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Nicole Nau: Personalisimo

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Interview: Elke Koepping
Fotos: Guido Gayk



tangokultur.info: Was ist das Konzept von El Sonido de mi Tierra?

Nicole Nau: Es steckt dahinter die Idee, dass der Tango eine Folklore Argentiniens unter vielen ist, er ist die Folklore der Stadt, die anderen Folkloren kommen aus der Provinz, Chacarera, Zamba, Vidala, Gato finden sich auf der Bühne und umarmen sich. Es ist wirklich die erste Produktion, die Tango und Folklore verbindet, also nicht nebeneinander stellt, wie z. B. in der Zamba Tango, die wir tanzen. Das ist eine Neuheit. Luis verfolgt dieses Projekt seit 5-6 Jahren und hat es als Peña angefangen. Beim Peña trifft man sich, trinkt etwas zusammen und geht zusammen auf die Bühne. Er hatte dort Kollegen eingeladen, vom Tango und der Folklore und sie haben dann dort zusammen gearbeitet – Luis hat neben anderen Disziplinen auch eine Ausbildung als Folklore-Tänzer. Sein Traum war es, das alles zu verbinden, was eigentlich nie getrennt war, denn die Folklore geht ein in den Tango.

Wir haben vor 4 Jahren angefangen zusammen zu arbeiten und dann 2002 El Sonido de mi Tierra 1 gemacht – mit 22 Künstlern. Folklore-Tänzer und wir als Tango-Tänzer. Wir haben das dann choreographisch ineinander verwoben. Unser Traum war es aber, noch persönlicher zu werden, allein auf die Bühne zu gehen. Personalisimo – höchstpersönlich eben. Es gibt vier Akte, im ersten Akt tanzen wir die Begegnungen der verschiedenen Tangoformen, die zur gleichen Zeit, aber an verschiedenen Orten in Buenos Aires entstanden sind. Der zweite Akt zeigt das neue Buenos Aires, den neuen Tango, der Fremdelemente wie Modern Dance aufnimmt. Was wir normalerweise gar nicht machen. Der Tango braucht keine fremden Elemente. Luis’ Weise, Tango zu choreographieren ist es, die Grundelemente an sich zu nehmen, das sind weniger als zehn, sie unterschiedlich zu kombinieren, aber sie eben so zu tanzen, als würde das Paar die Partitur tanzen.

Im zweiten Teil haben wir alle Klänge und Facetten des Tango zusammengefasst. Im letzten Akt „Unión“ fließen alle Teile ein, die verschiedenen Klänge, Rhythmen, Gegenden Argentiniens, in einer Art Reise durch das Land. Z. B. die Zamba gilt in der argentinischen Folklore als der ländlichste Tanz, der Mann führt genauso wie im Tango, nur hat er die Frau nicht im Arm. Es ist eine viel mädchenhaftere Art der Verführung, unschuldiger. Der Tango hat viel mehr Nacht in sich, durch die Umarmung, die Nähe zum Partner, durch die Stadt, die er in sich hat. Jeder, der an Argentinien denkt, denkt ja zwangsläufig „Argentinien ist Tango“.


tangokultur.info: Stilistisch sagt ihr, ihr konzentriert euch auf die Grundtechniken des Tango, wie muss man sich das vorstellen?

Nicole: Im Tango gibt es ganz Tango-typische Elemente, die gehören zum Tango, es gibt den Paso Basico, das Gehen, Ochos, Boleos, Giros, Llevadas, Sacadas, Ganchos, Quivaladas. Mehr gibt es nicht. Mit diesen Elementen ist die ganze Show getanzt. Luis hat darin die Freiheit zu führen. Er führt sie in der Reihenfolge und der Musikalität, die er möchte. Er wehrt sich dagegen, Figuren fixiert zu tanzen. Es geht nicht um die Freiheit, fremde Elemente zu integrieren, es geht darum, die Tango-eigenen Elemente zu befreien.

tangokultur.info: Wann kam es zur künstlerischen Trennung von Ricardo und zur Zusammenarbeit mit Luis?

Nicole: Wir haben uns bei dem Opernprojekt Orestes Last Tango kennen gelernt, das ich für das World Music Theatre Festival produziert hatte und wo ich unter der Choreographie von Oscar Araiz mittanzte, war Luis ebenfalls als Solotänzer eingeladen, da war die Zusammenarbeit mit Ricardo schon in der Auflösung. Dann habe ich natürlich noch den einen oder anderen Job weitergemacht, weil noch Verträge liefen. Es war ein fließender Übergang, ich würde es nicht als harten Schnitt bezeichnen. Luis hat mit seiner damaligen Partnerin auch noch Verträge ausgetanzt, die bestanden und in der Zwischenzeit haben wir dann angefangen, zusammen zu arbeiten.

tangokultur.info: Würdest Du die Trennung von Ricardo und den Beginn der Zusammenarbeit mit Luis auch als wichtigen Einschnitt in Deiner tänzerischen Karriere bewerten?

Nicole: Ja. Ich habe mit Sicherheit vorher als Tänzerin eher das Klischee ernährt. Ich bin ja nun mal auch als Ausländerin nach Argentinien gekommen und das erste, was man mir verkaufte, war das Klischee. Die Folklore ist eine große Bereicherung für mich, rhythmisch und musikalisch. Ich habe auf diesem Weg den Tango auch ganz anders verstanden, auch fühlen können, dass der Tango schwarze Wurzeln hat. Ich habe ja erst mit 24 angefangen zu tanzen und landete dann mit 37 neben einem Tänzer, der mit 5 Jahren angefangen hat zu tanzen und sein Leben lang nichts anderes gemacht hat. Ich hatte das Gefühl, ich kann gar nichts. Ich musste bei Null anfangen und neu lernen, neu Gas geben und Luis zuhören.

Wer mich von früher kennt und wer mich heute sieht, der weiß auch, es liegen in meiner Art zu tanzen Welten zwischen damals und heute. Es war statisch, klischeebehaftet, jetzt ist es einfach leichtfüßiger, musikalischer. Hier in meiner Arbeit habe ich das Gefühl, dass der Tango nicht in seiner Exotik und als Mythos zelebriert wird, sondern seinen Platz als Tanz wahrnimmt. Ich habe jetzt endlich das Gefühl, ich tanze nicht mehr einen Tanz aus einem anderen Kontinent. Ich tanze unsere Musik und unseren Tanz. Ich muss keine Frauenbilder mehr herstellen, ich bin jetzt ich selber. Ich fühle mich heute viel entspannter auf der Bühne, souveräner, habe auch das Gefühl, ich kann mehr mit der Musik spielen, mit dem Tanz spielen.


tangokultur.info: Wie sehen eure Pläne für die nähere Zukunft aus?

Nicole: Auf jeden Fall werden wir dafür kämpfen, dass El Sonido de mi Tierra 2 – Personalisimo den Platz bekommt, an den es gehört, nicht wie heute Abend im Ballhaus Rixdorf, das hat es einfach nicht verdient. Das ist so, als ob man ein schönes Abendkleid in eine Pommesbude anzieht.
Wir haben auch die künstlerische Leitung im Viejo Almacen angeboten bekommen. Die werden wir annehmen und natürlich dort tanzen, wenn wir in Buenos Aires sind. Unser Wunsch ist es auch, dass diese Show auf Tournee in andere Länder geht, Japan und die Staaten sind im Gespräch, wir haben bereits gute Rückmeldungen.

Nähere Informationen zur Show und den Tänzern: www.tangofolklore.com 

Mehr Fotos von Nicole&Luis in der Bildergalerie von Guido Gayk: www.tangovision.net

Zur Rezension von El Sonido de mi Tierra 2 – Personalisimo: hier...

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