Suchtlos glücklich?
Tango Sólo
von Torsten Buchsteiner
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Text: Elke Koepping
Am 09. Juni 2005 wird in Prag das erste dramatische Werk uraufgeführt,
das ein deutscher Autor AUS der und ÜBER die Berliner Tangoszene
geschrieben hat: Tango Sólo von Torsten Buchsteiner. Ungewöhnlich
daran: die Uraufführung des deutschen Stückes erfolgt in
tschechischer Sprache. Und:
Das Stück ist außergewöhnlich gut.
Wie im übrigen auch Buchsteiners Debut Spieler, das im Jahr
2001 in der Regie von Corinna Bethge am Volkstheater Rostock uraufgeführt
wurde. Spieler gewann 1999 einen Preis beim Rostocker
Autorenwettbewerb, beide Stücke werden mittlerweile vom renommierten
Fischer Theaterverlag vertreten. Jüngst, sprich Ende Juni 2005, wurde
Torsten Buchsteiner für sein neuestes Werk Nordost bei den
ersten St. Galler Autorentagen in der Schweiz zu gleichen Teilen mit
der Autorin Sabine Wen-Ching Wang der Jurypreis zuerkannt. Soll heißen: diese Qualität haben längst
schon andere erkannt und vor allem solche, die es wissen müssen. Ein
Stück, das für Theaterleute funktioniert, funktioniert das auch für
Insider? Für Leser aus der Berliner Tangoszene? (Man denke nur an das
furchtbar klischeehafte Romanwerk Wolfram Fleischhauers "Drei
Minuten mit der Wirklichkeit", über das tangotanzende Frauen nur
in unkontrolliertes Kichern und Kreischen ausbrechen können.) Auf die
Frage lässt sich nur mit einen klaren und deutlichen JA! antworten.
Grund genug also für tangokultur.info, diese Uraufführung zum Anlass
zu nehmen, den Autor nicht nur
mit zwei kleinen Texten direkt zu Wort kommen zu lassen, sondern auch
das zentrale Thema von Tango Sólo – die Tangosucht – zum
Titelthema unserer Juni-Ausgabe zu machen. Wir haben in unserem
Redaktionsteam einen Essay-Wettbewerb ausgeschrieben und einfach mal
abgewartet, was uns unsere Autoren so ins Haus tragen. Die Ergebnisse
findet ihr hier: während Kerstin Tomiak die Tangosucht
"verzweifelt" sucht,
sieht Jochen Hille sie als "süsseste aller Süchte" an.

Foto:
Mirko Gabris
|
Der gebürtige Hamburger (und Wahl-Berliner) Buchsteiner ist von Haus
aus Schauspieler, gar nicht mal unerfolgreich übrigens und das können
in Berlin nicht viele von sich behaupten – schließlich leben wir in der Hauptstadt der arbeitslosen Schauspieler. |
Nach Anfangs-Jahren am Theater hat er sich überwiegend auf Film- und
Fernsehproduktionen eingeschossen (im wahrsten Sinne des Wortes:
darunter Thriller und bekannte Krimi-Serien wie "Alarm für Cobra
11", für die er auch ein Drehbuch verfasste,
"Schachmatt", gesendet am 07.12.2000). Die Eigenart der
Drehplangestaltung in der Filmbranche ließ ihm viel Raum für die
eigene Kreativität, "im Winter hat man Zeit, andere Dinge zu
machen, weil da nicht gedreht wird", wie er sagt. Also fing er an
zu schreiben. Und Tango zu tanzen. Aus Langeweile, sozusagen.
Torsten Buchsteiner hat es verstanden, mit Tango Sólo ein
schockierend zynisches, aber doch um so wahreres Abbild der Berliner
Tangoszene zu schaffen. Der Inhalt ist schnell erzählt: Ein
beliebiger Tango-Salon, an einem beliebigen Abend, in einer beliebigen
Stadt. 12 Personen treffen dort aufeinander, ignorieren sich,
vergiften sich mit Blicken, tanzen zusammen, sehnen sich nach einer
bestimmten Person, können andere nicht ausstehen. Darunter "der
Zeremonienmeister", DJ und Veranstalter Schellack; die weibliche
und männliche "Tanz-Elite" mit Angelo, dem
"Eisheiligen"; Laura, der "Flammenwerferin";
Gabor, dem "Schrittmacher" und Florenza, der
"Hexe". Es gibt die Tanzlehrerin Mascha und das Fußvolk,
den Mittelbau der durchschnittlichen Tänzer und – in den Augen der
Elite – der nicht beachtenswerten Anfänger (wie z. B. Hans,
"der Hosenträgerträger"). Wie im 'richtigen Leben' eben
auch. Sie tratschen, trinken, tanzen, haben Sex (oder auch nicht),
finden vielleicht die große Liebe oder verlieren sie und gehen wieder
auseinander. Was alle gemeinsam haben, ist, dass sie "tangosüchtig"
sind. Sie brauchen ihren Stoff, wie Junkies ihre Spritze.

Probenfoto
Tango Sólo Mai 2005: Angelo und Laura Foto: Pavel Nesvadba
In einem Interview im Mai 2005 erzählte mir Torsten Buchsteiner, dass
seine Beobachtungen in der Berliner Tangoszene zur Grundlage für Tango
Sólo wurden: "Es ist was Witziges auf der Milonga passiert
und Du kommst nach Hause und schreibst Dir fünf Zeilen dazu auf oder
eine Redewendung oder eine interessante Situation. Irgendeinen Satz,
den eine Lehrerin gesagt hat, der etwas Wichtiges über Tango sagt.
Und das hab’ ich immer in einen Zettelkasten getan. Ich hab’ dann
angefangen, Szenen zu schreiben, die noch keine Personen hatten.
Daraus habe ich Personen entwickelt und geguckt, welche ausreichen würden,
um einen dramatischen Bogen zu entwickeln."
Eine Schwierigkeit des Mediums Theater besteht darin, die Figuren
nicht nur in knappen Zügen zu charakterisieren, sondern auch ihre
ganze Vorgeschichte destillathaft in Dialogen unterzubringen – so,
dass dies auch von einem Publikum verstanden werden kann, das nichts
vom Tango weiß. "Du musst eine bestimmte Realität schaffen und
gleichzeitig diese Realität unterlaufen. Ich muß zeigen, so und so
funktioniert der Tango, z. B. sagt Nicki am Anfang 'Beim Tango ist das
so, dass man immer drei mit jemandem tanzt', das brauche ich als
Information, damit hinterher Angelo zu Pamela sagen kann, auf ihre
Bemerkung 'Heh, das waren aber erst zwei', 'Nö, ich hab’ jetzt
alles gesehen'. Deswegen dachte ich, vielleicht reicht so ein
Theaterstück gar nicht. Es war schwierig, das zu komprimieren, man hätte
noch viel, viel mehr schreiben können", bekennt Buchsteiner im
selben Interview.
Buchsteiners Figuren sind ausgesprochen doppelbödig – ihre nach außen
hin über flottzüngige Sprücheklopfereien demonstrierte Coolness,
die manch einer sicherlich von der Milonga kennt, wird ständig durch
ihr widersprüchliches Verhalten und kurze szenische Schlaglichter in
Form innerer Monologe unterlaufen, in denen deutlich wird, dass sie
nicht nur von einer diffusen Tangosucht getrieben sind: sie sind
gleichzeitig auf der Suche nach rauschhafter Nähe und auf der Flucht
davor. Sie sind im Grunde psychische Wracks, bindungs- und liebesunfähig;
ängstlich, verletzt zu werden und dabei immer bemüht, kräftig
auszuteilen. Ihre privaten Beziehungen spielen sich ausnahmslos im
Einzugsbereich der Tangoszene ab. (Na, kommt uns das irgendwie bekannt
vor?)
Die Banalität, die an vielen Stellen im Stück über die vermeintlich
schöne Scheinwelt des Tango hereinbricht, interessiert Torsten
Buchsteiner, sagt er; sie könnte am Ende – zumindest für die
Figuren im Stück – auch eine Form von Erkenntnis darstellen.
"Es ist ja alles eine mehr oder weniger virtuose Form von
Sehnsucht. Auch Angelo hat irgendwie Sehnsucht. Was mich immer
interessiert, auch schon bei Spieler, ist so ein Erlösungs-Ding.
Etwas fast Religiöses. Ich oder meine Figuren suchen nach irgendeiner
Form, aus der sie eine Essenz bekommen. Sie sind auf eine bestimmte
Art und Weise gefangen oder haben sich gefangen nehmen lassen. Auf der
einen Seite wissen sie, dass es sie gefangen hält, auf der anderen
wollen sie da raus. Es ist gleichzeitig eine Art von Wunden lecken. Es
gibt Leute, die so gebetsmühlenartig immer ihr Trauma wiederholen. Es
ist banal, auf der anderen Seite tut das aber irgendwo auch
jeder."
Die eine oder andere Wahrheit, die das Stück beinhaltet, ist diese
Art des Getriebenseins, des nie im-Augenblick-verweilen-Könnens, eine
Flucht vor innerer Leere oder auch Angst vor dem Alleinsein mit sich
selbst, die die Protagonisten Nacht für Nacht auf die Milongas hetzt.
Die Tango-Sucht, die soviel aussagt über die Sehn-Sucht danach, im
Leben irgendwann eine Form von Inhalt oder Bedeutung finden zu können,
die den Tango schließlich überlebt. Das Bild, das Torsten
Buchsteiner hier zeichnet, ist mehr als erschreckend, gerade weil es
so viel Wahrheit enthält.
Wer kennt es nicht, das Hochgefühl, das einen wochenlang anhaltenden
Tango-Flow hervorbringt, in dem man mindestens jede zweite Nacht, wenn
nicht gar jede Nacht, auf einer Milonga verbringt? Bis zum
Morgengrauen bleibt, obwohl man doch früh gehen wollte. In seiner
Freizeit nichts mehr auf die Reihe bekommt, weil man eigentlich zu müde
und verkatert für richtige Arbeit ist. Wenn die Realität anfängt zu
verschwimmen und die Tangowelt realer erscheint als der Alltag, wenn
erst am Abend die Lebensgeister wieder erwachen, in dem Moment, in dem
es Zeit ist, auf die Milonga zu gehen. Wenn man keine Zeit mehr für
echte Freunde hat. Die Welt um einen herum in Trümmern versinkt und
es einem im Grunde egal ist. Das ist der Punkt, an dem man einmal die
Zeit anhalten und auf sein eigenes Leben blicken sollte. Viele tun es,
ich kenne aber genug, die diesen Zeitpunkt versäumt haben.

Probenfoto:
Pauline und Gabor
Foto: Torsten Buchsteiner
Eine bittere Erkenntnis, wenn man aus dem Zustand erwacht und
feststellt, dass man im Grunde nichts in Händen hält. "Ich habe das Gefühl, da ist
eine große Diskrepanz zwischen dem, was wirklich stattfindet und dem
was da hineinprojiziert wird", sinniert Buchsteiner. "Wir können
hingehen und fragen, was ist Tango und alle haben ganz andere Bilder
im Kopf. Wenn Du von außen draufguckst, siehst Du viele verbitterte
Leute, frustriert, die schon gar nicht mehr ihre Sehnsucht verfolgen.
Sie sind wie eine Spieluhr, die sich immer weiter dreht und irgendwann
kaputt sein wird. Und dann gibt es diesen Glamour von Tango, den wir
im Kopf haben, wie in den Filmen von Carlos Saura oder Sally Potter.
Das geht für mich nicht zusammen."
Torsten Buchsteiner hat die Erfahrung selbst gemacht. Er war tangosüchtig.
"Das ging ungefähr 1 ½ Jahre, in denen ich im Grunde
acht mal die Woche aus war. Dann irgendwann war es auch gut. Ich
kannte alle und ich kannte von allen die Schuhgröße und die kleinen
Problemchen und warum das mit Sabine nicht geklappt hat und warum
Herbert echt Scheiße zu ihr war und ich hab' gedacht, es reicht, es
ist gut jetzt. Ich will's nicht mehr wissen und ich will's auch nicht
mehr hören. Dadurch, dass ich jemand bin, der solche Dinge so extrem
betreibt, hat das mein anderes Leben wahnsinnig verändert. Ich hatte
sehr, sehr viel Geld zu dem Zeitpunkt. Irgendwann kommt dann aber auch
die Realität wieder. Nach einem Jahr hatte ich die Kohle langsam mal
ausgegeben. Ich habe mich in der Zeit nicht um Schauspiel-Jobs gekümmert.
Ich mußte dann echt wieder anfangen, Klinken zu putzen, 'Hey, Leute,
ich bin immer noch da. Apropos, ich bin immer noch Schauspieler, ich
bin nicht Tangotänzer.' Meine Agentur war happy, dass ich auch mal
wieder vorbeischaute."
Was bleibt dann noch vom Tango? Alles nur Schein? Ja und nein. Torsten
Buchsteiner kann die Frage selbst nicht endgültig beantworten. Er hat
jetzt wieder angefangen, Unterricht zu nehmen. Moderat. Vielleicht ist
er drüber weg, über die Sucht, vielleicht nicht. "Ich halte es
durchaus für möglich, mich da nochmal total reinzuschmeißen. Ich
bin mit dem Thema noch nicht fertig", sagt er.
Die Figuren in Tango Sólo sind übrigens in der Tat echten
Berliner Tangotänzern nachempfunden – die einen wissen, dass sie
die Vorlage dafür abgeben, die anderen möglicherweise nicht.
Kurzsichtig wäre es übrigens, aus der Figur 'Schellack', dem
"Zeremonienmeister" des Tangoabends im fiktiven Ballhaus
(das durchaus Anklänge an das Ballhaus Rixdorf aufweist)
Verbindungen zu Michael Rühl zu suchen. Er stand nicht Pate für die
Figur, das war ein enger Bekannter Torstens, der davon auch weiß.
"Ich habe damit auch ein bisschen spekuliert, dass Leute rätseln,
wer ist denn mit dem gemeint oder mit dem", gibt er zu. "Es
gibt da auch Vorbilder, oder eine Grundidee von den Figuren, die in
der Realität liegt. Eine Figur gewinnt aber irgendwann einfach ein
Eigenleben, sie wird autonom. Für manche gibt es wirklich konkrete
Vorlagen, aber die haben mit diesen letztlich nichts mehr zu tun. Wenn
ich den Leuten das Stück gebe, sagen sie 'Aber ich bin doch gar nicht
so!' und natürlich sind sie nicht so! Die Figuren verändern sich
einfach beim Schreiben."
Das Stück wird am 9. Juni am Prager 'Theater am Weinberg' Divadlo
na Vinohradech in der Regie von Petr Svojtka in tschechischer
Sprache uraufgeführt, unter Mitwirkung von Tänzern aus der
Prager Tangoszene. In Anbetracht der Nähe Prags zu Berlin und einigen
Regionen in Bayern, ganz zu schweigen von Österreich, lässt sich ein
Aufführungsbesuch vielleicht mit einem Kurzurlaub verbinden, der auch
Prager Milongas auf dem Programm hat.

Divadlo na Vinohradech Prag Foto: Torsten Buchsteiner
Premiere/Uraufführung am 09.06.2005.
Weitere
Vorstellungen von Tango Sólo:
Sa., 25.06. um 19 Uhr
Sa., 10.09. um 19 Uhr
Sa., 17.09. um 14 Uhr
Mi., 21.09. um19 Uhr
Di., 27.09. um 19 Uhr
Do., 06.10. um 19 Uhr
Mi., 19.10. um 19 Uhr
Di., 25.10. um 19 Uhr
Informationen zu weiteren Aufführungsterminen auf
der Website des Prager Theaters Divadlo na Vinohradech:
www.dnv-praha.cz
Hier
die Bildergalerie zu "Tango Sólo" (zur größeren Ansicht
einfach die Fotos anklicken). Alle Fotos von Pavel
Nesvadba:


Milongas in Prag:
www.caminito.cz
Informationen zum Autor unter: www.buchsteiner.tv
Ein Teilabdruck von Tango Sólo erscheint im Juli in Tangodanza
Nr. 3/2005. Das Stück ist im Buchhandel nicht erhältlich. Wer
daran interessiert ist, es zu lesen, wende sich bitte an unsere
Leserbrief-Redaktion, wir werden einen entsprechenden Kontakt
herstellen.
Mehr zum Thema:
das Produktionstagebuch zu
Tango Sólo von Torsten Buchsteiner: Mehr...
Das Programmheft-Text Über
den Tangoholismus von Torsten Buchsteiner: Mehr...
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Ausgabe Juni 2005
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