Vollmond über Spreeathen
Open-Air-Milongas in
Berlin und anderswo
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Text und Fotos:
Elke Koepping
“Kenn’ wa längst, war’n wa längst”, hör’ ich die Täglich-Tänzer
unken. Klar, die vielen Open-Air-Milongas in Berlin gelten bestimmt
nicht mehr als Geheimtip eines verschwiegenen Häufleins elitärer
Gleichgesinnter. Was aber ist mit den Tänzern aus Entspannung, nicht
Berufung, den einmal-wöchentlich-Tangueros und -as, den TanzanfängerInnen
und TouristInnen? All jene, die sich aus ihren vertrauten
Milonga-Bahnen noch nie (oder nur selten) auf die öffentlichen
Tango-Plätze Berlins gewagt haben also?
"Neuer Hitzerekord" tönte es allerorten am 2. Mai aus den
Medien und man war geneigt, solcherart subtropischen Temperaturen um
diese Jahreszeit äußerst misstrauisch gegenüber zu stehen, standen
doch die Eisheiligen noch aus. Und wie Recht man doch hatte. Keine
zwei Tage später ein Temperatursturz von 32° auf –20° C (gefühlte
Temperatur in Wohnungen mit Ofenheizung, die anzuwerfen bei solch
indifferentem Wetter viel zu viel Mühe machte), und aus war's mit den
Frühlingsgefühlen. Bereits im Anflug erfroren und zu Boden gebröckelt.
Während ein versprengtes Grüppchen Unentwegter in Eskimopelzen bei 4°
Außentemperatur partout die Eröffnung des Museumsinselfestivals am
10. Mai bei Tangomusik begehen musste (ehrlich, Leute, das sind die Härtesten!),
hockte der Rest der Szene lieber bei wohliger Heizungswärme im
Urquiza oder Bebop oder kuschelte sich vorm Fernseher an den/die
Liebste(n).
Ende Mai sind wir nun also wieder bei +60°C (gefühlte Temperatur in
meinem Schlafzimmer, nachts um 3.57 Uhr bei dem sinnlosen Versuch den
Schlaf an mich zu reißen) angelangt und lechzen nach dem kühlenden Lüftchen,
das das preußische Venedig an den Ufern des reißenden Stromes
'Spree' zu bieten hat. Nicht von ungefähr sind an deren be-wiester
oder auch beton-ener Aue drei der vier regelmäßigen
Freiluftveranstaltungen angesiedelt. "Denn man tau!", wie
die Ostfriesen unter uns Berlinern sagen würden: die Open-Air-Saison
ist eröffnet!

Montags
Kulturbrauerei, vor dem Soda-Club
Eingang: Schönhauser
Allee 36-39 oder Knaack-Straße/Danziger Straße
Anfahrt: U 2 Eberswalder
Straße
Info-Tel:
39 11 998
Zeit: von 21.30 Uhr – ca.
2.00 bei gutem Besuch
Bei Regen: im Soda Salon
DJ: Debra und/oder Emiliano (Grüner
Salon)
Stil: klassisch
Eintritt: freiwillige
Spende von 3 Euro am DJ-Pult
Debra Ferrari und Emiliano Gimenez haben diese Open-Air-Milonga schon
im Jahr 2000 nach den umfassenden Sanierungsarbeiten auf dem Gelände
der Kulturbrauerei ins Leben gerufen, im selben Jahr, in dem sie auch
ihre Montags-Milonga im Soda-Club starteten (heute: im Soda Salon). Die dicken Mauern der
ringsum gelegenen ehemaligen Brauerei-Gebäude verhindern Lärmbelästigungen
nach außen und bieten ein geschütztes Ambiente jenseits von Verkehr
und Alltags-Hektik. An schönen Tagen geht die Besucherzahl der
Freiluft-Milonga gerne mal weit über die 100 Personen-Marke hinaus.
Auch vorbeiziehende Schulklassen aus dem Badischen lassen sich von den
erhitzten Tanz-Gemütern animieren, um ausgelassen auf der Tanzfläche
herumzutollen, was seltsamerweise dort den Tanzfluß wenig stört, es
ist halt einfach genug Platz.
Hungrige Mäuler dürfen sich gierig auf
Gegrilltes stürzen, bevor sie sich auf der Tanzfläche verausgaben
und Nachschub an Getränken ist dank der Außenbewirtschaftung trotz
wahrer Menschenmassen auf dem Gelände relativ schnell zu beschaffen.
Eine regelrechte Herausforderung für passionierte Cross-Gelände-Tanguero(a)s
ist dabei die Tanzfläche: sie besteht aus durchaus Tango-kompatiblen,
brauchbar glatten Sperrholzplatten, bietet aber infolge der
Wetter-Inkompatibilität des Materials schon, solange ich mich an diese
Milonga erinnern kann, eine genaue topographische Abbildung des
Prenzlauer Berges mit kleinen Anhöhen und Tälern, plötzlichen
Kanten und merkwürdigem, etwa 15%igem Gefälle Richtung DJ-Pult.
Dennoch ist es hier bei vorsichtigem Führ-Verhalten für die Frauen möglich,
die ganz hohen Absatzschuhe zu tragen.
Mit Beginn des Wonnemonats lockte die plötzliche Wärme trotz
kurzfristiger Benachrichtigung über den Newsletter von Debra und
Emiliano immerhin gut 40 Tanzwütige am 2. Mai auf die Außenfläche
vor dem Soda-Club. Und was für eine Nacht! Magisch, entspannt, nahezu
mediterran könnte man sie nennen, denn die Touristen und das
Prenzelberg-Publikum hatten noch nicht mitbekommen, dass der Hof der
Kulturbrauerei unter Bewirtschaftung war, entsprechend blieb die
Tangogemeinde angenehm überschaubar unter sich. Das hatte den Vorteil
leichter Identifizierbarkeit: sind im Sommer die Bierbänke gut gefüllt,
fällt es schwer, Tänzer zu finden, wenn Frau alleine hingeht (es sei
denn, man nimmt demonstrativ an Tanzfläche oder DJ-Pult Aufstellung),
da man unter der Masse an Zuschauern schwerlich auffällt. Traumhaft
die Situation am 2. Mai: Männerüberschuss! Kaum hatte ich den Schuh
am Fuß, wurde ich in die Arme eines Tänzers und auf die Tanzfläche
gerissen, die ich ab jenem Moment bis zum allzu frühen Ende der
Milonga nicht mehr verließ. Leider blieb dieser Abend bisher der
einzige Freilufttermin im Mai, dafür verheißt zur Zeit der Juni
allerdings sehr viel Gutes.


Dienstags
Bundespressestrand
Kapelle-Ufer 1, Berlin-Mitte
Info-Tel: 28 09 91 19
Anfahrt: S-Bhf. Lehrter
Bahnhof; ausreichend Parkmöglichkeiten
Zeit: von 21.00 Uhr –
0.30 Uhr
Bei Regen: überdacht; bei
unerwarteten Kälteeinbrüchen wie im Mai fällt die Veranstaltung
jeweils aus
DJ: Fridolin
Stil: gemischt
(klassisch, modern), aber nicht experimentell
Eintritt: frei
Genau genommen ist die Milonga am Bundespressestrand eigentlich keine
richtige Open-Air-Veranstaltung, denn sie findet in einem
bezaubernden, wohl überdachten Pavillon statt, dessen großflächige
Türen sich ringsherum öffnen lassen, um die kühlende Nachtluft und
den Blick in den Sternenhimmel hereinzulassen. Die Nachtkulisse ist
gigantisch, denn gleichzeitig blickt man auf die nächtlich
erleuchtete Reichstagskuppel zur Linken und den gläsernen, von Kränen
umstellten Lehrter Bahnhof zur Rechten. Was für ein Gefühl, in einer
schwülen Sommernacht die engen Schuhe von den vom Tanzen erhitzten Füßen
zu streifen und selbige in den kühlenden Sand zu vergraben, der das
Gelände bedeckt. Oder sich um Mitternacht die verschwitzten Kleider
vom Leibe zu reißen, sich in einen der beiden Pools zu werfen und
anschließend mit einem Cocktail in der Hand in einem bequemen
Liegestuhl zu chillen? Allerdings empfehle ich doch das Anlegen von
Badebekleidung, das Nacktbaden in Sichtweite des Bundeskanzleramtes
ist mit Sicherheit nicht erwünscht und dürfte schnell die Ordnungshüter
auf den Plan rufen oder gar mit einem Geländeverweis enden.
Der geräumige Tanzboden, der von locker gruppierten, gemütlichen
Sitzgelegenheiten und Palmengewächsen kreisförmig umstellt ist, dürfte
im Vergleich zu den anderen Freiluftveranstaltungen der beste sein:
geglättete Sperrholzplatten, nicht unbedingt Parkett, aber nagelneu
ohne Kanten verlegt und mit Drehqualität. Prädikat: Hacki-geeignet.
Wie bei allen anderen Veranstaltungen auch, bewegen sich hier die Getränkepreise
im moderaten Mittel, außerdem sind kulinarische Spezereien im
Schatten der "Reformierbar" erhältlich.
Der Bundespressestrand ist in diesem Jahr übrigens wegen
Anwohnerbeschwerden ein Stückchen weiter die Spree hinauf gezogen,
allerdings unweit des alten Lageplatzes. Mit der Grund, warum die
Milonga relativ früh schon um 0.30 Uhr endet, ist eben, jenen
Beschwerden in diesem Jahr aus dem Weg zu gehen. Wer dann immer noch
nicht genug hat, kann die Nacht in der um die Ecke gelegenen Coffee
Connection ausklingen lassen.


Dienstags:
BOMIBAR (ehemals Coffee Connection)
Anna-Louisa-Karsch-Str. 2, Berlin-Mitte
Info-Tel: 28 04 23 07
Anfahrt: S-Bhf. Hackescher
Markt oder Bus 100 (Berliner Dom)
Zeit: von 21.00 Uhr – open
end
Bei Regen: Ausweichen in das
Café ist möglich, der Platz jedoch beschränkt
DJ: Hagen (Loft, Nou-Electrolounge
zus. mit Thomas)
Stil: experimentell, Nuevo-
und Non-Tango-lastig
Eintritt: frei
Wegen Anwohnerbeschwerden seit Mitte August 2005
nur noch im Café!
Hagen hat bisher wirklich den längsten Atem bewiesen und trotz Kälte
und Regen mit einem gemütlich kleinen Grüppchen an Tänzern am Rande
einer winzigen Tanzfläche im Inneren der Bomibar (ehemals Coffee Connection) das
Wetter einfach ausgesessen – zum Glück ist das Lokal mit bequemen
Ledersesseln ausgestattet. Mit Erfolg, denn mit dem wärmeren Wetter
am 22.05. tummelte sich auf seiner Milonga bereits ein recht
ansehnliches Publikum im Schatten des Domes, im Gegensatz zur
kurzfristig nicht beworbenen Milonga am Bundespressestrand, zu
der keine Tänzer gekommen waren (muss sich im Sommer eben auch erst
einmal einspielen).
Lag es daran, dass Hagen erkältet und daher sentimentaler als sonst
gesinnt war oder an der malerischen Atmosphäre: ganz entgegen seinem
Ruf spielte er einen hohen Anteil wunderschöner, nicht zu häufig gehörter
klassischer Tangos und romantische Vokal-Stücke. Natürlich gab es
trotzdem genug Gelegenheit, sich an Non-Tangos zu delektieren und die
gewagteren Improvisationen aufs Granit zu legen.
Ebenfalls im zweiten Jahr besteht diese Open-Air-Milonga, 2003 legte
Hagen noch am Bundespressestrand auf, dann beschloss er aber, sich
nach anderen (Spree-) Ufern aufzumachen. Ein geneigtes Ohr fand er zufällig
bei den Betreibern der Bomibar (ehemals Coffee Connection) und 2004 tummelten
sich hier an besonders heißen Tagen schon gut 100 Tänzer, was kein
allzu großes Problem ist, da die Tanzfläche auf der Uferpromenade
beliebig erweiterbar ist – die Nachbargebäude sind gastronomisch
unerschlossenes Gelände.
Ein schlechtes Stichwort übrigens: die Tanzfläche. Hier bleiben die
Stilettos besser im Schrank. Zwar läuft man nicht gerade Gefahr, mit
den Hackis in Kanaldeckeln stecken zu bleiben, doch die nahtlos
verfugten, großen Granitplatten haben eine aufgeraute Oberfläche,
die nicht unbedingt absatzfreundlich ist. Turnschuhe wiederum machen
das Drehen auf diesem Material vollkommen unmöglich. Es empfiehlt
sich die klassische Ledersohle mit moderatem Absatz.
Übrigens bekommt man hier neben der üblichen Auswahl an
alkoholischen Getränken mit Sicherheit beim Tanzen den besten Kaffee
serviert – nicht die schlechteste Variante, die langen Nächte zu
bekämpfen. Am besten bleibt man gleich zum Frühstück... Gutes
Stichwort: kleine Kuchen und Snacks erfrischen auch den Magen der Tänzer.

Freitags
Tango in den Kolonnaden
Bodestraße, an der Alten Nationalgalerie, Berlin-Mitte
im Rahmen des Museumsinsel-Festivals
Anfahrt: S-Bhf.
Hackescher Markt oder Bus 100
Zeit: Film 22.00 Uhr,
Tango nach dem Film, ca. Mitternacht – open end
Bei Regen: die Kolonnaden sind
überdacht
DJ: Jörg Buntenbach (b-flat, Löwenpalais) und Henning (Loft);
Stil: gemischt; Klassiker
und europäische Tangos bis Non-Tangos
Eintritt: incl. Film 10
Euro, nur Tango: 5 Euro
Achtung: keine wöchentliche
Veranstaltung!
Über Umwege nur lässt sich inhaltlich eine Brücke zwischen dem um
22.00 Uhr angesetzten Sommerkino und dem Tangoprogramm auf der
Museumsinsel schlagen: so will man am 17.06. (B wie Buntenbach) den
Klassiker Eins, zwei, drei mit russischem Tango verbinden, am
08.07. Alles auf Zucker mit jiddischem Tango (B), am 29.07. (H
wie Henning) gibt's immerhin einen Tanzfilm mit Shall we dance?
in der japanischen Variante (ungleich sehenswerter als der
Hollywood-Film mit Richard Gere), wie auch am 12.08. (B) mit Bossa
Nova. Am 02.09. (H) soll's tangomässig wie filmisch orientalisch
werden (Sneak-Preview). Das Catering an diesen Abenden soll auch
kulinarisch auf die Themen zugeschnitten sein.
Man merkt deutlich: das Sommerkino auf der Museumsinsel richtet sich
in erster Linie an ein Mainstream-Publikum. Klar, die Veranstaltungen
sind mit Kosten verbunden, man will einen entsprechend großen Zulauf
garantieren, zumal das Wetter in Deutschland oft nicht mitspielt, die
Lücke in der Kasse muss an den schönen Tagen wettgemacht werden. So
hängt denn also der für uns Tango-Fans wichtigere Act, nämlich die
Tangonacht, ein bisschen wie ein Wurmfortsatz am Kino, weil's doch so
schön stimmungsvoll ist und irgendwie auch hip, mal noch ein bisschen
Tango im Anschluss anzubieten...
So erinnerten sich die Betreiber des Sommerkinos im vergangenen Jahr
daran, dass es doch mal diese inoffizielle Tangoveranstaltung in lauen
Sommernächten in den Kolonnaden gegeben hatte, die damals in kürzester
Zeit begeisterte Massen vorüberflanierender Touristen angezogen
hatte. Flugs setzte man sich mit DJ Jörg Buntenbach in Verbindung,
der ihnen über Bekannte empfohlen worden war und voilá, die Geburt
des Phönix aus der Asche war im Jahr 2004 vollzogen: nach vier Jahren
Sendepause gab es wieder Tango in den Kolonnaden.
Für die Tango-Frischlinge unter uns und die, die sich nicht mehr
richtig erinnern: In der zweiten Hälfte der 90er gab es neben der
Tango-Reihe im Garten des Podewil einen Schwung inoffizieller
Open-Air-Veranstaltungen, die auf Zuruf stattfanden und im Grunde nur
durch Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierten: vor dem Pergamonmuseum,
hinter der neuen Nationalgalerie und in den Kolonnaden. Das
Fantastische an diesen Veranstaltungen war neben der traumhaft altertümlichen
Kulisse dieses Gefühl von Nicht-Etabliertheit: man brachte sich die
Picknickdecke, eine Flasche Rotwein und die Pappbecher selbst mit,
lagerte irgendwo am Rand auf von der Sonne erwärmten Marmorsteinen
oder auf der Wiese und scherte sich ansonsten nicht groß um
Eintrittsgelder oder Sound-Equipment – die an eine Autobatterie
angeschlossene Kompakt-Anlage tat's auch. Ach ja, die alten Zeiten...
seufz... damals... seufz...
Das Open Air unter den Arkaden war die Idee von Frank Gebauer und
Matthias Heyne, die an einem 1. Juni des Jahres 1998, der zufällig
der Pfingstmontag war, mit einem Ghettoblaster bewaffnet, Aufstellung
in den Kolonnaden nahmen. Die Veranstaltung war im Schnitt mit 50-60 Tänzern
besucht und tauchte überraschend schnell auch in offiziellen
Berlin-Reiseführern als Geheimtip auf. Das war wohl mit der Grund,
warum dort wiederum im Juni (aber an einem 24.) anno 2000 der letzte
Tango erklang. Matthias Heyne hatte in jenem Jahr immerhin eine
offizielle Genehmigung der Alten Nationalgalerie zum Betrieb der
Milonga erhalten und bezog Strom aus der Pförtnerloge, was das
Aufstellen des Heimverstärkers nebst Stereoanlage erlaubte. – Im
selben Jahr gab es an offener Luft zusätzlich noch die "Rettet
das Ahornblatt"-Milonga von Matthias, erinnert sich eigentlich
noch jemand, wo das Ding stand? – Die Milonga in den Kolonnaden gab
leider auch anderen Menschen kreative Ideen ein und ab Sommer 2000
wurde das Sommerkino an der Alten Nationalgalerie betrieben. Aus
kommerziellen Gründen wurde also flugs das Gelände abgezäunt und
aus war's mit dem Tango.
Ein bisschen etablierter, ein bisschen kommerzieller tanzt man also
heuer nach der Grundsanierung der Nationalgalerie wieder unter den
Arkaden. Nach wie vor ist es ein wunderbarer Ort, in dem man bequem in
längsgestreiften Liegestühlen auf der Wiese lümmeln, versonnen auf
den von unzähligen Liebespaaren glattgesessenen Brüstungen zur Spree
hin blicken oder an der Bar versumpfen kann und auch das Mitbringen
heimischer Picknickkörbe ist nicht unbedingt verboten. Das
Lichtdesign zwischen den klassizistischen Säulen mit einer Tanzfläche
auf einer wahnsinnigen Länge von mindestens 100 m (je nachdem, ob man
noch um die Ecke tanzt oder nicht) ist erstklassig und die Kulisse mit
Dom, Hackeschen Höfen und Fernsehturm hat 1a-Aussichtswert. Die
Kolonnaden atmen Geschichte – hier beginnt man zu verstehen, wie der
Begriff vom "Spree-Athen" für die Museumsinsel bis heute überdauern
konnte. Die krummen und schiefen Bodenplatten haben nicht nur diverse
Kriege überstanden, sondern sind seit 1876 auch von unzähligen
Spaziergängerfüßen glatt geschliffen worden und böten theoretisch
einen optimalen Tanzboden – wären da nicht die zentimeterbreiten
Abstände zwischen den Platten und gelegentliche, unvermutete Dellen
und Löcher im Boden, die es geschickt zum umschiffen gilt.
Eine Zumutung ist meiner Ansicht nach der Eintrittspreis von 5 Euro ab
Mitternacht, kaum eine regelmäßige Milonga hat solche Preise: geht
man dort von einer Startzeit gegen 22.00 Uhr aus und tanzt bis 2.00
Uhr, hat man doch zumindest 4 h von seinem Eintrittsgeld
"abgetanzt" und so gewissermaßen eine sehr faire
Gegenleistung erhalten. Startet man in den Kolonnaden um Mitternacht
und tanzt bis 2.00 Uhr, weil man keine Lust hat, sich die Nacht um die
Ohren zu schlagen, dann besteht diese Gegenleistung immerhin nur noch
in der Hälfte des "Tanzwertes". Nun ja. Klasse statt Masse,
könnte man einwenden. (Entgegen allen Gerüchten ist dieser heftige
Obolus übrigens nicht auf der Kappe unseres hauseigenen Herausgebers
Jörg Buntenbach gewachsen, damit er damit seinen ersten Geldspeicher
errichten kann, sondern wird vom Veranstalter festgelegt.)


Sonntags:
Neue Nationalgalerie
Kulturforum, Potsdamer Str. 50,
Anfahrt: S- und U-Bahn Potsdamer Platz, diverse Busse
WAP-Info-Line:
Zeit: 21.30 – max. 1.00
Uhr
Bei Regen:
Unterstellmöglichkeit, aber keine Sitzgelegenheiten
DJ: Martin
Stil: traditionell
Eintritt: frei
Achtung: es empfiehlt
sich, Getränke und Imbisse selbst mitzubringen
Seit Anfang Juni veranstalten Martin und Monika wieder die
Open-Air-Milonga hinter der Neuen Nationalgalerie: wie gehabt mit
Autobatterie und nach wie vor ohne Genehmigung, aber mit Duldung. Kein
Grund also, den alten Zeiten nachzutrauern. Nach zwei Jahren Pause
endlich wieder Tango auf einer glatten Steinfläche von hunderten sich
traumhaft weit erstreckenden Quadratmetern nach allen Seiten – ganz
ohne Rollsplit, wie einst im Sommer '98, als mit vereinten Kräften
eine notdürftige Tanzfläche freigefegt werden musste – immer unter
den wachsamen Augen des privaten Sicherheitsdienstes des renommierten
Museums, versteht sich.
Immerhin, Jahr für Jahr fanden sich hier bis zu hundert Leuten mit
Blick auf die traumhaft weit entfernt scheinende Kulisse des
neonhellen Potsdamer Platzes ein, mit Decken und Picknickkörben,
freigiebig den mitgebrachten Rotwein nach allen Seiten ausschenkend.
Seit 1997 taucht Martin hier Jahr für Jahr geduldig mit seiner
Autobatterie und den kleinen silbernen Soundscheiben für die
Mini-Anlage auf und verbreitet gemütliche Stimmung. In den Jahren
zuvor gab es dort zwar auch schon Tangoveranstaltungen, aber die Liste
der Veranstalter ist lang und im Grunde nicht mehr richtig
nachvollziehbar. Monika leistet ihm immerhin seit 1998 schon
Gesellschaft: in jenem schicksalsträchtigen Jahr hatte sie die
ehrenvolle Aufgabe, die Besen zu tragen, wie sie sagt. Sie komme nur
mit, um Martin zu unterhalten.
Gerüchte gab es viele, warum zwei Jahre lang dort kein Open-Air-Tango
zu finden war, die wahren Gründe verraten wir jetzt: der eine Sommer
war gnadenlos verregnet und es machte wenig Sinn, die Veranstaltung
durchzuführen, im anderen Jahr (2004) war das MoMa in Berlin und die
sich für Stunden in mehreren Reihen um die Nationalgalerie windenden
Menschenschlangen dürften aus dem Fernsehen, wenn nicht gar aus
eigener Erfahrung bekannt sein – mal abgesehen vom erhöhten
Sicherheitsbedürfnis der Nationalgalerie.
Meine Erinnerungen an die Jahre 1998 und 1999: wunderschöne. Vollmond
und von der Tageshitze angenehme Wärme abstrahlende Marmorquader, die
breit genug sind, um sich in voller Länge darauf zu flezen und in den
Nachthimmel hinein zu träumen. Kühle, die von der winzigen,
daruntergelegenen Parkanlage heraufströmt und ein gelegentlicher
lauer Lufthauch, der erhitzte TänzerInnenwangen wieder auf
Normaltemperatur herabkühlt. Gedämpfte Tangomusik, leises Gelächter
und ruhige Gespräche. Abgerückt vom Lärm der Potsdamer Straße, die
Verkehrsgeräusche nur wie durch einen Schleier hörbar, gefiltert
durch den Glasklotz, in dem die orangenen Lichtbänder an der Decke
seit Jahr und Tag die Datenautobahn hinauf- und wieder herunterziehen,
lautlos, ewig. Angenehm unkomplizierte Tänzer und alle mit viel Spass
an der Location. Eine Tango-Oase mitten im Herzen der Stadt.
Eine der ungezwungensten Veranstaltungen in Berlin, zum Zurücklehnen,
Entspannen und Träumen, fern der Alltagswelt, mit genug Platz, um
sich endlich mal so richtig auszutoben!


Luftige Gärten und Innenhöfe:
Drei Tipps noch: das Haus der Sinne, das Nou und das Löwenpalais bieten
noch Alternativen zu stickigen Innenräumen an heißen Tagen. Im Haus
der Sinne kann man sich sommers auf dem Hof aufhalten und nach
wilden Tänzen leise abschwitzen (mittwochs: klassisch gemütlich,
freitags: extrem experimentell). Für die "Berlin-Wessis"
(rein Wohnort-technisch gesehen) bietet sich das nou
an, in dessen mit Pflanzen und Sitzgelegenheiten möblierten Innenhof
die erfrischende Nachtluft den obligatorischen Fächer in heißen
Räumen ersetzen dürfte (donnerstags: moderat gemischte Musik, freitags
vierzehntägig: Elektro-Lounge).
Bei gutem Wetter kann auch das Löwenpalais
(freitags und sonntags) von seinem Standortfaktor im Grunewald profitieren: der Garten ist
riesig und mit gemütlichen Pavillons bestückt, in denen man einsam
oder zu zweien zeitvergessen in die Nachtluft hineinträumen und die
Zehen ins kühlende Gras halten kann. Es empfiehlt sich, bei Anreise mit der S-Bahn, vorher
die Fahrtzeiten im Internet zu checken, dann schafft man den Weg
locker in einer halben Stunde (ab Friedrichstraße), auch die nächtliche
Rückreise wird durch geschickte Planung nicht gleich zur Weltreise.
Ein Spaziergang vom S-Bahnhof Grunewald durch den verwunschenen
Hasensprung gewinnt so durchaus Ausflugsqualitäten.
Zur Zeit wird die Milonga dort von vielen Pärchen besucht, Frauen
sollten sich mit männlichen Tänzern gezielt verabreden, wenn sie
nicht vorhaben, sich dort ihren Hintern platt zu sitzen.
Adressen für die genannten Milongas unter:
www.tangoberlin.de/stTermine.html
Streckenplanung: http://www.bvg.de


Löwenpalais
Auch in anderen Städten, wie in Köln, schwingt man ab dem 31.05.2005
das Tanzbein auf luftiger Wiese, wie folgende Fotos aus dem Rheinpark
beweisen: Tango
im Rheinpark.
Die
Open-Air-Saison auf der Praterinsel in München beginnt leider erst im
Juli, so dass darüber an anderer Stelle berichtet sei. Mehr Meldungen
über sommerliche Tangovergnügungen unter freiem Himmel liegen uns
derzeit nicht vor – ich bin mir allerdings sicher, dass solche auch
andernorts existieren – obwohl: vielleicht ist ja doch was dran an
dem Gerücht, Berlin sei die Stadt mit den meisten Sonnentagen in
Deutschland? – was neu hinzugezogene Schweizer im Übrigen im Winter
in der Regel für böswilligen Zynismus halten. Hoffen wir erst mal
das Beste für den Sommer 2005!
Hinweise auf weitere Open-Air-Milongas, die wir nicht erwähnt haben?
Schreibt uns unter:
leserbriefe@tangokultur.info
Ausgabe Juni 2005
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