Ostseetango
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Finnischer
Tango auf der "Hamburger Nacht der Ostseekultur",
Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg in Berlin,
Mittwoch, 16.März 2005, Beginn: 18.30 Uhr
Text:
Jochen Hille
Fotos: Rolf Saupe
Kalkutta
liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine, doch was liegt der
politischen Vertretung der Freien Hansestadt Hamburg in der
Bundeshauptstadt wohl an der Ostsee und am Tango?
Bevor
ich diese Fäden entwirre, zunächst ein Blick auf die Veranstaltung
selber. Die "Hamburger Nacht der Ostseekultur" war ein
bunter Abend mit offiziell-inoffiziellem Charakter und allem was dazu
gehört: Zahlreiche Politiker, hohe Beamte, Begrüßungsreden des
Hausherrn sowie der estnischen und polnischen Botschafter. Zudem
kulinarische Spezialitäten aus Estland, Hamburg, Polen und der
obligatorischen finnischen Rentierkeule. Im Kern der Veranstaltung
stand von 19.00 bis 20.30 Uhr ein hochwertiges Kulturprogramm aus
estnischem Jazz, polnischer Literatur und finnischem Tango von jeweils
etwa einer halben Stunde. Darauf folgte das Essen und schließlich ab
22.00 Uhr der „Mitternachts-Jazz“ mit estnischen Künstlern. Der
Tango war damit ein Programmpunkt unter vielen und stand nicht im
Zentrum wie bei einem Konzert in einer Milonga. Schließlich war das
keine Tanzveranstaltung, sondern etwas zum Zusehen und Zuhören.

Es
spielte das finnische Duo Jarkko Riihimäki (Klavier) und Veli Kujala
(Akkordeon) - an der renommierten Sibelius-Akademie in Helsinki
ausgebildete Musiker - einen mit Jazzelementen angereicherten
Finntango. Der choreographierte moderne Tanz dazu wurde von Heini
Nukari vom Tanzensemble TRAVA gestaltet. Die Darbietung kam in dem mit
etwa 300 Gästen überfüllten Saal sehr gut an.

Ob
man den süßlich-Dur-lastigen Finntango mag, der an Pathos selbst das
argentinische Vorbild übertrifft, ist Geschmackssache. Dass es sich
bei Tanz und Musik aber um Spitzenklasse handelte, ist nicht
verwunderlich. Schließlich organisierte das in Berlin (Georgenstr.
24, direkt am S-Bahnhof Friedrichstrasse) ansässige FINNLAND-Institut
in Deutschland (die finnische Version des Geotheinsituts) diesen
Programmpunkt zusammen mit der Vertretung der Hansestadt Hamburg.
Beide verfügen definitiv über mehr Mittel als der durchschnittliche
Betreiber einer Milonga. Zudem veranstaltet das FINNLAND-Institut, in
dessen Räumen sich übrigens auch einige Bücher und Artikel zur
finnischen Tangokultur finden, seit langer Zeit und in unregelmäßigen
Abständen Tangokonzerte.
Damit
kehren wir nun zu der Ausgangsfrage zurück, was der Tango auf einer
Hamburger Ostseenacht verloren hat. Das Geheimnis liegt darin, dass
Hamburg bekanntlich einst mit der alten mittelalterlichen Hanse
ausgesprochen gut fuhr und sich eine neue Hanse wünscht. Im Gegensatz
zu den Lieblings-Gesprächsthemen im Tangomilieu, die sich um Schuhe,
glatten oder stumpfen Boden, Tanzpartner, Herz und Schmerz drehen,
sehnt Hamburg sich danach, die westlichste Metropole der nach dem Ende
des Kalten Krieges neu entstandenen Ostsee-Region zu sein. Es will, so
das Programmheft der Veranstaltung, als „Hafen an zwei Meeren“
eine Scharnierfunktion für den Handel mit der dynamisch aufstrebenden
Wachstumsregion um die Ostsee übernehmen. Auch andere Ostseeanrainer
wie Finnland haben diese Chance erkannt. Gemeinsam wollen sie eine
starke Region innerhalb Europas bilden. Neben wirtschaftlicher,
politischer und wissenschaftlicher Kooperation, spielt dafür auch
kulturelle Partnerschaft eine wichtige Rolle, um diese Region lebendig
zu gestalten.
Um
hierfür zu werben und Gäste anzulocken, muss ein interessantes
Programm geboten werden, bei dem die Länder der Ostseeregion sich
vorstellen. Damit ist auch klar, warum Finnland sich mit dem Tango präsentiert.
Denn was wäre neben Nokia, Sauna, Wald, Seen, Blockhütten, Elchen,
Rentieren und Rennfahrern typischer für Finnland als der Tango? Dass
Tango etwas ausgesprochen Finnisches ist, mag in der deutschsprachigen
Tangoszene seltsam erscheinen. Schließlich wird Finntango hierzulande
ausgesprochen selten gespielt und falls er doch einmal erklingt, dann
meistens nur als Klamauknummer des finnischen Helge Schneider, Mauri
Antero Numminen und seinem „Neorustikalen Tango-Orchester“.

Tatsächlich
ist der finnische Tango, aufgrund seines extrem hohen Schmalzgehaltes,
auch nur für hartgesottene Schlagerfans erträglich. Das darf aber
nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in keinem anderen Land Europas
eine derartig ausgeprägte, breitenwirksame Tangokultur gibt. Anders
als in Deutschland, wo der Tango erst in den 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts eine Renaissance erlebte, überdauerte der Finntango die
Zeit. Seinem Gründungsmythos zufolge, entstand er in den 40er Jahren
in den Schützengräben an der finnisch-sowjetischen Front. Dort soll
ein Soldat, inspiriert durch die vom feindlichen Lager herüberschallenden
russischen Balladen und der im finnischen Heer damals verbreiteten
deutschen Marschmusik, den ersten Finntango geschrieben haben. Dies
ist vielleicht eine Legende, aber auf jeden Fall eine gute
Beschreibung der Verbindung schwermütiger, kitschiger Melodien mit
marschartigem Rhythmus.
Seitdem
ist der Tango ein Teil der finnischen Populärkultur. Auf
Wunschkonzerten am Nationalfeiertag im Fernsehen hört man Tangos, in
Helsinki finden sich zahlreiche Tangolokale, im Sommer findet in einer
finnischen Provinzstadt ein mehrtägiges Tangofestival statt und die
besten Tangosänger und -sängerinnen werden zu Tangokönigen und -königinnen
gewählt. Auch im Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ von
Kultregisseur Aki Kaurismäki geben sich eine Reihe von gescheiterten
Existenzen dem Tango hin. Tango ist also etwas sehr Finnisches.
Allerdings
ist diese hauptsächlich gegangene Tanzvariante nur bedingt mit dem
von uns getanzten argentinischen Stil kompatibel. Deshalb ist das
nordische Land, entgegen dem Titel eines seiner bekanntesten
Tangolieder, kein „Märchenland“ für deutsche Tangotouristen.
Aber wie Argentinien benutzt auch Finnland den eigenen Tango
berechtigterweise als kulturelles Aushängeschild und die
"Hamburger Nacht der Ostseekultur" war ein Beispiel dafür.
Damit trägt der einst von europäischen Einwanderern in Argentinien
geschaffene und nach Europa ausgewanderte Tango jetzt zur Identitätsbildung
im Ostseeraum bei.
Jochen
Hille ist Mitglied der Forschungsgruppe Nordeuropäische Politik (FOR:N),
e. V. der Humboldt-Universität zu Berlin
Mehr
Informationen zu dieser und weiteren Veranstaltungen der Hamburger
Landesvertretung in Berlin:
Freie
und Hansestadt Hamburg
- Vertretung beim Bund -
Jägerstr. 1-3, 10117 Berlin
http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/senat/bund/landesvertretung/veranstaltungen/start.html