über Tango. Auch die sind extrem körperlich. Ich denke, dass
die osteuropäischen Schauspieler den deutschen physisch einiges
voraus haben. Und wieder wird die Nacht lang.

Vlnr: Jana Vasakova, Pamela
und Gabor Foto: Pavel Nesvadba
Samstag, 14. Mai 2005
Letzte Probe vor der Abfahrt. Alle sind groggy. Die Woche war
extrem hart. Tage und Nächte. Aber alle drehen noch mal richtig auf,
als ob sie eine Abschiedsprobe für mich hinlegen. Ich bin total glücklich.
Petr bringt mich höchstpersönlich zum Bahnhof. Ich bin so erschöpft,
dass ich die ganze Fahrt über schlafe.
Zurück in Berlin gehe ich aufs "Internationale
Tangofestival". Und in zwei Wochen bin ich wieder da zu den
Endproben.
Premiere am 09.06.2005 um 19.00 Uhr im Divadlo na
Vinohradech in Prag. Aufführungstermine und weitere Informationen
unter: www.dnv-praha.cz
Informationen zum Autor Torsten Buchsteiner: www.buchsteiner.tv
Wer sich dafür interessiert, das Stück ganz zu lesen, kann sich an
uns wenden: Leserbriefe@tangokultur.info
Wir werden entsprechende Anfragen an den Autor weiterleiten.
Ausgabe Juni 2005
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